mini|hochkant=1.5|Thamsanqa Jantjie (rechts), hier mit US-Präsident Barack Obama bei der Trauerfeier für Nelson Mandela, 2013 Thamsanqa „Thami“ Jantjie (auch Dyantyi, * ca. 1979) ist ein südafrikanischer Dolmetscher, der auch als vorgeblicher Gebärdensprachdolmetscher agierte und dabei als Betrüger verdächtigt wurde.
Er wurde im Dezember 2013 weltweit bekannt, als er bei der offiziellen Gedenkfeier für den verstorbenen Ex-Präsidenten Nelson Mandela als angeblicher Gebärdensprachdolmetscher auftrat. Jantjie hatte rund vier Stunden unmittelbar neben den sich abwechselnden prominenten Trauerrednern gestanden und „in Gebärdensprache gedolmetscht“, ohne dass die von ihm dabei gemachten Gesten tatsächlich wie vorgesehen eine gebärdensprachliche Übersetzung des Gesagten darstellten.
Leben vor seiner Bekanntheit Nach Presseberichten wuchs er in der Stadt Bloemfontein auf, wo er die Grundschule besuchte, die er 1997 ohne Abschluss verließ. In: City Press vom 13. Dezember 2013 (englisch)
Jantjie arbeitete bis 2011 als Gerichtsdolmetscher am Amtsgericht der Stadt Boksburg, jedoch nicht für Gebärdensprache.Botho Molosankwe: More claims against 'fake' interpreter. In: iol News vom 13. Dezember 2013 (englisch) Seine Muttersprache ist Xhosa. Die Arbeit für das Gericht endete, als er sich wegen einer psychischen Erkrankung für einen unbekannten Zeitraum stationär behandeln ließ.
Zuletzt war er bei der Übersetzungsfirma South African Interpreters angestellt, die dem Parteiverantwortlichen für religiöse und traditionelle Angelegenheiten des African National Congress (ANC) gehört. Aufgrund seiner Krankheit war er dort nach Auskunft eines der Firmenbesitzer seit Jahren nicht mehr als Dolmetscher beschäftigt, sondern nur noch als Verwaltungsangestellter und Vermittler.ANC religious and traditional affairs head hired Mandela memorial mimer. In: Times Live vom 15. Dezember 2013 (englisch)
Über Jahre hinweg wurde er jedoch bei Veranstaltungen sowohl der südafrikanischen Regierung als auch Regierungspartei ANC als Dolmetscher für Gebärdensprache eingesetzt, darunter bei Großveranstaltungen unter Beteiligung des Staatspräsidenten Jacob Zuma, wie der Trauerfeier für die Freiheitskämpferin Albertina Sisulu im Juni 2011,Funeral Service of Mrs Albertina Sisulu. (Video, 8:20 Min.) Auftritt Jantjies als Gebärdensprachdolmetscher während mehrerer Reden im Juni 2011, abgerufen via YouTube am 18. Dezember 2013 (englisch) der 100-Jahr-Feier des ANC im Januar 2012Jacob Zuma sings for ANC's 100th anniversary. (Video, 1:52 Min.). Euronews vom 8. Januar 2012, abgerufen via YouTube am 19. Dezember 2013 und dem Wahlparteitag im Dezember 2012.Don't feel excluded, says re-elected Zuma. (Video, 1:22 Min.) Auftritt Jantjies als Gebärdensprachdolmetscher während einer Rede Zumas im Dezember 2012, abgerufen via YouTube am 18. Dezember 2013 (englisch)We have used Thamsanqa Jantjie for signing in past - ANC. Pressemitteilung des ANC vom 12. Dezember 2013 (englisch) Ob Jantjie selbst ANC-Mitglied ist, ist nicht bekannt. Es wurden jedoch Fotos veröffentlicht, auf denen er ein mit dem ANC-Logo besticktes Hemd trägt, das seine Parteimitgliedschaft nahelegt.
Jantjie ist verheiratet, Vater von vier Kindern, und lebt in gehobenem Lebensstandard im Johannesburger Vorort Soweto. In: NPR vom 12. Dezember 2013 (englisch)
Berichte über kriminelle Vergangenheit Im Zuge der Medienrecherchen nach seinem Auftritt bei der Mandela-Gedenkfeier wurde bekannt, dass Jantjie zwischen 1993 und 2006 einer Reihe schwerer Verbrechen beschuldigt wurde, unter anderem wegen Mordes.Gebärdensprachdolmetscher war wegen Mordes angeklagt. In: Tages-Anzeiger vom 13. Dezember 2013Karyn Maughan: In: eNCA vom 13. Dezember 2013 (englisch) Die südafrikanische Generalstaatsanwaltschaft sah sich auf Anfragen zunächst außer Stande, die Berichte über die zurückliegenden Gerichtsverfahren zu bestätigen oder zu dementieren.NPA to look for 'fake' interpreter's court records. In: Mail & Guardian vom 13. Dezember 2013 (englisch) Jantjie bestätigte schließlich in einem Interview, dass er wegen der 2003 in Form einer Lynchjustiz verübten Verbrennung von zwei Personen durch sogenanntes Necklacing, bei der er anwesend gewesen sei, gemeinsam mit weiteren Tatverdächtigen wegen gemeinschaftlichen Mordes, versuchten Mordes und Entführung angeklagt war. Die Anklage sei jedoch fallen gelassen worden, da er wegen seines psychischen Gesundheitszustands nicht verhandlungsfähig gewesen sei.Tendai Musiya und Alan Clendenning: Relative: Mandela Signer in Group That Burned Men. In: ABC News vom 16. Dezember 2013 (englisch) Nach Medienberichten hat er sich in der Vergangenheit bereits als Lehrer, Arzt, Medizinmann und Rechtsanwalt ausgegeben. Außerdem soll er unter Vorlage gefälschter Zeugnisse vergeblich die Aufnahme auf eine Mittelschule versucht haben. In: Daily Sun vom 17. Dezember 2013 (englisch)
Auftritt bei Mandela-Gedenkfeier Am 10. Dezember 2013 nahm Jantjie als offizieller Gebärdensprachdolmetscher an der von der Regierung Südafrikas veranstalteten Trauerfeier für den fünf Tage zuvor verstorbenen Nelson Mandela teil. Die Feier fand im Soccer City von Johannesburg statt, dem größten Stadion Afrikas, und wurde zeitgleich weltweit von vielen Millionen Fernsehzuschauern verfolgt. Jantjie war von den Organisatoren angestellt worden, die über einen Zeitraum von rund vier Stunden gehaltenen Ansprachen der verschiedenen Redner in die südafrikanische Gebärdensprache (SASL) zu übersetzen. Zu diesem Zweck stand er während der Reden unmittelbar neben dem Rednerpult auf der Bühne, so dass er auf den mit Fernsehkameras eingefangenen Bildern sowohl über elektronische Leinwände für die anwesenden Zuschauer im Stadion als auch für das Fernsehpublikum gut sichtbar war. Jantjie führte während seiner vermeintlichen Dolmetschertätigkeit ständig Hand- und Armbewegungen aus, die für gebärdensprachunkundige Betrachter wie Gebärdensprache aussahen, tatsächlich jedoch keinerlei Sinn ergaben. Ohne auffällige Vorkommnisse verbrachte er so die gesamte Dauer im Zentrum der Veranstaltung.
In Südafrika werden bei öffentlichen Veranstaltungen häufiger Gebärdensprachdolmetscher eingesetzt als in vielen anderen Ländern, bei vielen staatlichen Veranstaltungen ist ihre Anwesenheit verpflichtend.
Proteste Bereits während der Veranstaltung meldeten sich der Gebärdensprache kundige Fernsehzuschauer öffentlich zu Wort, um auf die unverständlichen Gebärden Jantjies aufmerksam zu machen. Zu ihnen gehörten der Vorsitzende des südafrikanischen Gehörlosenverbands „DeafSA“Twitter-Meldung von Bruno Druchen vom 10. Dezember 2013 (englisch): „Bitte werdet diesen Dolmetscher-Clown los“ und die erste gehörlose Abgeordnete des südafrikanischen Parlaments, Wilma Newhoudt-Druchen (ANC).1. Twitter-Meldung von Wilma Newhoudt-Druchen vom 10. Dezember 2013 (englisch): „@ANCGauteng Der Dolmetscher mit ANC-Verbindungen neben dem ANC-Vizepräsidenten gebärdet Müll. Bitte schafft ihn weg!“; 2. Twitter-Meldung: „Der Dolmetscher mit ANC-Verbindungen beherrscht keinerlei Zeichensprache, er erfindet Zeichen. Bitte schafft ihn weg“ Auch außerhalb Südafrikas gab es aus Anlass der Übertragung der Mandela-Gedenkfeier Beschwerden über Jantjies für Gehörlose offensichtliche Unfähigkeit.Christian Putsch: Mandela-Trauerfeier: Falscher Gebärdensprachdolmetscher angeblich schizophren. In: Welt Online vom 12. Dezember 2013 Über Meldungen in sozialen Netzwerken im Internet verbreitete sich die Nachricht, bis der Fall am folgenden Tag von den internationalen Nachrichtenagenturen aufgegriffen und weltweit diskutiert wurde.Charlie Swinbourne: How our news article triggered worldwide coverage of the ‘fake’ sign language interpreter story. In: The Limping Chicken vom 13. Dezember 2013 (englisch)Mandela memorial service's interpreter for deaf: I'm schizophrenic. (mit Video, 3:09 Min.). In: CBS News vom 12. Dezember 2013 (englisch)
Noch während der laufenden Veranstaltung teilte ein weiterer prominenter gehörloser Südafrikaner mit, dass Jantjie bereits früher bei mindestens einer offiziellen Veranstaltung der Regierungspartei ANC als Gebärdensprachdolmetscher aufgetreten war.Twitter-Meldung des Filmregisseurs Braam Jordaan vom 10. Dezember 2013 (englisch): „@charlie_swin @Deaf Er hat auch letzten Dezember beim Wahlparteitag des ANC in Mangaung ‚übersetzt‘. Es ist als sei er auf Rache aus!“ Wie der DeafSA-Vorsitzende erklärte, hatte der Verband einen offiziellen Protest an den ANC geschickt, nachdem Jantjie bei einem Wahlparteitag des ANC im Dezember 2012 als unfähiger Gebärdensprachdolmetscher aufgefallen war. Die Regierungspartei habe jedoch nicht auf das Schreiben geantwortet.Gebärdensprecher ist «schizophren» und wurde bei seinen Anfällen bereits gewalttätig. In: Tages-Anzeiger vom 12. Dezember 2013 Der Geschäftsführer des Behindertenverbands Disabled People South Africa (DPSA) wies ebenfalls darauf hin, dass Jantjie bereits zuvor als unfähiger Dolmetscher bei im landesweiten Fernsehen übertragenen Veranstaltungen des ANC aufgefallen sei.Lauren Isaacs: DPSA blasts 'fake interpreter'. In: Eyewitness News vom 12. Dezember 2013 (englisch) Nach DeafSADeafSA: Press statement on the Fake Interpreter. Presseerklärung des südafrikanischen Gehörlosenverbands vom 11. Dezember 2013 auf Facebook (englisch) protestierte auch der mit DeafSA konkurrierende südafrikanische Gehörlosenverband South African National Deaf Association (SANDA) in einer gemeinsam mit DPSA veröffentlichten Erklärung gegen Jantjies Auftritt bei der Gedenkfeier und bezeichneten ihn als „Scharlatan“, der die Gedenkveranstaltung beschädigt und dem Beruf des Gebärdensprachdolmetschers einen schlechten Dienst erwiesen habe.Disabled People South Africa (DPSA) und South African National Deaf Association (SANDA): Media Statement: Fake Sign Language Interpreter Mars Mandela Memorial Service (PDF; 319 kB). Presseerklärung des südafrikanischen Behindertenverbands und des Gehörlosenverbands SANDA vom 13. Dezember 2013 (englisch)Interpreter marred Mandela memorial: Sanda. In: iol News vom 13. Dezember 2013 (englisch) Auch das Nationale Gehörloseninstitut Südafrikas (NID) protestierte mit einer eigenen Erklärung.National Institute for the Deaf (NID): (PDF). Presseerklärung des südafrikanischen Gehörloseninstituts vom 11. Dezember 2013 (englisch) Den Protesten der südafrikanischen Gehörlosen schlossen sich auch ausländische und multinationale Organisationen an.World Federation of the Deaf (WFD) und World Association of Sign Language Interpreters (WASLI): WFD-WASLI Joint Statement about the Sign Language interpretation at Mandela’s memorial service. Presseerklärung des internationalen Gehörlosenverbands und des Weltverbands der Gebärdensprachdolmetscher auf Facebook vom 12. Dezember 2013 (englisch) Jantjies Einsatz wurde als „gröbste Beleidigung“ der Gehörlosen bezeichnet, der jedoch hoffentlich auf das wiederholte Problem aufmerksam mache, dass Gehörlose von korrupten Betrügern ausgenutzt würden, die als falsche Dolmetscher auf leicht verdientes Geld aus seien.Fake interpreter an insult to Madiba. (Video, 4:21 Min.). In: eNCA News vom 11. Dezember 2013, abgerufen über YouTube (englisch)