Als Séralini-Affäre wird die Kontroverse rund um die Veröffentlichung, den Rückzug und die erneute Veröffentlichung einer Studie des Molekularbiologen Gilles-Éric Séralini bezeichnet.

Die Séralini-Affäre begann im September 2012 mit der Veröffentlichung einer Studie, die von einer Gruppe unter der Leitung von Gilles-Éric Séralini durchgeführt worden war. Es handelte sich um eine Fütterungsstudie, bei der Ratten mit Roundup-resistentem Mais der Firma Monsanto sowie dem Herbizid Roundup selbst gefüttert wurden. Die Studie zeigte nach Séralini und Mitarbeitern, dass Roundup-resistenter Mais und Roundup selbst karzinogen seien. Die Studie wurde in der Wissenschaft weithin kritisiert. Die Kritik bezog sich sowohl auf das Forschungsdesign wie auch auf Séralinis Interpretationen der Ergebnisse. Die Studie wurde auch von vielen Zulassungsbehörden zurückgewiesen. Andere öffentlich finanzierte Langzeitstudien zeigten keine negativen gesundheitlichen Effekte von Roundup-resistentem Mais bzw. Roundup.

Die Fachzeitschrift Food and Chemical Toxicology, in welcher die Studie veröffentlicht wurde, zog diese etwa ein Jahr später, im November 2013, mit der Begründung schwerwiegender Mängel wieder zurück, nachdem sich der Autor geweigert hatte, sie selbst zurückzuziehen. Am 24. Juni 2014 wurde die Studie in der Fachzeitschrift Environmental Sciences Europe erneut veröffentlicht.Séralini et al.: Republished study: long-term toxicity of a Roundup herbicide and a Roundup-tolerant genetically modified maize. In: Environmental Sciences Europe. 26, 2014, doi:10.1186/s12302-014-0014-5.

Kritisiert wurde in der wissenschaftlichen Gemeinschaft nicht nur Séralinis wissenschaftliche Arbeit,D. B. Resnik: Retracting Inconclusive Research: Lessons from the Séralini GM Maize Feeding Study. In: Journal of agricultural & environmental ethics. Band 28, Nummer 4, August 2015, S. 621–633, doi:10.1007/s10806-015-9546-y, PMID 26251636, .E. Barale-Thomas: The SFPT feels compelled to point out weaknesses in the paper by Séralini et al. (2012). In: Food and chemical toxicology : an international journal published for the British Industrial Biological Research Association. Band 53, März 2013, S. 473–474, doi:10.1016/j.fct.2012.10.041, PMID 23165156.F. Schorsch: Serious inadequacies regarding the pathology data presented in the paper by Séralini et al. (2012). In: Food and chemical toxicology : an international journal published for the British Industrial Biological Research Association. Band 53, März 2013, S. 465–466, doi:10.1016/j.fct.2012.10.043, PMID 23142396. sondern auch sein Umgang mit der Öffentlichkeit. (PDF; 215 kB)G. Arjó, M. Portero, C. Piñol, J. Viñas, X. Matias-Guiu, T. Capell, A. Bartholomaeus, W. Parrott, P. Christou: Plurality of opinion, scientific discourse and pseudoscience: an in depth analysis of the Séralini et al. study claiming that Roundup™ Ready corn or the herbicide Roundup™ cause cancer in rats. In: Transgenic research. Band 22, Nummer 2, April 2013, , S. 255–267, doi:10.1007/s11248-013-9692-9. PMID 23430588.

Hintergrund Gilles-Eric Séralini ist Professor für Molekularbiologie an der Universität Caen. Er ist Präsident des Wissenschaftlichen Rates des von ihm mitbegründeten Comité de recherche et d’information indépendantes sur le génie génétique (CRII-GEN), das nach eigenen Angaben unabhängige Forschung zur Gentechnik und deren Auswirkungen betreibt.„HH“, CRIIGEN, 12 November 12, 2008 Présentation du CRIIGEN – CRIIGEN, Comité de Recherche et d'Information Indépendantes sur le génie Génétique Séralini gründete CRII-GEN, weil die vorhandenen Studien zur Sicherheit von gentechnisch veränderten Organismen nach seiner Auffassung oftmals mit Mängeln behaftet seien.

Im Jahr 2004 beantragte Monsanto in der Europäischen Union die Zulassung der transgenen Maissorte MON863. In der Folge kam es zu erheblichen Kontroversen über die Qualität der Zulassungsstudien. Séralini, der dem Komitee angehörte, das MON863 im Auftrag der französischen Regierung prüfte, war einer der Protagonisten dieser Kontroversen.. Abgerufen am 5. April 2024.

Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) empfahl im Jahr 2004 die Zulassung von MON863. Aus dem Report der EFSA ging hervor, dass es in der Zulassungsstudie von Monsanto gewisse Veränderung im Blutbild und den Nieren der Versuchstiere gegeben hatte. Daraufhin klagte Greenpeace auf Herausgabe der Daten. Monsanto weigerte sich unter Berufung auf die Wahrung von Geschäftsgeheimnissen. 2005 entschied ein deutsches Gericht auf Herausgabe der Daten.. Abgerufen am 5. April 2024.Monsanto, 2002. Unter Verweis auf die nunmehr bekannten Daten stellten Séralini und andere Kritiker das Konzept der substanziellen Äquivalenz in Frage, auf das sich die Zulassungsbehörden bei der Risikoabschätzung gentechnisch veränderter Lebensmittel stützen.Jeffrey M. Smith January 2008. Study reveals GM threats, Biophile Magazine, Issue 6. Eine Aufgabe dieses Konzepts würde die Zulassung gentechnisch veränderter Lebensmittel erheblich erschweren.

Frühere Studien Séralinis Im Jahr 2007 veröffentlichten Séralini und zwei weitere Autoren eine von Greenpeace finanzierte Studie, welche auf den Daten der Monsanto-Zulassungsstudie beruhte.

Die Autoren kamen zu dem Ergebnis, dass MON863 eine Reihe von gesundheitlichen Problemen bei Ratten verursachte. Es sei notwendig, experimentelle Studien über einen längeren Zeitraum als 90 Tage anzustellen, um die Sicherheit der Maissorte zu evaluieren, da Organschädigungen sich normalerweise erst nach einem längeren Zeitraum einstellen. Greenpeace zitierte die Studie in einer Presseveröffentlichung und forderte, dass MON863 vollständig vom Weltmarkt zurückgezogen werden müsse. Überdies wurde eine grundlegende Überprüfung der Testmethoden gefordert.

Aufgrund dieser Studie unternahm die EFSA eine aufwendige Neuevaluierung von MON863. Die EFSA kam zu dem Schluss, dass die Änderungen im Blutbild und den Nieren der Versuchstiere nicht signifikant gewesen seien. und dass die Studie falsche statistische Methoden benutze. Auch die französische Commission du Génie Biomoléculaire (AFBV) äußerte sich kritisch über die Studie. Report prepared for the French Prime Minister by the Centre d'Analyse Strategique, 20. Juli 2007. Abgerufen am 31. Mai 2013. Die gemeinsame Zulassungsbehörde von Australien und Neuseeland kam zu dem Schluss, dass alle statistischen Unterschiede in den Daten im Rahmen der normalen biologischen Varianz lagen.

2009 veröffentlichte die Séralini-Gruppe eine weitere Studie, in der die drei transgenen Maissorten NK603, MON810 und MON863 untersucht wurden. Die Autoren kamen zu dem Schluss, dass alle drei Maissorten Schädigungen an Leber, Nieren und Herzen der Versuchstiere (Ratten) verursachten.De Vendômois, Joël Spiroux (2009). "A Comparison of the Effects of Three GM Corn Varieties on Mammalian Health". International Journal of Biological Sciences: 706. Der EFSA zufolge ließen die Daten der Studie allerdings keine derartigen Schlüsse zu. Die Behörde kritisierte, dass viele der statistischen Mängel der früheren Studie von 2007 auch auf diese neue Studie zuträfen. Der französische Haut Conseil des biotechnologies (HCB) wies die Schlussfolgerungen Séralinis ebenfalls vollständig zurück. Der HCB stellte außerdem die Unabhängigkeit Séralinis in Frage. Die gemeinsame australische und neuseeländische Zulassungsbehörde kam zu dem Schluss, dass die Ergebnisse der Studie zufällig seien.

Eine im Jahr 2011 unter der Leitung von Séralini durchgeführte Meta-Studie kam wiederum zu dem Schluss, dass gentechnisch veränderte Lebensmittel negative Auswirkungen auf Leber und Nieren von Versuchstieren hätten. Erneut wurde die Forderung nach Langzeit-Zulassungsstudien erhoben.

Die Studie von 2012 Die im Jahr 2012 veröffentlichte Langzeitstudie von Séralini et al. trägt den Titel Long-term toxicity of a Roundup herbicide and a Roundup-tolerant genetically modified maize (Langzeit-Toxizität eines Round-up-Herbizids und einer Round-up-resistenten genetisch veränderten Maissorte). Die Studie wurde in der peer-reviewed Fachzeitschrift Food and Chemical Toxicology publiziert. Es handelt sich um eine auf zwei Jahre angelegte Fütterstudie zu den Effekten der von Monsanto hergestellten Roundup-resistenten Maissorte NK603, mit Ratten als Versuchstieren. Der Abstract der Studie lautet:

„The health effects of a Roundup-tolerant genetically modified maize (from 11 % in the diet), cultivated with or without Roundup, and Roundup alone (from 0.1 ppb in water), were studied 2 years in rats. In females, all treated groups died 2–3 times more than controls, and more rapidly. This difference was visible in 3 male groups fed GMOs. All results were hormone and sex dependent, and the pathological profiles were comparable.“

(Die gesundheitlichen Auswirkungen von Roundup-resistentem genetisch verändertem Mais (11 % in der Nahrung), mit oder ohne Roundup angebaut, und Roundup allein (0,1 ppb im Wasser) wurden über einen Zeitraum von zwei Jahren an Ratten erforscht. Alle weiblichen Tiere der Experimentalgruppen starben schneller und zwei- bis dreimal häufiger als die weiblichen Tiere der Kontrollgruppen. Bei den männlichen Tieren trat dieser Unterschied in drei Experimentalgruppen auf. Alle Ergebnisse waren abhängig von Hormonen und dem Geschlecht, die pathologischen Befunde waren vergleichbar.)

Wissenschaftliche Evaluierung Die 2012 veröffentlichte Studie wurde weithin kritisiert. In der Kritik standen hierbei mehrere Aspekte. Der von Séralini verwendete Rattenstamm (Sprague-Dawley) hat eine Lebenserwartung von etwa drei Jahren, was deutlich über die Länge der Studie hinausgeht, und weist eine starke Krebsanfälligkeit auf.Lebenserwartung laut University of Albany, abgerufen am 2. März 2016 Die Wahrscheinlichkeit, dass die Tiere in Séralinis Studie irgendwann auf „natürliche“ Weise an Krebs erkranken würden, wäre also von vornherein hoch. Die Standardvorgehensweise gemäß dem wissenschaftlichen Konsens, der von OECD-Guidelines definiert wird, um dieses statistische Rauschen zu kontrollieren, hätte erfordert, jede Gruppe mit mindestens 20 Tieren zu bestücken. Séralini testete jeweils 10 Tiere aus diversen Gruppen.

Tom Sanders vom King’s College London bemängelte, dass die Studie keine Angaben über Fütterung und Wachstumsraten der Ratten machte.Study on Monsanto GM corn concerns draws skepticism von Ben Hirschler und Kate Kelland bei Reuters, abgerufen am 2. März 2016. Die Ernährungswissenschaftlerin Marion Nestle zeigte sich kritisch hinsichtlich der Studie.French scientists question safety of GM corn – All We Can Eat, Tim Carman for the Washington Post. Abgerufen am 19. September 2012 Der Biologe Maurice Moloney warf den Autoren eine suggestive Bebilderung der Studie vor, welche viele Bilder von Tieren mit Tumoren, jedoch keine von Tieren ohne Tumoren zeigte.

Die Studie wurde von vielen Regulierungs- und Zulassungsbehörden untersucht und verworfen. Reiner Wittkowski, der Vizepräsident des Bundesinstituts für Risikobewertung, urteilte: „Die Studie hat sowohl Schwächen im Design als auch in der statistischen Auswertung, so dass die Schlussfolgerungen der Autoren nicht nachvollziehbar sind.“BfR: Studie der Universität Caen ist kein Anlass für eine Neubewertung von Glyphosat und gentechnisch verändertem Mais NK603 In einem gemeinsamen Bericht der drei einschlägigen kanadischen Regulierungsbehörden werden signifikante Mängel im Design, der Durchführung und dem Reporting identifiziert.Staff, Food Directorate, Health Products and Food Branch, Health Canada; Animal Feed Division, Animal Health Directorate, Canadian Food Inspection Agency; Pest Management Regulatory Agency, Health Canada. October 25, 2012 Health Canada and Canadian Food Inspection Agency statement on the Séralini et al. (2012) publication on a 2-year rodent feeding study with glyphosate formulations and GM maize NK603