mini|Inaktiver Tübser Rhenane „um 02 Uhr 30“ (Rainer Assmann)

Corpsstudentische Inaktivenvereinigungen waren Vereinigungen von inaktiven Corpsstudenten. Dazu zählen auch Ferienvereinigungen an nichtuniversitären Heimatorten, die nur in den Semesterferien zusammenkamen.

Inaktivenvereinigungen mini|Zirkel

Das Corpsstudententum war (ist) für viele eine Lebensform; die Inaktivenvereinigungen waren aber vor allem deshalb attraktiv, weil sie über der Enge der Convente und der Kösener Kreise standen – und vor überstürzten Eheschließungen schützten.H. Kater (1971) Deutlich wird die Selbstironie, die die Corps von allen anderen Verbindungsarten abhebt.Rüdiger Döhler: „Sint ut sunt sunt aut non sint!“ (Ricci) – Kern(ige) Sätze zum Corpsstudententum, hg. von der Schriftleitung, in: Einst und Jetzt, Bd. 57 (2012), S. 377–381 Vergleichbarer Witz und Übermut wären heute undenkbar, zumal Etikette und Umgangsformen kaum noch für wichtig gehalten werden.

Aachen Runder Tisch (1893): Zum täglichen Mittagessen und Abendschoppen traf man sich im Elisenbrunnen, zum Früh- und Dämmerschoppen im Postwagen, beim Ehrhaften Schmied und im Germania. Gepaukt wurde im Kurhaus. Beim 20. Stiftungsfest hatte der Runde Tisch 20 Mitglieder und acht Alte Herren als Verkehrsgäste. Vorsitzender war Klemens Mittelviefhaus Isariae. Barrikade (1896): Nach den Annalen der RWTH gründeten Kösener und Weinheimer Corpsstudenten die Vereinigung 1896. Die „Barrikaden-Stürmer“ trafen sich jeden Montag im Domkeller. Bei der regelmäßig gespielten „Barrikade“ wurde um eine Runde Bier, Schnaps und Zigaretten gewürfelt. Jeder Gewinner eines Gemäßes musste einen Vers von Bonifazius Kiesewetter zitieren. Zu Beginn jedes Semesters wählten die „Barrikaden-Stürmer“ ihre Chargen: den „Barrikaden-Vater“ und den „Barrikaden-Meister“.Fritz Bunse (1910–1977) Ratisboniae war ein verdienter Barrikaden-Meister. Nicht identisch mit dem SS-Obersturmbannführer Fritz Bunse Die Chargenzeichen v und vv (für Vogel) konnten bei Bewährung geklammert werden, zum Beispiel als „dreimal gevögelter Barrikaden-Vater“. Bei ihrem Corps bestrafte Mitglieder waren für die Dauer ihrer Dimission Ehrenmitglied der Barrikade. Abzeichen war die um den Hals getragene Lokuskette mit Marke und Mitgliedsnummer, die sich jeder Neuaufgenommene von der Damentoilette besorgen musste. Zu den „Ehrenmitgliedern“ gehörten Zeitungsausträger, Vertreter und Schauspieler. Der Wirt Walter Münder sammelte die Bierdeckel und ließ die Zeche einmal im Monat begleichen. Im Aachener Karneval veranstaltete er einen Hausball für Stammgäste. Die Damen waren Verkäuferinnen von Appelrath & Cüpper. Das Kreuz im Zirkel steht für einen Spanischen Reiter. Das erhaltene Barrikadenbuch von 1932 führt alle Veranstaltungen und 120 Mitglieder auf. Das Farbenlied wurde nach Aachen, freier Musensöhne altersgraue, treue Wacht gesungen:Max-Helmut Bourwieg: Barrikade, in: Heinrich Bonnenberg, Peter Speich: Geschichte des Corps Borussia Breslau zu Köln und Aachen, Bd. III: 1948–1979. Aachen 2019.

Auf, ihr Barrikadenstürmer, auf zum Barrikadenfest, das mit vielen schönen Hellen sich ganz prächtig feiern lasst. Lasst die Lokusketten rasseln, das ist unser gutes Recht; |:denn nach alter Väter Sitte wird barbarisch hier gezecht.:|

Wenn wir auf den Augenbrauen morgen früh nach Hause gehn, dann wird man in Aachen schauen: Wetter auch, die konnten’s schön. Lasst die Lokusketten …

Berlin BMT: Wie der Sargnagel in Danzig bestand der Berliner Bergmanns Mittags Tisch nur aus Kösener Inaktiven, die an der TH Charlottenburg weiterstudierten. Ab 1920 tagte er in einer Kneipe Ecke Schiller-/Schlüterstraße, mehr oder weniger in Permanenz. Abwechselnd mit dem Berg- und Hüttenmännischen Verein stellte der BMT in der Weimarer Republik den AStA-Vorsitzenden der Bergbau-Abteilung. Einmal im Semester gab er eine offizielle Gastkneipe beim Corps Marchia Berlin.Niels Maiweg Rhenaniae Tübingen, Rheno-Guestphaliae, Teutoniae Bonn, Frankoniae Brünn; Einst und Jetzt, Bd. 19 (1974), S. 234. Kösener Inaktivenvereinigung (1895): Die etwa 75 Mitglieder tagten im Pschorrbräugarten. Zu den Weihnachtskneipen schickte der Berliner Senioren-Convent (KSCV) Vertreter. AHiaCB-Vereinigung der Münchner Makaren (1925): Die Berliner Inaktiven der Makaria München hatten ein eigenes Corpshaus, eine Kneipe mit Vorgarten, alten Bäumen und feinstem Publikum in der Nähe der TH Charlottenburg. Die beiden Chargen waren Liederväter. Zu den alten Gästen gehörte Paul Lüdicke. Die Vereinigung wurde von den Nationalsozialisten verboten. Das Goldene Buch ist erhalten.Corpszeitung der Makaren (1968).

Bonn Elisabethen-Stammtisch (1880): Am Elisabethtag gegründet, tagte die Runde unter Leitung des „Oberbonzen“ im Restaurant Schmitz-Ruland, Stockenstraße. In den Kneiptisch waren sechs Silberplaketten mit den Namen der Mitglieder eingelassen. 1929 wurde der Stammtisch erneuert. Quinta (1955): Christian Helfer und Wolff von Wolfferdorff Rhenaniae Bonn (sp. Hassiae) hatten die Gründung am 5. Mai 1955 initiiert.Gert Mannes Rhenaniae Bonn, Einst und Jetzt, Bd. 19 (1974), S. 232

Breslau Die Oderschiffer: Die Schlesischen Oderschiffer (SOS) tagten im Pfeifferhof Löwenbräu in der Schweidnitzer Straße. Die Konstitution ist erhalten. „Schlechter Benimm Ehrensache. Dessinloses Benehmen hat Ausschluß zur Folge.“ (§ III). Der Präside wurde „an jedem Kneipabend gegen 9 Uhr“ neu gewählt und musste sein Amt mindestens eine Stunde lang versehen (§ II).Detlev Deetjen Moenaniae: Lusatiae Breslau, Einst und Jetzt, Bd. 19 (1974), S. 232. Verein inaktiver Corpsstudenten (1900): Das Bierlokal Kissling schenkte Kulmbacher aus. Dem ersten halben Liter folgten kleinere „Schuster“, die ab dem 10. (für Stammgäste) frei waren. Im Frühjahr gab es (für Stammgäste) ein bis zwei Gläser vom „bösen“ Eisbier. Am Sonnabend fuhr man mit der Breslau-Trebnitz-Prausnitzer Kleinbahn nach Hünern, dem letzten Dorf auf Trebnitzer Kreisgebiet. Dort wurde getanzt, geramscht und gezecht, bis keine leere Bierflasche mehr abgestellt werden konnte. Ein Ramsch von 7 oder 8 Inaktiven mit gleich vielen (jüdischen) Normannen und Alemannen bescherte 70 Säbelpartien, die nach dem Ersten Weltkrieg ausgetragen wurden.Felix Siebler Lusatiae Breslau

Clausthal BTADE: Carl Schnabel gründete den „Bierehrlichsten Tisch auf der Erde“ in der Clausthaler Krone. In der Tischmitte war eine silberne Platte eingelassen. Sie zeigte eine Karte der fünf Erdteile und einen einzigen Ort – Clausthal. Unter der Karte standen die Buchstaben B T A D E. Allabendlich trafen sich Professoren der Bergakademie Clausthal mit einigen Studenten. Der Stammtisch war weltberühmt; angeblich wurde Post an „BTADE in Germany“ zugestellt.Robert Paschke: Studentenhistorisches Lexikon. GDS-Archiv für Hochschul- und Studentengeschichte. SH-Verlag 1999. ISBN 3-89498-072-9. BMT (1922): Zum Ärger der Korporationen hatte der Bergmannstisch einen Briefkasten im Hauptgebäude der Bergakademie Clausthal und chargierte er bei ihrer 150-Jahr-Feier im Frack. Die Mitglieder kamen täglich zum „Billigen Mittags Tisch“, tranken eher wenig, wanderten viel und spielten täglich Doppelkopf. Ein Freundschaftsverhältnis verband sie mit dem „Füllort“ der Burschenschaften.

Danzig mini|64px|Sargnagel

Bowkia (1904): Das Stammlokal der Vereinigung auswärtiger Inaktiver des Weinheimer S.C. zu Danzig war die Alte Hütte in Langfuhr. Ihren Namen hatte sie vom niederpreußischen Bowke. Sargnagel: Gegründet wurde die Vereinigung am 10. Mai 1906 von Kösener Inaktiven, die aus dem Berliner Senioren-Convent (KSCV), dem Senioren-Convent zu Breslau (KSCV), dem Königsberg Senioren-Convent und besonders dem Münchner Senioren-Convent kamen und an der Technischen Hochschule Danzig weiterstudierten. Das Stammlokal war Zur Hütte in Langfuhr. Der Sargnagel war an der Hochschule akkreditiert, stand als Verbindung im Hochschulkalender und hatte die Anschrift Technische Hochschule.Einst und Jetzt, Bd. 19 (1974), S. 233 Er nahm an den Veranstaltungen der Hochschule und der Weinheimer Corps teil. Das Abzeichen war ein „herrlich geschmiedeter Nagel“. Als Kasse diente ein kleiner schwarzer Sarg.Wilhelm Kallenbach: Kösener Inaktivenvereinigung „Sargnagel“ Technische Hochschule Danzig. Deutsche Corps-Zeitung 1/1962, S. 39–40.Robert Paschke: Studentenhistorisches Lexikon. Köln 1999, S. 228, 299 mit weiteren Nachweisen

Das Lied der Ritter vom Sargnagel war in durch „Sargnägel“ beflügeltem Tempo zu singen nach der Melodie von „Strömt herbei ihr Völkerscharen“.Danziger Hochschulführer 1928/29 Das „Stachelschwein“ ist zweifellos eine Reverenz an Waldemar Dyhrenfurth.

Jüngstens hört ich, wie ein Jünger von dem Stamme Aeskulap Warnend mit erhob'nem Finger Sprach von bösem Herzensklappp: Meid' die Orte, wo euch winket Alkohol, der Feind, der arg. Jeder Tropfen, den ihr trinket, Ist ein Nagel eurem Sarg.Solch's erinnerte der Gute Aus der Heilkunst Stinketopf. Doch ich sprach mit frohem Mute Zu dem Hohl- und Wasserkopf: Eure Weisheit hoch in Ehren, Aber dennoch klar mir ist: Deshalb Alkohol verwehren Ist doch Blödsinn, Dreck und Mist.Seht, es herrscht doch gar kein Zweifel, Dass es wurscht ist und egal, Wenn dereinst mich holt der Teufel Aus dem irdischen Lokal. Ob mein Sarg wie eines Vögleins Bürzel glänzet kahl und rein Oder von Millionen Näglein Starret wie ein Stachelschwein!

Düsseldorf Möstertspöttche (1929):Möstert ist die rheinische Verballhornung von moutarde = Senf Gegründet von neun Medizinstudenten der Medizinischen Akademie Düsseldorf. Getagt wurde im Düsselschlösschen. R(h)einschiffer (1968): Gegründet am 20. November 1968 um 04 Uhr 35, hatte der Tisch Mitglieder aus allen schlagenden Verbindungen. Die Farben waren schwarz–dunkel–finster und wurden als Kordel zum Band getragen. Verboten waren Bierjungen und verbandspolitisches Geschwafel, stiller Suff und stiller Furz.

Erlangen mini|Pfarrerstochter

Pfarrerstochter (1861), die berühmteste aller Inaktivenvereinigungen Haberer: Erlanger Bayern gründeten den Stammtisch in Erinnerung an das Haberfeldtreiben. Lustitia (1958): Als das Corps Lusatia Leipzig im April 1958 von Erlangen nach Berlin verlegte, mussten studienhalber acht Lausitzer als auswärtige Inaktive zurückbleiben. Sie gründeten den „Außerordentlichen Stammtisch der Lustitia“. Es gab zwei Arten von Mitgliedern: Die Ordentlichen Mitglieder des Außerordentlichen Stammtischs der Lustitia waren die Lausitzer. Die ehemaligen MC und Inaktive von Verhältniscorps waren Außerordentliche Mitglieder des Außerordentlichen Stammtischs. Darunter waren Tübser Rhenanen, Hallenser Preußen, Altmärker-Masuren und Münchner Pfälzer. Mit dem Erlanger Senioren-Convent stand man sich gut. Als die letzten Mitglieder ihr Studium an der Friedrich-Alexander-Universität beendet hatten, stellte Lustitia ihr fideles Treiben ein.Egbert Weiß, Einst und Jetzt, Bd. 19 (1974), S. 231.

Frankfurt am Main Frankowurstia (vor 1929): Unter Leitung der Oberwurst tagte sie allwöchentlich in der Altdeutschen Bierstube am Kaiserdom St. Bartholomäus. Um das Tischlied gab es viel Ärger: „Und im Frühling da steigt der Saft in die Höh’ und die Mädels, die Vögel, die jauchzen, juchhe!“

Freiburg im Breisgau Schurkenbund (1890): Unter Leitung des Oberschurken tagte man im Domhotel, im Restaurant am Martinstor und nach dem Ersten Weltkrieg im Württemberger Hof. Der Bund sorgte für das Wiederaufleben des Freiburger Alte-Herren-Senioren-Convents und ging vor 1928 ein. Schwarze Sau Schwarzwurzia: Ende der 1970er-Jahre gegründete Vereinigung von Inaktiven auswärtiger Kösener Corps (schwarzes Band). Aufnahme neuer Mitglieder samstags um 12.00 Uhr auf dem Turm des Freiburger Münsters (beim Glockenschlag).

Gießen Rübe (1912): Unter dem Vorsitz der Oberrübe tagte man im Augustiner. In dem Bierlokal beim Stadttheater Gießen bediente der Oberkellner Kaiser, ein „Majestät“ genanntes Original. Mit dem Ersten Weltkrieg ging der Bund ein. Lahnschiffer

Göttingen