Catone oder Cato (HWV A7) ist ein Dramma per musica in drei Akten. Das auf Leonardo Leos Catone in Utica basierende Pasticcio ist eine Bearbeitung Georg Friedrich Händels.
Entstehung Fünf Spielzeiten lang, zwischen Dezember 1729 und Juni 1734, war Händel, unterstützt durch den Impresario Johann Jacob Heidegger, praktisch allein verantwortlich für die italienische Oper des King’s Theatre am Londoner Haymarket. Im vorangegangenen Jahrzehnt waren die Opern noch von der Royal Academy of Music, der sogenannten ersten Opernakademie produziert worden, einer Gruppe von Aristokraten und Landadligen, die im Verein mit anderen Subskribenten den Spielbetrieb finanzierten; doch nach dem Scheitern der Akademie 1728 trat die Direktion ihre Rechte für fünf Jahre an Händel und Heidegger ab. Die neue Vereinbarung gab Händel das – für einen Komponisten der damaligen Zeit seltene – Privileg, Opern weitgehend nach eigenem Geschmack zu produzieren. So erweiterte sich das Repertoire der ernsten, heroischen Opern, der Opere serie die von der ersten Akademie bevorzugt wurden, bereits im Februar 1730 um Partenope, die Vertonung eines höchst amüsanten Librettos von Silvio Stampiglia, das die Akademie 1726 schon mal erwogen, jedoch auf Grund seiner „Verworfenheit“ zurückgewiesen hatte. Außerdem kamen Pasticci, Bearbeitungen von Opern führender italienischer Komponisten auf die Bühne,Anthony Hicks: Handel. Orlando, L’Oiseau-Lyre 430 845-2, London 1991, S. 30 ff. um den Spielplan zu „füllen“. Das erste Pasticcio dieser Serie, Ormisda (1730), war sehr erfolgreich, aber die nachfolgenden Venceslao (1731) und Lucio Papirio dittatore (23. Mai 1732) hatten nur je vier Aufführungen und fielen durch.
Zu Beginn der Spielzeit 1732/33 griff Händel wiederum auf ein Pasticcio zurück, deren Stoff er vermutlich während seiner Italienreise 1729 kennenlernte. Es war eine Oper Leonardo Leos, welche die Karnevalsspielzeit 1729 am 26. Dezember 1728 im Teatro San Giovanni Grisostomo mit Farinelli in der Titelrolle eröffnete, der damit in Venedig debütierte. Leos Werk bildete für Händels Londoner Bearbeitung die Grundlage. Außerdem wurden Arien von Johann Adolph Hasse, Nicola Porpora, Antonio Vivaldi und Leonardo Vinci in das Werk integriert. Die Oper wurde nur fünfmal, am 4., 7., 11., 14. und 18. November 1732 aufgeführt.Bernd Baselt: Thematisch-systematisches Verzeichnis. Instrumentalmusik, Pasticci und Fragmente. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch: Band 3, Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1986, ISBN 3-7618-0716-3, S. 371.
Besetzung der Uraufführung Catone – Francesco Bernardi, genannt „Senesino“ (Mezzosoprankastrat) Marzia – Anna Maria Strada del Pó (Sopran) Emilia – Celeste Gismondi, genannt „Celestina“ (Sopran) Arbace – Francesca Bertolli (Alt) Cesare – Antonio Montagnana (Bass)
Catone wurde in London von einigen als ein Werk Händels angesehen und erhielt als solche eine negative Beurteilung. Dennoch wurde bei John Walsh eine kleine Sammlung von „Favourite Songs“ (sechs Arien) gedruckt.Reinhard Strohm: Handel’s pasticci. In: Essays on Handel and Italian Opera, Cambridge University Press 1985, Reprint 2008, ISBN 978-0-521-26428-0, S. 179 ff. (englisch).
Libretto Das Libretto Catone in Utica geht auf Pietro Metastasio, dem späteren kaiserlichen Hofdichters Karls VI., zurück. Es ist das erste von vier Opernlibretti, welches dieser für das Teatro delle Dame in Rom schrieb, bevor er nach Wien ging. Die anderen sind Alessandro nell’Indie, Semiramide riconosciuta (beide 1729) und Artaserse (1730). Alle vier Opern wurden erstmals von Leonardo Vinci vertont. Catone in Utica wurde am 19. Januar 1728 uraufgeführt und sollte mit rund 30 Kompositionen eines von Metastasios beliebtesten Operntexten werden. Pietro Antonio Domenico Bonaventura Trapassi, so sein eigentlicher Name, wusste in dieser Opera seria klassische Form und politisch-moralisch avancierten Inhalt wirkungsvoll zu verbinden. Seine Quellen waren womöglich das frühere Libretto Cateone uticenze (1701) des Venezianers Matteo Noris, Joseph Addisons bekannte und einflussreiche Tragödie Cato (geschrieben 1712, 1725 ins Italienische übersetzt) und Caton d’Utique (1715) von François-Michel-Chrétien Deschamps, einer in der Tradition Pierre Corneilles stehenden französischen Tragödie. Für die Dichter der Opere serie, besonders Metastasio und seinen Vorgänger in Wien, Apostolo Zeno, war die französische Tragödie des 17. Jahrhunderts eine wichtige Inspirationsquelle.
Metastasios Catone in Utica wurde zunächst jedoch mit gemischten Gefühlen aufgenommen. Hatte das Publikum in Neapel Didos Tod in den Flammen am Ende von Didone abbandonata (1724) gerade noch akzeptiert, so waren römische Kritiker nicht bereit, den quälend langsamen Tod des Helden Cato, welcher sich über die letzten zwei Szenen der Oper erstreckte, anzusehen und auf das übliche „lieto fine“ zu verzichten. Publikum und Kritik stießen sich auch an einer gruseligen Szene, die in einem stillgelegten Abwasserkanal spielt. Metastasio, nicht unempfindlich auf Kritik reagierend, überarbeitete daraufhin die zweite Hälfte des dritten Aktes. In dieser seiner zweiten Version wird Catos Tod einfach nur berichtet, und alles, was vom „Acquedotti antichi“ übrig bleibt, ist der Eingang dazu, mit einem der Göttin Isis geweihten Springbrunnen und mehreren Bäumen als visuelle Ablenkung. Für Metastasio waren beide Versionen dieses Drama gleichberechtigt, die meisten Komponisten jedoch, so auch Leonardo Leo, bevorzugten die überarbeitete Fassung.
Die überlieferte Londoner Direktionspartitur („Handexemplar“) von Händels Bearbeitung, die heute in der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg liegt, bestätigt die Vermutung Friedrich Chrysanders, dass die musikalische Vorlage jene Oper Leos war, denn sie gründet sich auf eine Londoner Kopie der Oper Leos aus dem Besitz von Sir John Buckworth, 1726 einer der Direktoren der Royal Academy und 1733 dem Direktorat der Opera of the Nobility angehörend, mit dem Händel in Kontakt stand. Buckworth muss auch auf dem Karneval in Venedig 1729 gewesen sein, denn er ist Widmungsträger der zweiten Oper (Porporas Semiramide) am Teatro San Giovanni Grisostomo während dieser Saison, welche auch in der Kollektion von Buckworth überliefert ist. Dieser brachte also vermutlich die Partitur von Leos Catone mit nach London und lieh Händel diese im Jahre 1732. Diese, heute im Besitz der Royal Academy of Music, enthält Bleistiftnotizen Händels, die Kürzungen und Änderungen der Rezitative markieren, aber sich in erster Linie auf die Eliminierung der in London nicht besetzten Rolle des Fulvio beziehen. Der Tenor, dem Händel diese Rolle vermutlich angedacht hatte, Giovanni Battista Pinacci, war seit Beginn der neuen Spielzeit nicht mehr in Händels Ensemble.
Handlung mini|370px|Guillaume Guillon Lethière: Catos Tod in Utica, 1795, Eremitage (Sankt Petersburg).
Historischer und literarischer Hintergrund Es ist die in der klassischen Geschichtsschreibung bei Plutarch, in dessen Bíoi parálleloi (Parallele Lebensbeschreibungen), Appianos von Alexandria (Rhomaika) und Cassius Dio (Historia Romana) erzählte Tragödie des römischen Staatsmannes Cato von Utica, der von 95 bis 46 v. Chr. lebte und als „Vater des Vaterlandes“ in die Geschichte des antiken Rom eingegangen ist. Der Urenkel von Cato dem Älteren und Verfasser berühmter Schriften über die Entstehung Roms und die Punischen Kriege im 2. Jahrhundert v. Chr. war auch der Schwiegervater des Brutus. Als glühender Verfechter der Republik misstraute er sowohl Pompeius als auch Caesar. Als Caesar 49 v. Chr. den Rubikon überschritt, stellte sich Cato auf die Seite des Pompeius. Nach der Niederlage bei Pharsalus, die Pompeius das Leben kostete, floh Cato nach Utica in Africa. Die Flucht nach Utica brachte Cato den Beinamen Uticensis ein. Nach der Niederlage seines Freundes Metellus Scipio gegen Caesar bei Thapsus (Nordafrika) im Jahr 46 v. Chr. beging Cato in Einklang mit seiner stoischen Philosophie Selbstmord. Aus rein musikalischen Gründen änderte Metastasio den Namen der Witwe des Pompeius, Cornelia Metella, in Emilia und den des Prinzen und späteren Königs von Numidien, Juba, in Arbace.
Inhalt Trotz seiner überwältigenden militärischen Übermacht sucht Cesare Catone als Freund zu gewinnen; dabei könnte eine Heirat mit dessen Tochter Marzia, die ihn heimlich liebt, hilfreich sein. Catone hat Marzia jedoch dem numidischen Prinzen Arbace versprochen. Gegen die Verbindung Marzias mit ihrem Todfeind Cesare intrigiert auch Emilia, Witwe des von Cesare ermordeten Pompeio. Catone ist trotz Cesares Entgegenkommen nicht bereit, seine Prinzipien aufzugeben; in auswegloser Lage entscheidet er sich schließlich für den Freitod und zerstört damit auch Marzias Lebensglück. In den historischen Antagonisten Caesar und Cato konfrontiert die hochpolitische Oper zwei unversöhnliche Haltungen: bedenkenlos aus der Macht des Stärkeren abgeleiteter Herrschaftsanspruch auf der einen und republikanischem Rechtsverständnis verpflichtete Gesetzestreue auf der anderen Seite.
Argomento
Musik Mit Catone wollte Händel die Arbeit eines noch unbekannten Vertreters der jüngeren Generation italienischer Komponisten in London vorstellen. Gleichzeitig nutzte er die Gelegenheit, ein weiteres Drama des inzwischen berühmten Metastasio nach seinen eigenen Vertonungen (Siroe, 1728, Poro, 1731 und Ezio, 1732) zu bringen. Seine Änderungen an Leos Partitur erstreckten sich auf Neufassung von Rezitativen sowie auf Transposition, Austausch und Einfügung von Arien anderer Komponisten. Händel war dabei anscheinend bemüht, möglichst viel von Leos Vertonung in seiner Fassung beizubehalten, so sind wesentliche Teile der Rezitative, die (Ouvertüre), eine Sinfonia aus dem Ritornell des Chores Gia il mondo ti cede intero und neun Arien aus der Vorlage übernommen worden, drei weitere wurden erst während der Vorbereitungen der Direktionspartitur gestrichen oder ausgetauscht. Händels Umgangsweise mit den Arien war eine andere als beispielsweise zuvor im Lucio Papirio dittatore und so wurde Catone zur Eröffnung der neuen Saison ein echtes Pasticcio. Die Direktionspartitur enthält fünfundzwanzig vollständig oder teilweise erhaltene Arien (einschließlich derjenigen, die später ausgetauscht wurden). Neben den neun von Leo sind dies sechs von Hasse, vier von Porpora, vermutlich drei von Vivaldi und eine von Vinci. Die Urheberschaft zweier weiterer Arien ist unbekannt. Eine vergleichsweise große Zahl an Änderungen gab es noch während der Proben: noch vor dem Druck des Textheftes wurden zwei der Arien für die Celestina gegen andere getauscht, Montagnana bekam zu seinen drei noch eine dazu, während die Strada auf eine, wahrscheinlich eine originale Leo-Arie, verzichten musste. Nach dem Druck des Librettos und wahrscheinlich nach der Uraufführung, wurden zwei weitere Arien der Gismondi ausgetauscht. Wie schon in Elpidia und Ormisda, war Händel ziemlich großzügig, was die Erfüllung der Wünsche seiner Sänger in der Auswahl der Arien betraf.
Auch bei der Überarbeitung der Rezitative ging Händel anders vor als zuletzt beim Lucio Papirio: Erst schrieb sein Sekretär Smith senior den überarbeiteten Text in die Direktionspartitur. Dann trug Händel alle vorgesehenen Änderungen mit Bleistift in die Direktionspartitur ein, nachdem er in der Leo-Buckworth-Partitur die Kürzungen und einige entscheidende Regieanweisungen eingetragen hatte. Im Anschluss färbte Smith Händels Bleistifteintragungen mit Tinte ein und kopierte den Rest der Noten aus der Buckworth-Partitur.John H. Roberts: Catone. In: Annette Landgraf und David Vickers: The Cambridge Handel Encyclopedia, Cambridge University Press 2009, ISBN 978-0-521-88192-0, S. 129 f. (englisch).