Élisabeth Louise Cécile Burnod (* 11. August 1916 in Morges; † 6. Mai 1979 in LausanneIhre Leiche wurde im Centre funéraire de Montoie in Lausanne verbrannt; Archives commununales de la Ville de Lausanne.) war eine Schweizer Schriftstellerin der französischsprachigen Schweiz.
Leben Jugend und Pariser Jahre Élisabeth Burnod wurde 1916 in MorgesRue de Lac 17. Diese Strasse ist die heutige Rue Louis-de-Savoie; Archives commununales de Morges. am Genfersee als Tochter des als sehr gebildet geltenden Primarschullehrers Félix Francois Burnod (1891–1945) und der Fanny Elisa Jeanneret († um 1920/25) geboren. Noch im gleichen Jahr zog die Familie nach Berolle am Fuss des Schweizer Jura, wo sie die Primarschule besuchte, an der ihr Vater unterrichtete. Es folgte der Besuch des Collège in Morges, dann der des Gymnasiums in Lausanne.Der Vater wurde 1924 nach Nyon versetzt und heiratete in zweiter Ehe Louise Dubrit. Aus der ersten Ehe gingen offenbar keine weiteren Kinder, aus der zweiten Ehe zwei weitere Töchter (Rose-Marie und Josette) hervor; ATS Burnod-Dubrit, Fèlix, und ATS BURNOD, Élisabeth, in: Archives cantonales vaudoises, Chavannes-près-Renens. Die deutsche Sprache beherrschte Burnod nur wenig, sehr gut dagegen die englische. Sie war katholisch und liess auch ihre Kinder katholisch taufen.Mitteilung eines nahen Familienangehörigen.
Nach dem SchulbesuchOb Burnod die Matura (Abitur) erreichte, ist nicht bekannt. Nach eigenen, wohl autobiographischen Angaben in ihrem Roman Le Miracle des violettes verliess sie die Schule bereits im Alter von 15 Jahren. arbeitete sie kurzzeitig bei Radio Suisse Romande und lebte in Villeneuve.In der Anzeige zu ihrer Verlobung im Juni 1936 wird Villeneuve als ihr Wohnort angegeben; Zeitung 24heures vom 16. Juni 1936, Archives communales de la Ville de Lausanne Im Juli 1936 heiratete sie den in Lausanne wohnenden 22-jährigen Franzosen Edmond Kaiser, den späteren Gründer des Kinderhilfswerkes „terre des hommes“. Bereits zwei Monate später zog sie mit ihrem Mann nach Paris, wo sie 1937/1938 mit Beiträgen in der Zeitschrift La Phalange schriftstellerisch in Erscheinung trat. 1943 verfasste sie in Paris ihren Roman Florentine, den sie Claudine CantacuzèneDie Widmung erfolgte „in tiefer Zuneigung“ (en profonde affection). Claudine Cantacuzène stammte aus einer rumänischen Linie der spätmittelalterlichen byzantinischen Herrscherdynastie Kantakuzenos, ihr Grossvater Gogu C. (1845–1898) war rumänischer Finanzminister; Jean Michel Cantacuzène: Mille ans dans les Balkans. Chronique des Cantacuzènes dans la tourmente des siècles. Paris 1998, ISBN 2-86496-054-0. S. 375–376. Die dortige Stammtafel (S. 439) auch in: Arbre généalogique de la famille Cantacuzino – Cantacuzène. widmete. Der Geburt ihrer Tochter Myriam 1937 folgte 1939 die ihres Sohnes Jean-Daniel, genannt „Jani“, der im März 1941 durch einen Unfall ums Leben kam.Christophe Gallaz: Entretiens avec Edmond Kaiser, Fondateur de terre des Hommes, Confondateur de Sentinelles. Éditions Favre, Lausanne 1998, ISBN 2-8289-0549-7, S. 143–144. Der kleine Sohn „Jani“ war in eine laufende Waschmaschine gestürzt; ebd. S. 23–24.
Kollaboration wider Willen? (1943–1944) mini|V2-Bunker La Coupole Im September 1943, als ihre Tochter Myriam in der Schweiz lebte, kam es in der Wohnung ihres in der Pariser Résistance tätigen Mannes Edmond Kaiser zu einem Treffen mit dem deutschen Geheimagenten Erwin Streif. Kaiser bat Streif, der sich unter dem Decknamen Marcel Stael als Mitglied des britischen Geheimdienstes ausgab, Élisabeth Burnod nach Lille mitzunehmen, da sie Paris verlassen müsse.Aussage Erwin Streifs bei seinem Verhör durch die Amerikaner;
Anfang 1944 wurde Burnod von Streif dem V-Mann-Führer Feldwebel Friedrich Topp von der Abwehrstelle Arras vorgestellt, der sich gegenüber Burnod als Mitarbeiter des britischen Geheimdienstes mit dem Namen Alfred Lambert, geboren in Oran/Irland ausgab. Streif behauptete, Burnod werde von der deutschen Polizei verfolgt. Burnod willigte ein, als "Ehefrau" Topps unter dem Decknamen Diana Lambert in Résistance-Netzen für den angeblichen britischen Geheimdienst tätig zu werden. Ihr „Ehemann“ Alfred Lambert, der – laut späterer Aussage Topps – auch ihr Geliebter wurde, brachte sie mehrfach mit dem Auto von Lille über Hazebrouck nach Saint-Omer, wo sie sich – vornehmlich im Raum Wizernes (La Coupole) – nach Transportwegen für die V1- und V2-Waffen erkundigte und Topp regelmässig Bericht erstattete. Nach Angaben Topps kannte Burnod spätestens im April 1944 seine wahre Identität, ohne dass sich ihre Berichte danach geändert hätten. Im Mai oder Juni 1944 mietete Topp in Tourcoing für sie ein Appartement in der Rue Carnot, in dem sie im Juni oder Juli noch von ihrem Mann Edmond Kaiser besucht wurde.Zu Topp ausführlich: Burghardt, Spione der Vergeltung, S. 158–166. Zur Zusammenarbeit zwischen Topp und Burnod auch ebd. S. 23–24. Ihr Verhältnis zu Topp alias Alfred Lambert verarbeitete Burnod teilweise in ihrem Anfang 1946 erschienenen Roman Le Miracle des violettes. Topp war 1945–1947 Gefangener im englischen Internierungslager Recklinghausen-Hillerheide.
Familienleben in Lausanne und am Bodensee (1945–1947) mini|Ehemalige Villa Kaiser in Lausanne Nach der Befreiung Frankreichs durch die Alliierten kehrte Burnod zunächst nach Lausanne zurück, wo sie mit ihrer Tochter Myriam in der „Villa Kaiser“, Chemin de Langueroc 10, wohnte. Im Juni 1945 publizierte sie Gedichte in der humanistisch-antifaschistischen Zeitschrift Suisse contemporaineSuisse contemporaine und 1946 ihren ersten Roman „Le Miracle des violettes“, in dem sie prosaisch umschrieben ihr Leben in der Pariser Künstlerszene und ihre Beziehung zu dem deutschen Geheimagenten alias Lambert autobiografisch verarbeitete.
Auf Wunsch ihres Mannes zog sie mit ihrer Tochter Anfang 1946 in dessen Villa am Bodensee bei Konstanz, wo Edmond Kaiser als Offizier der französischen Besatzung tätig war.Diese Lebensphase am Bodensee schildert Burnod ausführlich in ihrem 1955 erschienenen Roman Agnes et le cercle intime. Dort wurde sie wegen ihrer Zusammenarbeit mit einem Deutschen Anfang 1947 gemeinsam mit ihrem Mann verhaftet; das Verfahren gegen sie wurde aber wenig später eingestellt.Burnod selbst bestritt später nicht, in der Annahme, für den englischen Geheimdienst tätig zu sein, mit einem deutschen Geheimagenten zusammengearbeitet zu haben. Doch habe sie diese Tätigkeit sofort abgebrochen, als sie dessen wahre Identität erkannt habe. Ihr Ehemann Kaiser war von der Richtigkeit dieser Aussage immer fest überzeugt; Mitt. eines nahen Familienangehörigen.
Emanzipation und Feminismus Im Juli 1949 kehrte sie in ihre Heimat, den Schweizer Kanton Waadt zurück, und wohnte zunächst in Lausanne.Sie wurde als Büroangestellte bezeichnet und wohnte am Chemin des Allières 10 bei einer Familie Kalteneich; Einwohnerkontrolle, Archiv communales de la Ville de Lausanne. Nach eigenen Angaben hielt sie sich 13 Jahre lang, also 1936 bis 1949 in Frankreich auf; Interview mit J. Thévos. Ende 1950 zog sie in das benachbarte Pully.Chemin du Liaudoz 32; Einwohnerkontrolle, Archives communales de la Ville de Pully. Bereits 1948 hatte sie sich von Edmond Kaiser getrennt,Gallaz. S. 144. Die offizielle Scheidung folgte erst am 8. Januar 1952; Einwohnerkontrolle, Archives communales de la Ville de Lausanne. der ihr 1951 sein 1941 begonnenes lyrisches Werk Le Mémorial d’une poupée widmete, in dem er den Tod des Sohnes zu verarbeiten suchte.Wie sehr Burnod auch Ende der 1960er Jahre noch unter dem Verlust ihres Sohnes litt, brachte die Lektorin der Édition du Panorama in ihrem Tagebuch zum Ausdruck: Burnod habe ihr zusammen mit dem Manuskript ihres Romans Le vent d’Août ein Exemplar des Buches von Kaiser zugesandt. Die Lektorin wunderte sich, dass Burnod nach ihrer Scheidung eine solche Widmung akzeptiere. Burnod, die von der Kulturstiftung Pro Helvetia mit der Hälfte der Druckkosten unterstützt worden sei, klammere sich an ihre Arbeit, „um nicht des Hungers zu streben und nicht die Stimme zu hören, die sie tötet“; Berthe Bochet-Ramuz: Bilan d’une vie. Lausanne 1989, S. 163–164. Drei Monate nach ihrer Scheidung erhielt sie in Villeneuve wieder das Schweizer Bürgerrecht, blieb aber in Pully, wo sie im Januar 1953 ein Appartement im Haus Chemin du Villardier 27 bezog, das sie bis zu ihrem Tod bewohnte.Bürgerrecht und Reintegration in den Kanton Waadt laut Beschluss des Conseil d’État vom 24. März 1952; Einwohnerkontrolle, Archives communales de la Ville de Pully. Nach der Veröffentlichung ihrer beiden ersten Romane war sie von 1949 bis 1978 zunächst als Sekretärin, dann als Attachée de Presse des Comptoir suisse, der nationalen Verbrauchermesse, in Lausanne tätig.Als Attachée de presse hatte sie für die jährlichen Messeveranstaltungen des Comptoir suisse Kontakte zu wichtigen Persönlichkeiten und möglichen Ausstellern sowie zu zugehörige Pressearbeit zu pflegen. 1976 lebte sie mit einem von ihr adoptierten, um 1960 geborenen Jungen in Pully.Interview mit J. Thévos.
Trotz ihres Zerwürfnisses mit ihrem EhemannOb die Aussage der stark autobiographischen Züge tragenden Anni in Burnods Roman Le Miracle des violettes (1946) über deren Ehemann (Er war nicht brutal, er war ein Idiot!) tatsächlich Edmond Kaiser betraf, muss offenbleiben. brach auch nach ihrer Scheidung der Kontakt zu Edmond Kaiser nicht ab, der sie u. a. 1973 in der Todesanzeige für seine Mutter Louise Chrostmann nannte, an ihrem Totenbett im Krankenhaus anwesend war und für ihre Bestattung sorgte.Mitteilung eines nahen Familienangehörigen.
Bedeutung ihres Romanwerks In den 1960er und 1970er Jahren gehörte Élisabeth Burnod zu den bekanntesten Schriftstellerinnen der französischsprachigen Schweiz. Für ihren Roman Ornements pour la solitude erhielt Burnod 1964 den Prix d’Alliance culturelle romande. Durch die finanzielle Unterstützung der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia konnte sie 1970 fünf Monate lang ihre berufliche Tätigkeit unterbrechen und sich der Arbeit an ihrem Roman Le Vent d’Août widmen.Ein Dossier „Literarische Aufträge 1968“ mit Unterlagen zu diesem Förderbeitrag der Stiftung Pro Helvetia befindet sich im Schweizer Bundesarchiv unter E9510.6#1991/51#654 Für ihr literarisches Lebenswerk erhielt sie 1975 den Prix des écrivains vaudois.Liste der Preisträger des
1979 zählte die Schriftstellerin Mireille Kuttel Burnod zu den „grossen Frauen“ der französischsprachigen Literatur der Schweiz und lobte ihre fehlerlose stilistische Eleganz, die Klarheit und Ausstrahlung ihres Werkes.Kuttel: Une grande romancière n’est plus. Kritisch dagegen fiel 1998 die Bewertung durch Cathérine Dubuis in der Histoire de la litérature en Suisse romande aus: 1963 habe Burnod in ihrem Roman Les Arrangeurs stilistisch eindrucksvoll das vergebliche Aufbegehren eines Mädchens gegen die Zwänge ihrer bürgerlichen Umgebung beschrieben. In den folgenden Romanen aber habe sie sich bedauerlicherweise bürgerlichen Konventionen angepasst und nur solche Frauen als Heldinnen dargestellt, die sich den gesellschaftlichen Normen unterwerfen und damit ihr eigenes Leben aufgeben. Obwohl Burnod also die Sehnsucht der jungen Frauen nach einem freien, selbst bestimmten Leben nicht in eine gegen die maskuline Vorherrschaft gerichtete Revolte, sondern in der Einsamkeit einer bürgerlichen Ehe münden lässt, wurde sie von der feministischen Bewegung der Schweiz am Ende der 1970er Jahre durchaus als Vorbild angesehen. Interview mit Burnod in der Zeitschrift der Alliance de Sociétés Féminines Suisses 1976.
Werke Le Pont du Nord. Novellen. Éditions de Kogge, Brüssel 1943. Le Miracle des violettes. Roman. Jeheber, Genf/Paris 1946. Florentine. Roman. Jeheber, Genf/Paris 1949. (Verfasst in Paris 1943).