Bei der Massentötung am 27. Juli 2013 gingen ägyptische Sicherheitskräfte äußerst gewaltsam gegen Demonstranten im Protestcamp am Rābiʿa-al-ʿAdawiyya-Platz nahe der Rābiʿa-al-ʿAdawiyya-Moschee im Kairoer Stadtteil Nasr-City vor, die dort gegen den Militärputsch vom 3. Juli 2013 und für die Wiedereinsetzung des seit dem Putsch an einem nicht bekannt gegebenen Ort festgehaltenen, ersten demokratisch gewählten Staatspräsidenten Ägyptens, Mohammed Mursi, protestierten., RP Online, 14. November 2013, archiviert vom Original.

Dabei starben nach Angaben der vom Militär unter Militärratschef Abd al-Fattah as-Sisi gestützten und nicht gewählten Übergangsregierung mindestens 82 Menschen, (englisch). Ahram Online, 29. Juli 2013, archiviert vom Original. (englisch). Asharq al-Awsat, 27. Juli 2013, archiviert vom Original., Frankfurter Allgemeine Zeitung, 4. November 2013, von Markus Bickel, archiviert vom Original. nach Angaben von Ärzten und der dem gestürzten Staatspräsidenten nahestehenden Muslimbruderschaft weitaus mehr. (englisch). The Guardian, 27. Juli 2013, von Patrick Kingsley, archiviert vom Original. (englisch). The Independent, 28. Juli 2013, archiviert vom Original. Ägyptische und internationale Menschenrechtsorganisationen bezifferten die Zahl getöteter Demonstranten auf 95 und die Zahl getöteter Sicherheitskräfte auf einen Polizeibeamten. Nach anderen unabhängigen Angaben kam es zu über 100 Todesopfern.

Es handelte sich nach der Massentötung in Kairo vom 8. Juli 2013 bereits um die zweite Massentötung der Sicherheitskräfte in Kairo innerhalb von zwei Wochen (englisch). The Guardian, 28. Juli 2013, von Patrick Kingsley, archiviert vom Original. und um das schwerwiegendste staatlich durchgeführte Blutbad Ägyptens seit dem Sturz Husni Mubaraks von 2011. Human Rights Watch stufte die Massentötung vom 27. Juli 2013 als „außergerichtliche Massenhinrichtung“ ein. Teilweise wurde sie als „Rābiʿa-Massaker“ bezeichnet, das dann aber von der zweieinhalb Wochen später erfolgten und auch von internationalen Menschenrechtsorganisationen „Rābiʿa-Massaker“ genannten „außergerichtliche Massenhinrichtung“ an Demonstranten durch die Sicherheitskräfte unterschieden werden muss. (englisch; PDF: 3,42 MB), Human Rights Watch, 12. August 2014, archiviert vom Original., Human Rights Watch, 12. August 2014, archiviert vom Original.

In Alexandria kam es in der Nacht auf den 27. Juli und am Tag ebenfalls zu schweren Auseinandersetzungen mit mindestens zehn Toten.

Am 28. Juli übertrug Interims-Präsident Adli Mansur Interims-Ministerpräsident Hasim al-Beblawi per Dekret die Befugnis, dem Militär die Verhaftung von Zivilisten zu erlauben, womit eine Beteiligung der Armee an den seit Wochen angekündigten Räumungsaktionen der Protestlager erleichtert wurde., n-tv, 29. Juli 2013, archiviert vom Original.

Der Außenminister der USA, John Kerry bestritt kurz nach dem Ereignis vom 27. Juli die Machtübernahme des Militärs und lobte das Militär dafür, mit dem Sturz Mursis auf Wunsch der Bevölkerung die Demokratie wiederhergestellt zu haben. (englisch). The Huffington Post, 2. August 2013, von Deb Riechmann, archiviert vom Original. (englisch). BBC News, 1. August 2013, archiviert vom Original.

Westliche Medien sahen nach den Gewaltexzessen des Juli 2013 gegen Mursi-Anhänger in Kairo die Gefahr, dass Ägypten in den Bürgerkrieg abgleiten könne.

Vorgeschichte

Im Vorfeld und in der Folge des Militärputsches vom 3. Juli gingen die Sicherheitskräfte mehrfach mit Waffengewalt gegen Pro-Mursi-Demonstranten und ihre Protestlager in Nasr-City, Heliopolis und vor der Universität Kairo vor. Die Unterstützer des vom Militär gestürzten Staatspräsidenten Mohammed Mursi und der Muslimbruderschaft protestieren Ende Juli 2013 seit nahezu einem Monat vor der Kairoer Universität im Stadtteil Gizeh-Dokki und auf dem Platz vor der Rābiʿa-al-ʿAdawiyya-Moschee in Nasr-City.

Nasr-City: Bedeutung und historische Symbolik Der Kairoer Stadtteil Nasr-City, in dem sich das Rābiʿa-al-ʿAdawiyya-Protestlager befand, gilt als Hochburg von Mittelklassefamilien mit Sympathien für die Islamisten sowie als Ort mit hoher nationaler und historischer Symbolik. Innerhalb von Kairo wird Nasr-City als Zentrum der Muslimbruderschaft angesehen, die auch nach dem Militärputsch vom 3. Juli 2013 weiterhin den vom Militär gestürzten Staatspräsidenten Mohammed Mursi unterstützte., Deutsche Welle, 5. September 2013, archiviert vom Original. Das Zentrum der Pro-Mursi-Proteste bildete Ende Juli 2013 die an der Nasr-Straße gelegene Rābiʿa-al-ʿAdawiyya-Moschee in Nasr-City. (englisch; PDF: 3,42 MB), Human Rights Watch, 12. August 2014, Seite 31, archiviert vom Original. Die Rābiʿa-al-ʿAdawiyya-Moschee besitzt eine hohe mystische und religiöse Symbolik, da der religiöse Narrativ an die Namensgeberin der Moschee, die über zwölf Jahrhunderte zuvor gestorbene und im Islam als Heilige verehrte Rābiʿa al-ʿAdawiyya al-Qaysiyya in Ägypten gepflegt wird und islamistischen Putschgegnern Möglichkeiten zur Identifikation mit der Heiligen bietet, die der Erzählung nach tagsüber als Sklavin lebte und nachts betete. (englisch). Al Arabiya News, 24. August 2013, von Ramzy Baroud, archiviert vom Original. Nach den Massentötungen an Pro-Mursi-Demonstranten vom 27. Juli und 14. August 2013 auf dem Rābiʿa-al-ʿAdawiyya-Platz vor der Rābiʿa-al-ʿAdawiyya-Moschee in Nasr-City nahm auch die R4bia-Kampagne Bezug auf den Namen der Heiligen und des Platzes und wurde zum nachhaltigen Symbol für die Antiputschbewegung der Muslimbrüder., Deutsche Welle, 23. August 2013, von Markus Symank, archiviert vom Original., Deutsch Türkische Nachrichten, 25. August 2013, abgerufen am 26. August 2013., Zeit Online, 13. September 2013, archiviert vom Original. (englisch). Voice Of America, 23. August 2013, archiviert vom Original.

Zudem wies die im Osten von Kairo gelegene, schachbrettmusterartig angelegte Satellitenstadt Nasr-City mit den breit angelegten Straßen die größte Konzentration militärischer Einrichtungen und subventionierten Wohnraums für Militärangehörige in Kairo auf. In den 1970er Jahren befand sich dort noch ein großer militärischer Sperrbezirk mit Kasernen. An der breiten Hauptstraße, die zum Flughafen führt, wurde nach dem Jom-Kippur-Krieg im Jahr 1973 eine Kette von Hochhäusern mit Wohnungen für Armee-Offiziere errichtet., der Überblick, 03/2007, Seite 90, von Mona Abaza, archiviert vom Original. Der Name Nasr (deutsch: „der Sieg“) erinnert an die zahlreichen in dem Stadtteil befindlichen Armee-Gebäude, einschließlich des Verteidigungsministeriums. Zu den weiteren mit dem Militär verbundenen Einrichtungen in Nasr-City zählten (Stand: 2007) das Hauptquartier der Armee, die Militärakademie, der Sitz der Geheimpolizei, ein Militärhospital, ein Militärmuseum, Mietshäuser für Militärs, verschiedene Offiziersclubs, eine Reihe von Unternehmen des militärisch-industriellen Komplexes sowie mehrere im Besitz des Militärs befindliche Hotels.

Auf der breiten Nasr-Straße fand 1981 die Militärparade statt, bei der Staatspräsident Anwar as-Sadat bei einem Attentat radikalislamistischer Offiziere erschossen wurde. Gegenüber befindet sich Sadats Grab und der anlässlich der Verluste im Jom-Kippur-Krieg errichtete Pyramidenbogen des Denkmals des Unbekannten Soldaten. In Nasr-City befinden sich mit dem Hauptsitz des ägyptischen Geheimdienstes auch die berüchtigten unterirdischen Gefängnisse, wo die Muslimbrüder nach dem Putsch vom 3. Juli 2013 viele ihrer Anhänger in Haft vermuteten., Zeit Online, 7. Dezember 2013, von Paul Nehf, archiviert vom Original.

2./3. Juli

mini|Ausgewählte Orte im Zusammenhang mit blutig niedergeschlagenen Protesten von Pro-Mursi-Demonstranten (rot) in Kairo nach dem Militärputsch vom 3. Juli 2013:8. Juli: Protestcamp auf dem Gelände der Republikanischen Garde27. Juli: Protestcamp vor der Rābiʿa-al-ʿAdawiyya-Moschee14. August: Protestcamps vor der Rābiʿa-al-ʿAdawiyya-Moschee und am Al-Nahda-Platz16. August: Ramses-Platz und 15.-Mai-Brücke6. Oktober: u. a. Märsche von Dokki und Ramses-Platz (mit Al-Fetah-Moschee) zum Tahrir-Platz

Bereits vor Ablauf des 48-stündigen Militärultimatums am 3. Juli, das den Militärputsch vom 3. Juli einleitete, hatten sich tausende Unterstützer der Regierung Mursi vor der Universität Kairo versammelt, um gegen das vom Militär gestellte Ultimatum zu protestieren, worauf es zu „schweren Zusammenstößen zwischen Anhängern Mursis und Sicherheitskräften“ gekommen war. Tagesschau, 3. Juli 2013, abgerufen am 3. Juli 2013. Allein bei einem einzigen Vorfall in der Nähe der Universität Kairo kamen dabei 16 Menschen in der Nacht auf den 3. Juli ums Leben., n-tv, 3. Juli 2013, archiviert vom Original. (englisch). The Times Of Israel, 3. Juli 2013, von Michal Shmulovich, archiviert vom Original. (englisch). The Times Of Israel, 3. Juli 2013, archiviert vom am 26. Oktober 2013. Nachdem das vom Militär gesetzte Ultimatum am 3. Juli 2013 abgelaufen war, riegelten Militäreinheiten die Kaserne, in die sich Mursi zurückgezogen hatte, mit Barrieren und Stacheldraht ab.Militärputsch in Ägypten hat begonnen. n-tv, 3. Juli 2013, abgerufen am 3. Juli 2013. Das Militär übernahm die Macht in Ägypten, setzte die Verfassung außer Kraft und umzingelte den Präsidentenpalast mit Armeepanzern. (englisch). Voice Of America, 3. Juli 2013, von Diaa Bekheet, archiviert vom Original. Der von der Armeeführung festgenommene und abgesetzte Staatspräsident Mursi wurde Angaben aus der Muslimbruderschaft zufolge in den Kasernen der Republikanischen Garde im Kairoer Stadtteil Heliopolis festgehalten., stern.de, 3. Juli 2013, archiviert vom Original., Deutsche Welle, 3. Juli 2013, archiviert vom Original., Süddeutsche.de, 13. November 2013, archiviert vom Original. In den Vierteln Nasr-City, Heliopolis und nahe der Universität kam es zu einem massiven Truppenaufgebot. Deutsche Welle, 3. Juli 2013, archiviert vom Original. Pro-Mursi-Demonstrationen in Kairo wurden mit Dutzenden Panzern abgeriegelt.

5. Juli

Als am 5. Juli der einen Tag zuvor vom Militär als Interimspräsident eingesetzte Adli Mansur vereidigt wurde und in seinem ersten Dekret das bisherige Parlament, den Shura-Rat, auflöste, in dem Muslimbrüder und Salafisten eine gewählte Zweidrittelmehrheit besaßen, Der Tagesspiegel, 5. Juli 2013, von Martin Gehlen, archiviert vom Original. kampierten auf dem Gelände rund um die Rābiʿa-al-ʿAdawiyya-Moschee im Stadtteil Nasr-City weiterhin zu tausenden Pro-Mursi-Demonstranten. Am selben Tag schossen Elitesoldaten vor dem nahegelegenen Hauptquartier der Republikanischen Garden in Heliopolis auf die Anhänger des gestürzten Präsidenten, wobei vier Mursi-Anhänger nach offiziellen Angaben getötet wurden, als Demonstranten versuchten, Porträts des gestürzten Präsidenten Mursi dort aufzuhängen. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 5. Juli 2013, archiviert vom Original. Seit dem 5. Juli versammelten sich in der Folge vor dem Hauptquartier der Republikanischen Garde Protestteilnehmer und kampierten in Zelten, um für die Freilassung Mursis zu demonstrieren, da Gerüchte besagten, dass der vom Militär gestürzte Präsident dort festgehalten werde.Gewalt in Ägypten: Muslimbrüder warnen vor Bürgerkrieg wie in Syrien, Spiegel Online, 8. Juli 2013, abgerufen am 8. Juli 2013.

8. Juli