→ Für einen Überblick über die S-Klasse seit 1951 siehe Mercedes-Benz S-Klasse
Die Baureihe W 109 bildet zusammen mit der Schwesterbaureihe W 108 die bis November 1972 gebaute sogenannte „S-Klasse“ und ist Nachfolger der von 1959 bis 1965 gebauten Schwesterbaureihen W 111/W 112. Eingeführt wurde der W 109 im März 1966 und der W 108 bereits Mitte 1965. Größter Fortschritt ist der Übergang von der mechanisch zur elektronisch gesteuerten Saugrohreinspritzung, der 1969 mit Einführung der neuen Motorenbaureihe M 116/M 117 allerdings lediglich eingeläutet und erst mit Einführung der Nachfolgebaureihe abgeschlossen werden konnte. Sichtbarster Fortschritt ist die nüchternere Formgebung und vor allem leichtere Erscheinung der Karosserie. Größtes Versäumnis ist das Festhalten an der veralteten und von den immer leistungsfähiger werdenden Antrieben zunehmend überforderten Pendelachse hinten. W 108 bezeichnet Limousinen mit konventioneller Stahlfederung und W 109 solche mit Luftfederung. Nachfolger ist die im September 1972 vorgestellte Baureihe W 116.
Geschichte
Allgemeines
Waren im August 1965 die zum Teil schwächer motorisierten Typen 250 S, 250 SE und 300 SE als neue Generation der Mercedes-Benz-Oberklasse erschienen, so wurde im September 1965 der Nachfolger des 300 SE lang (W 112) mit Luftfederung vorgestellt. Auch er erhielt die von Paul Bracq gezeichnete Karosserie, deren Linienführung an das Coupé der Reihe W 111 erinnerte.
Anders als den stets mit Luftfederung ausgerüsteten W 112, der mit kurzem und langen Radstand (+100 mm) erhältlich war, gab es den ebenfalls stets mit Luftfederung ausgerüsteten W 109 nur mit langem Radstand. Vom mit kurzem oder langem Radstand erhältlichen 300er des Baumusters W 108 unterscheidet sich der W 109 außer durch seine Luftfederung im Detail bei den Motoren (Aufhängung für den Kompressor), bei der Innenausstattung, bei der Grundausstattung und den Türen.
Ab Januar 1968 wurde eine überarbeitete Version der Modellreihe angeboten. Die Änderungen betrafen unter anderem das Motorenangebot, die Lenksäule und die Gestaltung des Innenraumes.
Bei den Automatik-Versionen änderte sich die Wähl-Betätigung am Mittelhebel: die Parkstellung P war zunächst hinten, 1968 kam sie wie allgemein üblich nach vorn.
Technik
mini|Werksnachbau des 300 SEL 6.8, die „Rote Sau“ Der Motor M 189 des 300 SEL mit Aluminiumblock und -kopf leistet 125 kW (170 PS) bei 5400/min. Eine leistungsgesteigerte Version des 2,8-Liter-Einspritzmotors M 130 mit ebenfalls wurde nicht nur in den zweisitzigen Sportwagen 280 SL (W 113) eingebaut, sondern ab Januar 1968 auch in den 300 SEL, wo er den aufwendig zu fertigenden und viel Benzin verbrauchenden 3,0-Liter-Leichtmetallmotor ersetzte. Diese seltene Variante wird auch 300 SEL 2.8 genannt, ohne dass die ergänzende Hubraumbezeichnung auf dem Kofferraumdeckel erscheint.
Spitzenmodell der Modellreihe W 109 wurde im März 1968 der Typ 300 SEL 6.3 mit dem V8-Motor M 100 und dem Automatikgetriebe des W 100 (Mercedes-Benz 600). Er leistet bei 4000/min. Das maximale Drehmoment beträgt 500 Nm bei 2800/min. Seine Spitzengeschwindigkeit beträgt 220 km/h, die Beschleunigung von 0 auf 100 km/h dauert 6,5 Sekunden (Werksangabe). Seine Vorstellung auf dem Genfer Auto-Salon war eine Sensation, zumal es im Vorfeld keinerlei Andeutungen gegeben hatte. Von außen war der 6.3 nur an den breiteren Reifen, den H1-Halogen-Doppelscheinwerfern und den zusätzlichen Weitstrahlern zu erkennen. Der Preis des neuen W 109-Spitzenmodells betrug anfangs 39.160 DM und lag zum Ende der Modellreihe im Januar 1972 bei 47.397 DM, was nach Kaufkraft des Januar 2011 und inflationsbereinigt bzw. Euro entspricht.Diese Zahl wurde mit der Vorlage:Inflation ermittelt, auf 100 EUR gerundet und gilt für den zurückliegenden Januar Obwohl 1968 das Modell über 13.000 DM mehr kostete als der 300 SEL mit 2,8-Liter-Motor und mehr als doppelt so teuer war wie der 280 SE (W 108), stieß der „6.3“ auf Interesse und wurde in einer Stückzahl von 6526 Einheiten produziert.Oldtimer Markt, Heft 7/1998 (Juli 1998), VF Verlagsgesellschaft mbH, Mainz, S. 8 ff.: Der Kraft-Wagen
Schnell fand der 6.3 auch Eingang im Tourenwagen-Rennsport und im Rallye-Sport. Der Wagen wurde auch ein beliebtes Tuning-Objekt, da der Motor mit niedriger spezifischer Leistung 39 PS/l (29 kW/l) ausgelegt war und ihm ohne viel Mühe höhere Leistung entlockt werden konnte.
US-Versionen
Zunächst ausschließlich für den nordamerikanischen Markt hatte man parallel zum 3,5-Liter-V8-Motor eine im Hubraum vergrößerte Variante mit 4,5 Liter entwickelt, die ab Mai 1971 u. a. im Exportmodell 300 SEL 4.5 ausgeliefert wurde. Dies war notwendig, um den amerikanischen Abgasvorschriften und mit einer niedrigeren Verdichtung dem damals teils noch niederoktanischen Treibstoff in den USA zu genügen. Die Leistung der 4,5-Liter-USA-Motoren lag mit knapp auf dem Niveau der Europa-Motoren mit 3,5 Liter.
mini|Motor M 100 im 300 SEL 6.3
Fahrwerk
Die Vorderräder sind einzeln an Doppelquerlenkern mit Schraubenfedern, Teleskopstoßdämpfern und Stabilisator aufgehängt. Die Achse und der Motor sind auf einem Fahrschemel montiert, der hinten über Gummilager und vorn über (die Längskräfte aufnehmende) Blattfedern mit der Karosserie verbunden ist. Hinten ist eine Eingelenk-Pendelachse eingebaut.
Die Baureihe W 109 hatte von Anfang an Scheibenbremsen an allen vier Rädern. Zur Bremse gehörte ein Unterdruckservo. Die Feststellbremse wirkt über Seilzüge auf Duo-Servo-Trommelbremsen an der Hinterachse. Das Lenkgetriebe arbeitet mit einem Kugelgewindetrieb (Kugelumlauflenkung).
Motoren und Antrieb
Modelle
300 SEL (2.8) und 300 SEL haben Sechszylinder-Reihenmotoren mit mechanischer Sechsstempel-Einspritzpumpe von Bosch und in beiden Fällen einer Leistung von . Der anfängliche Dreiliter-Motor ist noch ein Typ M 189 mit Aluminium-Gehäuse und schräg geteiltem Zylinderkopf, der spätere Motor mit 2.8 Litern ist ein Typ M 130 mit Graugussblock, i.w. ident zum Sportwagen 280 SL W113. Die V8-Motoren (M 116/M 117) mit 3,5 und 4,5 Liter (US-Version) Hubraum haben eine elektronische Einspritzung (Bosch D-Jetronic) und Motorleistungen von und . Der 6,3-Liter-V8-Motor (M 100) hat eine mechanische Bosch-Achtstempel-Einspritzpumpe und eine Leistung von . Der Motor entstammt dem Mercedes-Benz 600.
Bosch Vielstempel-Einspritzpumpen
Die mechanischen Vielstempel-Einspritzpumpen mit je einem eigenen Stempel pro Zylinder lösten in den 1960er Jahren die einfacher aufgebauten Einspritzsysteme mit Zweistempelpumpen und Mengenteilern ab, die nur schwer sauber einzustellen waren und oft mit hohem Verbrauch auffielen. Im Gegensatz zu den einfacheren Diesel-Einspritzpumpen hatten diese neuen Einspritzsysteme einen stählernen Steuernocken („Raumnocken“), der in zwei voneinander unabhängigen Bewegungen verstellbar war. Zum einen wurde er entsprechend der Drehzahl längs verschoben und zum anderen entsprechend der Last (Gaspedalstellung) verdreht. Auf diese Weise bildete der komplexe, kopiergefräste Raumnocken („Kartoffel“) das Verbrauchskennfeld des Motors ab. Hinzu kamen Korrekturelemente für Warmlauf und Höhe.https://sterntwiete.mparschau.de/html/einspritzung_2.html Eine feststehende Tastrolle übertrug die so bestimmte Kraftstoffmenge anhand des gerade anliegenden Radius.
Die feinmechanischen Anforderungen dieser Bosch-Systeme führten in den 1960er Jahren zu den bis dato komplexesten Wartungs- und Reparaturarbeiten an Automobilen. Entsprechend ist die Ausführung als Achtstempel-Einspritzpumpe eines der teuersten Ersatzteile der Automobilgeschichte überhaupt, die in den 1980er Jahren als neues Bosch-Ersatzteil in Kleinstserie bis zu 40.000 DM kostete. Diese Systeme waren dann mit ihren Fertigungskosten, Eigenheiten und Mängeln der Anlass für die Entwicklung einfacherer Einspritzsysteme beim Übergang in die 1970er Jahre.
Übergang zur elektronisch gesteuerten Einspritzung
Im Herbst 1969 wurde der 300 SEL mit 2,8-Liter-Sechszylindermotor vom Typ 300 SEL 3.5 abgelöst. Der neu konstruierte M 116 ist ein V8-Motor mit 3,5 Liter Hubraum und . Er war der erste Mercedes-Motor mit elektronisch gesteuerter Einspritzung (Bosch D-Jetronic).
Kraftübertragung
Fahrzeuge mit Sechszylindermotor wurden serienmäßig mit Viergang-Schaltgetriebe geliefert. Als Sonderausstattung gab es das Mercedes-Benz Viergang-Automatikgetriebe und ab 1969 alternativ ein Fünfgang-Schaltgetriebe, welches nur selten bestellt wurde. Die Achtzylinder-Modelle haben serienmäßig ein Viergang-Automatikgetriebe. Alle Viergang-Automatikgetriebe sind mit hydraulischer Kupplung ausgestattet. Der 300 SEL 3.5 war auf Wunsch und gegen Minderpreis mit Viergang-Schaltgetriebe erhältlich. Lediglich die ab 1971 ausschließlich in die USA gelieferten 4,5er-Modelle hatten ein Dreigang-Automatikgetriebe mit Drehmomentwandler, die im Nachfolger W 116 für alle V8-Zylinder Verwendung fand.
Optional war ein Sperrdifferential erhältlich. Der 300 SEL 6.3 hatte es serienmäßig.
Technische Daten
Quelle 300 SEL 300 SEL (2.8) 300 SEL 3.5 300 SEL 4.5 300 SEL 6.3 Konstruktions-bezeichnung W 109 III W 109 E 28 W 109 E 35/1 W 109 E 45 W 109 E 63 Baumuster 109.015 109.016 109.056 109.057 109.018 Bauzeit 9/1965–12/1967 12/1967–1/1970 8/1969–9/1972 5/1971–10/1972 12/1967–9/1972 Stückzahl 2369 2519 9583 2553 6526 Motor Motorbauart R6-Ottomotor V8-Ottomotor Motorbaumuster 189.988 130.981 116.981 117.981 100.981 Hubraum [cm³] 2996 2778 3499 4520 6332 Leistung Max. Drehmoment [N m] 251 245 286 325 500 Getriebe Automatikgetriebe 4-Gang K4A 025 (ohne Typ) 4-Gang K4A 040 (Typ 722.2) 3-Gang W3A 040 (Typ 722.0) 4-Gang K4B 050 (ohne Typ) Schaltgetriebe 4-Gangauf Wunsch: 5-Gang — Hinterachsgetriebe 4,08 · 49 : 123,92 · 47 : 123,69 · 48 : 13 3,69 · 48 : 133,46 · 45 : 13 3,2342 : 13 2,85Werner Oswald · Mercedes-Benz Personenwagen 1886 – 1986 · S. 547 · Stuttgart 1986 · ISBN 978-3-61301-133-5 · 300 SEL 6.3: Tabelle Getriebe & Fahrleistungen https://mercedes-benz-publicarchive.com/marsClassic/de/instance/ko/300-SEL-63--W-109-E-63-1967---1972.xhtml?oid=490337 : 13 Messwerte 0–100 [s]aut/man 11,2–11,310,9–11,3 11,210,5 9,49,0 11 6,5 Vmax [km/h]aut/man 185–195190–200 190195 205210 200 220 Verbrauch [l/100 km]aut/man 13–13,711,8–12,5 12,312,3 1313 15 15,5 Bemerkungen ersetzte300 SEL ersetzte300 SEL (2.8) nur für Exportnach Nordamerika
Stückzahlen
Gesamtproduktion 23.555 Fahrzeuge von 1967 bis 1972
+ Produktionszahlen Jahr 1965 1966 1967 1968 1969 1970 1971 1972 Gesamt 300 SEL 3.01 1.404 964 2.369 300 SEL 2.8 37 1.3251.137 20 2.519 300 SEL 3.5 158 4.903 3.225 1.297 9.583 300 SEL 4.5 656 1.897 2.553 300 SEL 6.3 1 1.094 2.578 1.797 670 386 6.526 Gesamt 1 1.404 1.002 2.419 3.873 6.725 4.551 3.580 23.555
Varianten und Sonderausstattungen
mini|300 SEL Landaulet Es gab ab Werk serienmäßig nur viertürige Limousinen mit langem Radstand. Vereinzelt sollen sie auch zu Cabriolets oder Landaulets umgebaut worden sein. Bekannt ist ein Landaulet für Papst Paul VI., das später für Papst Johannes Paul II. nachträglich teilgepanzert wurde. Daimler-Benz erfüllte gegen entsprechenden Aufpreis auch ausgefallene Kundenwünsche.
Exportmodelle
US-Exportfahrzeuge sind serienmäßig „umweltfreundlicher“ als die sonstigen Fahrzeuge. Erreicht wurden die strengen kalifornischen Zulassungsbestimmungen mit niedrigerer Verdichtung und entsprechender Minderleistung, einer Abgasnachverbrennung und geschlossener Tankentlüftung.
In den USA wurden die Limousinen entsprechend der amerikanischen Gesetzgebung mit zwei übereinanderliegenden Rundscheinwerfern (Sealed Beam) angeboten. Für die europäischen Fahrzeuge waren einteilige, runde Scheinwerfer hinter ovalen Streuscheiben in zwei Varianten die Regel.