Die Military Reaction Force, Military Reconnaissance Force oder Mobile Reconnaissance Force (MRF)Taylor, Peter. Brits: The War Against the IRA. Bloomsbury Publishing 2001, S. 128–130. war eine Einheit der British Army, die in Belfast, Nordirland als operative nachrichtendienstliche Aufklärungskomponente des britischen Intelligence Corps vermutlich bis Ende 1972 bzw. Anfang 1973 im Einsatz war. Die Einheit wurde im Sommer 1971 aufgestellt. MRF-Teams operierten in Zivilkleidung und von Zivilfahrzeugen aus. Sie waren mit Pistolen und Maschinenpistolen bewaffnet. Die Aufgabe bestand im Verfolgen, Verhaften oder Töten von Mitgliedern der Provisional Irish Republican Army (IRA). Die MRF hatten auch Doppelagenten in den paramilitärischen Gruppen und Tarnorganisationen, um Informationen zu sammeln. Im Oktober 1972 enttarnte und attackierte die Provisional IRA zwei Tarnorganisationen der MRF: einen Massagesalon und einen Waschsalon.
Die MRF tötete und verletzte eine Menge unbewaffneter katholischer Zivilisten in drive-by shootings und wird verdächtigt, mit illegalen protestantischen Terroristen der Ulster Loyalists zusammengearbeitet zu haben. Sie wurde durch die SRU (oder 14 Intelligence Company) und später die FRU abgelöst. Die Ziele der MRF waren ausschließlich katholische Illegale, keine protestantischen.
Ursprünge und Strukturen
Die MRF wurde im Sommer 1971 aufgestellt. Ideen, Techniken und Taktiken sollen auf den Offizier Sir Frank Kitson zurückgehen, der Gegenbanden im Mau-Mau-Aufstand in Kenia gegründet hatte. Er hatte zwei Bücher über „Gegenterrorismus“ (aus britischer Sicht) geschrieben: Gangs & Counter Gangs (1960) und Low Intensity Operations (1971, deutsche Ausgabe Im Vorfeld des Krieges. Abwehr von Subversion und Aufruhr, Stuttgart, Seewald Verlag 1974. ISBN 3-512-00328-1). Zwischen 1970 und 1972 diente Kitson in Nordirland als Kommandeur der 39th Infantry Brigade. Es wird angenommen, dass er die MRF gründete.
Die MRF hatte ihren Stützpunkt in den Palace Barracks im Belfaster Vorort Holywood. Captain Arthur Watchus war erster Kommandeur der MRF.Ware, John. "Britain's Secret Terror Force". Irish Republican News, 23. November 2013. Abgerufen am 23. November 2013. Im Juni 1972 wurde er von Captain James „Hamish“ McGregor abgelöst. Die MRF wurde in zwei Bereiche aufgeteilt, die von Sergeants oder Sergeant-Majors kommandiert wurden, die in den Special Air Service (SAS), Special Boat Service (SBS) den Royal Marines und dem Parachute Regiment dienten."The 'murder and mayhem' squad: Shocking new revelations by former undercover soldier who carried out 'shoot first, ask questions later' attacks on IRA terrorists for the British Army". The Mail on Sunday, 23. Dezember 2012. Abgerufen am 23. Dezember 2012. Die Einheit bestand aus ca. 40 handverlesenen Soldaten aus der British Army."Undercover soldiers 'killed unarmed civilians in Belfast'". BBC News. 21. November 2013. Abgerufen am 22. November 2013. Zur MRF gehörten auch einige Frauen."Exposed: The army black ops squad ordered to murder IRA's top 'players'". Daily Mail. 17. November 2013. Abgerufen am 19. November 2013.
Aus Militärkreisen stammt die Information, dass immer neun im Einsatz waren, die von neun gedeckt wurden, während sich die anderen ausruhten.
Modus operandi
Im März 1994 antwortete der stellvertretende Verteidigungsminister Jeremy Hanley auf eine Anfrage des parlamentarischen Untersuchungsausschusses: „Die MRF war eine kleine Militäreinheit, die in der Zeit von 1971 bis 1973 für die Durchführung von Überwachungsaufgaben in Nordirland in jenen Fällen, in denen Soldaten in Uniform und mit Armeefahrzeugen zu leicht erkannt worden wären, verantwortlich war“.Moloney, Ed. Voices from the Grave: Two Men’s War in Ireland. 2010, S. 118–119.
Viele Details über den modus operandi der Einheit wurden von ehemaligen Mitgliedern offenbart. Ein ehemaliges Mitglied der MRF mit dem Tarnnamen Simon Cursey gab eine Reihe von Interviews und veröffentlichte das Buch MRF Schatten-Truppe über seine Zeit in der Einheit. Im November 2013 erschien ein Dokumentarfilm in der BBC-Sendung Panorama über die MRF. Es stützte sich auf Informationen von sieben ehemaligen Mitgliedern sowie eine Reihe von anderen Quellen.
Die Aufgaben der MRF unterteilten sich in einen defensiven und einen offensiven Teil. Die MRF fuhren die Straßen in Zivilfahrzeugen ab und hielten nach IRA-Mitgliedern Ausschau.
Ehemalige Mitglieder sagten aus, dass sie Menschen, egal ob Untergrundkämpfer oder Unbeteiligte, ohne Vorwarnung erschossen hätten. Damit wurden die Rules of Engagement der britischen Armee verletzt. Sie sagten weiterhin aus, dass sie eine Liste von Personen hatte, die auf der Stelle zu töten seien, wobei das Ziel darin bestand, „sie [gemeint waren die Katholiken] in ihrem eigenen Spiel zu schlagen“. Die irische Unabhängigkeitsbewegung sollte damit terrorisiert werden.
Cursey zufolge hatte die Einheit die Rückendeckung der britischen Regierung, die das Vorgehen als Teil eines tieferen politischen Spiels ansah. Seine Einheit habe 20 Personen ermordet: “We opened fire at any small group in hard areas […] armed or not – it didn’t matter. We targeted specific groups that were always up to no good. These types were sympathizers and supporters, assisting the IRA movement. As far as we were concerned they were guilty by association and party to terrorist activities, leaving themselves wide open to the ultimate punishment from us.” (Wir eröffneten das Feuer auf jede kleine Gruppe in gefährlichen Bereichen […], bewaffnet oder nicht – es war egal. Wir zielten auf bestimmte Gruppen, die nicht gut waren. Diese Typen waren Sympathisanten und Unterstützer, die die IRA-Bewegung unterstützten. Soweit es uns anging, waren diese durch Zusammenarbeit und Parteinahme mit der IRA der terroristischen Aktivitäten schuldig, so dass sie die ultimative Strafe von uns bekamen.)
Cursey beschrieb zwei Vorfälle, wo MRF-Mitglieder in Pubs gingen und IRA-Mitglieder ermordeten. Ein anonymes Ex-Mitglied der MRF sagte der Sendung Panorama: “We were not there to act like an army unit, we were there to act like a terror group”. (Wir waren nicht da, um uns wie Soldaten, sondern wie Terroristen zu benehmen.) Ein anderer Soldat sagte: “We operated initially with them thinking that we were the UVF” (wir operierten zunächst so, dass die denken mussten, wir gehörten der Ulster Volunteer Force an). Ein anderer Soldat sagte: “We wanted to cause confusion” (wir wollten Verwirrung stiften). Man hätte auch Menschen ermordet, die Verteidigungsbarrikaden errichtet hatten, da sie bewaffnet hätten sein können. 1978 sagte ein ehemaliges Mitglied, dass es die Aufgabe war, Unterdrückung bzw. Einschüchterung durch Furcht, Terror und Gewalt zu erreichen (“repression through fear, terror and violence”).Murray, Raymond. The SAS in Ireland. Mercier Press 1990, S. 44–45. Die Einheit bevorzugte Waffen, die die IRA auch benutzte. Angehörige der irischen Unabhängigkeitsbewegung argumentierten, dass die MRF im Wesentlichen zwei Ziele verfolgte: Die IRA sollte in einen bewaffneten Konflikt mit den Loyalisten gezwungen werden und die Zivilisten sollten das Vertrauen in die Fähigkeit der IRA, sie zu beschützen, verlieren.Dillon, The Dirty War, S. 55–56.
Die MRF-Überwachungsmaßnahmen beinhalteten die Verwendung von Scheinfirmen und Verkleidungen. Ehemalige Mitglieder behaupten, sie hätten sich auch als Straßenkehrer, Müllmänner und sogar Obdachlose getarnt.
Die MRF war dafür bekannt, Doppelagenten verwendet zu haben, die sie als Freds bezeichnete. Diese waren Mitglieder der republikanischen oder loyalistischen Paramilitärs, die von der britischen Military Intelligence „rekrutiert“ worden waren. Die Freds würden weiterhin innerhalb der paramilitärischen Gruppen arbeiten und die MRF mit Informationen versorgen.Martin Dillon. The Dirty War. Random House 1991.
Cursey zufolge entführte die MRF auch Menschen und verhörte sie. Sie verwendete Schockbehandlungen, um die Gefangenen zu zwingen, Informationen zu geben. Zum Beispiel brachen sie zu Beginn des Verhörs den Entführten unverzüglich einen Arm und drohten, den anderen auch noch zu brechen. Cursey sagte, dass die Gefolterten dann an der Straße herausgelassen wurden, um später erneut festgenommen und gefoltert zu werden.
Attacken auf Zivilisten
1972 waren MRF-Teams in eine Reihe von Drive-by-Shootings in den katholischen und irisch-nationalistischen Gebieten von Belfast verwickelt, von denen einige den Loyalisten zugeschrieben wurden. Mindestens fünfzehn Zivilisten wurden dabei ermordet. MRF-Mitglieder bestätigten das Engagement der Einheit in den meisten dieser Angriffe. Es gibt auch Behauptungen, dass die Einheit protestantischen Terroristen der Loyalisten geholfen habe, Angriffe durchzuführen.
Bombardierung der McGurk’s Bar Am 4. Dezember 1971 zündeten Kämpfer der Ulster Volunteer Force (UVF) vor der Bar McGurk’s in Belfast eine Zeitbombe. Der Pub wurde häufig von irischen Patrioten und Nationalisten besucht. Die Explosion tötete 15 Zivilisten und verletzte 17 weitere. Es war der schwerste Anschlag während des Konflikts. Im Buch Killing For Britain (2009), geschrieben vom ehemaligen UVF-Mitglied John Black, behauptete der Autor, die MRF hätte logistische Hilfe geleistet.Police Ombudsman’s report, S. 16. Zwei Tage vor dem Anschlag waren Angehörige der Unabhängigkeitsbewegung aus dem Crumlin Road Prison geflohen. Überall waren deswegen Straßensperren. Anwohner behaupteten später, dass die Briten kurz vor dem Anschlag einige Straßensperren entfernt hätten, was den Attentätern Anreise und Flucht erleichtert hatte.
Anschlag auf der Whiterock Road
Am 15. April 1972 wurden die Brüder Gerry und John Conway – beide katholische Zivilisten – beim Spaziergang auf der Whiterock Road von Angehörigen der MRF entdeckt.Dillon, The Dirty War, S. 52–55. Vor der St. Thomas’s School hielt ein Wagen und die Insassen schossen mit Pistolen auf die beiden. Die Brüder rannten davon, wurden aber durch Schüsse verwundet. Zeugen sahen, wie Soldaten in Uniformen dazukamen und mit den Pistolenschützen sprachen. Dann fuhren die Wagen weg. Die Verletzten wurden ins Royal Victoria Hospital von Belfast gebracht. Die Armee behauptete später wahrheitswidrig, dass die Männer das Feuer auf eine Armeepatrouille eröffnet hätten. 1978 gab ein frühes MRF-Mitglied zu, in diesen Anschlag verwickelt gewesen zu sein. Er bestätigte die Aussage der Passanten und sagte, man habe die beiden mit IRA-Mitgliedern verwechselt.
Anschlag in Andersonstown