mini|Blick von der Eigelsteintorburg Richtung Norden zur Agneskirche (um 1901) mini|Eigelstein, Blick Richtung Süden ins Eigelstein-Viertel
Der Eigelstein ist eine bereits in der römischen Epoche der Stadt nachgewiesene Straße in der Kölner Altstadt-Nord, welche heute die zentrale Achse des nach ihr benannten Eigelstein-Viertels bildet; sie verläuft geradlinig in Süd-Nord-Richtung mit einer Länge von 568 Metern von der Turiner Straße über die Eigelsteintorburg bis zum Ebertplatz.
Geschichte mini|Eigelstein – „Off dem eigelstein“ in Höhe des Machabäer-Klosters in der Kölner Stadtansicht von 1570 des Arnold Mercator mini|Blick vom Eigelstein auf die Eigelsteintorburg (1879/80)
Der Eigelstein stellte als nördliche Verlängerung des städtischen Cardo maximus einen Teil der römischen Heerstraße (heute Bundesstraße 9) dar, die von Köln zum Legionslager nach Neuss führte. Hierüber marschierten die römischen Legionen bei ihren Verlegungen zwischen Köln und dem Niederrhein. Noch bis zum 17. Jahrhundert taucht der Name „platea aquilina“ (Adlersgasse) auf. Die französischen Besatzer verwendeten stattdessen die Bezeichnung rue de l’aigle (Adlerstraße). Trankgasse, Marzellenstraße, Eigelstein sowie im weiteren Verlauf die Neusser Straße markieren noch heute die gradlinige Trasse der römischen Limesstraße. Ein römisches Grabgelände säumte die Gegend um diese Heerstraße. In dieser Gegend waren wegen besonders reinem, diluvialen Sand in vorclaudischer Zeit (Mitte des ersten Jahrhunderts n. Chr.) die ältesten Glashütten der Stadt Köln angesiedelt. In den Häusern Eigelstein Nr. 14 und Nr. 35–39 wurden Überreste von 17 runden und rechteckigen Glasöfen nachgewiesen.Fritz Fremersdorf: Die Anfänge der römischen Glashütten Kölns. In: Kölner Jahrbuch für Vor- und Frühgeschichte. 8, 1965/1966, S. 24–43.
Die lange umstrittene Namensherkunft „Eigelstein“ scheint geklärt: Lange Zeit sollte der Name entweder vom lateinischen aquila (Adler), dem Wappentier der römischen Legionen, oder von rue de l’aigle, dem Straßennamen aus der französischen Besatzungszeit ab 1794 abstammen. Allerdings befanden sich seinerzeit an der Limesstraße Friedhöfe, auf deren Grabmälern häufig steinerne Pinienzapfen als Symbol der Unsterblichkeit angebracht waren: Diese sahen für die Kölner aus wie Eicheln, also nannte man sie „Eychelsteyne“. In: Kölnische Rundschau. 28. Januar 2014.Dies war auch beim Mainzer Friedhof der Fall, der in einer Urkunde aus 1275 „Eychelstein“ genannt wurde, woraus man 1646 „Eygelstein“ ableitete Der wenig urbane Charakter der Gegend wird noch 1655 bestätigt, als Rechtsfragen im Zusammenhang mit einem am Eigelstein gefangenen Hirsch auftauchten.
Bauerbank Die Ackerbauern Kölns wirtschafteten innerhalb der Stadt und schlossen sich in Bauerbänken („Boorbank“) – einer Art Bauernverband – zusammen. Die ersten Statuten der Bauernschaft vom Eigelstein stammen vom 30. September 1391. Diese Bauerbank war die größte und einflussreichste der fünf Kölner Bauerbänke. Die Verhandlungen des Bauerngeding („Burgeding“) fanden in den Torburgen statt, sie wurden von zwei Bauermeistern („Geburmeistere“) geleitet, der Eigelstein hatte 12 Bauermeister.Albrecht Corder, Joachim Rückert, Reiner Schulze: Stadt – Gemeinde – Genossenschaft. 2003, S. 192. Verhandlungsgegenstand waren insbesondere Feldfrevel, Nachbarstreit und die Einhaltung der Flurordnungen. Im Jahre 1442 führte hier Johann von Merrhem gegen die Bauernschaft einen Prozess wegen der „Viehdrift auf dem Eigelstein“. Die Eigelsteiner Bauerbank war noch bis nach 1740 tätig.
Erbvogtei Ein Kölner Gericht des Erbvogtes befand sich ebenfalls am Eigelstein. Es lag ursprünglich in Volkhoven, wurde jedoch wegen gegenseitiger Streitigkeiten zum Eigelstein verlegt.Peter Fuchs (Hrsg.) Chronik zur Geschichte der Stadt Köln. Band 1, 1990, ISBN 3-7743-0259-6, S. 322. Der Hof der Erbvogtei war schon 1262 von dem Erbvogt Rütger (Rüdiger I von Heppendorf, Erbvogt von Köln; † 10. Januar 1268 im Kampf) angekauft worden. Seit 1292 gibt es die durch Bur(g)bannmeister wahrgenommene Bur(g)bann, die kleinere Vergehen auf dem Feld wie Schelten, Schlagen, Stehlen, Überbauen, Graben und Feldschaden zu ahnden hatte. Dem Gericht unterstand das Gebiet zwischen dem Gereonbezirk rheinwärts und umfasste Teile der Kunibertpfarre. Weiter unterstellt waren ihm die erbvogteilichen Bereiche des Hachtbezirkes. Den Vorsitz hatte ein vom Erbvogt eingesetzter Schultheiß. Am 24. März 1422 verlangten Johann von Esch und andere Kölner Bürger, dass der vom Schöffen des Eigelsteingerichts auf Esch gelegte Kummer wegen Ungesetzlichkeit abgestellt werde.Mittheilungen aus dem Stadtarchiv von Köln. Band 10, 1896, S. 277. Am 2. September 1436 belehnt der Kölner Erbvogt Gumprecht II. von Neuenahr den Werner Overstolz mit 24 Morgen Land, am 14. Februar 1458 verkauft Heinrich von Unkelbach dem Bierbrauer Thomas von der Linden gerichtlich einen halben Morgen Land vor dem Eigelsteintor. Erzbischof Ernst von Köln benannte im Jahre 1590 Appellationsrichter für das Gericht am Eigelstein. Vor dem Eigelsteingericht verkaufte Anna Maria Therlaens am 2. Mai 1679 insgesamt drei Morgen Gartenland (Mariengarten vor der Eigelsteinpforte). Das Vogteigericht unterstand seit 1689 dem Erzbischof.
Schule, Kloster und Handwerk Im Jahre 1450 hatte der Theologie-Professor Johannes von Kuyck die Burse „Bursa Cucaña“ („Bursa Kuck’“) am Eigelstein errichtet, aus der sich später das heutige Dreikönigsgymnasium entwickelte. Die Burse wurde 1550 wegen Baufälligkeit auf die Maximinenstraße in das Haus „zu den drei Kronen“ verlegt. Das Kloster St. Maria Magdalena zur Buße bestand von 1468 bis 1802 und nahm Huren aus der Umgebung auf. „Ließen diese Personen von ihrem liederlichen Leben ab, so wurden sie in das dazu bestimmte Kloster aufgenommen“;Friedrich Everhard Freiherr von Mering, Ernst Weyden (Hrsg.): Geschichte der Burgen, Rittergüter, Abteien und Klöster in den Rheinlanden. 1833, S. 136 f. sie zettelten aber hier 1492 einen Aufstand – vermutlich wegen Zwangsarbeit – an.Maria Magdalena ist die Schutzheilige unter anderem der Frauen, der Verführten und der reuigen Sünderinnen
Die Gegend um den „Eygelsteyn“ war im Mittelalter ein Handwerker- und Kleingewerbeviertel. Hierzu gehörte der Buchdrucker Heinrich von Neuss, der hier am 30. September 1508 die „Evangelienharmonie“ druckte: „Vnd is gedruckt worden tzo Coellen vp dem Eygelsteyn by den Ersamen burger Hinrich van Nuyß…“Christoph Reske: Die Buchdrucker des 16. und 17. Jahrhunderts im deutschen Sprachgebiet. 2007, S. 428. Später präzisierte er die Adresse seines Druckhauses mit dem Hinweis „Haus zum Leopard“ („tzom Leubard“), das allerdings wahrscheinlich am Neumarkt lag (Kölner Alexianer). Im selben Jahr 1508 wurde den Inhabern von Tavernen, Herbergen und Garküchen auf dem Eigelstein und einigen anderen Straßen verboten, den Studenten Getränke zu verabreichen.Leonard Ennen: Geschichte der Stadt Köln. Band 3, 1869, S. 886.
Bauwerke mini|Gaststätte Brüsseler Hof (1840) mini|Gaststätte Em halve Mond (1880) Ältestes Bauwerk ist die nach dem Eigelstein benannte Eigelsteintorburg, die ursprünglich „porta aquilina“ und später „porta eigilis“ hieß, im Mittelalter „Eygelsteynsportzen“ und ab 1812 „porte l’aigle“ genannt wurde. Sie wurde zwischen 1228 und 1260 als Teil der Kölner Stadtmauer errichtet, allerdings erst 1313 urkundlich erwähntPeter Fuchs (Hrsg.) Chronik zur Geschichte der Stadt Köln. Band 1, 1990, S. 168. und wahrscheinlich 1424 weitgehend abgerissen.Peter Fuchs (Hrsg.) Chronik zur Geschichte der Stadt Köln. Band 1, 1990, S. 164. 1889 erfolgte ihre Renovierung und Ausbau. Seit Juni 1990 ist sie Heimat der Offenen Jazz Haus Schule. Unklar ist der Standort des am 17. Mai 1744 von Architekt Nikolaus Krakamp hier fertiggestellten „Marvorenhauses“. Bis 2015Eigelstein-Viertel hat neue Attraktion: Frühere Gaffel-Brauerei jetzt hippes Hotel, bild.de, 1. Oktober 2020. wurde in Eigelstein Nr. 41–43 Kölsch gebraut, die verglaste Hausfront des Gebäudes der Privatbrauerei Gaffel Becker & Co ermöglichte einen Blick auf Teile der Brauanlage. Hier erwarb im Jahre 1170 Ezelin der Bruer („Ezelinus bruere“) – der erste namentlich genannte Bierbrauer Kölns – durch Grundbucheintragung im Bezirk Niederich als Käufer ein halbes Haus. 1822 eröffnete an derselben Adresse das Hotel „Brüsseler Hof“. Einflussreiche Bauern trafen sich im Brauhaus „Em halve Mond“ (Nr. 90; errichtet 1676), wo sie 1852 die „Carnevals-Gesellschaft Greesberger“ gründeten (die Greesbergstraße liegt heute nahe der Torburg). Unter Nr. 101 steht ein um 1890 errichtetes und seit 1. Juli 1980 unter Denkmalschutz stehendes Wohn- und Geschäftshaus. Das Wohnhaus Nr. 115 ist mit 2,56 Metern Breite und einer Länge von 30 Metern das schmalste Haus Kölns, 1997 für 1,1 Millionen DM errichtet.Vgl. hierzu Schmalstes Haus und höchste Hausnummer. Es besitzt keine eigenen Seitenwände, sondern nutzt die Brandmauern der Nachbargebäude. Nr. 121 beherbergt das Brauhaus Em Kölsche Boor (Im kölschen Bauer), das seit September 1760 vom Bierbrauer Mathias Lölgen zunächst unter dem Namen „Zum Elephanten“ geführt wurde und seit 1907 den heutigen Namen trägt. Nr. 126 ist ein um 1890 erbautes Wohnhaus.
Neuzeit mini|Eigelstein Nr. 115 – schmalstes Haus mini|Eigelstein Nr. 126 Am 13. September 1804 zog Napoleon Bonaparte während der Franzosenzeit bei seinem Staatsbesuch mit Glockengeläut und Kanonendonner feierlich durch das Eigelsteintor ein,Carl Dietmar, Werner Jung: Kleine illustrierte Geschichte der Stadt Köln. 2002, S. 128. um vom Eigelstein über die Marzellenstraße, Hohe Straße und Schildergasse den Neumarkt zu erreichen. Er logierte am Neumarkt im Blankenheimer Hof.
Als der Rat der Stadt Köln am 9. Januar 1883 beschloss, die Gleisanlagen der Eisenbahn in der Stadt höher zu legen und auf Dämmen oder gemauerten Viadukten durch die Stadt zu führen, hatte dies Auswirkungen auch auf den Eigelstein. Die Eisenbahnführung vom/zum Kölner Hauptbahnhof besteht überwiegend aus Dammschüttung, lediglich die Strecke vom Eigelstein bis zum Hansaring wird auf Viadukten geführt.H. Wiethause, K. Schellen, Joseph Stübben: Köln und seine Bauten. 1888, S. 379. Um die vorgeschriebene Lichthöhe von 4,64 Metern für die Eigelstein-Unterführung zu erreichen, musste die Straße – die zu den höchstgelegenen der Stadt gehört – um rund zwei Meter gesenkt werden.
Dem Kölner Braukataster zufolge waren auf dem Eigelstein im Jahre 1838 insgesamt 18 Brauereien registriert. Ab 1359 ist das Brauhaus „Zur Mühle“ belegt, 1476 „Zum Bierbaum“, im Jahre 1690 führt die Brauereifamilie Wiedenfeld im Hause Nr. 51 die Wirtschaft „Zum Overstolz“ und 1798 ist „Zum Bensberg“ in Nr. 81 registriert. Die Gaffel-Brauerei hatte ihren Sitz in Nr. 41 seit dem 24. Mai 1908. In Nr. 51 wurde am 10. September 1919 das zunächst mit 640 Plätzen ausgestattete und 1958 auf 800 Sitze erweiterte Olympia-Kino eröffnet, das 1971 abgerissen wurde. Die Warenhauskette Tietz unterhielt ab 1929 am Eigelstein Nr. 81–83 eine Filiale mit 82 Beschäftigten, die kleinste der 17 großen Tietz-Filialen. Am 24. Februar 1933 wurden bei Auseinandersetzungen zwischen Kommunisten und Nationalsozialisten im Eigelstein-Viertel die SA-Leute Walter Spangenberg und Winand Winterberg erschossen.Peter Fuchs (Hrsg.) Chronik zur Geschichte der Stadt Köln. Band 2, 1991, ISBN 3-7743-0261-8, S. 227.
Die Gaffel-Brauerei entschied im August 2014, dass die gesamte Bierproduktion vom Eigelstein aus Kapazitäts- und Produktivitätsgründen nach Porz-Gremberghoven verlagert wird;Gaffel verlässt den Eigelstein. In: Kölner Stadt-Anzeiger. 13. August 2014. die Stadtplanung sieht für das freiwerdende Areal eine Wohnbebauung vor.
Eigelstein-Viertel alt=Nachtaufnahme einer Gasse mit Kopfsteinpflaster. Links eine Gaststätte mit Schild "Anno Pief", rechts in einer leichten Linkskurve mehrere alte Mehrfamilienhäuser|mini|Im Stavenhof, bis 1972 eine berüchtigte Bordellstraße Kölns