mini|„Was ist Wahrheit?“ – stilisierte katalanische Inschrift am Eingang der Sagrada Família, Barcelona
Was ist Wahrheit? ist im Johannes-Evangelium die Erwiderung des Pontius Pilatus auf die Bemerkung Jesu, in die Welt gekommen zu sein, um „Zeugnis für die Wahrheit“ abzulegen. Die Frage geht der Verurteilung Jesu zum Kreuzestod unmittelbar voraus und bleibt unbeantwortet: Pilatus wendet sich ab, ohne auf eine Antwort zu warten. Sie ist ein locus classicus für die Frage nach der Wahrheit als zentralem Thema der Philosophie und der Logik. Diese sogenannte Pilatusfrage ist vielfach künstlerisch sowie literarisch rezipiert und interpretiert worden.
Text Novum Testamentum GraeceNovum Testamentum Graece, 28. Auflage, Deutsche Bibelgesellschaft. Nova VulgataNova Vulgata, Bibliorum Sacrorum Editio. EinheitsübersetzungEinheitsübersetzung, ERF online und Deutsche Bibelgesellschaft. 37 37 Dixit itaque ei Pilatus: “ Ergo rex es tu? ”. Respondit Iesus: “ Tu dicis quia rex sum. Ego in hoc natus sum et ad hoc veni in mundum, ut testimonium perhibeam veritati; omnis, qui est ex veritate, audit meam vocem ”. 37 Pilatus sagte zu ihm: Also bist du doch ein König? Jesus antwortete: Du sagst es, ich bin ein König. Ich bin dazu geboren und dazu in die Welt gekommen, dass ich für die Wahrheit Zeugnis ablege. Jeder, der aus der Wahrheit ist, hört auf meine Stimme. 38 38 Dicit ei Pilatus: “ Quid est veritas? ”. Et cum hoc dixisset, iterum exivit ad Iudaeos et dicit eis: “ Ego nullam invenio in eo causam. ” 38 Pilatus sagte zu ihm: Was ist Wahrheit? Nachdem er das gesagt hatte, ging er wieder zu den Juden hinaus und sagte zu ihnen: Ich finde keinen Grund, ihn zu verurteilen.
Historizität mini|hochkant|Papyrus 52, das früheste Fragment eines kanonischen NT-Textes, mit Joh 18:37–38, um 100–150 In der historisch-kritischen Bibelwissenschaft wird davon ausgegangen, dass das Gespräch zwischen Jesus und Pilatus nicht authentisch bzw. eine Fiktion ist. Zunächst gilt das Johannesevangelium seit David Friedrich Strauß und Ferdinand Christian Baur grundsätzlich als historisch weniger vertrauenswürdig als die Synoptiker;Gerd Theißen, Annette Merz: Der historische Jesus. Ein Lehrbuch, Vandenhoeck und Ruprecht: Göttingen 2. Aufl. 1997. es bietet die am stärksten aufgrund theologischer Prämissen stilisierte Jesusfigur.Theißen/Merz: Der historische Jesus. Ein Lehrbuch (wie zuvor), S. 51. Für das konkrete Gespräch von Jesus und Pilatus kommt hinzu, dass dieses um die Begriffe Welt (Joh. 18,36) und Wahrheit (Joh. 18,37–38) kreist; dies sind aber zwei Schlüsselbegriffe des Johannesevangelisten, der sie hier entsprechend Jesus und Pilatus in den Mund gelegt haben dürfte.Alexander Demandt: Hände in Unschuld. Pontius Pilatus in der Geschichte, Böhlau: Köln–Weimar–Wien 1999, S. 154f. Auch bleibt unklar, wie der Inhalt eines innerhalb des Prätoriums geführten Gespräches zwischen Jesus und Pilatus nach außen dringen konnte, ja ob beide überhaupt miteinander geredet haben: „Von einem Dolmetscher ist nirgends die Rede, doch daß Jesus Griechisch oder gar Latein konnte, ist mehr als unwahrscheinlich“ (Alexander Demandt).
Analyse Welche Aussage die Frage des Pontius Pilatus genau haben sollte, ist umstritten.Warren W. Wiersbe: The Wiersbe Bible Commentary: The Complete New Testament. 2007, ISBN 978-0-7814-4539-9, S. 303. Carl Schmitt zufolge lässt sich die Haltung des Pilatus je nach Sichtweise als Ausdruck eines „müden Skeptizismus“, als Agnostizismus, als „Ausdruck überlegener Toleranz“ oder als früher Fall einer weltanschaulichen Neutralität von Staat und Verwaltung interpretieren.Carl Schmitt: Der Leviathan in der Staatslehre des Thomas Hobbes, Köln 1982, S. 67. Auch Spott oder gar eine Hinterfragung der Möglichkeit, Wahrheit richterlich feststellen zu können, können dahinter stecken – in jedem Falle aber wird die Behauptung Jesu, er lege für die Wahrheit Zeugnis ab, zurückgewiesen.
In dem Vers drückt sich auch die Vorstellung von der völligen Unschuld Jesu vor dem Urteil von Pilatus aus und damit die in den johanneischen Schriften besonders betonte Lamm-Gottes-Symbolik.Francis J. Moloney, Daniel J. Harrington: The Gospel of John. 1998, ISBN 0-8146-5806-7, S. 488–489. Zudem bezeugt er die Zweifel und die Skepsis von Pilatus, die in den Evangelien nahezu durchgängig als Untugend gewertet wird; Pilatus stellt sich mit seiner Frage dadurch außerhalb des Geistes der Heiligen Schrift.Alexander Demandt: Pontius Pilatus. C. H. Beck, München, 2013, S. 86.
Dies gilt umso mehr, als der Begriff der „Wahrheit“ insbesondere im Johannes-Evangelium stark christologisch aufgeladen ist: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater außer durch mich“ , spricht Jesus etwa zu seinem Jünger Thomas.Vergleiche auch: „Wenn ihr in meinem Wort bleibt, seid ihr wirklich meine Jünger. Dann werdet ihr die Wahrheit erkennen und die Wahrheit wird euch befreien“ , und „Heilige sie in der Wahrheit; dein Wort ist Wahrheit“ .
Im apokryphen Nikodemusevangelium aus dem 5. Jahrhundert wird der Dialog zwischen Pilatus und Jesus in den „Pilatusakten“ deutlich ausgebaut, so dass Pilatus auf seine Frage eine Antwort erhält:
Theologische Rezeption Mittelalterliche Theologen entdeckten in der lateinischen Fassung der Pilatusfrage, Quid est veritas?, ein Anagramm: Stellt man die Buchstaben um, ergibt sich die Antwort: Est vir qui adest,Artikel Anagramm, in: Der große Brockhaus in zwölf Bänden, 18. Aufl. Wiesbaden 1980, Bd. 1, S. 233. d. h. „(Wahrheit) ist der Mann, der anwesend ist“ – also Jesus selbst. Diese Aussage entspricht der theologischen Intention des Johannesevangelisten, auch wenn dieser ein entsprechendes Wortspiel nicht beabsichtigt haben kann, da sich mit dem griechischen Urtext τί ἐστιν ἀλήθεια kein vergleichbares Anagramm herstellen lässt.Justina Metzdorf: Wahrheit und Liebe, in: Communio, Internationale katholische Zeitschrift, 26. Oktober 2024, online.
Luther und Calvin sahen hinter der Frage „Was ist Wahrheit?“ beide den Zynismus des Machtmenschen Pilatus. Luther formulierte:
Calvin schrieb entsprechend, aber weniger drastisch (Komm. 442): „Dass Pilatus seine Worte spöttisch gemeint hat, wird daran deutlich, dass er sofort hinausgeht.“Vgl. Klaus Wengst 2019, wie zuvor.
Philosophische und künstlerische Rezeption mini|hochkant|Nikolai Ge, Was ist Wahrheit?, 1890 Die Frage des Pilatus ist in der Literatur und Kunst oft zitiert und referenziert worden, vor allem in Werken philosophischer Natur. Zwar ist sie nicht das erste oder früheste Beispiel für die konzeptionelle Hinterfragung eines Wahrheitsbegriffs, ihre kulturelle und religiöse Bedeutung durch ihre prominente Positionierung im Neuen Testament gibt ihr jedoch besondere Signifikanz.
Francis Bacon zitiert Pilatus zu Beginn seines Essays Of Truth.Francis Bacon: (1601). Webseite der Oregon State University. Seine Rede vom Jesting Pilate, vom ‚scherzenden Pilatus‘, der die Wahrheit nicht erkannt habe, weil er nicht auf sie warten wollte, wurde im Englischen zu einer Bezeichnung für die biblische Passage schlechthin und diente etwa Aldous Huxley als Titel für seinen gleichnamigen Reisebericht.
Nietzsche wiederum bezeichnete Pilatus in seiner Spätschrift Der Antichrist aufgrund seiner Frage als die einzige neutestamentliche Figur, die man wertschätzen könne:
Nikolai Ge machte die Frage zum Motiv seines gleichnamigen Werkes Was ist Wahrheit?, das in einer Reihe steht mit Gemälden anderer neutestamentlicher Themen, die er gegen Ende seines Lebens anfertigte. Michail Bulgakow führt die Beziehung zwischen Pilatus und Jesus in einer Binnenerzählung seines Romans Der Meister und Margarita (1928), einem Klassiker der russischen Literatur des 20. Jahrhunderts, noch weiter aus und greift dabei auch die Frage nach der Wahrheit auf, die auch direkt zitiert wird. Tim Rice setzt in der Rockoper Jesus Christ Superstar (1970) den Gedankengang des Pilatus fort: „But what is truth? Is truth unchanging law? / We both have truths – are mine the same as yours?“Jesus Christ Superstar. A Rock Opera by Andrew Lloyd Webber and Tim Rice, October 1970, Textheft zum LP-Album
Simon Blackburn schließlich bezeichnete das Diktum des Pilatus als „notorische Frage“, in der Relativisten und Absolutisten gleichermaßen „gefangen“ seien, da sie geradezu dazu herausfordere, auf einer „schwindelerregenden Abstraktionshöhe“ nach Antworten zu suchen.Simon Blackburn: Wahrheit. Ein Wegweiser für Skeptiker. Primus, Darmstadt, ISBN 3-89678-277-0, S. 75.
Einzelnachweise
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