Das Israelitische Blindeninstitut war eine Erziehungs- und Ausbildungseinrichtung für jüdische Blinde auf der Hohen Warte 32 in Wien-Döbling. Gegründet wurde es in privater Trägerschaft auf Initiative von Ludwig August Frankl, Ritter von Hochwart, mit Unterstützung des Bankiers und Präsidenten der Israelitischen Kultusgemeinde Wien (IKG) Jonas Freiherr von Königswarter. Bei seiner Gründung war es die einzige israelitische Blindenerziehungs- und Ausbildungsanstalt Europas und bestand von 1871 bis zu seiner stückweisen Auflösung 1938 und endgültigen Schließung 1942 in der Zeit des Nationalsozialismus.Evelyn Adunka: . Vortragsmanuskript, S. 15 mini|hochkant=1.3|Das Haus Hohe Warte 32 (vor 1906)

Geschichte Gründung und Schulbau Ab 1869 bestand eine Stiftung zur Begründung der Einrichtung, in die als Erste Friedrich Schey von Koromla, Anselm Salomon von Rothschild und Zacharias Königswarter größere Summen gaben,Gerhard Milchram: Israelitisches Blindeninstitut Hohe Warte. In: Lexikon der österreichischen Provenienzforschung, 24. Januar 2019. Abgerufen am 4. Juni 2020 worauf weitere Gelder anderer Spender folgten, auch aus Kreisen außerhalb der jüdischen Gemeinde. Kaiser Franz Joseph und Mitglieder der kaiserlichen Familie, der Wiener Bürgermeister Cajetan von Felder und weitere Politiker sowie nichtjüdische Bürger leisteten finanzielle Unterstützung.Caitlin Gura: Schaufenster Nr. 2 - Vision und Aufbruch 1873. Das israelitische Blindeninstitut auf der Hohen Warte. In: Jüdisches Museum Wien vom 6. Juli 2023. Abgerufen am 7. Juni 2024 Jonas Freiherr von Königswarter verpflichtete sich per Urkunde vom 10. März 1870, für die Kosten des Baus und der Einrichtung einer Schule für 50 Kinder aufzukommen. Nach seinem Tod im Dezember 1871 übernahm sein Sohn Moritz von Königswarter diese Verpflichtung. Es wurde ein Kuratorium gebildet, dem neben Frankl selbst und allen Vorstandsmitgliedern der Israelitischen Kultusgemeinde Wien folgende Personen angehörten: Dr. Maximilian Engel, Moritz von Königswarter, der Advokat Philipp von Mauthner, der Fabrikant und damalige Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Wien Gustav Simon, Stephan Freiherr Schey von Koromla, Dr. Bernhard Wölfler, Amalia Benedikt, Amalia Mayersberg und Marie Tauber, geb. von Hönigsberg.

Das Institut sollte blinden jüdischen Kindern und Jugendlichen durch geeignete Ausbildung eine Perspektive zu einem Leben in Selbständigkeit bieten. Bedürftigen Hilfe zur Selbsthilfe zu geben war ein zentrales Anliegen der vom Gebot der Wohltätigkeit (Zedaka) geprägten jüdischer Philanthropie. Die Einrichtung von Werkstätten zum Erlernen eines selbständigen Broterwerbs bildeten daher eine wichtige Rolle.Dietrich Hakelberg: Taktile Texte. Das Israelitische Blindeninstitut mit Blindendruckerei und Verlag. In: Jahrbuch der Deutschen Schillergesellschaft. Alexander Honold, Christine Lubkoll, Steffen Martus, Ulrich Raulff, Sandra Richter (Hrsg.), 62. Jahrgang, De Gruyter, Berlin/Boston 2018, ISBN 978-3-11-057816-4, S. 40–41 Am 3. März 1871 wurde die Vereinsbildung und das vom Kuratorium ausgearbeitete Statut genehmigt. Die Ausrichtung des Instituts wurde in § 1 des Statuts festgelegt: „Das israelitische Blinden-Institut hat seinen Sitz in Wien. Zweck desselben ist die geistige, religiös-sittliche und gewerbliche Ausbildung von Blinden beiderlei Geschlechts, um dieselben für einen entsprechenden Beruf tüchtig zu machen.“ Die Statuten sahen nicht zwingend vor, dass die Schüler jüdisch sein mussten, aber sie mussten bei der Aufnahme mindestens neun Jahre alt und Staatsbürger der österreichisch-ungarischen Monarchie sein. Internationale Schüler konnten die Einrichtung ebenfalls besuchen, erhielten aber keine finanzielle Unterstützung.

mini|Die Hohe Warte 32 (2013) Nach dem Kauf eines 6060 m² großen Grundstücks im Jahr 1871 wurde auf einer Fläche von 767 m² ein dreistöckiges Institutsgebäude im Stil der Neorenaissance mit Gartenkomplex für etwa 50 Schüler geschaffen, einschließlich Schlafsälen für 22 Mädchen und 32 Jungen, vier Lehrsälen, Betraum, Turnsaal, Werkstätten für Bürstenbinderei, Korbflechterei, Seilerei sowie eigener Wäscherei und Druckerei für Publikationen in Blindenschrift. Hinter dem zweiflügeligen Gebäude schloss sich ein langgezogener Gartentrakt an. Mit der Planung des hufeisenförmigen Baus, der im November 1872 fertiggestellt wurde, war der jüdische Wiener Architekt Wilhelm Stiassny beauftragt.Ludwig August Frankl: Das Blinden-Institut auf der Hohen Warte bei Wien: Monographie nebst wissenschaftlichen und biographischen Beiträgen ; … dem Ersten Europäischen Blindenlehrer Congress gewidmet. Verl. vom Curatorium des Israel. Blinden-Institutes, Wien, 1873, S. 5–9

mini|Hohe Warte 32 Im Souterrain befanden sich der Schlafraum des Portiers, zwei Wohnräume für die Hausdienerschaft, das Holz- und Kohledepot, Heizungsraum mit den Öfen der Zentralheizung, Badezimmer mit Duschen, Wannen und begehbarem Badebecken, Toiletten, Wäschezimmer, Mangel- und Plättraum, Gemüse- und Fleischdepot mit Eisgrube, Spülküche, die Küche mit Speiseaufzug zum Speisesaal im Parterre, Winterturnsaal und die institutseigene Buchdruckerei. Im Parterre untergebracht waren Portierswohnung, Wohnräume des Oberlehrers, Toiletten, Institutskanzlei, vier Arbeitszimmer für Mädchen, zwei Arbeitszimmer für Jungen, Musiksaal und Speisesaal. Im ersten Stock lagen jeweils zwei Schlafsäle für Mädchen und zwei für Jungen, Waschtische, Toiletten, Krankenzimmer, Lehrsäle sowie der Prüfungs- und Festsaal. Im zweiten Stock schlossen sich zwei weitere Lehrsäle an sowie Betsaal, Toiletten und Krankenzimmer.Ludwig August Frankl: Das Blinden-Institut auf der Hohen Warte bei Wien: Monographie nebst wissenschaftlichen und biographischen Beiträgen ; … dem Ersten Europäischen Blindenlehrer Congress gewidmet. Verl. vom Curatorium des Israel. Blinden-Institutes, Wien, 1873, S. 29–34

Alle Stockwerke waren mit Gasbeleuchtung, die durch Gasleitungen gespeist wurde, versehen, die Schlaf- und Arbeitsräume außerdem mit einer Ventilation durch Etagen- und Dachkanäle, die mittels Schubern und Jalousien bedient wurden. Die Nutz- und Trinkwasserversorgung wurde durch einen im Garten gelegenen Brunnen gewährleistet, aus dem mit einer Schwungradpumpe das Wasser in ein auf dem Dachboden gelegenes Reservoir gepumpt wurde und von dort über Leitungen im Haus zu Waschbecken, Bädern, Dusche, Küche und Toiletten verteilt wurde. Die Warmwasserbereitung erfolgte zentral über einen Badeofen, von dem Leitungen zu Bädern und Küche führten. Die Toiletten funktionierten nach dem Tonnen- oder „Fassel“system, bei dem Unrat durch Fallröhren direkt in transportable Tonnen geleitet wurde, die regelmäßig geleert werden mussten. Zur Beheizung fast des gesamten Hauses wurde eine im Souterrain befindliche Hochdruck-(Heißwasser)-Heizung genutzt, die durch teils im Boden oder an den Wänden verlegte Rohre die Wärme im Gebäude verteilte. Nur die Oberlehrerwohnung und das Krankenzimmer im zweiten Stock wurden mittels schwedischer Tonöfen beheizt sowie einige Räume im Souterrain mit eisernen Dauerbrandöfen.Ludwig August Frankl: Das Blinden-Institut auf der Hohen Warte bei Wien: Monographie nebst wissenschaftlichen und biographischen Beiträgen ; … dem Ersten Europäischen Blindenlehrer Congress gewidmet. Verl. vom Curatorium des Israel. Blinden-Institutes, Wien, 1873, S. 35–37

1872 bis 1938 mini|hochkant|Bericht für die Jahre 1875, 1876, 1877 Am 1. Dezember 1872 wurde das Institut feierlich eröffnet und nahm im Jänner 1873 den Unterricht mit 13 blinden Schülern unter dem Oberlehrer Leopold Österreicher auf.

An der von Mai bis November veranstalteten Weltausstellung 1873 in Wien beteiligte sich auch das Israelitische Blindeninstitut auf der Hohen Warte mit einem Gipsmodell des Gebäudes, ergänzt mit lithographierten Plänen. Wilhelm Stiassny wurde mit der „Verdienst-Medaille“ und Ludwig August Frankl wurde für seine Verdienste um das Blindenwesen mit der „Fortschritts-Medaille“ ausgezeichnet. Im Rahmen der Weltausstellung fand im August der von Frankl organisierte erste europäische Kongress für Blindenbildung statt, auf dem sich Delegationen verschiedener europäischer und amerikanischer Institute über die neuesten Entwicklungen auf dem Gebiet der Blindenbildung austauschten und das Institut auf der Hohen Warte besichtigten. Der Kongress wurde durch die Stadt Wien und das k.u.k. Unterrichtsministerium unterstützt.

1913 besuchten 50 Schüler das Institut. Infolge des Ersten Weltkriegs stammten im Jahr 1930 von den 65 Schülern 80 % aus den ärmsten Schichten der jüdischen Bevölkerung der kriegsbetroffenen Länder Osteuropas, wie Polen, Ungarn, Rumänien, „Opfer der Kriegs- und Nachkriegsverhältnisse, der Pogrome und meist elternlos“.BIZEPS-INFO: Michael Krispl: Das israelitische Blindeninstitut in Wien. Oktober 2002Johann Werfring: Das Israelitische Blindeninstitut. In: Wiener Zeitung vom 14. Oktober 2002. Abgerufen am 4. Juni 2020Dietrich Hakelberg: Taktile Texte. Das Israelitische Blindeninstitut mit Blindendruckerei und Verlag. In: Jahrbuch der Deutschen Schillergesellschaft. Alexander Honold, Christine Lubkoll, Steffen Martus, Ulrich Raulff, Sandra Richter (Hrsg.), 62. Jahrgang, De Gruyter, Berlin/Boston 2018, ISBN 978-3-11-057816-4, S. 51–52

Die Gelder zum Erhalt der Einrichtung setzten sich zusammen aus Zinsen des Gründungskapitals, den erhobenen Verpflegungsgebühren für die Schüler, Beiträgen aus öffentlichen Fonds, Spenden in Form einmaliger Zahlungen, Jahresbeiträgen oder Legaten. Als das Institut während der Weltwirtschaftskrise und Inflationszeit seine finanziellen Ressourcen durch Geldentwertung und fehlende Zinserträge einbüßte, war es von Schließung bedroht. Der damalige Direktor Altmann rief deshalb 1922 öffentlich zum Spenden auf und hielt den Betrieb durch das Einwerben privater Spenden aufrecht. So unterstützte etwa Karl Kraus von 1923 bis 1929 das Institut.

mini|Lesende mit Brailleschrift-Buch im Park des Israelitischen Blindeninstituts Der Unterricht, der dem Lehrplan der Volks- und Mittelschule entsprach sowie Musik, Handwerk und Leibesübungen umfasste, fand in einer Elementar-, Mittel- und Abschlussklasse statt, die jeweils mehrere Schuljahre bis zum Erreichen der Volljährigkeit umfassten. Nach dem Schulabschluss folgte eine Handwerksausbildung mit Wiederholungsklassen in kaufmännischem Rechnen, Kalkulationslehre, Warenkunde und Stenografie, oder die Vorbereitung auf eine Staatsprüfung, für die wissenschaftliche Kenntnisse in einer Ausbildungsklasse vermittelt wurden. Anfänglich wurden Berufsausbildungen nur für Bürstenbinderei und Seilerei angeboten, später auch Korbflechten, Stricken, Flechten, Heilmassage und Klavierstimmen sowie die Ausbildung zum Uhrmacher, Übersetzer, Dolmetscher, Organist und die Staatsprüfung im Musiklehramt.