mini|Die unteren Pfeifen sind spiegelbildlich angebracht und hängen mit dem Kopf nach unten (Marienstiftskirche Lich) Das Spiegelprinzipal ist ein doppelt besetztes Prinzipalregister einer Orgel, das spiegelbildlich im Prospekt angebracht ist.
Geschichte mini|links|hochkant|Aufeinandergelötete Pfeifenfüße, im Rückpositiv in den Ecktürmen, im Hauptwerk in Flachfeldern (Middelburg, Chorkirche) Bereits in der Spätgotik wurden Prinzipalregister mehrfach besetzt. Besonders um 1480 bis etwa 1520 begegnen doppelte Prinzipale in spätgotischen Orgelwerken. Früheste Beispiele finden sich in der Zwoller Liebfrauenbasilika (1447 Meister Vastart und 1454 Jacob van Bilsteyn) und in der Abtei Middelburg (1480 Peter Gerritsz). Das Spiegelprinzipal begegnet erstmals im spätgotischen Orgelbau in Brabant. Die Bauweise erfuhr in der Renaissance und im Frühbarock ihren Höhepunkt und war Ausdruck einer meisterschaftlichen Handwerkskunst. Das Spiegelprinzipal kam für den Diskantbereich zum Einsatz und trat nicht selten zusammen mit ziselierten und bossierten Prospektpfeifen auf. Im Brabanter Orgelbau wurden die Pfeifenfüße des Spiegelprinzipals zusammengelötet, so auch im Rückpositiv der großen Orgel von St. Johannis, Lüneburg, die Hendrik Niehoff im Jahr 1553 schuf.
Da im Zeitalter des Klassizismus und vor allem in der Romantik der Flächenprospekt Einzug hielt, verschwand diese alte Technik. Erst bei neueren Orgeln werden Spiegelfelder vor allem wieder von Orgelbauern eingesetzt, die dem historischen Orgelbau verpflichtet sind.
Bauweise Das Spiegelprinzipal wird in der Regel in den Flachfeldern, seltener in Pfeifentürmen eingesetzt. Die Einzelpfeife wird wie das herkömmliche Prinzipal gebaut, aber im Diskantbereich zweifach besetzt. Ein Pfeifenpaar derselben Tonhöhe wird jeweils spiegelbildlich montiert. Für die Befestigung der nach unten hängenden Pfeife gibt es zwei verschiedene Bauweisen. Wird ein Pfeifenstock eingesetzt, ruht die eine Pfeife wie gewöhnlich aufrecht auf dem Stock, während die hängende Pfeife von unten gegen ein (beledertes) Loch an der Unterseite des Pfeifenstocks gedrückt wird. Sie wird durch einen aufgelöteten Bügel an der Rückseite, der an einem Stift auf einer Leiste befestigt wird, vor dem Herausfallen geschützt. Alternativ wird auf den Pfeifenstock verzichtet und werden die Pfeifenfüße zusammengelötet. Die Windzufuhr erfolgt dann über Bleiröhrchen (sogenannte „Kondukte“).New Lammermuir Organ for St. Joseph's R.C.Church Leicester (englisch), abgerufen am 15. Mai 2019.
Beispiele Jahr Ort Kirche Bild Orgelbauer Manuale Register Anmerkungen 1479 Middelburg Onze-Lieve-Vrouwe Abdij, Chorkirche 160x160px Peter Gerritsz II/P 5 ursprünglich in der Utrechter Nicolaïkerk; beide Manuale bedienen ein Blockwerk (VII–XVIII im Hauptwerk; IV–VIII im Oberwerk);Disposition der Rekonstruktion im Orgelpark, abgerufen am 15. Mai 2019 (PDF-Datei; 52 kB).1551–1553 Lüneburg St. Johannis, große Orgel zentriert|160x160pxHendrik Niehoff/Jasper Johansen III/P 26 → Orgeln von St. Johannis (Lüneburg) 1557 Brouwershaven Grote of Sint-Nicolaaskerk zentriert|160x160pxHendrik Niehoff? II/P ZuschreibungVente: Die Brabanter Orgel. 1963, S. 91. 1556–1563 Abcoude Katholische Kirche zentriert|160x160px Hendrik Niehoff II/P 18 Spiegelprinzipal in den Spitztürmen des RückpositivsVente: Die Brabanter Orgel. 1963, S. 187. 1614 Butzbach Markuskirche zentriert|160x160pxGeorg Wagner II/P historischer Prospekt → OrgelBösken, Fischer: Quellen und Forschungen zur Orgelgeschichte des Mittelrheins. Bd. 3. 1988, S. 215. 1618 ’s-Hertogenbosch St.-Johannes-Kathedrale zentriert|160x160px Florentius Hocque III/P 351621–1624 Lich Marienstiftskirche Lich 160x160pxGeorg Wagner II/P 20 historischer Prospekt → OrgelnBösken, Fischer: Quellen und Forschungen zur Orgelgeschichte des Mittelrheins. Bd. 3. 1988, S. 616. 1628/1638–1643 Leiden Pieterskerk zentriert|160x160pxJacob Jansz/Jan Jacobs Lin, Galtus Germer van Hagerbeer III/P 35 1638–1645 Alkmaar Laurenskerk zentriert|160x160pxGaltus Germer und Jacobus van Hagerbeer III/P 40 1732 Berchum Ev. Kirche 160x160px unbekannt II/P 12 historischer Prospekt mit Spiegelprinzipal → Orgel der Berchumer Kircheum 1740 Kempten (Allgäu) Kloster Heiligkreuz unbekannt I/P 121960–1961 Aurich Lambertikirche, Hauptorgel 160x160pxAhrend & Brunzema II/P 25 2023 erweitert auf III/29 → Orgel 1967 Northeim Corviniuskirche zentriert|160x160px Rudolf Janke III/P 29 Spiegelprinzipal im Rückpositiv 1982 Bellaire (Texas) Presbyterian Church zentriert|160x160px Rudolf Janke II/P 17 1982 Kristiansand (Norwegen) Ev.-luth. Freikirche zentriert|160x160px Rudolf Janke II/P 17 baugleich mit Jankes Instrument in Bellaire 1987 Münster St.-Paulus-Dom zentriert|160x160px Johannes Klais Orgelbau IV/P 74 → Orgeln des St.-Paulus-Doms 2000 Leicester St Joseph’s R C Church Lammermuir II/P 15Orgel in Leicester, abgerufen am 15. Mai 2019. 2003 Stiepel Dorfkirche Stiepel 160x160pxHarm Dieder Kirschner II/P 15 Spiegelprinzipal im Prospekt hinter den Bass- und Tenortürmenkirchenmusik-westfalen.de: Neue Orgel in der Stiepeler Dorfkirche, S. 10 (PDF-Datei; 3,19 MB), abgerufen am 15. Mai 2019. 2012 Ditzingen Neuapostolische Kirche Wiedenmann II/P 10 orgel-information.de: Die Orgel der Neuapostolischen Kirche Ditzingen, abgerufen am 15. Mai 2019.
Literatur
Einzelnachweise
Kategorie:Orgelregister Kategorie:Bauteil (Orgel)