Am 16./17. September 1931, auf dem Höhepunkt der Weltwirtschaftskrise, nach Ausbruch der deutschen Bankenkrise, fand die Geheimkonferenz der Friedrich List-Gesellschaft Über Möglichkeiten und Folgen einer Kreditausweitung statt.

Gesprächs- und Diskussionsgrundlage der Konferenz war der Plan von Wilhelm Lautenbach Möglichkeiten einer (aktiven) Konjunkturbelebung durch Investition und Kreditausweitung („Lautenbach-Plan“) vom 9. September 1931.

Knut Borchardt und Hans Otto Schötz veröffentlichten 1991 das ursprünglich stenografische Protokoll der Geheimkonferenz.Knut Borchardt, Hans Otto Schötz (Hrsg.): Wirtschaftspolitik in der Krise. Die (Geheim-)Konferenz der Friedrich List-Gesellschaft im September 1931 über Möglichkeiten und Folgen einer Kreditausweitung. Baden-Baden 1991.

Kontext und Wirtschaftsparadigmen im Vorfeld der Konferenz Repräsentativ für die Konjunkturtheorie der damaligen Zeit war der Glaube der Internationalen Handelskammer an das von der klassischen Theorie geprägte Paradigma, dass erhöhte Staatsausgaben den Zins zu kreditfinanzierten Unternehmensinvestitionen verteuern würden.Monika Rosengarten: Die Internationale Handelskammer. Wirtschaftspolitische Empfehlungen in der Zeit der Weltwirtschaftskrise 1929-1939. Berlin 2001. (online) S. 182 f: „In staatlichen Investitionen sah sie [die Internationale Handelskammer] die Gefahr eines Crowding-Out für private Investitionen gegeben.“ 1927 hatte der Verband der deutschen Industrie staatliche Sparpolitik vehement eingefordertKarl Dietrich Erdmann (Hrsg.): Akten der Reichskanzlei: Weimarer Republik. Die Kabinette Marx III und IV. Band 2. Boppard 1988. S. 1094 ff. ( ) (außerdem war man noch von der großen Inflation bis 1923 traumatisiert) und nicht nur konservative Kreise waren dementsprechend gegenüber staatlichen Mehrausgaben ohnehin skeptisch. Ab 1929 wurde die Nettokreditaufnahme des Staatshaushalts drastisch verringert.Werner Ehrlicher: Die Finanzwirtschaft der Bundesrepublik Deutschland. In: Handwörterbuch der Wirtschaftswissenschaft. Band 3. 1981. (online) S. 170. Hinsichtlich wirtschaftlicher Krisen galt das Paradigma, dass Krisen von selbst (der Markt solle von schwachen Unternehmen gereinigt werden – heute: Marktbereinigung) ausbrennen und man abwarten müsse, bis die sogenannten „Selbstheilungskräfte“ des MarktesHans-Werner Wohltmann: Grundzüge der makroökonomischen Theorie. 4. Auflage. München 2005. (online) S. 14: „Dogmenhistorisch gesehen dominierte bis Mitte der dreißiger Jahre [...]. In beiden Theorien werden die Selbstheilungskräfte des Marktes [...]“ einen Aufschwung aus dem Tiefpunkt der Krise herbeiführen würden.Hans Gestrich: Geldpolitik und Weltwirtschaft. Berlin 1934. S. 13: „Wenn in den Jahren 1931/1932 durch die Gegner aktiver Konjunkturpolitik immer ins Feld geführt worden ist, durch ein Laufenlassen der Krise müßte die Wirtschaft von schwachen und leistungsunfähigen Unternehmungen „gereinigt“ werden, so hat die Erfahrung gezeigt, daß die Krisis selbst immer mehr Unternehmungen schwach gemacht hat. Die „Leistungsunfähigkeit“ bestand mehr und mehr lediglich in dem Vorhandensein von Schulden, die bei fallenden Umsätzen und Preisen gleich hoch blieben. Die Finanzierung mit Fremdkapital ist aber gerade in der modernen Wirtschaft noch kein Kriterium der Untüchtigkeit. Es hat einen guten Sinn, von einer Reinigungsfunktion der Wirtschaftskrisen zu sprechen, da tatsächlich die Schlechten und Untüchtigen zuerst fallen. Je länger aber eine Krisis dauert, je tiefer sie wird, desto mehr wird aus der Reinigung einfache sinnlose Zerstörung. Die Theorien vom „Vonselbstausbrennen“ der Wirtschaftskrisis und ihrer „Reinigungsfunktion“ haben auf die deutsche Wirtschaftspolitik der Jahre 1931/32 einen verhängnisvollen Einfluß gehabt.“ In seiner Schrift Gedanken zur Krisenbekämpfung (2. September 1931) stellte Staatssekretär des Reichsfinanzministeriums Hans Schäffer mögliche Alternativen noch wie folgt dar: Man kann die Deflation einfach weitergehen und ausbrennen lassen; Man kann die Deflation mit Beschleunigung weitertreiben, um die Krise rasch einem Ende entgegenzuführen; Man kann in die Deflation hemmend eingreifen, um das Preisniveau auf einer bestimmten Höhe zu halten.

Beginnender Paradigmenwechsel

Im Vorfeld der Konferenz charakterisierte Gerhard Colm die deflationäre Krise in drei Punkten: Die Krise hat ihren kapitalistischen Sinn verloren, indem sie nicht nur schwache, sondern auch an sich gute Unternehmen erfasse. Der Schock auf dem inneren Markt, durch Senkung der Löhne ist besonders groß. Das Schlimmste ist der psychologische Gesichtspunkt, dass der Unternehmer nichts mehr unternehme, sondern wenn er Geld bekommt, sich liquide macht.

Einberufung der Konferenz Inspiriert von Lautenbachs Erörterung seiner Schrift Defizitpolitik? Reichsbankzusage als Katalysator? Der Verzweiflungsweg – ohne Auslandskapital!,Charles Poor Kindleberger: The World in Depression 1929-1939. Berkeley and Los Angeles 1975. P. 173. (online) wandte sich Schäffer an Reichsbankpräsident Hans Luther. Im Juli 1931 hatte Heinrich Rittershausen Am Tage nach dem Zusammenbruch veröffentlicht, das sich auf den Zusammenbruch der Deutschen Banken bezog, worin sich Rittershausen zur Wirtschaftsbelebung für Kreditschöpfung mittels einer Politik billigen Geldes ausspricht.Heinrich Rittershausen: Am Tage nach dem Zusammenbruch. Berlin 1931. S. 11 f: „Das starre und überhöhte Zinsniveau ist es, das die Kapitalbildung nicht zustande kommen lässt, eine Tatsache, die bei dem Kampf gegen die Starrheit des Preis- und Lohnniveaus oft übersehen worden ist. Die Störungen durch überhöhte Kartellpreise usw. mögen erheblich sein, sie spielen aber nur eine geringe Rolle im Vergleich zu den Stockungen infolge des künstlichen Zinsniveaus [...]. Der Mangel an Einsicht ist also nur insofern an dem scheinbaren Kapitalmangel schuld, als man die künstliche Überhöhung unseres Zinsniveaus nicht genügend gewürdigt, ja sogar sie aus irrtümlichen reparationspolitischen Gründen für notwendig gehalten hat. So ist die Beseitigung des unnatürlichen Zustandes am Zinsmarkte seit Jahren versäumt worden, wodurch unsere gesamte Wirtschaftspolitik auf das verfehlte Fundament des angeblich vorhandenen schweren Kapitalmangels geraten ist. Sehen wir also von dem einfachen Falle einer Jahr um Jahr gleichbleibenden Kapitalbildung ab, wie wir sie früher hatten und wie wir sie heute in Frankreich vor uns haben, so erfordert jedes ruckweise Angebot von Neukapital bestimmte Kredite. Die stossweisen Rationalisierungen waren begonnene Kapitalbildungsvorgänge, bedeuteten plötzliche zusätzliche Kapitalbildung, setzten also eine bestimmte Art von Krediten voraus, da ohne solche der Vorgang der Kapitalbildung nicht vollendet werden kann. Es ist gewissermssen Kapitalbildung „latent“ vorhanden, indem eine Verbesserung des Produktionsapparates durchgeführt wurde, durch die 50 Leute frei geworden sind. Der Kredit muss deren Ergebnis vorwegnehmen; er muss gewährt werden, bevor neue Sparguthaben da sind.“ Am Abend des 31. August 1931 trafen sich Hans Schäffer und Hans Luther, erörterten die Konzepte. Luther verständigte sich mit Reichssparkommissar Moritz Saemisch, sie beriefen die Geheimkonferenz ein.Karl Häuser: Deutsche Nationalökonomie in der Diaspora. Die dreißiger und Vierziger Jahre bis Kriegsende. In: Erkenntnisgewinne, Erkenntnisverluste. Kontinuitäten und Diskontinuitäten in den Wirtschafts-, Rechts- und Sozialwissenschaften zwischen den 20er und 50er Jahren. Stuttgart 1998. S 186. (online)

Das Dilemma Lautenbachs erster Entwurf, den er am 26. August Hans Schäffer vorgelegt hatte, beschreibt die Ausgangssituation wie folgt: „Wir stehen nun vor folgendem Dilemma: Die Rücksicht auf unsere Zahlungsbilanz zwingt uns zu äußerst vorsichtiger Kreditpolitik, nach der allgemein herrschenden Ansicht sogar zu stark restriktiver Kreditpolitik. Weil ständig die Gefahr eines starken Abzugs der noch vorhandenen kurzfristigen Auslandskredite besteht, scheint es ein selbstverständliches Gebot vorsichtiger und solider Wirtschaftspolitik zu sein, durch Kreditverknappung dafür zu sorgen, daß in unserem Außenhandel das Verhältnis von Aus- und Einfuhr nicht nur in dem bisherigen Verhältnis zueinander erhalten bleibt, sondern daß nach Möglichkeit der Aktivsaldo noch stark erhöht wird («Deflationsdruck»). miniatur|hochkant=1.9|rechts|Schwindende Reserven trotz SparpolitikVgl. Willi Albers, Anton Zottmann: Handwörterbuch der Wirtschaftswissenschaft. Band 5. Stuttgart und Tübingen 1980. S. 383. (online) Auf der anderen Seite bedroht eine solche deflationistische Kreditpolitik das Gesamtwirtschaftsleben mit einer weiteren Lähmung und in deren Auswirkung auch mit einer vollkommenen Zerrüttung der öffentlichen Finanzen. Die Verschlimmerung der wirtschaftlichen und finanziellen Lage würde selbstverständlich auch schwerste innenpolitische Verwicklungen zeitigen. Das Gesamtbild, das Deutschland bei einer solchen Entwicklung bietet, würde unzweifelhaft die Möglichkeit einer Konsolidierung unserer privaten Auslandsschulden in unabsehbare Ferne rücken und zugleich die Gefahr eines übermäßigen fortgesetzten Abzugs kurzfristiger Kredite und, last not least, unaufhaltsamer Kapitalflucht heraufbeschwören.“Wilhelm Lautenbach: Defizitpolitik? Reichsbankzusage als Katalysator? Der Verzweiflungsweg - ohne Auslandskapital! August 1931. In: Zins, Kredit und Produktion. (Hrsg. Wolfgang Stützel) Tübingen 1952. S. 137.

Lautenbach-Plan Lautenbach über seine Grundannahmen: Der natürliche Weg zur Überwindung eines wirtschaftlichen und finanziellen Notstandes ist in der kapitalistischen Wirtschaft nicht Einschränkung, sondern Leistungssteigerung. Die Dispositionen der Unternehmer werden durch die Ertragschancen bestimmt. Man könnte daran denken, diese Chancen durch Senkung der Produktionskosten zu erhöhen, um damit die Unternehmer zur Wiederaufnahme einer größeren Produktion anzureizen. [...] Die drei wesentlichen Kostenelemente sind: Zins, Öffentliche Abgaben, Löhne und Gehälter.

Lautenbach ging bereits in seinem Gutachten zur Brauns-Kommission (Auslandskapital als Katalysator?) davon aus, dass der Konjunkturverlauf von der Investitionstätigkeit abhängt „und daß die Bedingung des Aufschwungs stets Kreditexpansion ist.“Wilhelm Lautenbach: Auslandskapital als Katalysator. In: Zins, Kredit und Produktion. (Hrsg. Wolfgang Stützel) Tübingen 1952. S. 130: „Die Beobachtung aller Konjunkturen und Krisen bestätigt immer wieder, daß der Konjunkturverlauf in seinem Auf- und Abschwung nur der Reflex größerer oder geringerer Investitionstätigkeit ist und daß die Bedingung des Aufschwungs stets Kreditexpansion ist.“ Den Unternehmern war der Zugang zu Krediten allerdings verwehrt, da die Banken nicht genügend liquide waren.Wilhelm Lautenbach: Auslandskapital als Katalysator. In: Zins, Kredit und Produktion. (Hrsg. Wolfgang Stützel) Tübingen 1952. S. 132: „Auf der anderen Seite ist jedem Beobachter bekannt und jedem Unternehmer schmerzlich fühlbar, daß die Banken heute gar nicht daran denken, an sie herantretende Kreditbegehren für zusätzliche Produktion zu befriedigen, und zwar deswegen, weil sie nicht genügend liquide sind.“ Und Lautenbach folgerte: „Um aus der Depression herauszukommen, bedarf es erneuter Kapitalinvestitionen, welche Unternehmer mit Hilfe von Kredit in Angriff nehmen. Es gibt heute weder solche Unternehmer, weil nämlich für sie nirgends irgendwelche Chancen zu erblicken sind, noch gäbe es Kredit.“

Staatliche Investitionen hätten genauso Kredit benötigt – Anleihebegebung gegen ausländisches Kapital war freilich theoretische Finanzierungsmöglichkeit.Wilhelm Lautenbach: Auslandskapital als Katalysator. In: Zins, Kredit und Produktion. (Hrsg. Wolfgang Stützel) Tübingen 1952. S. 133: