Die albanisch-österreichischen Beziehungen () beschreiben das Verhältnis zwischen Albanien und Österreich. Historisch sind sie durch den gemeinsamen Widerstand gegen das Osmanische Reich, die Unterstützung von Österreich-Ungarn für die albanische Nationsbildung und die Unabhängigkeit des albanischen Staates geprägt. Österreicher spielten eine bedeutende Rolle bei der Entstehung der Albanologie als wissenschaftliche Disziplin.
Die engen und freundschaftlichen Beziehungen zwischen den beiden Ländern werden von höchster politischer Ebene als traditionell exzellent bezeichnet. Österreich gilt als wichtigster Befürworter und Unterstützer Albaniens in dessen Ambitionen um einen Beitritt in die Europäische Union. Beide Staaten sind Mitglieder des Europarates und der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa. Das NATO-Mitglied Albanien ist seit 2014 ein Beitrittskandidat der Europäischen Union.
Die Republik Albanien verfügt in Wien über eine Botschaft und eine ständige Vertretung bei den internationalen Organisationen. Albanische Honorarkonsulate befinden sich in Eisenstadt, Gössendorf bei Graz, Puch bei Salzburg, St. Pölten und Villach. Roland Bimo ist seit 2014 albanischer Botschafter in Wien. Die Republik Österreich betreibt ihrerseits eine Botschaft und ein Koordinationsbüro für Technische Zusammenarbeit in Tirana. Österreichische Honorarkonsulate befinden sich in der nordalbanischen Stadt Shkodra und in der südalbanischen Hafenstadt Vlora. Christian Steiner ist seit 2019 österreichischer Botschafter in Tirana.
Bilaterale Beziehungen Vorgeschichte: Türkenkriege mini|Angriff der Liga von Lezha auf ein türkisches Feldlager während der Schlacht von Albulena (1457) mini|Die Schlacht am Kahlenberg (1683) beendete die Zweite Wiener Türkenbelagerung
Ende des 14. Jahrhunderts erreichten osmanische Truppen zum ersten Mal albanische Siedlungsgebiete. Am 2. März 1444 gründete der albanische Fürst Georg Kastriota, genannt Skanderbeg, die Liga von Lezha. Dieses Verteidigungsbündnis brachte das Osmanische Reich mehrmals an den Rande des Zusammenbruchs und konnte die weitere Ausdehnung der islamischen Monarchie 35 Jahre lang entscheidend aufhalten. Die militärischen Erfolge Skanderbegs machten ihn bereits zu Lebzeiten zum Athleta Christi, dem Symbol der Verteidigung des Christentums. Nach dem Tod von Skanderbeg fiel im Jahr 1479 mit Shkodra die letzte albanische Festung, und Albanien geriet für über 400 Jahre unter türkische Herrschaft. Der albanische Widerstand ging jedoch ungebrochen weiter: Bis zur Unabhängigkeit Albaniens im Jahr 1912 fanden 34 größere Aufstände der Albaner gegen die Osmanen statt, die Österreich oft finanziell und militärisch unterstützte.
Giorgio Basta stammte aus einer albanischen Adelsfamilie und war Oberbefehlshaber der habsburgischen kaiserlichen Armee während des Langen Türkenkrieges. Erzherzog Ferdinand II., Sohn des österreichischen Kaisers Ferdinand I., sah sich als Nachfolger Skanderbegs. Der Habsburger hatte ebenfalls erfolgreich in den Türkenkriegen gegen die Osmanen gekämpft. Er kaufte auch den Helm und das Schwert Skanderbegs, die bis heute in Wien sind. Der Große Türkenkrieg, bei dem auch albanische Rebellen teilnahmen, endete für die Osmanen mit einer Niederlage. Dieser Sieg legte den Grundstein für den Aufstieg Österreichs zur Großmacht und war der Beginn der Epoche des militärischen Niedergangs für das Osmanische Reich.
Als Folge der jahrhundertelangen militärischen Auseinandersetzungen verbindet Albaner und Österreicher ein überwiegend negatives Bild der Osmanen, das sich im kollektiven Gedächtnis beider Völker verankert hat:
Aus Sicht albanischer Nationalisten übte das Osmanische Reich über Jahrhunderte einen „kulturellen Völkermord“ an den Albanern aus, der von einer Islamisierung weiter Teile der albanischen Bevölkerung begleitet wurde. Die Kultivierung der albanischen Sprache war per Dekret des Sultans verboten, was eine Alphabetisierung der Albaner in ihrer Muttersprache lange verhinderte. Albanische Intellektuelle wie der international berühmte Schriftsteller Ismail Kadare bezeichnen die osmanische Besatzung als ein „schwarzes Loch in der Geschichte der albanischen Nation“, das die „Entwicklung des albanischen Volkes stoppte“, die Albaner „mit Gewalt von Europa trennte“ und „immer Teil des historischen Gedächtnis sein werde“. Die historisch belasteten Beziehungen sorgen immer wieder für Spannungen. Im Juni 2016 bezeichnete ein türkischer Historiker vor der Grabeskirche von Skanderbeg in Lezha den albanischen Nationalhelden als „Räuber und Terroristen“. Der Bürgermeister der Stadt Lezha erklärte ihn darauf zur Persona non grata. Ein paar Monate später wurde in Prizren, die als Stadt der nationalen Wiedergeburt der Albaner gilt, während des 104. Nationalfeiertages im November 2016 das türkische Konsulat mit einem Molotowcocktail angegriffen. Im Dezember 2017 zerstörten Bewohner der Mirdita einen mehreren Meter großen türkischen Mondstern aus Metall. Das Symbol der türkischen Flagge war an einer Staumauer angebracht, die ein Unternehmen aus der Türkei erbaute.
In Österreich haben die türkischen Belagerungen von Wien bis heute tiefe Spuren hinterlassen. Allein in Wien erinnern über 200 Denkmäler im öffentlichen Raum an den Sieg über die Osmanen nach der zweiten Belagerung Wiens. Vor allem das Jahr 1683 ist eine Art Ur-Trauma, von dem sich Österreich bis heute nicht lösen konnte. Immer wieder wurden scheinbare Bedrohungen mit der damaligen Situation verglichen. Die FPÖ zog in mehreren Wiener Wahlkämpfen mit Comics Parallelen zum Jahr 1683. Mit anti-türkischen Positionen kann man in Österreich gut Politik beim konservativen bis rechten Wählerspektrum machen. Den EU-Beitritt der Türkei lehnen jedoch die Österreicher unabhängig von ihrer politischen Gesinnung ab. Laut Meinungsumfragen sind das bis zu 84 % der Bevölkerung. Die Regierung Kurz I, eine Koalition der konservativen ÖVP und der rechtspopulistischen FPÖ, präsentierte ihr Regierungsprogramm im Dezember 2017 am Kahlenberg in Wien. Die Wahl des Ortes ist symbolisch zu verstehen, denn dort fand die Schlacht am Kahlenberg statt, in der die Türken bei der zweiten Belagerung Wiens vernichtend geschlagen wurden.
Kultusprotektorat der Habsburgermonarchie (bis 1912) Nach dem Ende des Langen Türkenkrieges erlangten die Habsburger im Frieden von Zsitvatorok (1606) das Einverständnis der Türken, dass die Katholiken im Osmanischen Reich ihre Religion ausüben dürfen. Dies wurde in einem weiteren Friedensvertrag 1615 bestätigt.Engelbert Deutsch: Das k.(u.)k. Kultusprotektorat im albanischen Siedlungsgebiet: in seinem kulturellen, politischen und wirtschaftlichen Umfeld Böhlau Verlag, Wien 2009, ISBN 978-3-205-78150-9, S. 22. Mit den Verträgen von Karlowitz (1699) und Passarowitz (1718) konnten sich die Österreicher von den Osmanen ein Protektorat über die Katholiken im nördlichen Bergland von Albanien garantieren lassen.Hanns Christian Löhr: Die Gründung Albaniens: Wilhelm zu Wied und die Balkan-Diplomatie der Grossmächte, 1912–1914 Peter Lang, Wien 2010, ISBN 978-3-631-60117-4, S. 26. Das österreichische Protektorat hatte einen positiven Einfluss auf die Beibehaltung des nationalen Bewusstseins der Albaner. Im Rahmen dieses Kultusprotektorats wurden zahlreiche Kirchenbauten und -renovationen sowie Geistliche finanziell unterstützt.
Die ersten österreichischen Konsulate wurden 1751 in Durrës und 1801 in Shkodra errichtet. 1851 erging ein Erlass des Kaisers über die Organisation des Konsulardienstes, der bis 1859 dem Handelsministerium unterstellt war. Die Zuständigkeit des Vizekonsulats in Shkodra erstreckte sich über die Paschaliks Shkodra und Prizren. Durrës war für Mittelalbanien (genannt waren Kavaja, Peqin, Elbasan, Tirana, Mat und die beiden Dibra) zuständig. Das Vizekonsulat in Ioannina kümmerte sich um Südalbanien respektive den gleichnamigen Paschalik und hatte Konsular-Agenturen in Vlora und Preveza. Eine Agentur des Vizekonsulats in Shkodra bestand in Antivari. 1860 gründeten Jesuiten in Shkodra ein Seminar und 1870 wurde mit Hilfe Österreich-Ungarns ein theologisches Gymnasium des Franziskanerordens eingerichtet. Die Österreicher zielten damit darauf ab, ihren Einfluss im katholischen Nordalbanien zu vergrößern. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und bis zum Zweiten Weltkrieg betrieb Österreich in Antivari, Durrës und Shkodra „Levantepostämter“, die eine verlässliche Postbeförderung nach Europa sicherstellten, was von den Osmanen aber meist mehr geduldet als akzeptiert war.
Albanische Unabhängigkeit (1912–1916) Während des Ersten Balkankrieges rief Albanien am 28. November 1912 in Vlora seine Unabhängigkeit vom Osmanischen Reich aus. Das Fürstentum Albanien genoss von Anfang an die Unterstützung des österreichisch-ungarischen Außenministers Leopold Berchtold. Ein unabhängiger albanischer Staat war im Interesse Wiens, um die Ausdehnung Serbiens und Italiens in der Region zu verhindern. Österreich-Ungarn setzte sich erfolgreich bei der Londoner Botschafterkonferenz im Dezember 1912 für die Anerkennung Albaniens durch die europäischen Großmächte ein. Jedoch waren die albanischen Gebiete zum großen Teil von griechischen, montenegrinischen und serbischen Truppen besetzt. Im Mai 1913 erkannten die Balkanstaaten im Londoner Vertrag Albanien an. Die Festlegung der albanischen Grenze wurden einer internationalen Kommission übertragen. Österreich-Ungarn und Russland stritten praktisch um jedes Dorf.
Wien unterstützte den deutschen Wilhelm zu Wied, der 1914 sechs Monate lang in Durrës als Fürst von Albanien regierte. Albanien erklärte sich im Ersten Weltkrieg als neutral. Dies hinderte jedoch die am Krieg teilnehmende Königreiche wie Italien, Montenegro und Serbien nicht große Teile des Landes zu besetzen. In weiten Teilen des Landes herrschten bürgerkriegsähnliche Zustände.
Österreichische Verwaltung Albaniens im Ersten Weltkrieg (1916–1918) mini|Ein albanischer Junge überreicht einem Offizier der k.u.k. Armee einen Blumenstrauß, Shkodra im März 1916
Der Norden und die Mitte Albaniens waren ab 1916 von den österreichisch-ungarischen Truppen besetzt; sie wurden von der albanischen Bevölkerung als Befreier angesehen. Österreich-Ungarn wollte auch nicht als Feind auftreten, sondern mitunter als Beschützer albanischer Interessen. In Shkodra wurde ein Verwaltungsrat mit Luigj Gurakuqi als Unterrichts- und Fejzi Alizoti als Finanzdirektor eingesetzt und eine einheimische Lokalverwaltung gestattet. An der Spitze der Zivilverwaltung stand der österreichische Generalkonsul August Kral. Die k.u.k. Armee rekrutierte albanische Freiwillige, die sie ausbildete und wie eigene Soldaten behandelte. Der Oberbefehlshaber der österreich-ungarischen Armee in Albanien, Ignaz Trollmann von Lovcenberg appellierte dabei an den Nationalstolz der Albaner:
Albanische Historiker bewerten heute die österreichisch-ungarische Verwaltung überwiegend positiv. In dieser Zeit wurde Albanisch per Gesetz zur einzigen Amtssprache erhoben. Grundvoraussetzung für eine Anstellung in der öffentlichen Verwaltung war nun das Beherrschen der albanischen Sprache. Das österreichisch-ungarische Außenministerium forderte die Vereinigung aller albanischen Siedlungsgebiete. Sie gründeten eine Kommission zur Standardisierung der albanischen Sprache. Parallel zur Einführung der Schulpflicht entstanden hunderte Schulen. Um die Zusammenarbeit mit der Bevölkerung zu erleichtern, wurden Albanischkurse für k.u.k Soldaten abgehalten. Um das Nationalbewusstsein der Albaner zu fördern, waren albanische Fahnen und nationale Feiertage von österreichischer Seite ausdrücklich erwünscht. Mehrere zig Millionen Kronen wurden in Brücken, Feldbahnen und Straßen investiert. Bis zu 100.000 österreichisch-ungarische Soldaten nahmen an den Bauarbeiten teil. Beim Abzug der Österreicher hatte das staatliche Budget Albaniens zum ersten und bisher einzigen Mal einen Überschuss.
Zwischenkriegszeit (1918–1938)