Semiramide riconosciuta oder Semiramis, dt. Die wiedererkannte Semiramis (HWV A8) ist ein Dramma per musica in drei Akten. Das auf Leonardo Vincis gleichnamiger Oper basierende Stück ist eine Bearbeitung Georg Friedrich Händels und das erste Pasticcio von dreien in der Saison 1733/34 am Londoner Theater am Haymarket.

Entstehung Weniger als einen Monat nach der letzten Vorstellung des Orlando am 5. Mai 1733 schied der berühmte Kastrat Senesino aus Händels Ensemble aus, nachdem er schon mindestens seit Januar mit einer in Planung befindlichen konkurrierenden Operntruppe, die am 15. Juni 1733 gegründet und bald als Opera of the Nobility („Adelsoper“) bekannt wurde, über einen Vertrag verhandelt hatte. In identischen Pressemitteilungen des The Bee und des The Craftsman vom 2. Juni heißt es:

Senesino schlossen sich fast alle anderen Sänger Händels an: Antonio Montagnana, Francesca Bertolli und die Celestina. Nur die Sopranistin Anna Maria Strada del Pò hielt Händel die Treue. Nachdem er von einer erfolgreichen Konzertreihe im Juli 1733 aus Oxford zurückgekehrt war, schrieb Händel eine neue Oper, Arianna in Creta, für die kommende SaisonDavid Vickers: Händel. Arianna in Creta. Aus dem Englischen von Eva Pottharst. MDG 609 1273-2, Detmold 2005, S. 30. und bereitete gleich drei Pasticci mit Musik der „moderneren“ Komponisten Vinci und Hasse vor, vielleicht, um die konkurrierende Adelsoper und ihren musikalischen Chef Porpora mit den eigenen Waffen zu schlagen.Winton Dean: Handel’s Operas, 1726–1741. Boydell & Brewer, London 2006. Reprint: The Boydell Press, Woodbridge 2009, ISBN 978-1-84383-268-3, S. 133.

Indes wartete London gespannt auf die neue Opernsaison, wie Antoine-François Prévost d’Exiles, Autor des berühmten Romans Manon Lescaut, in seiner Wochenschrift Le Pour et le Contre (Das Für und Wider) schreibt:

Händel und Heidegger stellten eilig eine neue Truppe und ein neues Repertoire zusammen. Margherita Durastanti, inzwischen Mezzosopranistin, über drei Jahrzehnte zuvor in Italien Händels Primadonna, in den frühen 1720er Jahren – vor der großen Zeit der Francesca Cuzzoni und Faustina Bordoni – die Hauptstütze der Royal Academy of Music, kehrte aus Italien zurück, obgleich sie ihren letzten Auftritt der Saison am 17. März 1724 mit den gesungenen Zeilen einer englischen Kantate abgeschlossen hatte:

Durch den fast kompletten Wechsel seines Ensembles, verblieb Händel für die Vorbereitung der neuen Spielzeit sehr wenig Zeit. Dazu kamen noch die Oratorienaufführungen in Oxford, die ihn den Juli über beschäftigten. Es ist anzunehmen, dass er die neue Spielzeit schon zeitiger geplant hatte, ohne etwas von der Kündigung seiner Sänger zu ahnen, denn der Fünf-Jahres-Vertrag, den er mit Heidegger im Jahre 1729 abgeschlossen hatte, lief ja noch, wenn auch in seinem letzten Jahr. Möglicherweise war das Pasticcio Semiramide schon fertig, denn er hatte in den letzten Jahren immer ein Pasticcio pro Spielzeit herausgebracht. Doch nun forderte die neue Situation, dass Händel mehr Opern produzieren musste, als er es in den letzten Jahren getan hatte. So entstanden sicher die beiden anderen Pasticci der Saison, Caio Fabbricio und Arbace. Es ist anzunehmen, dass die Partituren der beiden sehr beliebten Opern von Hasse und Vinci in London zur Verfügung standen.Reinhard Strohm: Handel’s pasticci. In: Essays on Handel and Italian Opera. Cambridge University Press 1985, Reprint 2008, ISBN 978-0-521-26428-0, S. 183 ff. (englisch).

Zu Beginn der Spielzeit hatte Händel seine neue Sängerriege komplett. Zwei neue Kastraten, Carlo Scalzi und Giovanni Carestini, waren engagiert worden, und so konnte Händel am 30. Oktober, dem Geburtstag von König George (ein Tag, der üblicherweise mit einem fürstlichen Ball im St James’s Palace begangen wurde), mit Semiramide riconosciuta die Spielzeit eröffnen: zwei Monate vor seinen Konkurrenten, obwohl er neue Sänger hatte, die Adelsoper dagegen seine alte Truppe. Diesmal aber beschloss der gesamte Hofstaat, die Oper zu besuchen, selbst der Prince of Wales war anwesend, obwohl er sonst unverhohlen die Adelsoper unterstützte. Ein erster taktischer Sieg also für Händel. Doch der zweite Abend verlief weniger günstig, wie wir von Lady Bristol erfahren, die an ihren Gatten schrieb:

Es ist unklar, ob Lady Bristol meinte, Semiramide sei künstlerisch langweilig – obwohl Händel ja durch die Auswahl der Arien versuchte, den aktuellen Geschmack zu treffen –, oder ob ihr eine interessante Unterhaltung mit anderen Zuschauern fehlte.

Besetzung der Uraufführung Semiramide – Margherita Durastanti (Mezzosopran) Tamiri – Anna Maria Strada del Pó (Sopran) Scitalce – Giovanni Carestini, genannt „Il Cusanino“ (Mezzosoprankastrat) Mirteo – Carlo Scalzi, genannt „Il Cichione“ (Soprankastrat) Ircano – Maria Caterina Negri (Alt) Sibari – Maria Rosa Negri (Mezzosopran)

Es stellt sich die Frage, warum Händel so viele Opern anderer Komponisten statt seiner eigenen auf die Bühne brachte. Nach der Eröffnung der Spielzeit mit Semiramide gab es eine Wiederaufnahme seines Ottone (13. November) und Hasses Caio Fabbricio (4. Dezember). Aber seine Antwort auf Porporas Arianna in Nasso (1. Januar 1734) bei der Adelsoper, war nicht seine eigene Arianna – obwohl diese längst abgeschlossen war –, sondern Vincis Arbace am 5. Januar. Er wollte Porporas neuer Musik und dem aktuellen Geschmack der Adelsoper bewusst nicht seine, sondern die moderne, von der Melodie dominierte und weniger kontrapunktische Schreibweise des „gegnerischen“ Lagers, noch dazu deren populärste Gesänge der vergangenen Jahre, entgegensetzen. Doch Händels Berechnung scheint in diesem Punkt nicht ganz aufgegangen zu sein, denn nur Arbace – unter dem originalen Titel Artaserse war es bald der beliebteste Opernstoff Italiens –, hatte mit acht Vorstellungen einen gewissen Eindruck gemacht, Semiramide und Caio kamen hingegen auf nur je vier Aufführungen. Die Hoffnungen, die Konkurrenz mit deren eigenen Waffen in Schach halten zu können, wurden also enttäuscht. Händels Anhänger waren auf dessen Kompositionen fixiert, während diejenigen, die er mit der Musik der neuen Italiener zu gewinnen hoffte, nicht zuletzt aus Loyalität zur Konkurrenz fernblieben.

Die erste Wiederaufführung des Händel’schen Pasticcios, auch in Originalsprache und historischer Aufführungspraxis gab es am 23. September 2013 in der Wiener Kammeroper mit dem Bach Consort Wien und unter der musikalischen Leitung von Alan Curtis.

Libretto und Handlung Der komplexe Stoff geht zurück auf einige venezianische Opern des siebzehnten Jahrhunderts. Das Libretto Semiramide riconosciuta ist das sechste Werk Pietro Metastasios, des späteren kaiserlichen Hofdichters Karls VI. Es ist das zweite von vier Opernlibretti, welches dieser für das Teatro delle Dame in Rom schrieb, bevor er nach Wien ging. Die anderen sind Catone in Utica (1728), Alessandro nell’Indie (1729) und Artaserse (1730). Alle vier Opern wurden erstmals von Leonardo Vinci vertont. Semiramide wurde mit dessen Musik in der Karnevalssaison am 6. Januar 1729 uraufgeführt und Metastasio erlaubte Nicola Porpora noch im gleichen Jahr, das Libretto ebenfalls zu vertonen, und so kam die Oper am 26. Dezember 1729 am Teatro San Giovanni Crisostomo auch in Venedig heraus.Bernd Baselt: Thematisch-systematisches Verzeichnis. Instrumentalmusik, Pasticci und Fragmente. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch: Band 3. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1986, ISBN 3-7618-0716-3, S. 376 f.John H. Roberts: Semiramide riconosciuta. In: Annette Landgraf und David Vickers: The Cambridge Handel Encyclopedia. Cambridge University Press 2009, ISBN 978-0-521-88192-0, S. 579 f. (englisch)

Musik Von allen von Händel arrangierten Pasticci hat Semiramide die geringste Übereinstimmung mit der musikalischen Vorlage, auf der es basiert. Dies liegt größtenteils daran, dass Händel diesmal keine vollständige Partitur der Oper von Vinci vorlag, sondern eine Sammlung von Arien, der die Instrumentalstücke, Chöre, Rezitative und darüber hinaus zwei Arien, welche direkt in ein Rezitativ münden, fehlten. Auf Wunsch der Sänger wurden zudem auch noch die meisten Arien der Vorlage zugunsten solcher von Francesco Corselli, Francesco Feo, Johann Adolf Hasse, Leonardo Leo, Giovanni Porta, Domenico Sarro und aus anderen Opern Vincis über Bord geworfen. Neben einer Reduzierung der Arien-Anzahl wurden diese selbst auch durch Striche innerhalb des musikalischen Verlaufs gekürzt. Die Hauptrolle in Semiramide wurde nicht von der Strada, sondern von Margherita Durastanti gesungen, vermutlich, weil der herrische Charakter dieser Rolle, die über weite Strecken als Mann verkleidet ist, besonders gut zu letzterer passte. In der letzten Szene baute Händel wieder einen „Last Song“ Un‘ aura placida (Nr. 27) von Porta ein, diesmal für den Primo Uomo Giovanni Carestini. Dieser, der eine Rolle übernahm, die Vinci für einen Tenor entworfen hatte, sang nur Arien aus seinem eigenen Repertoire, während die Strada wohl alle originalen Arien inakzeptabel fand, abgesehen von einer, die Vinci für den jungen Kastraten Pietro Morigi geschrieben hatte. Obwohl Vinci die Rolle des Mirteo für Scalzi komponiert hatte, musste Händel seine Arien transponieren und in einem Fall sogar durch eine andere ersetzen, weil sich dessen Tessitur seit 1729 deutlich gesenkt hatte. Seine Arien wurden sich zuerst um einen Ton nach unten gesetzt, dann um eine kleine Terz, und schließlich in einem dritten Schritt um eine große Terz.Steffen Voss: Pasticci: Semiramide riconosciuta. In: Hans Joachim Marx (Hrsg.): Das Händel-Handbuch in 6 Bänden: Das Händel-Lexikon. (Band 6), Laaber-Verlag, Laaber 2011, ISBN 978-3-89007-552-5, S. 559.