mini|Karolingerzeitliche Bestattung von Neumarkt an der Ybbs, Grab 29 mit Messer, Feuerschläger und Feuersteinen (Grafik G. Melzer).

Das Gräberfeld von Neumarkt an der Ybbs, auch Gräberfeld Haidenschaft genannt, wurde im Rahmen von Rettungsgrabungen des österreichischen Bundesdenkmalamtes geborgen. Fundstücke, Grabrekonstruktionen und Informationstafeln sind im Schul- und Heimatmuseum Neumarkt an der Ybbs ausgestellt.

Geographische Lage Neumarkt an der Ybbs liegt im Westen Niederösterreichs, knapp südlich der Donau. Das Gräberfeld befand sich im Norden des heutigen Ortskernes.

Fundgeschichte 1961 wurden aufgrund von Schotterabbautätigkeiten Skelettreste und Artefakte entdeckt und dem Bundesdenkmalamt gemeldet. Die Rettungsgrabung führte Gustav Melzer durch.Gustav Melzer: Neumarkt an der Ybbs. Fundberichte aus Österreich 8, Berger und Söhne, Horn 1974, S. 48–50. Er deckte 45 Körpergräber der Grabgruppe A auf. 1997 wurden wieder durch den anhaltenden Schotterabbau Grabreste gefunden. Die sofort eingeleitete Rettungsgrabung leitete Franz Sauer. 1997 und 2000 wurden 91 Bestattungen und zahlreiche Siedlungsreste der Grabgruppe B dokumentiert.Franz Sauer, Jaroslaw Czubak: Neumarkt an der Ybbs. Fundberichte aus Österreich 36, Berger und Söhne, Horn 1997, S. 24–25.Franz Sauer, Jaroslaw Czubak: Neumarkt an der Ybbs. Fundberichte aus Österreich 39, Berger und Söhne, Horn 2000, S. 25. Ein Zusammenhang zwischen den beiden 200 Meter voneinander entfernten Gräberfeldteilen konnte nicht festgestellt werden, ist aber möglich.

Datierung Aufgrund der Lage der Skelette und der Beigaben konnten von den Gräbern der Grabungsgruppe A 38 Bestattungen in die beginnende Frühbronzezeit und acht in die Karolingerzeit datiert werden.Gustav Melzer: Neumarkt an der Ybbs. Fundberichte aus Österreich 8, Berger und Söhne, Horn 1974, S. 48–50.Herwig Friesinger: Studien zur Archäologie der Slawen in Niederösterreich. Mitteilungen der Prähistorischen Kommission 15–16, Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien 1971–1974, S. 53–55. Bei der Grabung Sauer der Grabgruppe B handelt es sich um Bestattungen der späten Frühbronzezeit bzw. der beginnenden Mittelbronzezeit, was aufgrund der Trachtbestandteile feststellbar war.Franz Sauer: Neumarkt an der Ybbs. Fundberichte aus Österreich 42, Berger und Söhne, Horn 2003, S. 84–85.

Kulturelle Zuordnung mini|Neumarkt an der Ybbs, Grab 192: Dem Toten wurde vor 3500 Jahren ein Dolch aus Bronze mitgegeben. Das Gebiet südlich der Donau und westlich des Wienerwaldes wird in der Frühbronzezeit von der Unterwölblinger Kulturgruppe besiedelt.Johannes-Wolfgang Neugebauer: Bronzezeit in Ostösterreich. Wissenschaftliche Schriftenreihe Niederösterreich 98/99/100/101, Verlag Niederösterreichisches Pressehaus, St. Pölten 1994, S. 69. Auch dieses Gräberfeld kann wegen der Bestattungssitte und des Fundmaterials der Unterwölblinger Kulturgruppe zugeordnet werden. Die Toten liegen in seitlicher Hockerlage, Männer mit dem Kopf im Norden, Frauen mit dem Kopf im Süden, beide mit Blick nach Westen. Die Toten tragen Schmuck und werden mit Speise- und Trinkbeigaben ausgestattet. Am Ende der Frühbronzezeit verändert sich diese Tradition und es werden keine Speisen und Getränke mehr mitgegeben. Diese Endphase wird als Böheimkirchner Gruppe der Věteřov-Kultur bezeichnet. Das nächstgelegene vergleichbare Gräberfeld war Gemeinlebarn F im Traisental.Johannes-Wolfgang Neugebauer: Die Nekropole F von Gemeinlebarn Niederösterreich. Römisch-Germanische Forschungen 49, Zabern, Mainz am Rhein 1991.

Grabgruppe A mini|Neumarkt an der Ybbs Grabgruppe A (Grafik G. Melzer, F. Siegmeth).

Die Grabgruppe A bestand aus 45 Körpergräbern, die von Gustav Melzer 1961 dokumentiert wurden. Von diesen Gräbern stammen 38 aus der Frühbronzezeit, acht weitere Gräber entstanden während der Karolingerzeit.

Frühbronzezeitliche Gräber In den frühbronzezeitlichen Gräbern wurden neben den sterblichen Überresten der Toten Keramikgefäße, Schmuck, Werkzeuge und Waffen gefunden. Am Beginn der Frühbronzezeit bestehen noch viele Praktiken, die aus der Jungsteinzeit bekannt sind und erst allmählich macht sich der Gebrauch des neuen Materials im Alltag erkennbar. So wurde bereits nach der Bergung im Jahr 1962 durch metallurgische Analysen festgestellt, dass 75 Prozent der Metallartefakte aus Kupfer bestehen, also noch nicht durch Beigabe von Zinn zu Bronze legiert wurde. Dieses Verfahren, das das Metall leichter verarbeitbar, härter und goldfarben machte, setzte sich erst nach und nach durch. Vorab wurden die Toten mit aus Schneckengehäusen, Dentalien, Muscheln und Knochen gefertigtem Schmuck ausgestattet, die nur durch wenige aus Kupferdraht hergestellte Objekte ergänzt wurden.

Fundstücke So wurden beispielsweise Dentalien mittels Kupferspiralröllchen verbunden und zu einer Halskette geformt. Runde oder dreieckige Knochenplättchen wurden gelocht und aufgefädelt. Eine Art des Kopfschmuckes bei Frauen und Männern war der Noppenring, wobei ein Stück Draht zu einer kleinen, flachen Spirale zusammengedreht und diese zu einem Ring gebogen wurde. Damit konnten die Haare in Strähnchen zusammengehalten werden. Nadeln wurden zum Verschließen der Kleidung benutzt. Hier wurde die Knochennadel von der Metallnadel abgelöst. Einfallsreich wurde dafür der gegossene Draht so gebogen, dass möglichst das glänzenden Metalls sichtbar war und eine Befestigung des Nadelkopfes mit einer Schnur ermöglichte – mehr als 1000 Jahr später sollte daraus die Fibel entstehen. In Neumarkt wurden Hülsenkopf-, Schleifenkopf- und Ruderkopfnadeln benutzt. Als reich zu bezeichnende Tote trugen darüber hinaus Armreife und um den Hals Ösenhalsringe, die sowohl als Schmuckstück als auch als Barren im Sinne einer prämonetären Funktion bekannt waren. Kupferdolche lösten den bisher gebräuchlichen Dolch aus Feuerstein ab, wie er noch von Ötzi verwendet wurde. Die uns bekannte Speisegabel gab es noch nicht, dafür konnte eine mit Holz oder Knochen geschäftete Metallspitze – ein Pfriem – verwendet werden, sofern das Gerät nachgewiesenermaßen in einem Essgeschirr mit Fleisch – respektive den erhaltenen Knochen – im Grab gefunden wurde. Liegt es dagegen als persönlicher Gegenstand beim Toten, zum Beispiel in Gürtelnähe, handelte es sich um ein Universalwerkzeug.

Die Toten wurden mit Speise und Trank für ihre Reise ins Jenseits versorgt. Davon blieben die Keramikgefäße im Boden erhalten. Wie für diese Zeitepoche und Region üblich, wurden dafür Töpfchen und Schüsseln verwendet.

Grab 36 Besondere Beachtung soll dem Grab 36 beigemessen werden. Hier wurde eine 20- bis 30-jährige Frau begraben, die nicht nur durch die Vielzahl an Schmuckstücken aus den übrigen Gräbern hervorragt. Sie trug zwei Ösenhalsringe und einen gelochten Bärenzahn um den Hals und befestigte die Kleidung mit zwei Kupfernadeln. Am Rücken wurden Blechröhrchen gefunden, die darauf schließen lassen, dass damit die Haare bzw. ein Kopf-Schulterumhang der Toten verziert war. Die Trachtausstattung mit einem Tierzahn und dem so genannten Kopf-Rücken-Schmuck ist in dieser Region unüblich. Sie weist auf einen Kontakt in das heutige Gebiet des Banats. Es bestanden Beziehungen zwischen diesen beiden Bevölkerungsgruppen, die durch die Donau verbunden waren. Ob diese Frau „Prinzessin“, Händlerin oder Gefangene war, konnte bisher noch nicht geklärt werden.

Frühmittelalterliche Gräber Es wurden acht frühmittelalterliche Körpergräber aus dem 9. Jahrhundert entdeckt. Sie unterschieden sich in ihrer Ausführung auffallend von den älteren Bestattungen. Die Toten wurden in west-östlicher bis nordwest-südöstlicher Richtung in rechteckigen Grabgruben beigesetzt. Sie lagen am Rücken in Holzsärgen. Neben dem Kopf oder Füßen konnte ein Tongefäß stehen. Schmuck wurde nur in einem Grab gefunden, wobei es sich um dünne Drahtohrringe handelte. Ein anderer Toten nahm sein Messer, Feuerschläger und Feuersteine mit ins Grab. Hier wurde auch das Fragment eines damals noch seltenen grün-blauen Glasgefäßes dokumentiert. Die Tradition, Tote mit Beigaben zu beerdigen, wurde von nicht-christlicher Bevölkerung praktiziert.

Der Grafiker Gustav Melzer Gustav Melzer, der die Grabung 1961 mit Helfern durchführte, hinterließ die von ihm angefertigte archäologische Befunddokumentation. Er zeichnete die Gräber mit deren Inhalt vor Ort in ein Skizzenbüchlein, fertigte daraus eine verbale Grabbeschreibung und Reinzeichnungen in einem A5-Schulheft an. Abschließend zeichnete er die Gräber in Tusche auf Transparentpapier als Grundlage für den geplanten Druck. Er entwickelte dabei seinen Stil der Grabzeichnung, besonders bei der Darstellung von Skeletten. Seine Zeichnungen sind nicht als reale, naturalistische Abbildung zu verstehen. Er fertigte vielmehr die Fundumstände symbolisch ab, wobei es ihm vor allem darum ging festzuhalten, wie das Skelett in der Grabgrube lag und wo die Fundgegenstände aufgefunden wurden. Durch die vereinfachte, schematische Darstellung wirken seine Skelette nahezu wie Comicfiguren. Die Entwicklung eines persönlichen Kunststils von Befundzeichnungen ist beispielsweise auch bei Ladislaus Kmoch zu beobachten. Originalzeichnungen seiner archäologischen Dokumentation aus dem Raum Bisamberg befinden sich heute in der Studiensammlung des Institutes für Urgeschichte und Historische Archäologie, Wien.Violetta Reiter: Digital Archiving of the Department Collection. 14th International Congress Cultural Heritage and New Technologies Vienna, 2009, S. 395.

Grabgruppe B mini|Grabgruppe B von Neumarkt an der Ybbs (Grafik F. Siegmeth).

Das Grabungsareal von 1997/2000 umfasste die Grabgruppe B mit 91 Bestattungen, einem vermutlich dazugehörenden Hausgrundriss sowie im südlichen Bereich des Gräberfeldes Siedlungsspuren der Eisenzeit. Die Gräber der Grabgruppe B werden an das Ende der Frühbronzezeit gestellt und der Böheimkirchner-Gruppe der Věteřov-Kultur zugeordnet.

In 89 Gräbern wurden die Toten wie zuvor in der Unterwölblinger Kulturgruppe geschlechtsdifferenziert Richtung Nord-Süd bestattet. Wieder lagen Männer mit dem Kopf im Norden und Frauen mit dem Kopf im Süden, beide blickten nach Osten. Geschlecht und Alter der Skelette wurden durch die morphologische Untersuchung der Anthropologen festgehalten. Unter Berücksichtigung archäologischer und anthropologischer Ergebnisse konnten 28 Frauen- und 17 Männergräber erkannt werden. Im Gegensatz zur Grabgruppe A wurden in der Grabgruppe B auch Kinderbestattungen dokumentiert. Von 42 unter 12-Jährigen waren 17 Mädchen und 25 Knaben, die aufgrund ihrer Lage im Grab als solche angesprochen werden. Ein Mann im Alter von 30–50 Jahren wurde aus heute nicht mehr nachvollziehbaren Gründen vor der Bestattung verbrannt und nur der Leichenbrand in Form kleiner Knochenteilchen in eine Grube geschüttet. Ebenfalls als Sonderbestattung kann eine Schädeldeponie bezeichnet werden, die sich am Rande des Grabungsareales befand. Besonders hervorzuheben ist der Umstand, dass die größte Zahl der Gräber unberührt die Jahrtausende überstanden haben. Nur bei 18 % der Gräber sind nachträgliche Eingriffe nachweisbar. Im zeitgleichen Gräberfelder von Gemeinlebarn F sind es 96 %. Dadurch sind aus dem Gräberfeld von Neumarkt an der Ybbs detailliertere Informationen über den Umgang mit den Toten möglich.

Fundstücke + Fundstücke der Grabgruppe B Ansprache Stück Nadeln 86 Armreife 43 Armreife 11 Dolche 4 Beile 3 Gürtelhaken 3 Anhänger 1 Pfriem 1