Als Biodiversitätskrise wird der schnellere und zahlenmäßig größere Verlust von Tier- und Pflanzenarten, Landschaften sowie der biologischen und genetischen Vielfalt seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts bezeichnet.
Zunehmend werden auch die gesellschaftlichen, insbesondere die wirtschaftlichen und gesundheitlichen Folgen der Biodiversitätskrise diskutiert; da sie mit Umweltverschmutzung und Klimawandel gemeinsame Ursachen teilt und sich mit diesen wechselseitig verstärkt, wird sie als Teil einer planetaren Dreifachkrise betrachtet.
Ursachen Als wichtigste, anthropogen verursachte Faktoren für das Aussterben von Arten und den Verlust von Vielfalt sind weitgehend anerkannt: Zerstörung und Verschlechterung der natürlichen Lebensräume (durch Versiegelung, Landnutzungsänderung etc.) Klimawandel (u. a. durch Hitzewellen und Dürren) Eutrophierung und andere Formen der Umweltverschmutzung Übernutzung und nicht nachhaltige Nutzung (z. B. Überfischung) Bejagung und Sammeln bedrohter Arten (insbesondere Wilderei) Einbürgerung gebietsfremder Arten
Wichtigster Faktor scheint jedoch der direkte Habitatverlust zu sein.
Zusammenhang zwischen Habitatgröße und Artenanzahl Die Anzahl der Arten steigt mit der Größe des zur Verfügung stehenden Lebensraumes bzw. sinkt bei Lebensraumverlust (→ Arten-Areal-Beziehung). Es leben auf einer zehnfach größeren Insel oder einem inselartigen ausgegrenzten Habitat doppelt so viele Arten. Entsprechend können nun auch Angaben darüber gemacht werden, wie viele Arten verschwinden, wenn die Größe ihres natürlichen Habitats verringert wird.
Geht man davon aus, dass jährlich zehn Millionen Hektar tropischer Wald zerstört werden, vermuten Wissenschaftler innerhalb der kommenden 25 Jahre einen Rückgang der Arten um 4 bis 8 Prozent.
Gesellschaftliche Folgen der Biodiversitätskrise Der Verlust biologischer Vielfalt betrifft den Menschen unmittelbar, da zahlreiche Ökosystemdienstleistungen von ihr abhängen. Die komplexen Folgen bestehen unter anderem für Gesundheit, Wirtschaft und Wohlstand.
Wirtschaftliche Folgen Der weltweite ökonomische Wert von Ökosystemleistungen wird jährlich auf 170 bis 190 Billionen US-Dollar geschätzt. Von den 109 wichtigsten Kulturpflanzen sind 87 auf tierische Bestäubung angewiesen. Die Abhängigkeit der Nahrungsmittelproduktion von tierischen Bestäubern hat sich in den letzten 50 Jahren um 300 % gesteigert. Laut Schätzungen liegt der jährliche Wert von Bestäuberleistung durch Tiere wie Insekten und Fledermäuse in der Landwirtschaft global bei 235 bis 577 Milliarden US-Dollar.
Zunehmend spielt die Biodiversitätskrise als wirtschaftliches Risiko in Branchen und Sektoren wie der Finanzwirtschaft eine Rolle. Mehr als die Hälfte des weltweiten Bruttoinlandsprodukts – rund 44 Billionen US-Dollar – ist mäßig oder stark von der Natur und ihren Leistungen abhängig. Vor diesem Hintergrund wird gefordert, dass Unternehmen und Finanzinstitute ihre Abhängigkeiten von der Natur und ihre Auswirkungen auf sie messen und offenlegen. Zugleich klafft eine erhebliche Finanzierungslücke: Weltweit werden jährlich nur 78 bis 143 Milliarden US-Dollar für den Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen aufgewendet, während bis 2030 jährlich 722 bis 967 Milliarden US-Dollar erforderlich wären. Da viele Leistungen der Natur keinen Marktpreis haben, werden solche Kosten in Kennzahlen wie dem Bruttoinlandsprodukt kaum abgebildet.
Gesundheitliche Folgen Auch die moderne Medizin beruht in erheblichem Maß auf Biodiversität. Zum Beispiel stammen die Penicilline sowie neun der dreizehn weiteren wichtigen Antibiotikaklassen, die heute verwendet werden, von Mikroorganismen, und rund drei Viertel der zwischen 1981 und 2010 in den USA neu zugelassenen Antibiotika ließen sich auf Naturstoffe zurückführen. Der Verlust biologischer Vielfalt gefährdet die Arzneimittelentwicklung. Insgesamt gehen über 40 % der pharmazeutischen Formulierungen auf natürliche Quellen zurück – etwa das Krebsmedikament Taxol aus der Rinde von Eiben –, während rund 45 % aller Blütenpflanzen vom Aussterben bedroht sind.
Der Weltbiodiversitätsrat warnt, dass der Verlust der Biodiversität das Risiko von Zoonosen und Pandemien erhöht.
Diskutiert wird im Kontext des Biodiversitätsrückgangs auch ein Zusammenhang zwischen der Vielfalt des menschlichen Mikrobioms – der Biodiversität im menschlichen Körper selbst – und Allergien: Kinder, die auf Bauernhöfen und damit einem breiten Spektrum an Mikroorganismen ausgesetzt aufwachsen, weisen laut Studien ein geringeres Risiko für Asthma und Allergien auf („Bauernhof-Effekt“). Untersucht werden außerdem Auswirkungen natürlicher Vielfalt auf das psychische Wohlbefinden. Einer Studie zufolge geht eine um 10 % höhere Vogelartenvielfalt im Wohnumfeld mit einem ähnlich positiven Effekt auf die Lebenszufriedenheit einher wie eine vergleichbare Einkommenssteigerung. Eine weitere Untersuchung fand einen Zusammenhang zwischen der Artenvielfalt städtischer Straßenbäume und der Verschreibung von Antidepressiva. Inwiefern solche Befunde auf Korrelationen beruhen und welche Mechanismen ihnen zugrunde liegen, sind Gegenstand laufender Forschung. Die Zusammenhänge zwischen Biodiversität und menschlicher Gesundheit werden unter Konzepten wie One Health und Planetary Health untersucht.
Siehe auch Aussterben Ökosystemdienstleistungen Planetare Dreifachkrise
Literatur Allgemein: Richard Pott: Biodiversitätskrise: das „Sechste Massensterben“ auf der Erde hat begonnen. In: Jahrbuch / Braunschweigische Wissenschaftliche Gesellschaft. () 2015, S. 138–172.
Spezielle und angrenzende Themen: Andreas Mengel, Anja Hentschel, Stefan Lütkes (Red.): Naturschutzrecht in Zeiten der Energie- und Biodiversitätskrise – Herausforderungen und Potenziale: Bundesfachtagung Naturschutzrecht 2023. [Tagung Kassel, Juni 2023]. Kassel University Press, Kassel , ISBN 978-3-7376-1196-1. Martin Gellermann: Auf dem Weg zur Bewältigung der Biodiversitätskrise: was bringt die EU-Verordnung zur Wiederherstellung der Natur?. In: EurUP: Zeitschrift für europäisches Umwelt- und Planungsrecht. () Bd. 22, H. 2 (2024), S. 215–226. Alexandra Dehnhardt, Josef Settele: Klimawandel und Biodiversitätskrise sind nur gemeinsam zu bewältigen. In: Ökologisches Wirtschaften. () Bd. 38, H. 4 (2023), S. 15–17. Harald Meimberg: Biodiversitätskrise und Ökosystemdienstleistungen. In: Erwin Schmid, Tobias Pröll (Hrsg.): Umwelt- und Bioressourcenmanagement für eine nachhaltige Zukunftsgestaltung. Springer Spektrum, Berlin , ISBN 978-3-662-60434-2, S. 130–143.
Weblinks IUCN: Why is biodiversity in crisis?
Einzelnachweise
Kategorie:Naturschutzökologie Kategorie:Makroökologie Kategorie:Ökologische Größe Kategorie:Aussterben