Der Große Turmbau zu Babel bezeichnet ein Gemälde Pieter Bruegels des Älteren aus dem Jahr 1563 im Kunsthistorischen Museum Wien. Thema ist der im Ersten Buch Mose und in Historien von Herodot geschilderte Turmbau zu Babel. Es handelt sich um eine Ölmalerei auf Eichenholz mit den Maßen 114 cm × 155 cm. Die Tafel ist am unteren Bildrand auf einem Quader signiert (BRVEGEL. FE. M.CCCCC.LXIII).
Größe und Erhaltungszustand
Möglicherweise wurde das Bild nachträglich verkleinert, indem es in der Höhe um etwa 4 cm und am rechten Rand um 8 cm gekürzt wurde. Links ist die originale Malkante intakt. Dies wird von den „Maßangaben im Inventar von Erzherzog Leopold Wilhelm 1659“, wo das Bild aufgelistet und beschrieben wird, bestätigt.Pieter Bruegel, Elke Oberthaler, Sabine Pénot, Manfred Sellink, Ron Spronk, Alice Hoppe-Harnoncourt und Sabine Haag: Bruegel. Die Hand des Meisters. Eine Ausstellung des Kunsthistorischen Museums Wien 2. Oktober 2018 bis 13. Jänner 2019. Stuttgart 2018, ISBN 978-3-7630-2807-8, S. 177.
Beschreibung Der Betrachter blickt aus mittlerer Höhe auf einen bühnenartigen Vordergrund, der in eine Polderlandschaft abfällt. Das bestimmende Bildelement ist eine gigantische Turmbaustelle. Der Bau ist so riesig, dass er einen Großteil der gesamten Bildfläche ausfüllt oder, wie Ulrike Wegener treffend formuliert: „Der Turm beherrscht die Bildfläche: Seine Fundamente nehmen zwei Drittel der Breite ein, während die Spitze das Format des Bildes zu sprengen droht.“Wegener 1995, op. cit. S. 15. Ein einzelner großer Fels wird in das Bauwerk mit eingebaut und von ihm fast verschlungen. Auf der Anhöhe links unten ist ein König mit Gefolge eingetroffen, vor dem sich einige Arbeiter niederwerfen. Die anderen Personen setzen ihre Arbeit fort. Den Bauherren erkennt man an seiner Körpergröße, die die Größe seines Gefolges überragt. Zu den königlichen Insignien gehört ein Zepter in seiner rechten Hand. Am Gurt trägt er eine Stichwaffe und seinen Oberkörper schützt ein Brustharnisch – die verkürzte Version des ritterlichen Harnischs. Hinter der Turmbaustelle mit eigenem Hafen breitet sich eine Stadtlandschaft aus. Das Bauwerk ruht auf einem mit mächtigen Stützmauern abgesicherten Ring, der sich zur Rampe erhebt und spiralförmig höherschraubt. Es ist bereits so mächtig angewachsen, dass es einen Teil der Stadt verschattet. Zahlreiche winzige Figurensilhouetten auf der Baustelle vermitteln zusätzlich einen Eindruck der Größe des Bauwerks. Die Außenmauern bestehen aus Kalkstein, für die innen liegenden Mauern werden rötliche Ziegel verwendet. Bruegel zeigt die Bautechniken seiner Zeit: Tretkräne sind im Einsatz, Lehrgerüste dienen zum Bogen- und Tonnengewölbebau und Steinmetze behauen Sandsteinquader.Klaus Demus: Der Turmbau zu Babel. In: Wilfried Seipel (Hrsg.): Pieter Bruegel d. Ä. im Kunsthistorischen Museum Wien. skira editore, Milano 2008, ISBN 978-3-85497-133-7, S. 56 f. Die Arbeiten der Bauleute werden von dem Maler sorgfältig beobachtet und für das Gewerbe charakteristisch gezeigt. Die baulichen Details sind genau durchdacht. Wie in einem Lehrbuch zeigt der Maler durch die noch offene Außenwand der oberen Ebene, wie die Gewölbe der Innengänge ausgeführt werden. In den ungewölbten mittleren Strängen sind einige Zwischenmauern hochgezogen. Rechts davon beginnt die Einwölbung der Kompartimente und links, wo diese Phase schon abgeschlossen ist, werden die Böden für die darüber liegende Ebene gelegt.Wegener 1995, op. cit. S. 26. Wie man in der Mitte des Turms sieht, wird der Fels teilweise abgebaut und als Baumaterial benutzt. Auch der Sand wird vor Ort am Ufer gewonnen. Die Außenwandabschnitte zwischen den Strebepfeilern sind mit jeweils zwei Blendbögen gegliedert und oben mit einem Rundbogenfries geschmückt. Am Himmel sind nur einzelne kleine Wolken zu sehen.
Motiv und Deutung Thema ist der im Ersten Buch Mose geschilderte Turmbau zu Babel:
mini|Die Kolosseumsruine zu Zeiten Bruegels (Hieronymus Cock, 1551)
Bruegel setzt das biblische Geschehen in seine Zeit und Heimat – so lässt er den Bauherrn König NimrodChristian Vöhringer: Pieter Bruegel. 1525/30–1569. Tandem Verlag, 2007 (h.f.ullmann imprint), ISBN 978-3-8331-3852-2, S. 73. in einer niederländischen Polderlandschaft auftreten. Die Proskynese der Steinmetze hingegen verweist auf den "Orient" als eigentlichen Ort des Geschehens.
Vorbild für die Konstruktion ist das römische Kolosseum, allerdings in einer Umkehrung, da dessen nach außen ansteigende Gänge hier nach innen zusammenlaufen. Durch die oben noch offene Bauseite des Turms kann man die gesamte innere Baustruktur und auch die Bauweise sehen. Der Gesamtaufbau des Turms mit dieser Öffnung sieht wie eine Gebäudeanalyse von Ansicht, Grundriss und Aufriss aus, wie sie bei den „Bauaufnahmen antiker Architektur“ üblich waren.Wegener 1995, op. cit. S. 24. Die Bauaufnahmen des Kolosseum waren zu Bruegels Zeit weit verbreitet und er hatte wahrscheinlich Zugang zu ihnen.Wegener 1995, op. cit. S. 24–25. Die Geschichte vom Turmbau gilt als Beispiel für ein anmaßendes, letztlich unmögliches Unternehmen. Nach Klaus Demus spiegelt sich dies in Bruegels Kombination aus Spiral- und Etagenbau. Dies sei ein unmögliches Gebilde, da der Turm auch im Inneren die Struktur einer Schnecke haben müsste. Die Neigung des Turms nach links komme daher, dass die Bauleute die Vertikalen im rechten Winkel auf die Rampe gesetzt hätten, er sei also „schief gedacht“.
Das Gemälde zeichnet seine Vieldeutigkeit aus. Steven Mansbach schreibt, dass die Natur des Felsen dem Bau untergeordnet wird. Ein natürlicher Hindernis wird durch menschliche Kraft, oder, genauer gesagt, durch die vereinten, planvoll eingesetzten Kräfte einer großen Menschengruppe dem gesetzten Ziel angepasst.Steven A. Mansbach: Pieter Bruegel’s Towers of Babel, in: Zeitschrift für Kunstgeschichte. Band 45, H. 1, 1982, S. 43–56, hier S. 43. Nach Jürgen Müller ging es Bruegel bei seinen Landschaftsbildern darum „[…] die Weite und Erhabenheit der Welt einzufangen“.Jürgen Müller, Thomas Schauerte, Petra Lamers-Schütze, Andy Disl und Benedikt Taschen: Pieter Bruegel. Das Vollständige Werk. Köln 2018, ISBN 978-3-8365-5688-0, S. 13–20, 60–83, 284–285, hier S. 15. Dafür benutzte Bruegel das perspektivische Verhältnis von Vordergrund und Hintergrund, eine geschickte Luftperspektive mittels Verblauung, Aufhellung und Vernebelung des Hintergrunds sowie die Weitläufigkeit der Landschaft, die durch einen leicht erhöhten Standpunkt besonders zur Geltung kommt. Der Künstler nahm diese Gestaltungsmittel aus seiner Italien-Frankreich-Reise mit.
Barbara Kaminska meint, dass zu Bruegels Zeit Babel als Metapher für Antwerpen gedient haben könne.Barbara A. Kaminska: “Come, let us make a city and a tower”: Pieter Bruegel the Elder’s Tower of Babel and the Creation of a Harmonious Community in Antwerp, in: Journal of Historians of Netherlandish Art 6, Nr. 2, 2014, S. 1–2. Dort sei es möglich gewesen, diversen Sprachen und Kulturen zu begegnen.Caecilie Weissert: Die kunstreichste Kunst der Künste. Niederländische Malerei Im 16. Jahrhundert. München 2011, S. 12. Vielleicht haben auch die verschiedenen, neu hinzugekommenen Religionen und der Zerfall der eigenen Religion eine Rolle gespielt. Bruegels Gemälde diente, so ihre Annahme, vermutlich als Diskussionsobjekt für die Gäste des gebildeten und wohlhabenden Auftraggebers.
Die Sprachverwirrung oder das Fliehen der Menschen von der Baustelle werden nicht dargestellt. Das Fehlen unmittelbarer Anzeichen der Katastrophe erlaubt die Verwendung des Gemäldes in einem geselligen Gespräch über eine gut funktionierende, wohlhabende Gemeinschaft. Es bietet einen diskursiven Raum, in dem eine positive Lösung möglich ist.
Bruegel selbst setzt sich nicht mit dem Bauherren des Turms gleich. Er ist eher einer der Steinmetze, der dort gerade sein Werkzeug liegen gelassen hat. Mehrere Hütten stehen auf der Wendelrampe des Turms. Zu dieser Zeit war es üblich, dass jede Zunft oder Arbeitsgruppe eine eigene Bauhütte am Arbeitsplatz besaß.Rose-Marie und Rainer Hagen: Pieter Bruegel d. Ä. um 1525 – 1569. Bauern Narren und Dämonen. Köln 1999, ISBN 3-8228-6590-7, S. 18.
Provenienz und heutiger Ausstellungsort mini|Die Signatur
Das Gemälde gehörte 1566 Bruegels Auftraggeber Nicolaes Jonghelinck und ging vermutlich im selben Jahr in den Besitz der Stadt Antwerpen über. Später ist es in den Sammlungen von Rudolf II. und des Erzherzogs Leopold Wilhelm von Österreich, Statthalter der spanischen Niederlande, nachweisbar. Heute befindet es sich in der Bruegel-Sammlung des Kunsthistorischen Museums Wien (Saal 10, Inventarnummer GG 1026). Das Museum stellt unter Inside Bruegel die Mikroaufnahmen des Werks in einer sehr hohen Auflösung zur Verfügung.
Weitere Versionen Eine auf um 1563 datierte Version ist unter der (modernen) Bezeichnung Kleiner Turmbau zu Babel bekannt und wird im Museum Boijmans Van Beuningen in Rotterdam aufbewahrt.
Literatur Ulrike B. Wegener: Die Faszination des Maßlosen: Der Turmbau zu Babel von Pieter Bruegel bis Athanasius Kircher (Studien zur Kunstgeschichte). Georg Olms Verlag, Hildesheim / Zürich / New York 1995, ISBN 3-487-09965-9.
Weblinks
Kunsthistorischen Museums in Wien: Der Turmbau zu Babel
Einzelnachweise
Kategorie:Gemälde von Pieter Bruegel dem Älteren Kategorie:Historiengemälde (Altes Testament) Kategorie:Antikenrezeption Kategorie:Museumsbestand (Kunsthistorisches Museum) Kategorie:Turmbau zu Babel Kategorie:1563 Kategorie:Gemälde (16. Jahrhundert) Kategorie:Architekturmalerei