mini|hochkant=1.3|Aufnahme eines Selfies (der ehemalige Präsident Südkoreas Lee Myung-bak mit der Fußballspielerin Ji So-yun)
Ein Selfie (/ˈsɛlfiː/) ist eine Fotografie in der Art eines Selbstporträts, oft auf Armeslänge aus der eigenen Hand aufgenommen. Selfies sind oft in sozialen Netzwerken vorhanden und bilden eine oder mehrere Personen (Gruppenselfies) ab. Der Begriff „Selfie“ wurde Anfang der 2000er Jahre geprägt und im Deutschen in den 2010er Jahren populär.
Geschichte mini|hochkant|Selbstfotografie aus der Zeit um 1900
Fotografische Selbstporträts sind eine Weiterentwicklung des Genres Selbstporträt in der Malerei (gemalte Selbstporträts wurden nach Spiegelbildern und erst später nach Fotografien angefertigt). Fotografische Selbstporträts entstanden, seit es die Fotografie gibt. In den Anfangsjahren war es einfach, als Fotograf mit aufs Bild zu kommen, da Stative benutzt werden mussten und Belichtungszeiten von mehreren Minuten erforderlich waren. Spätere Kameras ermöglichten Selbstporträts durch einen Selbstauslöser.
Im August 2013 produzierte die britische Tageszeitung The Guardian eine Filmreihe mit dem Titel „Thinkfluencer“,#Thinkfluencer episode 1: Selfies – video. The Guardian; abgerufen am 5. Dezember 2013 in der in mehreren Episoden das Selfie-Phänomen in Großbritannien erkundet wurde.
Bei der Oscarverleihung 2014 wurde ein Selfie von der Schauspielerin Ellen DeGeneres, das sie unter anderem mit Jennifer Lawrence, Meryl Streep, Julia Roberts, Channing Tatum, Angelina Jolie, Bradley Cooper, Brad Pitt, Kevin Spacey, Jared Leto und Lupita Nyong’o zeigte, zum bisher am häufigsten retweeteten Foto aller Zeiten.S.P.O.N. – Die Mensch-Maschine: Willkommen im Zeitalter der Selfieness. Spiegel OnlineEllens Oscar-Selfie legt Twitter lahm. Focus
2014 kam als technisches Hilfsmittel die Selfie-Stange („Selfie-Stick“) in Mode. Dabei handelt es sich um eine ausziehbare Stange, die als Armverlängerung für den Fotografen dient. Sie erleichtert das Sich-selbst-Fotografieren mit einer justierbaren Halterung für das Smartphone. Mittels einer etwas entfernteren Perspektive werden so beispielsweise Aufnahmen des Fotografen vor einem bestimmten Hintergrund oder mehrerer Personen gemeinsam möglich. Schon ein Jahr später waren solche Stangen an vielen touristischen Hot-Spots aus Sicherheitsgründen verboten worden.Selfie Sticks verboten, Tagesanzeiger, 11. März 2015 mini|3D-Selfie Durch das Aufkommen von 3D-Druckern und 3D-Scannern ist es möglich, Personen dreidimensional aus einem 360-Grad-Blickwinkel aufzuzeichnen und in verkleinertem Maßstab auszudrucken. Diese Drucke werden auch als 3D-Selfie bezeichnet. Der Scanvorgang dauert kaum länger als ein normales Selfie, das erzeugte 3D-Modell wird dann meist mittels Binder Jetting ausgedruckt. In Deutschland gibt es dafür spezielle Studios, und auch einige Technik-Geschäfte bieten diesen Service an.
Begriffsgeschichte mini|Selbstfotografie im Stil eines Selfies, 1930er Jahre Die früheste Verwendung des Wortes „Selfie“ im Internet kann für das Jahr 2002 nachgewiesen werden. Es erschien zuerst in einem australischen Internet-Forum (ABC Online) am 13. September 2002 und ist in diesem Zusammenhang daher australischer Herkunft. OxfordWords blog. Oxford Dictionaries; abgerufen am 11. Dezember 2013
Selfies seien vor allem bei Jugendlichen, aber auch bei Erwachsenen beliebt.Bim Adewunmi: The rise and rise of the “selfie”. The Guardian, 2. April 2013; abgerufen am 11. Dezember 2013Jillian McHugh: “Selfies” just as much for the insecure as show-offs. WA Today, 3. April 2013; abgerufen am 11. Dezember 2013 Zumindest seit den 1970er Jahren, als Englisch vermehrt in Mode kam, gab es den Begriff (analog zu „Quickies“) für Selbstbefriedigung. Inzwischen hat sich aber die Foto-Bedeutung durchgesetzt.
Im deutschen Sprachraum ist der Begriff für Fotos seit mindestens 2011 belegt.Das Selfie ist ein Foto-Quickie mit sich selbst – Die Welt Im deutschen Fernsehen wurde das Selfie bereits thematisiert, bevor der Begriff bekannt war, etwa von Harald Schmidt, der 2007 in der Harald Schmidt Show ein Selfie mit dem letzten Eisbären vor dem Weltuntergang durch die Klimakatastrophe vorspielte.Die Harald Schmidt Show, 8. Februar 2007, 13:12, youtube.com Im Dezember 2012 stellte das Time Magazine fest, dass „Selfie“ unter den Top 10 der Schlagworte des Jahres 2012 liegt. Obwohl der Begriff schon seit Jahren existiert, wurde er 2012 als „wirklich ganz groß“ („really hit the big time“) betitelt.Katy Steinmetz: Top 10 Buzzwords – 3. Selfie. Time, 4. Dezember 2012; abgerufen am 5. Dezember 2013
Im November 2013 wurde „Selfie“ vom Oxford English Dictionary zum „Wort des Jahres 2013“ erklärt.
Technik der Selfie-Anfertigung und künstlerischer Einsatz mini|hochkant|Leonardo DiCaprio nimmt ein Selfie auf, die linke Gesichtshälfte wird zur Kamera gewendet (auf der Berlinale 2010) mini|Buzz Aldrin macht das erste Selfie während eines Weltraumspaziergangs mini|hochkant|Selfie des Mars-Rovers Curiosity In einer 2013 an der Universität Parma durchgeführten Studie stellte sich heraus, dass es für Selfies eine Vorliebe gibt, die linke Gesichtshälfte der Kamera zuzuneigen. Die Autoren sahen darin Übereinstimmungen zu Kompositionsregeln der klassischen Porträtmalerei. Sie interpretierten diesen Befund, dass Amateure spontan die gleichen Regeln anwenden wie professionelle Maler, selbst wenn sie das Bild spiegelverkehrt aufnehmen, als eine Folge neurophysiologischer Unterschiede im Emotionsausdruck für beide Gesichtshälften.N. Bruno, M. Bertamini: Self-Portraits: Smartphones Reveal a Side Bias in Non-Artists. In: PLOS ONE, 2013,) 8(2). doi:10.1371/journal.pone.0055141
Dieselben Autoren stellen in einer späteren Studie jedoch ihre Vermutung in Frage. In einem größeren Datensatz fanden sich merkliche Abweichungen von professionellen Gestaltungsregeln und Unterschiede zwischen Selfies, die von Personen mit bzw. ohne Fotoerfahrung aufgenommen wurden. Diese Befunde stellen wiederum psychisch fest verankerte Gestaltungsprinzipien in Frage und deuten eher auf kulturell-gesellschaftlich verankerte Regeln hin.N Bruno, V. Gabriele, T. Tasso, M. Bertamini: Selfies reveal systematic deviations from known principles of photographic composition. In: Art & Perception, 2013, 2, S. 45–58; doi:10.1163/22134913-00002027
Im Jahr 2013 präsentierten der Künstler Patrick Specchio und das Museum of Modern Art in New York eine Ausstellung namens „Art in Translation: Selfie, The 20/20 Experience“, in der die Zuschauer mit einer Digitalkamera Fotos von sich selbst in einem großen Spiegel aufnehmen konnten.June Colburn: Innovative mirror art gallery from Gallatin alum to be displayed. Washington Square News, 1. April 2013; abgerufen am 11. Dezember 2013
mini|„Selbstbildnis des Israel van Meckenem dem Jüngeren mit Gemahlin“ (um 1490), der Druck des Kupferstichs zeigt wahrscheinlich den Künstler seitenrichtig, seine Gemahlin seitenverkehrt, da er das Spiegelbild von sich gestochen hat, aber das Original seiner Gemahlin abgebildet hat
Gründe für die Anfertigung von Selfies In verschiedenen akademischen Disziplinen und der modernen Kunst findet zunehmend eine Auseinandersetzung über verschiedene gesellschaftliche Entwicklungen und Prozesse statt, die sich durch Selfies abbilden.Total unterschätzt: Wie Selfies unsere Gesellschaft verändern – Bento
Der Anreiz, Selfies anzufertigen, kommt daher, dass sie einfach zu erstellen und weiterzugeben sind und dem Fotografen die Kontrolle darüber geben, wie er sich präsentieren will (Eitelkeit). Im Gegensatz zu Fotos, die andere von einer Person anfertigen, besitzt diese bei einem Selfie in jedem Stadium vor der Weitergabe des Fotos „Macht über das eigene Bild“.Teresa Bücker: Das nackte Selbst. Selfies sind ein Akt der Emanzipation. In: Die Zeit, Nr. 42/2014.
Je nach technischer Ausführung können Selfies – bei der sehr verbreiteten Verwendung der Frontkamera an mobilen Geräten – das Abgebildete seitenverkehrt zeigen, was man an Schriften und Schildern im Hintergrund erkennen kann. Gesichter sind meist asymmetrisch gebaut (ein kleineres Auge, schiefer Mund, asymmetrische Lippen, Haaransatz; siehe dazu Gesicht #Beschreibung), was dazu führt, dass vielen Menschen eine Normalaufnahme ihres Gesichts nicht gefällt, weil sie ja ihr Gesicht vom Betrachten im Spiegel nur spiegelverkehrt kennen. Wenn ein Selfie dann das ihnen gut bekannte Spiegelbild zeigt, „erkennen“ sie sich selbst, was zur Beliebtheit des Selfies beitragen kann. Anderen Betrachtern erscheint dann das im Selfie abgebildete Gesicht einer Person ungewohnt.
Gemälde und Zeichnungen als Selbstdarstellung sind ebenfalls seitenverkehrt, da die Künstler ihr Spiegelbild porträtierten (außer sie arbeiteten nach einer Fotografie oder nutzten ein Druckverfahren wie bei einem Holzschnitt oder Kupferstich, da der seitenverkehrte Druckstock einen seitenrichtigen Druck ergibt).
Psychologische und soziologische Erklärungsansätze Viele Selfies sollen ein schmeichelhaftes Bild der Person abgeben, so wie sie von den anderen gesehen werden will.Peter Praschl: In den Augen der anderen. In: Welt am Sonntag, 13. Oktober 2013.
Zugleich haben Selfies auch eine Funktion der Selbstvergewisserung. Vielen Fotografen, die Selfies anfertigen, liegt daran, ein authentisches Bild von sich selbst zu bekommen und es anderen zu vermitteln.Matthias Oppliger: #Selfiekultur: Du sollst dir dein Bildnis machen. Tageswoche. 21. August 2014Philipp Wampfler: Authentizität als konstanter Mangel. Schule Social Media, 22. August 2014Eva Horn, Was vom Tag übrigbleibt. Über Selfies, Tagebücher und andere Dokumentationszwänge. In: Sinn und Form 6/2020, S. 758–767
Die permanente Darstellung des Lebens der anderen schafft darüber hinaus einen Druck zur Darstellung des eigenen Lebens, das zum Designobjekt wird, und verstärkt die Inszenierungsspirale durch Selfies und Körperkult. 39 Prozent der befragten Jugendlichen gaben in einer vom Marktforschungsinstitut IKW in Auftrag gegebenen Studie an, wöchentlich Selfies zu machen, 26 Prozent machten sie täglich, 14 Prozent sogar mehrmals täglich. Sie kontrollieren dabei jedes einzelne Bild bis ins Detail, um möglichst viele Likes zu erzielen. 30 Prozent der jungen Menschen sehen das Berühmtwerden als explizites Lebensziel. 10 Jahre zuvor waren es 14 Prozent.Selfies ungeschminkt. ikw-jugendstudie.org (PDF) ohne Jahr (ca. 2016).
Eine Studie über Facebook-Nutzer aus dem Jahr 2013 ergab, dass das häufige Posten von Selfies mit schwacher sozialer Unterstützung korreliere und dass diejenigen, die oft Fotos von sich selbst hochladen, ein Risiko eingingen, ihre realen Beziehungen zu beschädigen.Sharing photographs on Facebook could damage relationships, new research shows. Heriot-Watt University Edinburgh. 9. August 2013; abgerufen am 11. Dezember 2013David Houghton, Adam Joinson, Nigel Caldwell und Ben Marder: Tagger’s delight? Disclosure and liking in Facebook: the effects of sharing photographs amongst multiple known social circles. Discussion Paper. University of Birmingham, Birmingham 2013; abgerufen am 11. Dezember 2013
Einige Nutzer wählen absichtlich lustige oder unattraktive Bilder von sich selbst, um ihren Humor zu demonstrieren oder aber auch als Reaktion auf den wahrgenommenen Narzissmus und die Sexualisierung von typischen Selfies.Rachel Hills: Ugly Is the New Pretty: How Unattractive Selfies Took Over the Internet. New York Magazine, 29. März 2013; abgerufen am 11. Dezember 2013
Wiederum belegte eine Studie der Brigham Young Universität aus dem Jahre 2017 neben narzisstischen Neigungen auch weitere Motivationen hinter Selfies. Demnach lassen sich Selfie-Knipser in die drei Kategorien Kommunikatoren, Autobiographen und Selbstdarsteller einteilen, welche Aufschluss über persönliche Motive geben.