mini|Stadtmauer von Cittadella mini|Stadtmauer von Rothenburg ob der Tauber Eine Stadtmauer ist eine historische Befestigungsanlage einer Stadt zum Schutz vor Angreifern. Sie stellt damit eine Form der Wehrmauer dar. Sie kann aus zugehauenen Fels-Steinen oder auch aus erhärtetem Lehm bestehen und ist mindestens mannshoch, meistens aber deutlich höher. Sie umgab die Ortschaft ganz oder teilweise. Je nach Verlauf des Geländes wurden auch natürliche Hindernisse wie Felsen, Seen oder Flüsse in den Verlauf der Mauer einbezogen. Eine Stadtmauer konnte nur durch die Stadttore passiert werden.
Eine Stadtmauer als Wehrmauer zu errichten oder zu einer Wehrmauer auszubauen war im Mittelalter ein Privileg, das durch das Befestigungsrecht verliehen wurde. Eine Wehrmauer wurde damit zu einer Auszeichnung und zum Merkmal einer Stadt oder eines Marktes. Das Stadt- oder Marktrecht war aber nicht automatisch mit dem Befestigungsrecht verbunden. Umgekehrt gab es im Mittelalter auch mit (meist einfacheren) Mauern befestigte Dörfer, beispielsweise im Thüringer Becken und in den Weinbaugebieten Südwestdeutschlands.
Geschichte mini|Museumsdorf Düppel: Rekonstruktion einer mittelalterlichen Palisade Stadtmauern sind die Weiterentwicklung von Holzpalisaden und Wallanlagen, die zum Schutz früher Siedlungen errichtet wurden. Als erste ummauerte Stadt wird Jericho betrachtet, das bereits 7000 v. Chr. eine Stadtmauer besaß. Als erste echte Stadtbefestigung wird jedoch die 9,5 km lange Maueranlage Uruks, der seinerzeit wohl größten Stadt der Welt, betrachtet. Etwa 2700 v. Chr. erhielt Uruk seine Mauer, aus der circa neunhundert halbkreisförmige Türme ragten. Während eine reine Mauer, wie in Jericho, lediglich eine Umfriedung darstellte, die ein Eindringen erschwerte oder verhinderte, wird eine Stadtmauer erst durch Einbau von Türmen oder Bastionen wehrhaft und damit zu einer festungsartigen Stadtbefestigung.
Seit der Antike bis in die Neuzeit sind Stadtmauern ein fast unabdingbarer Bestandteil jeder Stadt. Es wird diskutiert, ob altgriechische Städte bereits in archaischer Zeit allesamt Stadtmauern besaßen.Oliver Hülden: Rezension zu: Frederiksen, Rune: Greek City Walls of the Archaic Period, 900–480 BC. Oxford 2011. In: H-Soz-u-Kult, 3. September 2012, abgerufen am 3. September 2012; Oliver Hülden: Das griechische Befestigungswesen der archaischen Zeit. Entwicklungen – Formen – Funktion. Holzhausen Verlag, Wien 2020, ISBN 978-3-903207-41-7 (Sonderschriften ÖAI 59). Während der Zeit der Pax Romana gab es jedenfalls Ausnahmen, wie z. B. das antike Rom selbst, das bis um 270 keine brauchbaren Mauern besaß, da es sich auf die Legionen als Schutz verließ. In dieser Phase wurden Städte im Kernbereich des Römischen Reiches oft allenfalls aus Prestigegründen ummauert (manch eine civitas besaß zwar Stadttore, aber keine Mauern). In der Spätantike – beginnend mit der Reichskrise des dritten Jahrhunderts – änderte sich dies aber. Das Römische Reich zerfiel mit der Zeit und der Schutz durch die Legionen und die Pax Romana war nicht mehr gewährleistet. Teilweise kann der Bau einer Stadtmauer Hinweise auf tatsächlichen oder wahrgenommenen gesellschaftlichen Verfall und Zeiten des Unfriedens geben. Waren einfache Stadtmauern zwar nicht geeignet, einer Belagerung durch römische Legionen längere Zeit Stand zu halten, so konnten sie doch marodierende Banditen, Warlords oder desertierte Soldaten auf der Suche nach plünderbaren Reichtümern aufhalten, oder dazu bewegen, woanders ihr Glück zu versuchen.
mini|Trier: Porta Nigra In Mitteleuropa hinterließen bereits die Kelten große, stark befestigte Burgstädte (Oppida), deren Stadtmauern manchmal Einflüsse aus dem Mittelmeerraum erkennen lassen. Anfangs waren die Befestigungen reine Holz-Erde-Konstruktionen, später wurden meistens als Murus Gallicus bezeichnete Mischkonstruktionen aus mörtellos übereinandergelegten Lesesteinen und Holzelementen errichtet. Die Römer befestigten viele Stadtgründungen früher oder später mit massiven gemörtelten Steinmauern. Die wohl bekanntesten Relikte dieser Festungsanlagen in Deutschland finden sich mit der Porta Nigra in Trier und der Porta Praetoria in Regensburg, wo sich auch längere Abschnitte von römischen Steinmauern erhalten haben. Auch Köln hat noch einige Reste von Mauern aufzuweisen. Römische Städte gingen oftmals auf vorherige keltische Oppida oder aber auf römische Heerlager zurück. Letztere waren üblicherweise mit Palisaden umgeben und zeigen den klassischen rechteckigen Grundriss mit Cardo und Decumanus, welcher an manchen Orten bis heute erkennbar ist.
Neben diesen bereits antiken Gemeinwesen wurden im frühen Mittelalter noch einige Burg- oder Bischofsstädte gegründet. Diese Stadtgründungen waren in der Regel durch Wall-Graben-Anlagen gesichert, selten durch einfache Steinmauern. Ab dem 12. Jahrhundert entstanden hunderte kleinerer und größerer neuer Siedlungen in ganz Europa, denen meistens bald das Stadt- oder Befestigungsrecht zuerkannt wurde. Stadtgründungen waren – neben der Anlage von Burgen – ein wichtiges Element des Territorialausbaues, besonders in Osteuropa entstanden zahlreiche geplante Neuanlagen (Ostkolonisation). Diese Städte sind leicht an ihren regelmäßigen Grundrissen und großen Marktplätzen zu erkennen. Die Befestigungsanlagen dieser Stadtanlagen wurden im Laufe ihrer Geschichte immer wieder ausgebaut und dem aktuellen Stand der Kriegstechnik angepasst.
Befestigte Dörfer mini|Ruinen von Ernan, einem kadscharischen Dorf in Yazd in Persien Während von Stadtmauern in Städten in der Literatur häufig die Rede ist und man Befestigungsanlagen in Städten heute noch vorfindet, gibt es wenige Hinweise über Befestigungsanlagen in kleinen Ortschaften. In seiner Dorfchronik beschreibt Behringer im Detail die Ortsbefestigung des tauberfränkischen Dorfes Großrinderfeld, einem Ortsteil der heutigen im Main-Tauber-Kreis im Nordosten Baden-Württembergs und an der Grenze zu Unterfranken in Bayern gelegenen Gemeinde Großrinderfeld. Diese Ortsbefestigung (Hag genannt) umschloss vollständig den Ort. Die Befestigungsanlage setzte sich aus einem Graben mit dahinter liegendem Holzzaun bzw. einem Erdwall mit Holzzaun zusammen. Es gab 2 Öffnungen, das Obere Tor und das Untere Tor. Die beiden Tore wurden vom Nachtwächter morgens um 6 Uhr geöffnet und nachts um 10 Uhr geschlossen. Heute weisen nur noch die Straßenbezeichnungen auf die Existenz dieser beiden Tore hin.
Aufbau mini|Aufbau am Beispiel der Stadtmauer Freistadt in Oberösterreich (großteils noch erhalten) mini|Lose Rollsteine auf der Mauerkrone in Seßlach mini|Stadtmauer mit Strebepfeilern in Stralsund mini|Stadtmauer mit offenem Wehrgang in Delitzsch mini|Stadtmauer in Murten mit gedecktem Wehrgang Eine Stadtmauer besteht in der einfachsten Form aus einem geschlossenen Mauerring mit seinen Toren. Die Mauerkrone war meistens begehbar und hatte an der Außenseite eine mannshohe Brüstung mit Schießscharten oder Zinnen. Nördlich der Alpen war dieser Wehrgang genannte Rundweg meistens überdacht. Gelegentlich wurden anstelle eines Wehrganges lose Rollsteine auf der Mauerkrone aufgeschichtet. Die herabfallenden Steine warnten die Verteidiger, wenn der Angreifer die Mauer übersteigen wollte. Beispiele hierfür haben sich an den fränkischen Stadtbefestigungen von Seßlach und Fladungen erhalten.
Dazu kamen im Laufe der Zeit zahlreiche Verstärkungen: Mauerturm: ein Turm, der über der Mauer errichtet wurde und meistens etwas hervorragte, so dass die Mauer mit Waffen bestrichen werden konnte Torturm: ein Turm, der neben oder über dem Stadttor errichtet wurde und zur besseren Verteidigung des Tores diente Vormauer mit Zwinger: eine zusätzliche vor der Stadtmauer verlaufende Mauer geringerer Höhe; der Zwinger genannte Zwischenraum war manchmal durch Mauern in mehrere Bereiche geteilt. Nahe besonders gefährdeter Bereiche (Tore oder Flussein- oder -ausgängen) wurde der Zwingerbereich oft weiter ausgebaut. War die Vormauer direkt am Graben errichtet, nennt man sie auch (innere) Grabenfuttermauer. Stadtgraben: ein der Mauer vorgelagerter Graben, gelegentlich mit Wasser gefüllt und durch Futtermauern, auch Stützmauern genannt, stabilisiert, nach innen mit der Grabenfuttermauer Vorwerke aus zusätzlichen Hindernissen, wie Hecken, oder andere Anlagen (→ Liste von Fachbegriffen im Festungsbau)
Während die Wehrtürme west- und südeuropäischer mittelalterlicher Stadtbefestigungen oft sehr einheitlich und regelmäßig gestaltet wurden (Ávila, Provins), weisen mitteleuropäische Stadtmauern überwiegend eine reiche Vielfalt unterschiedlicher Turmgestaltungen auf. Hier erreichen die Wehr- und Tortürme oft beträchtliche Höhen, Doppelturmtore sind wesentlich seltener (Köln, Eigelsteintorburg, Hahnentorburg). Neben der reinen Schutz- und Wehrfunktion haben meistens auch Repräsentationsbedürfnisse und künstlerische Aspekte eine bedeutende Rolle bei der Konzeption der Wehranlagen gespielt. Die städtische Architektur trat hier in den Wettstreit mit der Adelsburg; Stadtmauern waren oft auch eine Manifestation städtischen Selbstbewusstseins.
Vorstädte hatten meistens einen separaten Mauerzug, der in das Verteidigungskonzept der Stadt integriert wurde. In vielen Städten wurde die Stadtmauer neu erbaut, wenn die alte Mauer das Wachstum der Stadt zu sehr hemmte. Der Verlauf der alten Mauer ist im Wegenetz der Stadt noch zu erkennen, wie z. B. in Nördlingen und Dinkelsbühl, manchmal blieben sogar die alten Tortürme erhalten, wie der Weiße Turm in Nürnberg oder der Ostentorturm der ehemaligen Stadtbefestigung Regensburg. In manchen Fällen – so etwa bei der niederösterreichischen Stadt Waidhofen an der Ybbs – war die Vorstadt im Unterschied zur Stadt nur mit einer Palisade aus Holz umgeben. 1547 erließen Richter und Rat der Stadt Waidhofen an der Ybbs eine Verordnung, welche den Bewohnern der Vorstadt Leithen verbot, Durchgänge in den Palisadenzäunen zu errichten.Stefan René Buzanich, „… die zein und hager nidergerissen, das zaunholtz hinweggetragen…“. Wald- und Flurfrevel im Waidhofen des Jahres 1547 – ein aufschlussreicher Text aus dem „Memorabilienbuch“, in: Musealverein Waidhofen an der Ybbs (Hg.), 5 hoch e. Historische Beiträge des Musealvereins. 37. Jahrgang, 2012, S. 20.
Zusätzliche Vorwerke verhinderten, dass die Stadt, durch die die Handelswege führten, umgangen und damit der fällige Zoll oder der dortige Markt gemieden werden konnte. Außerhalb der Städte wurden oft noch Wart- und Signaltürme auf geeigneten Höhenzügen und Aussichtspunkten errichtet, die gelegentlich burgähnlich befestigt wurden. Häufig wurden die Außengrenzen des städtischen Einflussgebietes ganz oder teilweise durch aufwendige Landhegen und Landwehren gesichert. Meistens wurde hierzu ein Wallgraben angelegt und der Wall mit einer undurchdringlichen Dornenhecke, auch Wallhecke oder Knick genannt, bepflanzt. Die Durchgänge waren in der Regel mit Toren oder Torhäusern bewehrt. Diese Grenzbefestigungen wurden regelmäßig von Hegereitern, die meistens auch als Torwächter dienten, auf Beschädigungen kontrolliert. Die Reste solcher Landhegen können oft noch kilometerlang im Gelände verfolgt werden, auch einige Torbauten haben sich erhalten. Reiche Städte sicherten ihr Territorium auch durch die Anlage von Burgen, auf die Pfleger gesetzt wurden. Ein bekanntes Beispiel ist die rumänische „Draculaburg“ Bran (Törzburg), die das heutige Brașov (Kronstadt) schützen sollte.