Die Frauenakademie München e. V. (FAM) ist eine außeruniversitäre Forschungseinrichtung für Frauen- und Geschlechterfragen mit Sitz in München. Neben der Wissenschaft sind ihre weiteren Arbeitsgebiete die politische Bildung, die berufliche Beratung von und für Frauen und ihre regionale, nationale und internationale Vernetzung.
Zweck und Ziele Ziel des Vereins ist „die Gleichstellung und Chancengleichheit von Frauen und Männern in allen gesellschaftlichen Bereichen zu fördern und Frauen darin zu unterstützen, einen gleichberechtigten Platz in Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und Öffentlichkeit einzunehmen.“Homepage der Frauenakademie München e.V., abgerufen am 16. Januar 2013.
Der Verein hat drei Schwerpunkte. Der erste Schwerpunkt ist die Forschung. Hier führt er eigenständige, in der Regel praxisorientierte Studien und Forschungsprojekte durch. Ein weiterer und den ersten ergänzender Schwerpunkt ist die (politische) Bildung. Mit deren Hilfe werden das Wissen aus der Frauen- und Geschlechterforschung in die Öffentlichkeit getragen. Der Verein führt dazu öffentliche Veranstaltungen durch und gibt Veröffentlichungen heraus. Der dritte Schwerpunkt der FAM ist die berufliche Bildung mit Weiterbildungs-, Beratungs- und Qualifizierungsangeboten von und für Frauen.Vgl. Freistaat Bayern (Hrsg.): Die FAM ist als gemeinnütziger Verein organisiert und in ein breites Netzwerk auf regionaler, nationaler und internationaler Ebene eingebunden.
Geschichte mini|Festschrift zum 20. Jubiläum der Frauenakademie München e. V. 2004
In den 1980er Jahren war der Anteil der Professorinnen an den Universitäten und Hochschulen wesentlich geringer als heuteVgl. Anteil der Professorinnen im Vergleich zu den Professoren und Tina Maurer: Bericht zur Tagung ’’Professorinnen und Professoren gewinnen – Zur Geschichte des Berufungswesens an den Universitäten Mitteleuropas’’ der Gesellschaft für Universitäts- und Wissenschaftsgeschichte vom 16.09.2009-19.09.2009 in Leipzig. Luzern o. J., abgerufen am 17. Januar 2013. – noch 1988/89 betrug ihre Teilhabe als Professorinnen sowohl in der BRD als auch in der DDR je fünf Prozent.Katrin Schäfgen: Frauenanteil in akademischen Berufen und Spitzenpositionen (in %). (Tabelle 15) In: Die Verdopplung der Ungleichheit. Sozialstruktur und Geschlechterverhältnisse in der Bundesrepublik und in der DDR. Dissertation. Humboldt-Universität, Berlin 1998, S. 81. (online auf: edoc.hu-berlin.de) abgerufen am 25. Februar 2013. Um diesem Missstand entgegenzutreten, gründeten zehn Frauen, die alle ein Studium der Sozial- oder Politikwissenschaften abgeschlossen hatten, am 26. Juli 1984 den "Förderverein zur Gründung der Frauenakademie in München"Sabine Buchwald: Kampf gegen Mauern. Über Gender-Themen forschen, Frauen beraten, politisch bilden: Vor 30 Jahren hat die Frauenakademie München ihre Arbeit aufgenommen - die Diskriminierung hält an., in: Süddeutsche Zeitung, Nr. 34, 11. Februar 2015, , S. R6., der heute "Verein zur Förderung der Frauenakademie München", kurz FAM heißt. In einem Akt der „Selbstermächtigung“A. Rothe: Die Frauenakademie München e.V. FAM. Chronik zum 20-jährigen Bestehen. 2007, S. 11. innerhalb des männlich beherrschten Wissenschaftsbetriebs wollten sie sich feministisch positionieren. In der geplanten Frauenakademie sollte "ein konkreter geographischer, psychischer und letztlich philosophischer Raum und Freiraum, eine Forschungseinrichtung entstehen, in der Frauen innovative und feministische Ideen entwickeln und Themen anders bearbeiten konnten als in den etablierten Kontexten."A. Rothe: Die Frauenakademie München e.V. FAM. Chronik zum 20-jährigen Bestehen. 2007, S. 12. Gleichzeitig sollte die Frauenakademie als feministisches Wissenschaftszentrum die untereinander und mit externen Organisationen vernetzten Wissenschaftlerinnen unterstützen und befähigen, in Hochschulen und Universitäten vorzudringen,Vgl. Verein zur Förderung der Frauenakademie München e.V. (Hrsg.): Frauenforschung und Frauen in der Forschung: Viel getan und viel zu tun. Dokumentation der gleichnamigen bundesweiten Konferenz vom 3. bis 5. Februar in Bonn. München 1988, ISBN 3-89019-208-4. um sich und ihre Ideen dort in Forschung und Lehre zu etablieren.
Nachdem der Verein zur Förderung der Frauenakademie München spätestens seit 1986 de facto wie eine wissenschaftliche Institution arbeitete, setzten sich die Mitglieder des Fördervereins ab 1990 verstärkt für die Realisierung einer Frauenakademie ein.Vgl.: Verein zur Förderung der Frauenakademie München e.V. (Hrsg.): Rundbrief Nr. 11. München Mai 1990. Im Januar 1992 genehmigte das Registergericht München die Umbenennung zur Frauenakademie München e. V. Seit 1996 fördert das Bayerische Staatsministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst die FAM mit einer Festbetragsfinanzierung.A. Rothe: Die Frauenakademie München e.V. FAM. Chronik zum 20-jährigen Bestehen. 2007, S. 27. Seitdem erhöhte der Freistaat seine finanzielle Unterstützung mehrmals, für 2015 auf 115 000 Euro, wodurch das Gehalt der Geschäftsführerin und die Büromiete abgedeckt sind. Zusätzlich stehen etwa eine halbe Million Euro aus projektbezogenen Drittmitteln zur Verfügung.
Heute (Stand: Februar 2015) ist die FAM die einzige bayerische Einrichtung außerhalb einer Universität, an der zu den Themen Frauen und Gender geforscht wird.
Schwerpunkte Wissenschaft Schwerpunkt der wissenschaftlichen Forschung in der FAM bilden praxisorientierte Forschungsarbeiten zur gesellschaftlichen Situation von Frauen und Männern und den Formen und Mechanismen bestehender Ausgrenzungs- und Marginalisierungsprozesse.
Mit der Ausrichtung der mehrtägigen internationalen Tagung "Einmischung und Identität. Frauen und Frauenbewegung in Wissenschaft und Politik / Involvement and Identity. Women and the Women's Movement in Science and Politics" brachte die FAM sich und ihren feministischen Ansatz 1986 in die wissenschaftliche Diskussion ein.A. Rothe: Die Frauenakademie München e.V. FAM. Chronik zum 20-jährigen Bestehen. 2007, S. 35.
Schwerpunkte in den späten 1980er und den 1990er Jahren waren die ungleichen Teilhabechancen von Frauen am Arbeitsmarkt. Die Studien fokussierten auf den Wissenschaftsbetrieb, aber es ging auch schon damals um die Folgen der Geringbeschäftigung von Frauen.
Als besondere Forschungsprojekte untersuchte die "Arbeitsgruppe Nationalsozialismus" ab 1988 die Rolle der Frau im Nationalsozialismus. Aus dieser AG ging 1990 die Veröffentlichung „Töchter-Fragen. NS-Frauen-Geschichte“Lerke Gravenhorst, Carmen Tatschmurat (Hrsg.): Töchter-Fragen: NS-Frauen-Geschichte. Freiburg im Breisgau 1995, ISBN 3-926023-81-3. hervor. Aus der "Arbeitsgruppe Methoden", die feministische Überlegungen zu sozialwissenschaftlichen Analyseinstrumenten anstellte, entstand 1994 die Veröffentlichung "Erfahrung mit Methode. Wege sozialwissenschaftlicher Frauenforschung"Angelika Diezinger, Hedwig Kitzer, Ingrid Anker, Irma Bingel, Erika Haas, Simone Odierna: Erfahrung mit Methode. Wege sozialwissenschaftlicher Frauenforschung. Kore, Freiburg 1994, ISBN 3-926023-84-8. – heute ein wissenschaftliches Standardwerk.
Themen, die in der FAM kontinuierlich bearbeitet werden, sind "Frauen und Politik",A. Rothe: Die Frauenakademie München e.V. FAM. Chronik zum 20-jährigen Bestehen. 2007, S. 39–40. "Frauen und Migration"A. Rothe: Die Frauenakademie München e.V. FAM. Chronik zum 20-jährigen Bestehen. 2007, S. 48–50. sowie Frauen und Geschichte, im Rahmen dessen das "Netzwerk Frauen und Geschichte Bayern"Vgl. den Internetauftritt der Gruppe "", abgerufen am 14. Dezember 2013. und die Veröffentlichung „Die Neue Frauenbewegung in München 1968–1985“Frauenakademie München e.V. (Hrsg.): Die Neue Frauenbewegung in München 1968–1985. Eine Dokumentation. Bearbeitung: Christine Schäfer und Christiane Wilke. Buchendorfer, München 2000, ISBN 3-934036-30-9. entstanden.
Seit den 2000er Jahren wurde die Strategie „Gender Mainstreaming“ in die Studien und Forschungsprojekte der FAM aufgenommen, die mit dem Inkrafttreten des Amsterdamer Vertrags 1999 für alle EU-Staaten verpflichtend wurde.
Mitte bis Ende der 2000er Jahre führte der Verein praxisorientierte Studien zum Thema Gender Mainstreaming in der Jugendhilfe durch.Andrea Rothe, Dagmar Koblinger: Gender Mainstreaming in der Jugendhilfe. Eine Analyse im Stadtteil Hasenbergl in München. München 2006, ISBN 3-937120-05-X. Diese waren die Basis für die Konzeption von Gender-Trainings für Jugendliche.Vgl. Andrea Rothe, Fritjof Bönold: Geschlecht bewusst gemacht. Ein Training für Jugendliche. Herausgegeben von der Frauenakademie München e.V, München 2006, ISBN 3-937120-04-1.Andrea Rothe, Fritjof Bönold: Geschlechterbewusste Berufswahl und Lebensplanung – Ein Training für Jugendliche. München 2007, ISBN 978-3-937120-08-9.
Ebenfalls seit Mitte der 2000er Jahre beschäftigt sich die FAM mit dem Thema Gender Budgeting als eine Weiterführung von Gender Mainstreaming auf die Budgetierung. Dazu führte die FAM beispielsweise von 2006 bis 2008 ein innovatives Forschungsprojekt zum Thema „Gender Budgeting als Instrument zur Verbesserung der Chancengleichheit von Frauen und Männern – am Beispiel der Hochschulen“AndreaRothe, Birgit Erbe, Werner Fröhlich, Elisabeth Klatzer, Zofia Lapniewska, Monika Mayrhofer, Michaela Neumayr, Michaela Pichlbauer, Malgorzata Tarasiewicz, Johanna Zebisch: München 2008, ISBN 978-3-937120-09-6. im Rahmen des 6. Rahmenforschungsprogramm der EUVgl. European Commission. Research Directorate-General (Hrsg.): Das 6. EU-Forschungsrahmenprogramm. O. O., September 2002. durch. Von 2011 bis 2013 folgte das praxisorientierte Forschungsprojekt "EQUISTU – Bessere Hochschulen durch gleichstellungspolitische Steuerung?" in Zusammenarbeit mit der TU Dortmund/Sozialforschungsstelle (sfs) und gefördert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung und dem Europäischen Sozialfonds der Europäischen Union.
Bildung Der selbstgestellte Anspruch der FAM im Schwerpunkt „(Politische) Bildung“ ist der Transfer der Ergebnisse der Frauen- und Geschlechterforschung in eine gleichstellungspolitische Praxis. Methodisch findet dies in Form von nationalen und internationalen Konferenzen und Tagungen statt, durch Vorträge, Seminare und Symposien. Größere Veranstaltungen werden in schriftlicher Form online und in Print dokumentiert. Die FAM ist von der Bundeszentrale für politische Bildung als Bildungseinrichtung anerkannt.
Nach der mehrtägigen internationalen Tagung „Einmischung und Identität. Frauen und Frauenbewegung in Wissenschaft und Politik“ 1986 organisierte die FAM in Kooperation mit der Ludwig-Maximilians-Universität München 1987 die interdisziplinäre Vorlesungsreihe "Frauen und Wissenschaft. Veränderungen in Situation und Selbstverständnis der Frauen".Vgl. A. Rothe: Die Frauenakademie München e.V. FAM. Chronik zum 20-jährigen Bestehen. 2007, S. 35–35. 1988 richtete die FAM die bundesweite Konferenz "Frauenforschung und Frauen in der Forschung" in Bonn aus.Verein zur Förderung d. Frauenakad. München e.V. ; Friedrich-Ebert-Stiftung (Hrsg.): Frauenforschung und Frauen in der Forschung : viel getan u. viel zu tun! ; Dokumentation d. gleichnamigen bundesweiten Konferenz vom 3. - 5. Februar 1988 in Bonn. Profil-Verlag, München 1988. Die FAM-Frauen diskutierten das Thema kontinuierlich, so etwa 1998 in der Podiumsdiskussion "Frauenforschung im Abseits? Zur Situation der Frauen- und Geschlechterforschung in Bayern" im Rahmen der in Ingolstadt veranstalteten Landesausstellung "Bayerns bessere Hälfte. Geschichte der Frauen in Bayern", die große Breitenwirkung erzielte.Vgl. A. Rothe: Die Frauenakademie München e.V. FAM. Chronik zum 20-jährigen Bestehen. 2007, S. 38.