mini|1836 von Ph. Bach in Windecken gegossene Glocke mit der typisch verzierten Krone und dem breiten Wolm Die Glockengießerfamilie Bach goss im 18. und 19. Jahrhundert in vier Generationen über 400 GlockenGeschichtsverein Windecken 2000: Bach-Forschung, abgerufen am 8. April 2012 und , abgerufen am 8. April 2012. sowie einige Feuerspritzen und andere Metallgegenstände wie Taufbecken, Kronleuchter, Mörser oder Bügeleisen. Die Gießereien befanden sich in Hungen und hauptsächlich Windecken. Die meisten Glocken wurden in die ehemalige Grafschaft Hanau-Münzenberg und Umgebung, also den heutigen Main-Kinzig-Kreis und die Wetterau geliefert, finden sich aber auch besonders ab dem 19. Jahrhundert in Frankfurt, im Taunus, im Vogelsberg und im Odenwald sowie in Unterfranken und im Raum Mainz wieder; ein Exemplar wurde gar ins Sauerland gebracht.
Geschichte Johann Peter Bach, der erste Glockengießer der Familie, wurde 1722 als Enkel des Spritzenmachers Mathias BachPrivate Seite von Peter Heckert und Sohn des Spritzenmachers Johann Georg Bach (1699–1752) in Hungen geboren.Die Inschrift der Feuerspritze Schweinsberg an der Ohm nennt „Vatter und Söhne“, Meister Johann Georg, Johann Peter und Philipp Bach als Hersteller. Dort goss er 1741 seine erste Glocke für die Kirche in Lämmerspiel. 1745 goss er Glocken für Echzell und für die Reinhardskirche in Windecken. Ein Jahr später heiratete er Anna Katharina Spielman, die Tochter eines Windecker Ratsmitglieds. Um 1748 kaufte er den Pflücksburger Hof ()Stadtplan Windecken 1727 nach dem Original im Stadtarchiv nachgezeichnet von Ernst J. Zimmermann und zog nach Windecken. Im Garten des Anwesens richtete er das kleine Gießhaus ein, später folgte das große vor dem Kilianstädter TorGeschichtsverein Windecken 2000: Zur 650-Jahr-Feier, abgerufen am 10. April 2012. im Bereich der heutigen Kreuzung Eugen-Kaiser-Str./Konrad-Adenauer-Allee (). Ab 1749 mehren sich die Gussaufträge. Sein größter Auftrag waren vier Glocken mit der Schlagtonfolge a0-c1-d1-e1 im Jahr 1757 für das Collegiat Stifft Sancti Petri zu Meyntz. Das Geläut sollte von Mainz erst nach dem Probe-Läuten bezahlt werden und brachte ihn dadurch in eine Liquiditätslücke, denn die Auslieferung wurde ihm durch den Hanauer Münzmeister wiederum erst nach Rückzahlung des geliehenen Geldes für das Metall erlaubt, wie ein Briefwechsel zwischen den Regierungen von Hanau und Kurmainz belegt. Johann Peter Bach arbeitete als fürstlich-hanauischer Glockengießer. Im Jahr 1780 starb Bach. Bis dahin hatte er mindestens 80 Glocken gegossen. Sein jüngster Sohn ging nach Roßdorf, wo die Familie bis heute besteht. Johann Peters Bruder Johann Philipp Bach goss derweil in Hungen Feuerspritzen und Glocken – so etwa 1754 eine für Rockenberg.Robert Schäfer: Hessische Glockeninschriften. In: Archiv für Hessische Geschichte und Alterthumskunde, 1884, 15, S. 475–544; . Im Jahr 1773 erteilte ihm der Graf zu Solms die Erlaubnis, „in seinem ganzen Lande Glocken zu gießen und Feuerspritzen zu bauen“,Heimatbrief 2/2004 der Heimatgesch. Vereinigung Reiskirchen (PDF; 339 kB) abgerufen am 10. April 2012. und somit eine Absage an den Konkurrenten Wilhelm Heinrich Rincker aus Leun.
mini|links|Der Pflücksburger Hof heute In der nächsten Generation stand Johann Philipps 1764 geborener jüngster Sohn Johann Peter (II.) Bach. Aus dem Jahr 1780 sind zwei Glocken erhalten, die er zusammen mit Johann Philipp goss. Nach dem Tod seines Vaters arbeitete er alleine weiter, dabei signierte er die Glocken meist nur mit Peter Bach. Er starb 1801. In Windecken war zu dieser Zeit Johann Georg Bach tätig, der älteste Sohn des Johann Peter (I.) Bach. Er goss anfangs mit seinem Vater zusammen, mindestens 30 Glocken sind von ihm bekannt und einige erhalten. Der damals regierende Erbprinz Wilhelm, der spätere Landgraf Wilhelm IX., sandte Johann Georg in seiner Anfangszeit zur Weiterbildung auf Staatskosten in größere Gießereien in den Nachbarländern.Beim Glockengusse in Windecken, aus den Erinnerungen von Heinrich Karl Bach auf den Seiten des Geschichtsvereins Windecken 2000, abgerufen am 8. April 2012. Privat hatte Johann Georg Bach jedoch ein schwieriges Schicksal: Alle seine Kinder starben kurz nach der Geburt, später auch seine Frau. Mit 46 Jahren heiratete er erneut. Von seinen sechs Kindern aus dieser Ehe überlebte nur eines das Jugendalter. Johann Georg Bach starb 1814. Ein weiterer Sohn Johann Peters, Johann Michael (1750–1827), schlug eine militärische Laufbahn ein und gelangte im Rahmen der deutschen Beteiligung am Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg in die Dreizehn Kolonien in Nordamerika.
hochkant=0.5|mini|Ph. H. Bach (II.) Die dritte Generation markiert Johann Georgs Sohn Philipp (Heinrich) Bach (* 1798), der ebenfalls in Windecken arbeitete. Bereits mit 16 Jahren wurde er Johann Georgs Nachfolger. In der Anfangszeit unterstützte ihn sein Hungener Onkel Jakob, der schon 1805 mit seinem Vater eine Glocke für Langen-Bergheim und danach weitere gegossen hatte. Unter Philipp Bach hatte die Gießerei trotz der Konkurrenten Barthels (Frankfurt) und Otto (Gießen/Darmstadt) ihren Höhepunkt, mindestens 170 Glocken sind bekannt. Philipps Sohn Philipp Heinrich (* 1829) war der letzte Gießer der Familie Bach, die inzwischen als Firma Bach und Söhne betrieben wurde – neben Philipp Heinrich (II.) war sein Bruder Karl Heinrich Andreas beteiligt, der die Reisen zwecks Verhandlungen übernahm. Die Zollbedingungen erschwerten das Geschäft: Bereits um 1830 schmuggelten die Bachs das Metall heimlich auf Schleichwegen ins benachbarte Heldenbergen, um dort in der Nassburg unter Umgehung der erheblichen Steuerlast die für Hessen-Darmstadt bestimmten Glocken zu gießen. Der Ausbau der Verkehrswege – 1852 wurde die Bahnstrecke Kassel–Friedberg–Frankfurt und 1879/81 die Bahnstrecke Friedberg–Windecken–Hanau eröffnet –, erhöhten den Konkurrenzdruck durch die schon in dieser Zeit großen Firmen wie die Gießereien Rincker (Sinn), Hamm (Frankenthal) und Schilling (Apolda). Auch die Reichsgründung 1871 brachte keine Verbesserung, ferner starben im gleichen Jahr zuerst mit Philipp Bach der Geschäftsführer und zehn Monate später mit Karl Heinrich Andreas Bach der Auftragsvermittler. Dennoch wurden durch Philipp Heinrich Bach bis 1891 noch einige Einzelglocken und zusammenhängende Geläuten – in den letzten zehn Jahren etwa 40 Glocken – in vergleichsweise moderner Ausführung gegossen.
Philipp Heinrichs Sohn Heinrich Karl Bach setzte damit die Tradition nicht fort und wurde nach Entscheidung des Familienrats Lehrer. Er hatte in seiner Jugend jedoch die Tätigkeiten in der Gießerei genau beobachtet und in seinen Memoiren detailliert festgehalten. Nach dem Guss zweier Glocken für die Windeckener Stiftskirche im Jahr 1891 stellte die Firma ihren Betrieb ein. Philipp Heinrich Bach zog zu seinem Sohn nach Fechenheim und starb dort 1906.
Charakteristika mini|links|Klangvergleich von Bach-Glocken verschiedener Zeiten: 1756, 1764 (beide J. P. Bach), 1838 (Ph. H. Bach) und 1794 (P. Bach)
Glocken der Gießerfamilie Bach haben recht steile Flanken und einen weit ausladenden Wolm. Die Kronenhenkel sind entweder rund und schmucklos oder mit bärtigen Männerköpfen verziert. Ab etwa 1860 wechselten die Bachs von der klassischen Sechshenkelkrone mit zwei einzelnen und zwei gepaarten Henkeln zur modernen Form mit sechs Henkeln in gleichmäßigem Abstand; dabei sind die von der Mitte ausgehenden Henkelteile zur Außenseite hin leicht überstehend und abgeschrägt. Die Schulter ist meistens mit einem Band verziert, das sich wiederholende Muster zeigt, am häufigsten vierblättrige Kleeblätter in Schnörkeln. An der Flanke wird die Glocke von einer mehrzeiligen Inschrift in Barock-Antiqua in Großbuchstaben umschlossen, in der neben Angaben zum Guss – oft in der Form des Spruchs „IN GOTTES NAMEN FLOSS ICH (Vorname) BACH IN (Ort) GOSS MICH (Jahr)“ – häufig auch die Gemeindevorsitzenden, Pfarrer oder Bürgermeister des Ortes vermerkt sind. Eher selten sind für Glocken typische Sprüche zu finden, etwa in Brensbach (und ähnlich Büdingen sowie Bad Schwalbach) im Reim: „GIB JESV DASS MEIN TOHN IM FRIEDEN STAETS ERSCHALL / BEWAHRE DIESEN ORT FVR FEVER UND VBERFALL“. Der Text ist in der deutschen Sprache gehalten, es sind aber auch Glocken mit lateinischem (vor allem bei katholischen Kirchen) oder französischem (etwa in Friedrichsdorf) Text erhalten. Die Zeilen sind durch dünne Linien getrennt. Teilweise folgt unterhalb des Textes noch ein weiteres Zierband. Auch Ortswappen oder Glaubensmotive wurden ab und zu verwendet, ebenso Bibel-Zitate – etwa mehrmals das Gloria entweder auf einer Glocke oder bei Dreiergeläuten verteilt auf die Glocken.Lt. Schäfer z. B. in Södel und Melbach, auf einer Glocke in Obbornhofen. Die in Hungen gegossenen Glocken zeichnen sich dabei durch größere und deutlichere Buchstaben aus. Ferner tauchen oft Engelsköpfe mit Flügeln auf. Um 1850 wanderte die Gießerinschrift auf den Wolm und es wurden auch Kleinbuchstaben verwendet, die Jahreszahl kursiv geschrieben. Für zwei Glocken von 1854 in Oppershofen ist gar Fraktur belegt.Arcinsys Hessen: HStAD, R 4, 15310/8 A, abgerufen am 14. April 2026 Die letzten Glocken weisen eine Inschrift in klassizistischer Antiqua auf. Direkt oberhalb des Wolms befinden sich mehrere Zierringe, davon der mittlere besonders dick. Dieses Stilelement blieb von den ersten Glocken bis fast zu den letzten gleich.
mini|links|Vergleich J. Wagner ↔ J. P. Bach Klanglich tritt vor allem eine kleine Sexte als Unterton auf – es handelt sich also um für die Barockzeit typische Sextglocken – sowie eine bis um eine Terz abgesenkte Prime und eine wiederum erhöhte Terz, woraus sich ein neuer Moll-Akkord ergibt. Da die ersten Glocken von Johann Peter Bach diese Merkmale noch nicht aufweisen, war diese Klangabweichung von einer idealen Sextglocke möglicherweise sogar gewollt. Eine klanglich und optisch sehr ähnliche Glocke von Johann Wagner (1655) befindet sich in Hanau-Steinheim, für das Johann Peter Bach 1750 eine Glocke goss. Die typischen zuvor genannten Merkmale treten erst bei Glocken nach 1750 auf – möglicherweise nahm Bach also Anleihen bei der Wagner-Glocke. Dieses spezielle Klangbild übernahmen auch seine Nachfahren Johann Georg und Philipp Heinrich (I.), sodass es über ein Jahrhundert fast gleich blieb.
Bei den in Hungen gegossenen Glocken, deren Unterton zwischen kleiner Sexte und kleiner Septime schwankt, es handelt sich somit dagegen um überwiegend Septimglocken. Die Prime kann bis zur großen Terz gesenkt und die Terz ebenfalls erhöht sein, sodass sich in einigen Fällen über die Teiltöne ein Dur-Akkord in Grundstellung bzw. ein Dur-Quartsextakkord ergibt.
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als aus der Familiengießerei in Windecken die Firma Bach & Söhne wurde, änderte sich deren Rippe zur Septimrippe mit teilweise erhöhter Terz ähnlich der in Hungen gegossenen Glocken. Zum Ende des 19. Jahrhunderts ab etwa 1870 goss Philipp Heinrich Bach (II.) Glocken in Moll-Oktav-Rippe, also mit reiner Prime, Mollterz und dem Unterton im Oktav-Abstand.
Über die ganze Zeit hinweg tauchten jedoch auch scheinbar gewollte Ausnahmen auf. So goss Johann Peter die letzte der drei Glocken für Erbstadt klanglich an die 15 Jahre ältere Erstglocke angepasst. Eine von Johann Philipp mit seinem Sohn gegossene Glocke ist als Molloktavglocke ausgeführt. Auch Philipp Heinrich (II.) goss in der Zeit, zu der er schon Molloktavglocken schuf, eine Glocke – als Umguss eines Werks der Gießerfamilie Schneidewind – angelehnt an den Klang ihrer Vorgängerin als Septimglocke und mehrere Sextglocken.
Ähnlichkeiten der Verzierung und Rippe gibt es zum Glockengießer Kutschbach, mit dem Johann Philipp Bach auch 1772 gemeinsam eine Glocke goss.
Erhaltene Glocken mini|Läutende Glocke von Joh. Ph. Bach (Video)