Ob die Weiber Menschen seyn, oder nicht? ist die deutsche Übertragung einer im Jahr 1595 in Deutschland anonym auf Latein erschienenen androzentristischen Schrift Disputatio nova contra mulieres, qua probatur eas Homines non esse. Sie wurde Valens Acidalius zugeschrieben, obwohl dieser sich selbst von dieser Zuschreibung distanzierte. In ihrer 1618 veröffentlichten deutschen Fassung ist sie eine fingierte und Kontroversen provozierende Auseinandersetzung zweier Ordensmänner im Zuge der im späten Mittelalter begonnenen Querelle des femmes, die bis ins 18. Jahrhundert, zunehmend auch unter Beteiligung gelehrter Frauen und Künstlerinnen diskutiert wurde. Die deutsche Übertragung kombinierte in Dialogform die ursprüngliche Schrift mit der von Simon Gedik noch im selben Jahr publizierten Verteidigungsschrift für die Frauen (Defensio sexus muliebris). Trotz seiner mit Akribie ausgeführten Widerlegung stellte sich bereits Gedik die Frage, ob der unbekannte Verfasser der Disputatio nova sie vielleicht „im Scherz“ geschrieben habe. Die deutsche Umformung nennt sich in der Überschrift „ein lustig Gespräch“.

Disputatio nova von 1595 Erstausgabe und Reaktion Anfang des Jahres 1595 erschien im Heiligen Römischen Reich eine in Latein verfasste Schrift, in der weder Verfasser noch Drucker oder Erscheinungsort genannt wurden.Obwohl nach dem Zeugnis von Johann Christoph Bekmann eine andere, bei Bonavent Schmid in Zerbst gedruckte Auflage existierte; vergleiche Johann Christoph Bekmann: Politica parallela. Meyer, Frankfurt/Oder 1694, S. 477 f. (Digitalisat); siehe auch Valentin Heinrich Schmidt: Ueber den Kritiker Valens Acidalius, besonders über seinen Antheil an der Schrift eines Ungenannten, daß die Weiber keine Menschen sind. In: Journal für Deutschland, historisch-politischen Inhalts. Band 13, 1819, S. 129. Ihr Titel lautete Disputatio nova contra mulieres, qua probatur eas Homines non esse („Neue Disputation gegen Frauen, durch die bewiesen wird, dass sie keine Menschen sind“).Eine weitere Übersetzungsmöglichkeit lautet: „… dass sie keine Männer sind“; zur Übersetzung siehe Magdalena Drexl: Die Disputatio nova contra mulieres, Qua probatur eas Homines non esse und ihre Gegner. Querelle des Femmes in der konfessionellen Polemik um 1600. In: Gisela Engel, Friederike Hassauer, Brita Rang, Heide Wunder (Hrsg.): Geschlechterstreit am Beginn der europäischen Moderne – Die Querelle des Femmes. Helmer, Königstein/Taunus 2004, S. 122; Ralf Georg Czapla, Georg Burkard: Valens Acidalius: Disputatio nova contra mulieres, qua probatur eas homines non esse – Neue Disputation gegen die Frauen zum Erweis, daß sie keine Menschen sind. Lateinisch und deutsch. Mit der Übersetzung von Georg Burkard. Manutius, Heidelberg 2006, S. 18. Da sie augenscheinlich Frauen absprach, Menschen zu sein, löste sie noch im selben Jahr heftige Reaktionen und Antwortschriften aus, die das Menschsein der Frauen verteidigten. Die theologischen Fakultäten von Wittenberg und Leipzig reagierten schriftlich, da sie das Werk – unabhängig von seinem ironisch-polemisierenden Charakter – für gefährlich hielten und die Bibel angegriffen sahen. Insbesondere die studierende Jugend galt es vor der Schrift zu warnen.Zu den Antwortschriften der Universitäten siehe Magdalena Drexl: Weiberfeinde – Weiberfreunde? Die Querelle des femmes im Kontext konfessioneller Konflikte um 1600. Campus, Frankfurt/Main und New York 2006, S. 100–145, bes. S. 126–145. Noch im gleichen Jahr reagierte Andreas Schoppius mit einer umfangreichen Verteidigungsschrift dem „vnbenameten, doch offentlichen Lesterer zur Widerlegung“.Andreas Schoppius: Frawen Ehren vnd Gewissen Schild. Das Weiber warhafftig, Menschen, im Glauben Gottes Kinder vnd Erben der Seligkeit sind : Jhnen zu Trost, jrem vnbenameten, doch offentlichen Lesterer zur Widerlegung. Eisleben 1595 (Digitalisat). Eine besonders ausführliche und gleichermaßen heftige Replik verfasste Simon Gedik, damals Hofprediger in Halle, bereits im Februar des Jahres, die noch 1595 im Druck erschien. Auch er stützte sich in seiner ebenfalls lateinisch verfassten Defensio sexus muliebris („Verteidigung des weiblichen Geschlechts“) auf die gänzlich anonyme Fassung.Simon Gediccus: Defensio sexus muliebris, opposita futelissimae disputationi recens editae. Michael Lantzenberger, Leipzig 1595 (Google Books). These für These widerlegte Gedik die in der Disputatio nova entwickelte Beweisführung, fragte sich allerdings in der Einleitung, ob der Anonymus im Scherz geschrieben habe.

Anliegen der Schrift Allen Reaktionen gemein ist der Umstand, dass sie auf das eigentliche Anliegen der Disputatio nova nicht eingehen: Die Polemik gegen die polnische Wiedertäuferbewegung der Sozinianer. Die Schrift setzt ein mit den Worten: „Da es in Samaritien […] freigestellt ist, zu glauben und zu lehren, daß Jesus Christus […] ebenso wie der Heilige Geist nicht Gott ist, wird es […] auch mir erlaubt sein, zu glauben […], daß Frauen keine Menschen sind und was sich daraus ergibt: daß Christus also nicht für sie gelitten hat und daß sie nicht erlöst werden.“Übersetzung nach Ralf Georg Czapla, Georg Burkard: Valens Acidalius: Disputatio nova contra mulieres, qua probatur eas homines non esse – Neue Disputation gegen die Frauen zum Erweis, daß sie keine Menschen sind. Lateinisch und deutsch. Mit der Übersetzung von Georg Burkard. Manutius, Heidelberg 2006, S. 29. Samaritia, das in späteren Ausgaben zu Sarmatia emendiert wurde, ist eine von dem Verfasser kreierte Wortschöpfung, vermutlich auf Basis des lateinischen Begriffs samartia („Irrung“).Ralf Georg Czapla, Georg Burkard: Valens Acidalius: Disputatio nova contra mulieres, qua probatur eas homines non esse – Neue Disputation gegen die Frauen zum Erweis, daß sie keine Menschen sind. Lateinisch und deutsch. Mit der Übersetzung von Georg Burkard. Manutius, Heidelberg 2006, S. 105. Beide Begriffe, sofort erkennbar vor allem in der Form Sarmatia, stehen als Deckname für Polen, der Heimstatt der in der Schrift immer wieder genannten antitrinitarischen Sozinianer, die dort als Anabaptisten bezeichnet werden. Diese Glaubensgruppe zeichnete sich durch eine besonders wörtliche Auslegung der Bibel aus, und mit diesem Mittel versuchte der Verfasser, ihren Glaubensansatz in 51 Thesen zu widerlegen. Die Wahl des Themas reflektiert einen der sozinianischen Glaubensgrundsätze – das Menschsein der Frauen. Zur Untermauerung seiner Thesen zieht der Verfasser neben der Bibel Platons Ansichten zum Wesen der Frau heran, führt Etymologisches zum Worte homo aus oder beruft sich auf biologische Vergleiche.Manfred P. Fleischer: Are Women Human? – The Debate of 1595 between Valens Acidalius and Simon Gediccus. In: Sixteenth Century Journal. Band 12, Nummer 2, 1981, S. 107–120. Ziel war es, die in seinen Augen absurde These vom Wesen Christi durch eine gleichermaßen absurde These vom Wesen der Frauen zu konterkarieren.Heinz-Jürgen Voß: Making Sex Revisited: Dekonstruktion des Geschlechts aus biologisch-medizinischer Perspektive. transcript, Bielfeld 2010, S. 108–110, hier: S. 109 (PDF).

Verfasserfrage Unmittelbar nach Bekanntwerden der Schrift setzte die Suche nach ihrem Verfasser ein. In diesem Zusammenhang wurde seitens des Leipziger Rats auch der in Leipzig und Frankfurt am Main vertretene Verleger Heinrich Osthausen befragt.Ralf Georg Czapla, Georg Burkard: Valens Acidalius: Disputatio nova contra mulieres, qua probatur eas homines non esse – Neue Disputation gegen die Frauen zum Erweis, daß sie keine Menschen sind. Lateinisch und deutsch. Mit der Übersetzung von Georg Burkard. Manutius, Heidelberg 2006, S. 7 geben fälschlicherweise an, Osthausen wäre in Frankfurt an der Oder ansässig gewesen; vergleiche aber Albrecht Kirchhoff: Lesefrüchte aus den Acten des städtischen Archivs zu Leipzig. In: Archiv für Geschichte des Deutschen Buchhandels. Band 12, 1889, S. 131–142, hier: S. 132 (Digitalisat). Osthausen gab zu, das Werk verlegt zu haben, und benannte Valens Acidalius als Urheber der Schrift. Acidalius, mittlerweile auch öffentlich angegriffen, wandte sich nun brieflich an Jakob Monau und schilderte ihm die Angelegenheit aus seiner Sicht.Valens Acidalius: Epistola apologetica ad Cl. Virum Iacobum Monavium. In: Valentis Acidalii Epistolarum Centuria 1. Hanoviae [= Hanau] 1606, S. 339–344 (Google Books). Demnach war eine Abschrift der ursprünglich aus Polen stammenden Schrift, die bereits seit Jahren in gewissen Kreisen kursierte, seit einiger Zeit in seinem Besitz gewesen, und als Osthausen, der Acidalius’ Werk Valentis Acidalii in Q. Curtium animadversiones mit erheblichem wirtschaftlichen Verlust verlegt hatte, ihn bedrängte, hätte er ihm diese kleine Schrift zur freien Verfügung angetragen, deutlich darauf hinweisend, dass er nicht der Urheber sei. Seither firmiert die Schrift meist unter dem Namen des Valens Acidalius, wenn auch unter Vorbehalt.Hierzu Valentin Heinrich Schmidt: Ueber den Kritiker Valens Acidalius, besonders über seinen Antheil an der Schrift eines Ungenannten, daß die Weiber keine Menschen sind. In: Journal für Deutschland, historisch-politischen Inhalts. Band 13, 1819, S. 113–148, hier: S. 141–147; Ralf Georg Czapla, Georg Burkard: Valens Acidalius: Disputatio nova contra mulieres, qua probatur eas homines non esse – Neue Disputation gegen die Frauen zum Erweis, daß sie keine Menschen sind. Lateinisch und deutsch. Mit der Übersetzung von Georg Burkard. Manutius, Heidelberg 2006, S. 8. 10 f.; Magdalena Drexl: Weiberfeinde – Weiberfreunde? Die Querelle des femmes im Kontext konfessioneller Konflikte um 1600. Campus, Frankfurt/Main und New York 2006, S. 40. 89–93. 96 f.

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