Venceslao (HWV A4) ist ein Dramma per musica in drei Akten und ein im Januar 1731 von Georg Friedrich Händel in London aufgeführtes Pasticcio nach dem Libretto Venceslao von Apostolo Zeno. Es ist nicht klar, ob Händel an Entstehung und Arrangement des Werks aktiv beteiligt war.John H. Roberts: Venceslao. In: Annette Landgraf, David Vickers: The Cambridge Handel Encyclopedia. Cambridge University Press 2009, ISBN 978-0-521-88192-0, S. 657
Entstehung Bereits 1717 war ein Pasticcio Vincislao re di Polonia in London zur Aufführung gekommen, von dem jedoch die Musik nicht erhalten ist.Reinhard Strohm: Venceslao (HWV A4), in: Arnold Jacobshagen, Panja Mücke (Hrsg.): Händels Opern – Das Handbuch. Teilband II. Laaber, (o. O.) 2009, ISBN 3-89007-686-6, S. 378. Zu den damaligen Sängern gehörte neben dem berühmten Kastraten Nicolino (Nicolò Grimaldi) auch Antonio Bernacchi, der 1729–1730 ebenfalls zu Händels Ensemble gehörte.Anna Ryszka-Komarnicka (englische Übersetzung: Jon Baines and Piotr Szymczak): Apostolo Zeno’s Venceslao (Venice 1703) and its Pasticcio Version Vincislao re di Polonia (London 1717) - A Case Study with Stops in Florence, Milan and Naples, in: Berthold Over, Gesa zur Nieden: Operatic Pasticcios in 18th-Century Europe, in der Reihe: Mainz Historical Cultural Sciences, eBook 2021, ISBN 978-3-8394-4885-4, S. 623–657, hier: S. 629–634.
Reinhard Strohm nahm an, dass der 1731 aufgeführte Venceslao auf ein Pasticcio zurückgeht, das um 1725 von Owen Swiney, einem „Agenten“ der Royal Academy in Italien, mehrfach in dessen Briefen erwähnt wurde. Swiney hatte das besagte Pasticcio offenbar vorort in Venedig besorgt und nach London geschickt,Reinhard Strohm: Venceslao (HWV A4), in: Arnold Jacobshagen, Panja Mücke (Hrsg.): Händels Opern – Das Handbuch. Teilband II. Laaber, (o. O.) 2009, ISBN 3-89007-686-6, S. 380–381. ähnlich wie auch L’Elpidia (1725) und eventuell Ormisda (1730). Dieser Venceslao blieb jedoch zunächst unaufgeführt.John H. Roberts: Venceslao. In: Annette Landgraf, David Vickers: The Cambridge Handel Encyclopedia. Cambridge University Press 2009, ISBN 978-0-521-88192-0, S. 656 Heidegger und Händel wollten das Pasticcio dann offenbar im Frühling 1730 in einer stark überarbeiteten und aktualisierten Form mit dem Altkastraten Antonio Bernacchi als primo uomo zur Aufführung bringen, der bereits im Londoner Pasticcio von 1717 mitgewirkt hatte. Doch wurde dies offenbar durch den großen Erfolg des Ormisda verhindert, so dass man es erst in der folgenden Saison und nun mit dem kürzlich nach London zurückgekehrten Senesino anstelle von Bernacchi auf den Spielplan setzte.John H. Roberts: Venceslao. In: Annette Landgraf, David Vickers: The Cambridge Handel Encyclopedia. Cambridge University Press 2009, ISBN 978-0-521-88192-0, S. 656
Abgesehen von einer Reihe von Wiederaufnahmen früherer Werke Händels und seinem neu komponierten Poro,Christopher Hogwood: Georg Friedrich Händel. Eine Biographie. Aus dem Englischen von Bettina Obrecht. Verlag J. B. Metzler, Stuttgart/Weimar, 1992, S. 360–361 war Venceslao das einzige „neue“ Werk dieser Spielzeit.
Die Premiere am 12. Januar 1731 fand nur wenige Wochen nach dem Tod von Händels MutterChristopher Hogwood: Georg Friedrich Händel. Eine Biographie. Aus dem Englischen von Bettina Obrecht. Verlag J. B. Metzler, Stuttgart/Weimar, 1992, S. 117–118Editionsleitung der Hallischen Händel-Ausgabe: Dokumente zu Leben und Schaffen. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch. Band 4. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1985, ISBN 3-7618-0717-1, S. 184–187. im King’s Theatre am Haymarket in London statt. Im erhaltenen Libretto sind die Sänger nicht angegeben, aber die Besetzung kann mit einiger Sicherheit aus den Stimmlagen von Händels damaligem Ensemble rekonstruiert werden und dürfte die folgende gewesen sein:Reinhard Strohm: Venceslao (HWV A4), in: Arnold Jacobshagen, Panja Mücke (Hrsg.): Händels Opern – Das Handbuch. Teilband II. Laaber, (o. O.) 2009, ISBN 3-89007-686-6, S. 377.
Venceslao – Annibale Pio Fabri, genannt „Balino“ (Tenor) Lucinda – Antonia Margherita Merighi (Alt) Casimiro – Francesco Bernardi, genannt „Senesino“ (Altkastrat) Erenice – Anna Maria Strada del Pò (Sopran) Ernando – Francesca Bertolli (Alt) Alessandro und Gismondo – Giovanni Giuseppe Commano (Bass)
Es folgten nur vier Aufführungen bis zum 23. Januar, und nach einer Notiz im „Opera Register“, einem fälschlicherweise dem Diplomaten Francis Colman zugeschriebenen Operntagebuch, wurde das Stück „nicht angenommen“ („Venceslaus New Opera – did not take“).
Moderne Aufführungsgeschichte Venceslao wurde am 26. April 2019 von der Opera Settecento unter Leo Duarte konzertant beim London Handel FestivalCurtis Rogers: . In: classicalsource.com, 26. April 2019. und am 16. Juni 2019 bei den Händel-Festspielen in Halle an der Saale aufgeführt.Programm Händel-Festspiele 2019 auf barock-konzerte.de, abgerufen am 14. Juni 2020.
Libretto
Der Text geht auf Apostolo Zenos Libretto Venceslao zurück, das zum ersten Mal 1703 von Carlo Francesco Pollarolo vertont und im Teatro San Giovanni Grisostomo in Venedig aufgeführt worden war, u. a. mit dem berühmten Kastraten Nicolò Grimaldi gen. Nicolino als Casimiro.Anna Ryszka-Komarnicka (englische Übersetzung: Jon Baines and Piotr Szymczak): Apostolo Zeno’s ‚Venceslao‘ (Venice 1703) and its Pasticcio Version ‚Vincislao re di Polonia‘ (London 1717) - A Case Study with Stops in Florence, Milan and Naples, in: Berthold Over, Gesa zur Nieden: Operatic Pasticcios in 18th-Century Europe, in der Reihe: Mainz Historical Cultural Sciences, eBook 2021, ISBN 978-3-8394-4885-4, S. 623–657, hier: S. 623–624 und 629. Bis 1730 folgten zahlreiche weitere Vertonungen, u. a. durch Francesco Mancini (UA: 1714 Neapel), wiederum mit Nicolino. Auf Mancinis Oper basierte wahrscheinlich das bereits erwähnte Londoner Pasticcio von 1717, das vermutlich von Nicolino eingerichtet worden war, der auch hier den Casimiro sang, während Bernacchi die Rolle des Ernando übernahm.Anna Ryszka-Komarnicka (englische Übersetzung: Jon Baines and Piotr Szymczak): Apostolo Zeno’s ‚Venceslao‘ (Venice 1703) and its Pasticcio Version ‚Vincislao re di Polonia‘ (London 1717) - A Case Study with Stops in Florence, Milan and Naples, in: Berthold Over, Gesa zur Nieden: Operatic Pasticcios in 18th-Century Europe, in der Reihe: Mainz Historical Cultural Sciences, eBook 2021, ISBN 978-3-8394-4885-4, S. 623–657, hier: S. 629–634.
Nach Strohm basiert die Londoner Version von 1731, zumindest was den Text angeht, auf Giovanni Maria Capellis Vertonung für Parma 1724, sowie auf einer von Strohm nicht ganz richtig als „Pasticcio“ bezeichneten Gemeinschaftsproduktion von 1722 im Teatro San Giovanni Grisostomo in Venedig,Reinhard Strohm: Venceslao (HWV A4), in: Arnold Jacobshagen, Panja Mücke (Hrsg.): Händels Opern – Das Handbuch. Teilband II. Laaber, (o. O.) 2009, ISBN 3-89007-686-6, S. 378 und 380–381. deren Vertonung von drei Komponisten übernommen wurde: Giovanni Porta, Antonio Pollarolo und ebenfalls Capelli., abgerufen am 26. Februar 2024.
Während Zenos Original-Libretto und dessen Vertonungen von Carlo Francesco Pollarolo (1703) und von Capelli (1724) eine fünf-aktige Anlage aufweisen, wie sie eher für das französische Theater und die Tragédie lyrique üblich war, besteht das Londoner Pasticcio von 1731 aus drei Akten, wie es für die italienische Opera seria typisch ist. Wie neuere Forschungen zeigen, wurde eine solche Reduktion des Zeno-Librettos auf drei Akte bereits für Aufführungen in Florenz 1704 vorgenommen, und auch der Londoner Vincislao von 1717 basierte auf dieser drei-aktigen „Florentiner Fassung“.Anna Ryszka-Komarnicka (englische Übersetzung: Jon Baines and Piotr Szymczak): Apostolo Zeno’s ‚Venceslao‘ (Venice 1703) and its Pasticcio Version ‚Vincislao re di Polonia‘ (London 1717) - A Case Study with Stops in Florence, Milan and Naples, in: Berthold Over, Gesa zur Nieden: Operatic Pasticcios in 18th-Century Europe, in der Reihe: Mainz Historical Cultural Sciences, eBook 2021, ISBN 978-3-8394-4885-4, S. 623–657, hier: S. 625 und 629. Insofern ist Strohms frühere Vermutung, das Libretto sei für London 1730–1731 von einem Bearbeiter vorort auf drei Akte reduziert worden,Reinhard Strohm: Venceslao (HWV A4), in: Arnold Jacobshagen, Panja Mücke (Hrsg.): Händels Opern – Das Handbuch. Teilband II. Laaber, (o. O.) 2009, ISBN 3-89007-686-6, S. 377–378. mittlerweile zumindest fraglich.
Die Texte der aus diversen Opern stammenden Einlege-Arien mussten für den Londoner Venceslao von 1731 wie üblich neu oder umgeschrieben werden. Wer diese Bearbeitung vornahm, ist nicht bekannt; eventuell könnte es Giacomo Rossi gewesen sein. Strohm wies darauf hin, dass der neue Text zur Arie „Parto e mi sento“ (Nr. 15) in der erhaltenen Partitur von Händel mit Bleistift für den Kopisten vorgezeichnet wurde.Reinhard Strohm: Venceslao (HWV A4), in: Arnold Jacobshagen, Panja Mücke (Hrsg.): Händels Opern – Das Handbuch. Teilband II. Laaber, (o. O.) 2009, ISBN 3-89007-686-6, S. 379. Dies ist der einzige Hinweis darauf, dass Händel in die Entstehung des Pasticcios irgendwie involviert war.
Historischer und literarischer Hintergrund Zenos Opernlibretto Venceslao basiert, wie im Vorwort des Librettos angegeben, auf dem französischen Theaterstück Venceslas (1647) von Jean Rotrous. Dieser wiederum hatte als Vorlage Francisco de Rojas Zorrillas Stück No ay ser padre siendo rey (ca. 1645) verwendet.Rudolf Pečman: Ein italienisches Opernlibretto über König Václav. Aus dem Tschechischen von Jan Gruna. In: Die Musikforschung. 33. Jg., Nr. 3, Bärenreiter-Verlag, Kassel 1980, S. 320. Zeno erwähnt außerdem Einflüsse von Corneille. Als Übersetzer nennt er einen „edlen und gelehrten Herrn“ („nobilissimo e dottissimo Cavaliere“), der aus Bescheidenheit nicht genannt werden wolle – möglicherweise handelte es sich dabei um Zeno selbst.Rudolf Pečman: Ein italienisches Opernlibretto über König Václav. Aus dem Tschechischen von Jan Gruna. In: Die Musikforschung. 33. Jg., Nr. 3, Bärenreiter-Verlag, Kassel 1980, S. 319 ff.
Die Personen der Handlung sind erfunden. Gelegentlich wird als historische Vorlage für die Titelfigur der böhmische König Wenzel II. (1271–1305) genannt. Dessen Leben hat jedoch nichts mit der Handlung zu tun. Zeno selbst bezog sich nachträglich auf den von 1569 bis 1795 bestehenden Unionsstaat Polen-Litauen und die gegen Polen gerichteten Kämpfe der Kosaken, Schweden und Moskowiter im 17. Jahrhundert. Als historische Modelle für Venceslao und Casimiro könnten ihm Władysław IV. Wasa (1595–1648) und dessen Halbbruder Johann II. Kasimir (1609–1672) gedient haben.Des Kaisers Hofoper. In: Programmbuch der Tage Alter Musik in Herne 2023, S. 86–89.
Handlung Argomento
Inhaltsangabe
Musik Die Musik des Venceslao ist in der Direktionspartitur („Handexemplar“) und der Cembalopartitur erhalten, die wie üblich von Kopisten angefertigt wurden, also keinen Aufschluss über Händels Beteiligung an der Entstehung liefern können. Des Weiteren wurden sieben Arien von John Walsh 1731 als „Favourite Songs“ gedruckt.Bernd Baselt: Händel-Handbuch. Band 3: Thematisch-systematisches Verzeichnis: Instrumentalmusik, Pasticci und Fragmente. VEB Deutscher Verlag für Musik, Leipzig, 1986, S. 359.
Es besteht Einigkeit darüber, dass die Rezitative aus stilistischen Gründen nicht von Händel sein können, wie es bei späteren Händel-Pasticci der Fall ist; auch mit Giovanni Maria Capellis Fassung von 1724 haben sie nichts zu tun.Reinhard Strohm: Venceslao (HWV A4), in: Arnold Jacobshagen, Panja Mücke (Hrsg.): Händels Opern – Das Handbuch. Teilband II. Laaber, (o. O.) 2009, ISBN 3-89007-686-6, S. 378 und 380. Roberts vermutete für die Rezitative denselben Urheber wie bei Ormisda. Möglicherweise wurde aber auch Material aus dem nicht erhaltenen Londoner Pasticcio von 1717 verwendet.