miniatur|hochkant|Friedrich Hölderlin um 1797. Kennzeichnend der hochgestellte Rockkragen und das modisch kurzgeschnittene, in die Stirn fallende HaarAdolf Beck und Paul Raabe: Hölderlin. Eine Chronik in Text und Bild. Insel-Verlag, Frankfurt am Main 1970, S. 381. miniatur|hochkant|Die zum Archipelagus gehörende Insel Kalauria nach Richard Chandler, 1777.Richard Chandler erwähnt für Kalauria tiefe Gießbachbetten, einen Brunnen mit sehr kaltem Wasser sowie einen großen Wasserbehälter, worin sich das Wasser „aus verschiedenen Rinnen sammelt,“ vielleicht Anregung für das Gedicht Vers 17–18. Richard Chandler: Reisen in Griechenland: unternommen auf Kosten der Gesellschaft der Dilettanti. S. 299–300, 49. Kapitel. Leipzig, 1777. Abgerufen am 27. Dezember 2013. Der Archipelagus ist ein Gedicht in Hexametern von Friedrich Hölderlin, mit 296 Versen eines seiner längsten. Es entstand in den Jahren 1800 und 1801. Mit seinem Versmaß, seinen teils epischen, teils lyrischen Partien, diese teils elegisch klagend, teils hymnisch preisend, nimmt es in Hölderlins Werk eine Sonderstellung ein. Neben der gleichzeitigen Elegie Brod und Wein ist es Hölderlins vollkommenste Darstellung seines Pantheismus. Er glaubte die göttlich gesehene „Natur“ und die menschengeschaffene Kultur in der Vergangenheit der griechischen Polis, vor allem Athens, harmonisch verbunden, erlebte „Natur“ und Menschenwerk in seiner Gegenwart schmerzhaft zerfallen und hoffte sie wieder zusammen blühend in der Zukunft.

Entstehung Im Herbst 1798 hatte Hölderlin nach dem Bruch mit Jakob Friedrich Gontard-Borkenstein (1764–1843) Frankfurt fluchtartig verlassen und lebte seitdem im nahen Homburg. Am 8. Mai 1800 traf er Susette Gontard, seine Diotima, zum letzten Mal. Mitte Juni wanderte er über Nürtingen, wo die Mutter und die Schwester lebten, nach Stuttgart. Dort wohnte er bei dem befreundeten Kaufmann Christian Landauer (1769–1845). Sein Gefühl einer Heimkehr gestaltete er in dem Gedicht Die Heimath – „Froh kehrt der Schiffer heim an den stillen Strom“, seine Freundschaft mit Landauer in der Elegie Der Gang aufs Land. An Landauer und dem liedartigen Gedicht An Landauer – „Der Freunde Freund zu seyn, bis du geboren“ – zu dessen Geburtstag am 11. Dezember 1800.Stuttgarter Ausgabe Band 2, 2, S. 658. Im Januar 1801 trat er eine Hofmeisterstelle bei dem Leinenfabrikanten Anton von Gonzenbach (1748–1819) in Hauptwil in der Schweiz an. Schon Anfang April kehrte er aber nach Nürtingen zurück, wieder mit der Empfindung der Heimkehr, aus der die Elegie Heimkunft – An die Verwandten entstand – „Dort empfangen sie mich. O Stimme der Stadt, der Mutter!“. Am 10. Dezember brach er zu einer weiteren Hofmeisterstelle bei dem Weinhändler und hamburgischen Konsul Daniel Christoph Meyer (1751–1818) in Bordeaux auf. Es war eine Zeit voller Pläne, aber zugleich bedrängender Nöte. Der Plan, sich durch die Herausgabe einer Zeitschrift Iduna eine finanzielle Grundlage zu schaffen, scheiterte.

Der Mutter schrieb er am 29. Januar 1800 aus Homburg:Stuttgarter Ausgabe Band 6,1, S. 385. „Um meine Gesundheit dürfen Sie ja nicht bange seyn, theuerste Mutter! Ich habe schon seit guter Zeit dieses kostbare Gut ungestört genossen, und es freut mich um so mehr, weil ich immer fürchtete, daß der böse krampfhafte Zustand bleibend werden möchte.“ Ähnlich freudig an die Mutter Mitte des Jahres aus Stuttgart:Stuttgarter Ausgabe Band 6,1, S, 395. „Die Theilnahme und Aufmunterung treuer wohlmeinender Gemüther ist mir auf der Stelle meines Lebens, worauf ich jezt bin, ein größeres Geschenk, als irgend etwas, worauf man sonst großen Werth zu legen Ursache hat. Mein Logis und die Aufnahme in meines Freundes Hauße fand ich ganz nach meinem Wunsche. Überhaupt haben mich meine alten Bekannten so gutmüthig empfangen, daß ich wohl hoffen darf, hier eine Zeit im Frieden zu leben, und ungestörter, als bisher, mein Tagwerk thun zu können.“ Andererseits berichtet Gustav Schwab über Hölderlins Verfassung in Stuttgart:Stuttgarter Ausgabe Band 7, 2, S. 172. „Seine Gemüthsstimmung schien gefährlich. Schon sein Aeußeres zeugte von der Aenderung, die sein Wesen in den vergangenen Jahren erlitten hatte; als er von Homburg zurückkehrte, glaubte man einen Schatten zu sehen, so sehr hatten die inneren Kämpfe und Leiden den einst blühenden Körper angegriffen. Noch auffallender war die Gereiztheit seines Seelenzustandes; ein zufälliges, unschuldiges Wort, das gar keine Beziehung auf ihn hatte, konnte ihn so sehr aufbringen, daß er die Gesellschaft, in der er sich eben befand, verließ und nie zu derselben wiederkehrte.“

In dieser labilen Lebenslage ist außer Brod und Wein und mehreren Oden, darunter Heidelberg, Der Archipelagus entstanden.

Überlieferung Zwei Manuskripte Hölderlins mit Bruchstücken und zwei vollständige oder fast vollständige Manuskripte sind erhalten, alle heute in der Württembergischen Landesbibliothek Stuttgart. Vollständig oder fast vollständig sind die sogenannte „Berliner Handschrift“ Abgerufen am 2. Januar 2014. und die sogenannte „Homburger Handschrift“, Abgerufen am 2. Januar 2014. aus der die Abbildungen in diesem Artikel stammen. Hölderlin schickte das Gedicht im Frühjahr 1801 an Johann Bernhard Vermehren in Jena mit der Bitte, es an Ludwig Tiecks Poetisches Journal zu vermitteln. Die Vermittlung blieb erfolglos, weil das Journal eingestellt wurde. Gedruckt wurde Der Archipelagus zuerst 1804 in den Vierteljährlichen Unterhaltungen der Cotta’schen Verlagsbuchhandlung in Tübingen, herausgegeben von Ludwig Ferdinand Huber. Er wurde dann 1826 in die erste Sammelausgabe der „Gedichte“ aufgenommen, herausgegeben von Ludwig Uhland und Gustav Schwab, und 1846 in die „Sämmtlichen Werke“, herausgegeben von Gustav Schwabs Sohn Christoph Theodor Schwab (1821–1883). Von den historisch-kritischen Ausgaben, der 1913 von Norbert von Hellingrath und Friedrich Seebaß (1887–1963) begonnenen Propyläen-Ausgabe, der Stuttgarter Ausgabe von Friedrich Beissner und Adolf Beck und der Frankfurter Ausgabe von Dietrich Sattler, ist in diesem Artikel nach der Stuttgarter Ausgabe zitiert.Die Strophenschnitte vor den Versen 208, 231, 241 und 257 in diesem Artikel weichen von der Stuttgarter Ausgabe (und auch Frankfurter Ausgabe) ab, wo die Verse 200 bis 277 eine sehr lange Strophe bilden.

Inhalt Aufbau Hölderlin hat das Gedicht in zwölf Strophen geteilt. Auf einer höheren Gliederungsebene sind drei von Hölderlin nicht ausdrücklich markierte Teile klar zu unterscheiden. Der Eingangsteil (Vers 1–61) mit vier Strophen ist hymnischer Preis des Archipelagus. Die erste Strophe (Vers 1–8) ruft ihn an; die zweite (Vers 9–24) erklärt ihn zum Vater der ägäischen Inseln; die dritte (Vers 25–53) besingt seine Beziehung zum Universum; die vierte (Vers 54–61) erkennt ihn als traurig und nennt den Grund. Der Mittelteil (Vers 62–199) mit sechs Strophen evoziert das antike Athen. In der ersten Strophe (Vers 62–85) wird eine vergangene Blüte der Stadt ohne Fixierung auf eine bestimmte historische Epoche gepriesen; die zweite Strophe (Vers 86–103) schildert den Untergang Athens in den Perserkriegen, die dritte (Vers 104–124) die Seeschlacht bei Salamis, die vierte (Vers 125–135) die Niederlage der Perser bei Salamis aus deren Sicht, die fünfte (Vers 136–178) die Rückkehr der Athener in ihre zerstörte Stadt, die sechste (Vers 179–199) den Wiederaufbau. Der Schlussteil (Vers 200–296) mit zwei Strophen ist Bewusstwerden der Gegenwart des Dichters; die erste Strophe, mit 78 Versen die weitaus längste (Vers 200–277), führt von Trauer zu Hoffnung; die zweite (Vers 278–296) blickt mit Wehmut und neu gewonnener Zuversicht auf die verlorene Antike zurück.

Text und Kommentar Das Wort Archipelagus, gebildet aus ἀρχή, Beginn, und πέλαγος, Meer, ist aus Antike und Mittelalter nicht belegt. Für Hölderlin ist der Archipelagus geographisch das ägäische Meer mit seinen Inseln und Küsten, die griechische bewohnte Welt, Oikumene, in seinem Wesen aber die göttliche Natur, das göttliche All, die liebende Gemeinschaft alles Lebendigen. Zwar kommt das Wort nur im Titel des Gedichts vor; doch ist es als Synonym für den „Meergott“ (zum Beispiel Vers 85) oder den „Gewaltigen“ (Vers 9) immer präsent. Die altgriechischen Meergötter Okeanos, Pontos und Poseidon sind in ihm aufgegangen.

Eingangsteil (Vers 1–61) In den ersten Versen ruft das „Ich“ (Vers 8) den Archipelagus in der Freude des Frühlings mit liebend drängenden Fragen an. miniatur|Seite 1 des Manuskripts Der Archipelagus – Homburg, Vers 1–19. Die Handschriftblätter messen 19 × 23 cm. Kehren die Kraniche wieder zu dir, und suchen zu deinen Ufern wieder die Schiffe den Lauf? umathmen erwünschte Lüfte dir die beruhigte Fluth, und sonnet der Delphin, Aus der Tiefe gelockt, am neuen Lichte den Rüken? 5Blüht Ionien? ists die Zeit? denn immer im Frühling, Wenn den Lebenden sich das Herz erneut und die erste Liebe den Menschen erwacht und goldner Zeiten Erinnrung, Komm ich zu dir und grüß' in deiner Stille dich, Alter!

Von der Höhe, wo die Kraniche aus südlicheren Ländern zurückkehren und „erwünschte Lüfte“ wehen, erstreckt sich der Archipelagus bis in die Tiefe des Meeres, aus der der Delphin auftaucht. Sechs Inseln repräsentieren die horizontale Dimension. Immer, Gewaltiger! lebst du noch und ruhest im Schatten 10Deiner Berge, wie sonst; mit Jünglingsarmen umfängst du Noch dein liebliches Land, und deiner Töchter, o Vater! Deiner Inseln ist noch, der blühenden, keine verloren. Kreta steht und Salamis grünt, umdämmert von Lorbeern, Rings von Strahlen umblüht, erhebt zur Stunde des Aufgangs 15Delos ihr begeistertes Haupt, und Tenos und Chios Haben der purpurnen Früchte genug, von trunkenen Hügeln Quillt der Cypriertrank, und von Kalauria fallen Silberne Bäche, wie einst, in die alten Wasser des Vaters. Alle leben sie noch, die Heroenmütter, die Inseln, 20Blühend von Jahr zu Jahr, und wenn zu Zeiten, vom Abgrund Losgelassen, die Flamme der Nacht, das untre Gewitter Eine der holden ergriff, und die Sterbende dir in den Schoos sank, Göttlicher! du, du dauertest aus, denn über den dunkeln Tiefen ist manches schon dir auf und untergegangen.

Der Archipelagus, immer wieder als „du“ angesprochen, ist der „Gewaltige“, „Alte“ und doch zugleich Jüngling (Vers 10). Er ist der „Vater“ der ägäischen Inseln. Hölderlin charakterisiert sie so, wie er sie unter anderem aus Richard Chandlers Reiseberichten kannte.Walser 1962, S. 102–105. Kreta „steht“ mit seinen über 2000 Meter hohen Gebirgen. Salamis „grünt“ wie im 1797 erschienenen ersten Band von Hölderlins Briefroman Hyperion.Stuttgarter Ausgabe Band 3, S. 47. Delos, die Insel Apollons, der auch ein Lichtgott war, ist „rings von Strahlen umblüht“. Tenos, Chios und Zypern sind Weininseln. Kalauria, die Heimat Diotimas, besitzt – wie hier „silberne Bäche“ – im Hyperion Hügel mit „schäumenden Bächen“.Stuttgarter Ausgabe Band 3, S. 48. Vergänglich sind die Inseln. Vulkanismus, „die Flamme der Nacht, das untre Gewitter“ kann die „Töchter“ des Vaters zerstören, dem allein als dem göttlichen All Dauer zukommt. In seinen Preis wird der Kosmos einbezogen.

miniatur|Seite 2 des Manuskripts, Vers 20–38. miniatur|Seite 3 des Manuskripts, Vers 39–40 und 43–58; Verse 41 und 42 fehlen in diesem Manuskript. 25Auch die Himmlischen, sie, die Kräfte der Höhe, die stillen, Die den heiteren Tag und süßen Schlummer und Ahnung Fernher bringen über das Haupt der fühlenden Menschen Aus der Fülle der Macht, auch sie, die alten Gespielen Wohnen, wie einst, mit dir, und oft am dämmernden Abend, 30Wenn von Asiens Bergen herein das heilige Mondlicht Kömmt und die Sterne sich in deiner Wooge begegnen, Leuchtest du von himmlischem Glanz, und so, wie sie wandeln, Wechseln die Wasser dir, es tönt die Weise der Brüder Droben, ihr Nachtgesang im liebenden Busen dir wieder. 35Wenn die allverklärende dann, die Sonne des Tages, Sie, des Orients Kind, die Wunderthätige, da ist, Dann die Lebenden all' im goldenen Traume beginnen,