Dieser Artikel befasst sich mit dem Sport im Alten Ägypten und bezieht sich ausschließlich auf die 31 Dynastien von der Prädynastischen Epoche bis in die Spätzeit der altägyptischen Geschichte (ca. 3032–2707 v. Chr. bis ca. 664–332 v. Chr.).
Geschichte Ägyptens Kulturgeschichte reicht bis zum Anfang des 3. Jahrtausends v. Chr. zurück und zählt somit zu den ältesten Kulturen der Menschheitsgeschichte. In diesem langen Geschichtsverlauf wurde das Land von 31 Dynastien regiert und es entwickelte sich eine durch die Jahrtausende gepflegte eigene Körperkultur.H. Brunner: Altägyptische Erziehung. In: G. Lukas (Hrsg.): Die Körperkulturen in frühen Epochen der Menschheitsentwicklung. Sportverlag Berlin, Berlin 1969, S. 53. Keine andere Kultur liefert ältere bildliche Darstellungen und schriftliche Nachrichten über den Sport. Somit stammen die ältesten Quellen zum Sport aus Ägypten.Wolfgang Decker: Sport und Spiel im Alten Ägypten. Beck, München 1987, ISBN 3-406-31575-5, S. 11.
Verglichen mit anderen antiken Kulturen ist die Anzahl der vorhandenen Quellen, besonders die der bildlichen Darstellungen, sehr reichhaltig. Dieser Quellenreichtum lässt sich unter anderem auf zahlreiche Grabbeigaben zurückführen, welche eine genaue Beobachtung und eingehende Kenntnis von sportlichen Übungen ermöglichen. Sie sollten dem als lebend gedachten Toten einen ästhetischen Genuss bereiten. Die Ägypter hatten bereits eine systematische Körperkultur mit gymnastischer Schulung, Kampfsport (Ringen, Faustkampf, Stockfechten) und Wassersport. Die Körperschule zeigt fast alle Arten der Gymnastik im heutigen Sinn.Gerhard Lukas: Die Körperkulturen in frühen Epochen der Menschheitsentwicklung. Sportverlag Berlin, Berlin 1969, S. 55.
Der Sportbegriff Die ägyptische Kultur ist einem anderen Sportbegriff verpflichtet, als ihn das moderne Wort widerspiegelt.Wolfgang Decker, Michael Herb: Bildatlas zum Sport im Alten Ägypten: Corpus der bildlichen Quellen zu Leibesübungen, Spiel, Jagd, Tanz & verwandten Themen. Band 1, Brill, Leiden 1994, ISBN 90-04-09882-8, S. 3. Die ägyptische Bezeichnung sḫmḫ-jb, was „sich vergnügen“ bedeutet, eignet sich im Grunde nicht ganz als Titelbezeichnung für den Sport im Allgemeinen. Der Sportbegriff hat sich selbst im Laufe der Geschichte verändert. Deshalb kann er, auf die antiken Körperkulturen bezogen, typische Elemente einschließen, die in der modernen Sportkultur fehlen und umgekehrt. Er wird daher hilfsweise als Oberbegriff verwendet, wenn sich auf die Leibesübungen der ägyptischen Kultur bezogen wird.Wolfgang Decker: Sport und Spiel im Alten Ägypten. Beck, München 1987, ISBN 3-406-31575-5.
Verglichen mit modernen Gesellschaften oder der griechischen Antike spielte das Agonale für den antiken ägyptischen Sport eine untergeordnete Rolle. Dies bedeutet nicht, dass es keinen sportlichen Wettkampf im antiken Ägypten gab. Auch hier wurden Wettkämpfe organisiert und vor ausgewähltem Publikum ausgetragen. Dies lässt sich zum Beispiel mithilfe der Ring- und Stockfechterszenen im Totentempel des Ramses III. nachweisen.Nelson et al.: Medinet Habu II. In: W.Decker (Hrsg.): Sport und Spiel im Alten Ägypten. München 1987, S. 113. Ein weiteres Beispiel ist der Wettkampfbericht der Lauf-Stele des Taharqa (25. Dynastie). Sie berichtet von einem Langstreckenlauf, der als Wettkampf durchgeführt wurde. Da die Überlegenheit des für die Ägypter übermenschlichen Königs (Pharao) nicht angezweifelt wurde, nahm dieser grundsätzlich nicht an Wettkämpfen teil. Ein Zweikampf zwischen gleichberechtigten Kräften unter Beteiligung des Pharaos war undenkbar.Wolfgang Decker: Sport und Spiel im Alten Ägypten. Beck, München 1987, ISBN 3-406-31575-5, S. 26.
Sport der Könige mini|Amenophis II. (18. Dynastie)
Der Pharao war im Alten Ägypten der Garant und Hüter der Weltordnung. Dieser Auffassung folgend mussten die aus dem Chaos entstammenden Feinde von ihm vertrieben werden. Dies wurde ihm durch den Einfluss der Götter ermöglicht, welche ihre Hand über ihn hielten. Der Pharao war somit die Zentralfigur der ägyptischen Gesellschaft. Auf ihn waren alle Vorstellungen und Gedanken gerichtet, die das Bestehen der Ordnung, die Existenz des Staates und das Wohlergehen der Ägypter betrafen.M. A. Littauer, J. H. Crouwel: Cariots and Related Equipment from the Tomb of Tut’ankhamũn. In: W. Decker (Hrsg.): Sport und Spiel im Alten Ägypten. München 1987, S. 28. Das Amt des Königs erforderte eine überragende physische Stärke. Er musste als unüberwindlicher Kriegsheld in Aktion treten, sobald das Königreich von Feinden bedroht wurde. Diese Unüberwindlichkeit ließ sich vorteilhaft mit sportlichen Großtaten unterstreichen. Die Sphinxstele des Amenophis II. (18. Dynastie) bringt dies zum Ausdruck. Der Sport war demnach für viele Könige Ägyptens bereits zu vorgeschichtlicher Zeit ein Mittel der Selbstdarstellung und spielte für eine bedeutende Rolle.Wolfgang Decker: Sport und Spiel im Alten Ägypten. Beck, München 1987, ISBN 3-406-31575-5, S. 12–13. Amenophis II. wurde als der Athlet auf dem ägyptischen Königsthron angesehen.Wolfgang Decker: Sport und Spiel im Alten Ägypten. Beck, München 1987, ISBN 3-406-31575-5, S. 27–31.
Die Blütezeit der sportlichen Pharaonen fällt hauptsächlich in die 18. Dynastie. Thutmosis III., sein Sohn Amenophis II. und wiederum dessen Sohn, Thutmosis IV., bauten eine sportliche Tradition auf, die gegen Ende der Dynastie unter Tutanchamun und Eje II. noch einmal auflebte. Die 18. Dynastie ist geprägt durch eine schwere Niederlage der Ägypter. Erstmals seit Bestehen des ägyptischen Staates, war es am Ende der 17. Dynastie Feinden gelungen, in das Niltal einzudringen und es größtenteils zu besetzen. Die Besatzer, die sogenannten Hyksos, waren im Besitz des leichten, von zwei Pferden gezogenen Streitwagens, der sich bald zu einem Statussymbol der ägyptischen staatstragenden Schicht entwickelte. Durch die für die Ägypter unbekannte Bewaffnung und den ungestümen Angriffsstil, waren die Wagenkrieger der Hyksos zunächst im Vorteil. Doch der Überraschungseffekt ließ mit einer zunehmenden Kenntnis über Wagen und Pferd nach. Zudem war er für die bestehenden Umweltverhältnisse nicht besonders gut geeignet, da Bergland, Wald, Wüste und die zahlreichen wasserführenden Kanäle in Ägypten für den Streitwagen eher hinderlich waren. Zusätzlich zu dem Gefährt verfügten die Hyksos über eine weitere den Ägyptern überlegene Waffe, den Kompositbogen. Nun lastete die Verpflichtung, Ägypten aus dieser schmählichen Situation zu befreien, insbesondere auf dem Pharao. Der Beginn der Freiheitskriege gegen die Hyksos wurde von Seqenenre (17. Dynastie) eingeleitet. Tödliche Verletzungen an dessen Mumie lassen vermuten, dass er sein Leben im Kampf gegen die Fremdherrscher verlor. Der Krieg wurde durch seine Nachfolger erfolgreich fortgesetzt, bis Ägypten in der Mitte des 16. Jahrhunderts v. Chr. wieder zu einem souveränen Großreich wurde. Regelmäßige Eroberungszüge unter Thutmosis III. (18. Dynastie) zielten auf das Verhindern eines wiederholten Hyksoseinfalls. Er leitete die Blütezeit der sportlichen Könige ein.Wolfgang Decker: Sport und Spiel im Alten Ägypten. Beck, München 1987, ISBN 3-406-31575-5, S. 30 f.
Der Lauf beim Jubiläumsfest mini|Modell: Totentempel des Djoser mit sich darauf befindender Laufstation
Das Sedfest war ein zentrales Jubiläumsfest des ägyptischen Königtums und ein Ritual mit großer Bedeutung. Es wird auch als Erneuerungsfest und „Ritual der Erneuerung“Wolfgang Decker: Sport und Spiel im Alten Ägypten. Beck, München 1987, ISBN 3-406-31575-5, S. 32. bezeichnet und ist in vielerlei Hinsicht trotz reichhaltiger Überlieferung noch wenig erforscht. Es besteht Einigkeit darin, Es wurde ursprünglich 30 Jahre nach dem Herrschaftsantritt gefeiert. Anschließend konnte es alle drei Jahre erneuert werden. Der Kern der Zeremonie war das traditionelle Laufritual, das der Pharao für die Machterneuerung absolvieren musste. Zudem wies der Lauf des Königs auf den Anspruch der erneuten Inbesitznahme des Herrschaftsbezirkes hin (Besitzergreifungslauf). Es wird vermutet, dass auch die Ablösung des Herrschers durch einen jungen, unverbrauchten Nachfolger zum Sedfest erfolgte. Hierbei qualifizierte sich der fähigste Prinz als Thronfolger. Eine gute Auskunft über einen möglichen Handlungsablauf des Sedfestes bietet die Stufenpyramide des Djoser (3. Dynastie) mit ihrem großen Hof und der sich darauf befindenden Laufstation.Wolfgang Decker: Sport und Spiel im Alten Ägypten. Beck, München 1987, ISBN 3-406-31575-5, S. 32–34. Es wird vermutet, dass es sich dabei um die älteste Sportanlage der Weltgeschichte handelt (um 2600 v. Chr.). Da es sich um eine Laufstation auf der Totenanlage des Königs handelt, war sie nicht der Standort für den wirklichen Lauf beim Sedfest, sondern sollte dem König die Gelegenheit geben, unzählige Sedfeste im Jenseits zu feiern. Allerdings erlaubte dies Rückschlüsse auf Vorrichtungen tatsächlich begangener Jubiläumsfeierlichkeiten. Es ist anzunehmen, dass der Lauf um halbrunde Grenzmarken des Herrschaftsbezirks absolviert werden musste, bei der eine Runde nicht mehr als 140 m betrug.A. J. Spencer: Two Enigmatic Hieroglyphs and their Relation to the Sed-Festival. In: D. Wiedemann: Der Sinn des Laufens im Alten Ägypten. Wien 1975, S. 64.
Bogenschießen mini|Grab des Tutanchamun: Kompositionsbogen und Pfeile