Die weiße FestungPamuk, Orhan: Die weiße Festung. Übersetzung ins Deutsche von Ingrid Iren. Hanser, München/Wien 2005. (türk. Originaltitel: Beyaz kale) ist der Titel eines 1985 veröffentlichten Romans des türkischen Schriftstellers Orhan Pamuk. Erzählt wird die Geschichte zweier Männer aus der christlich-westlichen und der muslimisch-östlichen Welt, die im osmanischen Istanbul des 17. Jahrhunderts als Herr und Sklave miteinander konfrontiert werden und bei ihren wissenschaftlichen Forschungen zunehmend in teils freundschaftlicher, teils spannungsreicher Kooperation ihre personale und kulturelle Identität verlieren, bis sie schließlich ihre Biographien wechseln und den Lebenslauf des anderen fortsetzen. mini|350px|Der Hodscha berät im Topkapi-Palast als Oberster Sterndeuter den Sultan Mehmed IV. Später übernimmt der Erzähler diese Rolle.

Inhalt Gefangennahme Auf dem Weg von Venedig nach Neapel wird die Galeere des 23-jährigen Ich-Erzählers, der in Florenz und Venedig Astronomie, Ingenieurwesen und Malerei studiert hat, von einem türkischen Schiff gekapert (Kap. I). In Istanbul muss er anfänglich als Sklave für den Mauerbau Steine schleppen. Da er sich als Arzt ausgibt und Verwundete verpflegt, verdient er etwas Geld und genießt so einige Privilegien. Ein hoher Beamter, Sadik Pascha, erfährt davon und lässt seine Asthmaerkrankung von ihm behandeln. Da er an die Heilkraft der verabreichten Pillen glaubt, fühlt er sich besser und beauftragt nach einiger Zeit den jungen Gelehrten, als Assistent eines Hodschas ein Feuerwerk, das alles bisher Dagewesene übertreffen soll, für die Hochzeit seines Sohnes mit der Tochter des Großwesirs zu organisieren.

Herr und Sklave Der Erzähler hofft nach einem Erfolg, in seine Heimat zurückkehren zu dürfen und experimentiert zusammen mit dem Vorgesetzten an neuen explosiven Mixturen für Raketen, verschiedenfarbige Feuerräder, sprühende Kaskaden usw. (Kap. II). Sie bauen am Ufer des Goldenen Horns und auf vorbeigleitenden Pappschiffen Türme und riesenhafte illuminierte Puppen und inszenieren mit ihnen Spielszenen, z. B. Drachenkämpfe oder eine Satansverbrennung. Zehn Abende begeistern diese Vorführungen das Publikum und beeindrucken den Pascha.

In der Folge entsteht zwischen dem Erzähler und dem Hodscha, die ein ähnliches Aussehen haben, eine Doppelgänger-Beziehung. Zu Beginn des Experiments haben beide geringe Erfahrungen und arbeiten sich durch die Anwendung theoretischer Kenntnisse auf Istanbuler Farbpulver in ihr Aufgabengebiet ein. Dabei entwickelt sich ein Verhältnis aus Affinität und Abstoßung, wobei der Hodscha schrittweise Gedanken und Wissen seines Sklaven für seine Idee übernimmt, durch eine Modernisierung die Entwicklung seines Landes zu fördern. In diesem Prozess reduziert er die unterschiedlichen Traditionen schließlich auf den Kern und entdeckt dabei große Übereinstimmungen und Ähnlichkeiten. Umgekehrt geschieht beim Sklaven eine entsprechende Anpassung, so dass sie schließlich Heimat und Familie tauschen. Hintergrund ist die Diskussion am Hof des Sultans über die Vereinbarung der westlichen wissenschaftlichen Methoden mit den türkischen religiösen Traditionen und der Kampf der verschiedenen Fraktionen um ihren Einfluss auf den Herrscher.

Stufen der Annäherung Kap. II. Der Hodscha und der Erzähler erhalten vom Pascha den Auftrag, ein Prachtfeuerwerk zu organisieren. Dafür experimentieren sie gemeinsam an neuartigen Raketen.

Kap. III. Der Türke informiert sich über die Wissensgebiete (z. B. Astronomie, Ingenieurwissenschaften) des Venezianers, erfindet ein astronomisches Planetenmodell und eine Gebetszeiten-Uhr, die er dem Sultan vorführt, stößt dabei allerdings auf den Widerstand der Traditionalisten am Hof und in der Bevölkerung.

Kap IV. Der Hodscha möchte alles über den Sklaven und die Denkweise der »anderen« wissen und lässt ihn, um ein Tier-Lexikon für den jungen Sultan zu verfassen, seine Kindheitserinnerungen aufschreiben.

Kap. V. Es folgt der Blick in das Innere des Menschen: v. a. die, unter dem Mantel der Fiktion, spielerische Preisgabe ihrer Sünden.

Kap VI. Der Hodscha nutzt die sich entfaltende Übereinstimmung im Denken, um seine Schattenseiten (die Angst vor dem Pesttod) auf den anderen zu projizieren.

Kap. VII. Nach der, vom Hodscha als Verrat empfunden, Flucht des Christen auf die Insel Heybeli holt ihn der Türke nach Istanbul zurück, um im Auftrag des Sultans etwas gegen eine Pestepidemie zu unternehmen. Dabei verändern sie geschickt die Interpretation, alles sei Allahs Wille, und setzen ihre Methode der Quarantäne gegen die strenggläubige islamistische Auffassung durch.

Kap. VIII. Nach dem Erfolg wird der Hodscha oberster Sterndeuter und hofft, beim Sultan seinen Plan der Wissenschaften durchzusetzen.

Kap. IX. Während der Hodscha an der Entwicklung einer neuen Kanone, dann einer gepanzerten Kriegsmaschine für die Feldzüge arbeitet, gewinnt der Erzähler bei seinen Besuchen im Serail das Vertrauen des Herrschers und nimmt am Hofleben und an Festen teil. Dadurch verstärkt sich der Zerfall seiner Identität: In einem Traum sieht er den Platztausch mit dem Hodscha voraus.

Kap. X. Beim Kriegszug gegen Polen muss der Hodscha vor der uneinnehmbaren Festung Doppio sein Scheitern eingestehen: Er hat weder durch die erzwungenen Geständnisse der christlichen und moslemischen Bauern die Wahrheit über ihre angeblich unterschiedlichen Gedanken herausgefunden noch mit seiner Erfindung die Eroberung erreicht. Er tauscht seine Biographie mit der des Erzählers und flieht in ein neues Leben nach Italien.

Kap. XI. Der Erzähler dagegen führt als Hodscha das Amt des obersten Sterndeuters und Beraters des Herrschers in Istanbul weiter, heiratet und wird Familienvater. Mit dem Sultan erörtert er die Frage der Identität und des Unterschieds zwischen den Kulturen. Dann zieht er sich auf sein Landgut in Gebze zurück und schreibt das vorliegende Buch.

Analyse Historischer Hintergrund Die Romanhandlung spielt zur Regierungszeit des Sultans Mehmed IV. zwischen 1648 und 1687. Pamuk übernimmt aus der Historie für seine fiktive Gestaltung neben dem Regierungs- und Gesellschaftssystem auch einige Details: Während der Herrscher lieber auf die Jagd geht, führen seine Großwesire, Köprülü Mehmed Pascha bzw. sein Sohn Köprülü Fâzıl Ahmed Pascha Kriege gegen die Republik Venedig bzw. die Habsburgermonarchie und erweitern auf der Balkanhalbinsel ihre europäischen Besitzungen. Das Desinteresse des Sultans an der Politik und seine Beeinflussbarkeit durch die Serailfraktionen übernimmt Pamuk für die Charakterisierung der Romanfigur. Auch die Palastrevolte von Mehmeds Großmutter Kösem Mahpeyker, im Roman „Kösem Sultan“ genannt, 1651, die nach ihrer Niederlage und dem Ende ihres Amtes als Regentin für den minderjährigen Enkel erdrosselt wird, ist mit der Anspielung auf die als Weiberherrschaft bezeichnete Vormundschaft der Frauen und Mütter für ihre unmündigen Kinder bzw. kranken Männer eingeflossen. Um sich von deren Bevormundung zu befreien, versucht der Hodscha den Herrscher zur Übernahme der Regierung zu drängen. Die kriegerischen Auseinandersetzungen mit Venedig führen zur Gefangennahme und Versklavung des Erzählers zu Beginn der Romanhandlung. Im vorletzten Kapitel nehmen die Protagonisten am Feldzug gegen die polnische Ukraine in den 70er Jahren des 17. Jahrhunderts teil.

Das Auftauchen historische Szenen und Episoden „wie Gespenster“FAZ 5. Juli 2005. Ich werde sehr sorgfältig über meine Worte nachdenken. in Rot ist mein Name und Die weiße Festung erklärt Pamuk mit seiner eigenen ambivalenten Haltung dem westlichen Europa gegenüber: „Ich kehre immer wieder gern zu den Wundern und Schönheiten der osmanischen Vergangenheit zurück, nicht nur, weil ich dort viele vergessene Schätze wiederentdecke, sondern weil es ein sicherer Hafen ist, der mich vor den Stürmen westlicher Einflüsse schützt […] Im Grunde interessiert mich die osmanische Literatur und Kultur viel mehr als die osmanische Geschichte. Meine historische Vorstellungskraft gibt mir die Möglichkeit, mit der Haßliebe, die mich mit der westlichen Kultur verbindet, zurechtzukommen.“FAZ. 6. Juli 2005. Nr. 154, S. 35. Ich werde sehr sorgfältig über meine Worte nachdenken.

Westlich geprägte Moderne und islamische Tradition Seine Position zwischen östlicher und westlicher kultureller Tradition bestimmt Pamuk mit: „nicht-westlich“. Diese „andere“ Tradition ist ein konstanter Quell der Anregung und Originalität für mich. Es ist eine Herausforderung, wenn man die klassische osmanisch-türkisch-islamische Kultur mit „westlichen Augen“ betrachtet, um sie mit etwas zu verbinden, was sie nicht ist und nie war. Meine Romane bestehen aus einer solchen Verbindung von Bildern, Geschichten, Vorstellungen und Texturen, die aus zwei unterschiedlichen Quellen der Zivilisation stammen.“ In dieser Polarität fühlt sich Pamuk mit dem Russen Dostojewski verwandt, „der wie [er] am Rande Europas in ständigem Ringen mit europäischem Gedankengut lebt […] In ihm erkennt er nicht nur die eigene Position wieder, denn „weite Teile der modernen Literatur [seien] gerade aus dieser quälenden Spannung erwachsen […]: Ein Europäer zu sein und gleichzeitig einen großen Abscheu davor zu empfinden“.

Wissenschaft und Religion Ausgangssituation der Weißen Festung ist eine kriegerische Auseinandersetzung zwischen dem osmanischen Reich und der Republik Venedig mit ausgeprägten Gut-Böse-Feindbildern. Die Türken fühlen sich einerseits als Sieger den Feinden gegenüber überlegen, haben jedoch Defizite, und dadurch Minderwertigkeitsgefühle, gegenüber den Wissenschaften der toskanischen Hochkultur. Entsprechend beginnt die Beziehung der Protagonisten mit einer Herr-Sklaven-Hierarchie.

Nach dem Erfolg des Feuerwerks bietet der Pascha dem Erzähler an, ihn freizulassen, wenn er Moslem würde, denn der Islam sei ein viel höherstehender Glaube. Auch bei der dritten Aufforderung, als man ihm mit dem Köpfen droht, widersteht er und der Pascha schenkt ihn dem Hodscha. Dieser ignoriert anfänglich seine äußere Ähnlichkeit mit dem Christen und beobachtet ihn während ihrer Gespräche über das Sternensystem, die ptolemäische Kosmographie: „Er schien sein Spiel mit mir zu treiben, mich einem kleinen Versuch auszusetzen und daraus etwas zu lernen, das mir verborgen blieb, weil er mich in diesen ersten Tagen stets so anschaute, als lerne er etwas Neues und würde mit dem neu Erlernten nur noch wißbegieriger. Doch dann schien er Skrupel zu haben, einen Schritt weiter zu tun, um jene Kenntnisse zu vertiefen. Und dieses ungereimte Abbrechen, das war es, was mich bedrückte.“Pamuk, Orhan: Die weiße Festung. Fischer, Frankfurt am Main 2008, ISBN 978-3-596-17762-2, S. 29 f. Nach dieser Ausgabe wird zitiert.

Der Hodscha möchte dann von seinem neuen Sklaven alles erfahren, was dieser an den italienischen Universitäten gelernt hat und auch, was er darüber denke: „Gemeinsam würden wir forschen, gemeinsam finden, gemeinsam vorankommen.“Pamuk, S. 41. Wie der größere überlegenere Bruder lehrt er den kleineren, bis der Unterschied der Kenntnisse ausgeglichen ist. Dann aber nimmt der Hodscha die geistig dominierende Stellung ein, indem er behauptet, es „sei ihm ein von Natur gegebenes, tieferes Wissen zu eigen, welches die von ihm in der Mehrzahl sogar als wertlos bezeichneten Bücher über[trifft]“.Pamuk, S. 42.