Kleopatra III. Euergetis (; * zwischen 160 und 155 v. Chr.; † im Oktober 101 v. Chr.) war eine Königin Ägyptens aus der Dynastie der Ptolemäer und gilt als eines der machtbewusstesten und rücksichtslosesten Mitglieder dieser Familie. Sie war die Tochter des ägyptischen Königs Ptolemaios VI. und dessen Schwester Kleopatra II.

Ehe mit Ptolemaios VIII. Noch vor dem Dezember 146 v. Chr. schuf Ptolemaios VI. ein eponymes Priesteramt für Kleopatra III. im oberägyptischen Ptolemais. Ein solcher Kult für eine Prinzessin, die aber noch keine Königin war, ist einmalig in der Ptolemäergeschichte. Nach dem Tod des Ptolemaios VI. (145 v. Chr.) heiratete Kleopatra II. ihren zweiten Bruder Ptolemaios VIII., dessen Gunst allerdings rasch ihre Tochter gewann. Wahrscheinlich in der Zeit zwischen Mai 141 und Januar 140 v. Chr. fand die Hochzeit von Kleopatra III. und ihrem Onkel Ptolemaios VIII. statt, der damit eine zweite Ehe einging, ohne sich deswegen von seiner ersten Gemahlin zu trennen. Angeblich hatte Ptolemaios VIII. seine Nichte zuvor vergewaltigt.Iustinus, Epitoma historiarum Philippicarum Pompei Trogi 38,8,5; Livius, Ab urbe condita librorum periochae 59; u. a. Neben Liebe mag die Zeugung weiterer Kinder – Kleopatra II. war schon über 40 Jahre alt – ein Heiratsgrund für den König, der bisher nur einen Thronfolger hatte, gewesen sein. Nach ihrer Heirat wurde Kleopatra III. gleichrangige Königin neben ihrer Mutter und in den Kult der theoí Euergétai („Wohltätergötter“) aufgenommen. In den erhaltenen Papyri aus dieser Zeit wird Kleopatra II. meist als adelphḗ (Schwester), ihre Tochter Kleopatra III. als gynḗ (Gattin) des Königs bezeichnet. Nur Letztere erhielt den Kulttitel theá Euergétis und wurde damit gegenüber ihrer Mutter ebenso aufgewertet wie durch die Schaffung eines weiteren Priesteramts in Ptolemais für sie.Werner Huß: Ägypten in hellenistischer Zeit 332–30 v. Chr. München 2001, S. 606; Günther Hölbl: Geschichte des Ptolemäerreiches. Darmstadt 1994, S. 169; 173; 261.

Diese Doppelehe führte zweifellos zu Spannungen und Eifersüchteleien zwischen Mutter und Tochter. Es kam schließlich zum Bürgerkrieg zwischen Kleopatra II. einerseits sowie ihrer Tochter und ihrem Brudergemahl andererseits; die beiden Letzteren wurden Anfang 130 v. Chr. nach Zypern vertrieben.Diodor, Bibliothḗkē historikḗ 33,6; 33,12; Iustinus, Epitoma historiarum Philippicarum Pompei Trogi 38,8,11; Livius, Ab urbe condita librorum periochae 59 Als Ptolemaios VIII. bei der Wiedereroberung Ägyptens rasche Fortschritte machte, ernannte er zur propagandistischen Unterstützung Gegenpriester zum Alexanderpriester, der Kleopatra II. unterstützte. Auch ein neuer Priester namens Hieropolos wurde nun für Kleopatra III. eingesetzt, die in diesem Zusammenhang „als große Isis, die Göttermutter“ bezeichnet wurde und dadurch propagandistisch über ihre ebenfalls durch Priester göttlich verehrte Mutter gestellt werden sollte. Die Identifizierung der Königin mit der bedeutendsten ägyptischen Göttin Isis geht hier weiter als bei allen früheren ptolemäischen Königinnen: bereits die lebende basilissa (Königin) wird als reine Göttin ohne irdischen Anteil angesehen. Die Ägypter sollten sie als Inkarnation der Isis gegen ihre Mutter unterstützen.Werner Huß: Ägypten in hellenistischer Zeit 332–30 v. Chr. München 2001, S. 624; Günther Hölbl: Geschichte des Ptolemäerreiches. Darmstadt 1994, S. 177; 261.

Nach der Eroberung von Alexandria durch Ptolemaios VIII. und der zeitweiligen Vertreibung der Kleopatra II. söhnten sich die drei Herrscher 124 v. Chr., wenigstens äußerlich, wieder aus und regierten wieder gemeinsam, wie sich aus Datierungsformeln ergibt.Werner Huß: Ägypten in hellenistischer Zeit 332–30 v. Chr. München 2001, S. 615; Günther Hölbl: Geschichte des Ptolemäerreiches. Darmstadt 1994, S. 179.

Ptolemaios VIII. und Kleopatra III. bekamen folgende Kinder:

Ptolemaios IX. Soter II. Ptolemaios X. Alexander I. Tryphaina, Ehefrau von Antiochos VIII. Kleopatra IV., Ehefrau von Ptolemaios IX. und Antiochos IX. Kleopatra V. Selene, Ehefrau von Ptolemaios IX., Antiochos VIII., Antiochos IX. und Antiochos X.

Herrschaft mit Ptolemaios IX. Als Ptolemaios VIII. starb (28. Juni 116 v. Chr.), trat sein testamentarischer Wille in Kraft, laut dem Kleopatra III. mit demjenigen ihrer beiden Söhne, den sie bevorzuge, regieren solle und die Kyrenaika an seinen illegitimen Sohn Ptolemaios Apion, Zypern wahrscheinlich an den nicht an der Herrschaft beteiligten Sohn fallen solle.Iustinus, Epitoma historiarum Philippicarum Pompei Trogi 39,3,1; 39,5,2 Damit hatte der König seiner jüngeren Gemahlin entgegen der Tradition, nach der automatisch der ältere Sohn nachfolgen müsste, viel Macht eingeräumt. Ihrem älteren Sohn Ptolemaios IX. nicht freundlich gesinnt, suchte sie den jüngeren, wohl fügsameren Sohn Ptolemaios X. zum Mitregenten zu machen, wurde aber daran von ihrer Mutter Kleopatra II. gehindert, die mit Hilfe von Heer und Volk Alexandrias durchsetzte, dass der ältere Sohn Kleopatras III. mit an der Herrschaft beteiligt wurde;Iustinus, Epitoma historiarum Philippicarum Pompei Trogi 39,3,2; Pausanias, Helládos Periēgēsis 1,9,1f.; Porphyrios bei Felix Jacoby: Die Fragmente der griechischen Historiker (FGrHist) 260 F 2,8 Kleopatra II., ihre Tochter und ihr älterer Enkel bildeten nun eine Dreierregierung und wurden als theoí Philomḗtōres Sṓtēres verehrt; Ptolemaios X. erhielt Zypern.Werner Huß: Ägypten in hellenistischer Zeit 332–30 v. Chr. München 2001, S. 627ff.; Günther Hölbl: Geschichte des Ptolemäerreiches. Darmstadt 1994, S. 183f.

Etwa Ende 116 v. Chr. starb Kleopatra II. und in den Papyri erscheinen nur noch Kleopatra III. und ihr Sohn als Herrscher, weiterhin mit dem Kulttitel theoí Philomḗtōres Sṓtēres, der Kontinuität signalisieren sollte.Werner Huß: Ägypten in hellenistischer Zeit 332–30 v. Chr. S. 630; Günther Hölbl: Geschichte des Ptolemäerreiches. Darmstadt 1994, S. 184.

115 v. Chr. schuf Kleopatra III. drei weitere eponyme Priesterinnenämter für sich: eine Stephanēphóros (Kranzträgerin), eine Phōsphóros (Fackelträgerin) und eine Hiéreia (Priesterin) für die Kleopátra Philomḗtōr Sṓtēira Dikaiosýnē Nikēphóros; mit den drei Letzteren, für einen idealen König stehenden Beinamen (Retterin, Gerechtigkeit, Siegerin) wollte sie wieder an Isis anknüpfen. Ihre Mutter scheint sie posthum aus dem Reichskult ausgeschlossen und damit über sie aus Hass eine damnatio memoriae verhängt zu haben.Werner Huß: Ägypten in hellenistischer Zeit 332–30 v. Chr. München 2001, S. 639f.; Günther Hölbl: Geschichte des Ptolemäerreiches. Darmstadt 1994, S. 184; 263.

In den Dokumenten wird Kleopatra III. vor ihrem Sohn genannt und dominierte damit die Regierung. Beginnend mit Kleopatra I. kann man so beobachten, dass die ptolemäischen Frauen immer mehr Macht im Vergleich zu den Männern an sich rissen, eine Entwicklung, die in der Herrschaft der berühmten Kleopatra VII. kulminierte.Günther Hölbl: Geschichte des Ptolemäerreiches. Darmstadt 1994, S. 185.

Die Königinmutter erzwang auch 115 v. Chr., dass sich Ptolemaios IX. von seiner Schwestergemahlin Kleopatra IV. scheiden ließ und seine jüngere Schwester Kleopatra V. Selene heiratete, die wohl leichter lenkbar war als die willensstarke Kleopatra IV. Diese floh nach Syrien und heiratete den Seleukiden Antiochos IX., der damit zum Feind Kleopatras III. wurde.Iustinus, Epitoma historiarum Philippicarum Pompei Trogi 39,3,2f.

Anscheinend reiste im August und September 115 v. Chr. nicht nur Ptolemaios IX., sondern auch seine Mutter und Gattin in den Süden Ägyptens bis an die Grenze Äthiopiens, wie einer InschriftInscriptiones Graecae (IG) Thèbes/Syène 244 zu entnehmen ist. Die Priester in Elephantine und Philae wurden von der Königsfamilie besonders durch finanzielle und territoriale Zusagen berücksichtigt. Beim Nilfest von Elephantine spielte Ptolemaios IX. die traditionelle Pharaonenrolle. Die ganze Reise sollte wohl demonstrieren, dass die Regierung durchaus stabil war.Werner Huß: Ägypten in hellenistischer Zeit 332–30 v. Chr. München 2001, S. 632; Werner Hölbl: Geschichte des Ptolemäerreiches. Darmstadt 1994, S. 184f.

116/115 v. Chr. beauftragte Kleopatra III. den Eudoxos aus Kyzikos mit einer zweiten Indienreise.Poseidonios, FGrHist 87 F 28,4f. bei Strabon, Geographika 2,99

Auch wenn Mutter und Sohn in den nächsten Jahren gemeinsam regierten, dürfte ihr Verhältnis nicht das Beste gewesen sein. Da die schriftlichen Quellen für diese Zeit äußerst spärlich sind, sucht die Forschung diese Spannungen aus Papyri und anderen Akten zu erschließen. Otto und BengtsonWalter G. A. Otto, Hermann Bengtson: Zur Geschichte des Niedergangs des Ptolemäerreichs. Ein Beitrag zur Regierungszeit des 8. und 9. Ptolemäers. S. 162ff.; 174. nehmen aufgrund solcher Zeugnisse an, dass Kleopatra III. ihren älteren Sohn von Oktober 110 bis Februar 109 v. Chr. durch Ptolemaios X. in der Herrschaft ersetzte, ebenso von März bis Mai 108 v. Chr. Diese Vermutung wird für die erste Zeitspanne heute eher nicht mehr geteilt; aber aus der letztgenannten Zeitspanne stammt wohl eine Inschrift,Supplementum epigraphicum Graecum (SEG) 9,5 die die Kyrenaier an den König und seine Schwester richteten; anscheinend hatten sich Ptolemaios IX. und Kleopatra V. vor ihrer Mutter in die Kyrenaika zurückgezogen (Ptolemaios Apion dürfte erst nach 102 v. Chr. in der Kyrenaika regiert haben). Werner Huß (Ägypten in hellenistischer Zeit 332–30 v. Chr. S. 634) nimmt darüber hinaus aufgrund eines Fragments des Geschichtswerks Diodors (Bibliothḗkē historikḗ 34/35,20) einen militärischen Konflikt zwischen Mutter und Sohn an, wobei er Alexandria eroberte, aber seiner Mutter verzieh und wieder zur früheren Herrschaftsteilung zurückkehrte.

Ein wesentlicher Konfliktpunkt war in dieser Zeit (um 109/108 v. Chr.), dass Ptolemaios IX. gegen den Willen seiner Mutter den Antiochos IX. mit 6.000 Mann gegen den jüdischen Hohepriester Hyrkanos I. unterstützte.Flavius Josephus, Jüdische Altertümer 13,274; 13,278f.

Herrschaft mit Ptolemaios X. Im Oktober 107 v. Chr. wurde Ptolemaios IX. endgültig durch seine Mutter vertrieben. PorphyriosPorphyrios, FGrHist 260 F 2,8 behauptet, dass Ptolemaios IX. im zehnten Regierungsjahr die Freunde seiner Eltern ermordet habe und wegen seiner Grausamkeit von seiner Mutter verjagt worden sei. Bei Iustinus (Epitoma historiarum Philippicarum Pompei Trogi 39,4,1) und Pausanias (Helládos Periēgēsis 1,9,2) kommt dagegen die gegenüber Kleopatra III. negativ eingestellte Literatur zu Wort: Sie habe ihren immer eigenständiger auftretenden Sohn nicht mehr kontrollieren können und die Alexandriner gegen ihn aufgehetzt; dabei seien ihr treu ergebene Eunuchen, die sich selbst verwundet hatten, ausgesandt worden und hätten fälschlicherweise behauptet, ihre Verletzungen hingen mit einem Attentat des Ptolemaios IX. gegen seine Mutter zusammen. Die Forschung schenkt im Allgemeinen der Kleopatra abgeneigten Tradition mehr Glauben.Werner Huß: Ägypten in hellenistischer Zeit 332–30 v. Chr. München 2001, S. 635.

Diesmal konnte Kleopatra III. die Alexandriner auf ihre Seite ziehen, und Ptolemaios IX. musste nach Zypern fliehen, während seine Gattin Kleopatra V. Selene und ihre beiden Söhne in Alexandria bleiben mussten. Ihren Lieblingssohn Ptolemaios X., der inzwischen von Zypern nach Pelusion gereist war, erhob sie nun statt seines älteren Bruders als Marionette zum Mitregenten, wie auch seine ägyptische Titulatur unterstreicht.Iustinus, Epitoma historiarum Philippicarum Pompei Trogi 39,4,1; Pausanias, Helládos Periēgēsis 1,9,2