Ormisda (HWV A3) ist ein Dramma per musica in drei Akten und ein 1730 in London von Georg Friedrich Händel aufgeführtes Pasticcio. Es ist im Händel-Werke-Verzeichnis gelistet, doch ist eine Beteiligung Händels am Arrangement der Musik nicht gesichert. Die Arien stammen von Giuseppe Maria Orlandini, Johann Adolph Hasse und anderen italienischen Komponisten.

Entstehung Ormisda gehört zu den Werken, die Händel in der ersten Spielzeit der sogenannten „zweiten Akademie“ mit dem neuen Sänger-Ensemble zur Aufführung brachte, das er selber auf seiner vorangehenden Italienreise zusammengestellt hatte.Reinhard Strohm: Ormisda (HWV A3), in: Arnold Jacobshagen, Panja Mücke (Hrsg.): Händels Opern – Das Handbuch. Teilband II. Laaber, (o. O.) 2009, ISBN 3-89007-686-6, S. 370–372.Christopher Hogwood: Georg Friedrich Händel. Eine Biographie. Aus dem Englischen von Bettina Obrecht. Verlag J. B. Metzler, Stuttgart/Weimar, 1992, S. 110–114

Autorschaft und Entstehung des Pasticcios sind Gegenstand von Vermutungen und Spekulation. Relativ einig ist man sich darin, dass Händel als Komponist der Rezitative – die bei einem Pasticcio normalerweise vom Arrangeur neu komponiert wurden – aus stilistischen Gründen ausscheidet.John H. Roberts: Ormisda. In: Annette Landgraf, David Vickers: The Cambridge Handel Encyclopedia. Cambridge University Press, 2009, ISBN 978-0-521-88192-0, S. 470.

Reinhard Strohm meinte, das Pasticcio sei von Händel und einem Bearbeiter in London arrangiert worden, wobei er die Rezitative und vier Arien aus Giuseppe Maria Orlandinis Vertonung desselben Librettos von 1722 übernommen habe – alle vier besagten Arien wurden 1730 von Händels neuem primo uomo, dem berühmten Kastraten Bernacchi, gesungen, und waren auch ursprünglich für ihn komponiert.Reinhard Strohm: Handel’s pasticci. In: Essays on Handel and Italian Opera. Cambridge University Press 1985; Reprint: 2008, ISBN 978-0-521-26428-0, S. 172.Reinhard Strohm: Ormisda (HWV A3), in: Arnold Jacobshagen, Panja Mücke (Hrsg.): Händels Opern – Das Handbuch. Teilband II. Laaber, (o. O.) 2009, ISBN 3-89007-686-6, S. 372.Derselben Meinung war auch: Bernd Baselt: Thematisch-systematisches Verzeichnis. Instrumentalmusik, Pasticci und Fragmente. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch. Band 3. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1986, ISBN 3-7618-0716-3, S. 353.

Roberts wies jedoch darauf hin, dass die Texte der Londoner Version von 1730 stark gekürzt und überarbeitet seien und auch die erhaltenen Direktionspartituren „keine Spuren“ von Händels Hand zeigen.John H. Roberts: Ormisda. In: Annette Landgraf, David Vickers: The Cambridge Handel Encyclopedia. Cambridge University Press, 2009, ISBN 978-0-521-88192-0, S. 470. Daher vertrat er die These, dass Ormisda, ähnlich wie zuvor das Pasticcio L’Elpidia (UA: London 1725), schon ca. 1725–26 von Owen Swiney, einem „Agenten“ der Royal Academy, in Venedig fertig erworben und dann nach London gesandt worden sein könnte; dort habe man es erst wesentlich später in stark veränderter Form und mit vielen aktuelleren Einlege-Arien aufgeführt. Als möglichen Londoner Arrangeur bzw. Bearbeiter nannte Roberts den Impresario (und Händels Kollegen) Heidegger, der früher in der Tat bereits Pasticci zusammengestellt hatte. Beide Thesen sind jedoch dokumentarisch nicht belegt.

Wie auch immer: Ormisda wurde am 4. April 1730 am King’s Theatre zum ersten Mal unter Händels Leitung aufgeführt,Reinhard Strohm: Ormisda (HWV A3), in: Arnold Jacobshagen, Panja Mücke (Hrsg.): Händels Opern – Das Handbuch. Teilband II. Laaber, (o. O.) 2009, ISBN 3-89007-686-6, S. 368.Bernd Baselt: Thematisch-systematisches Verzeichnis. Instrumentalmusik, Pasticci und Fragmente. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch. Band 3. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1986, ISBN 3-7618-0716-3, S. 350 und 354.Editionsleitung der Hallischen Händel-Ausgabe: Dokumente zu Leben und Schaffen. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch. Band 4. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1985, ISBN 3-7618-0717-1, S. 179.Die Angabe „4. April 1726“ bei Roberts ist offenbar ein Druckfehler. John H. Roberts: Ormisda. In: Annette Landgraf, David Vickers: The Cambridge Handel Encyclopedia. Cambridge University Press, 2009, ISBN 978-0-521-88192-0, S. 469. mit der folgenden Besetzung:

Ormisda – Annibale Pio Fabri, genannt „Balino“ (Tenor) Artenice – Anna Maria Strada del Pó (Sopran) Cosroe – Antonio Maria Bernacchi (Altkastrat) Palmira – Antonia Margherita Merighi (Alt) Arsace – Francesca Bertolli (Alt) Erismeno – Johann Gottfried Riemschneider (Bass)

Im Gegensatz zu Händels neuesten Opern Lotario (Dezember 1729) und Partenope (Februar 1730) hatte Ormisda großen Erfolg und kam bis zum Ende der Saison im Juni 1730 auf vierzehn Vorstellungen. Am 21. April gab es eine Benefizvorstellung für Anna Maria Strada, wobei zahlreiche Arien durch andere ersetzt wurden.Reinhard Strohm: Ormisda (HWV A3), in: Arnold Jacobshagen, Panja Mücke (Hrsg.): Händels Opern – Das Handbuch. Teilband II. Laaber, (o. O.) 2009, ISBN 3-89007-686-6, S. 373.John H. Roberts: Ormisda. In: Annette Landgraf, David Vickers: The Cambridge Handel Encyclopedia. Cambridge University Press, 2009, ISBN 978-0-521-88192-0, S. 469–470.

Das Pasticcio wurde in der nächsten Spielzeit zwischen dem 28. November und dem 8. Dezember 1730 für fünf Aufführungen wiederaufgenommen.Christopher Hogwood: Georg Friedrich Händel. Eine Biographie. Aus dem Englischen von Bettina Obrecht. Verlag J. B. Metzler, Stuttgart/Weimar, 1992, S. 360 diesmal mit Senesino als Cosroe und Giovanni Commano als Erismeno.Bernd Baselt: Thematisch-systematisches Verzeichnis. Instrumentalmusik, Pasticci und Fragmente. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch. Band 3. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1986, ISBN 3-7618-0716-3, S. 354. Auch dabei gab es wieder Änderungen: Drei zuvor von Bernacchi gesungene Arien wurden durch neuere Arien aus Orlandinis Adelaide (Venedig 1729) ersetzt, die auch ursprünglich für Senesino komponiert waren.

Der Musikverleger John Walsh veröffentlichte kurz nach der Premiere elf (oder zwölf ?) „favourite songs“ aus Ormisda.

Libretto

Das Libretto ist eine Adaption des Ormisda von Apostolo Zeno, welcher zuerst mit Musik von Antonio Caldara im November 1721 in Wien aufgeführt worden war. Als Vorlage für das Londoner Textbuch gilt die von Giuseppe Maria Orlandini für das Teatro Malvezzi in Bologna komponierte revidierte Fassung (UA: Mai 1722),John H. Roberts: Ormisda. In: Annette Landgraf, David Vickers: The Cambridge Handel Encyclopedia. Cambridge University Press, 2009, ISBN 978-0-521-88192-0, S. 469. in der die Partie des Cosroe von Bernacchi gesungen wurde, der dieselbe Rolle 1729–30 auch im Londoner Pasticcio übernahm.Reinhard Strohm: Ormisda (HWV A3), in: Arnold Jacobshagen, Panja Mücke (Hrsg.): Händels Opern – Das Handbuch. Teilband II. Laaber, (o. O.) 2009, ISBN 3-89007-686-6, S. 372.

Die Rezitative wurden für London wie immer stark gekürzt. Der Text-Bearbeiter ist nicht bekannt, aber man vermutet Giacomo Rossi.Reinhard Strohm: Ormisda (HWV A3), in: Arnold Jacobshagen, Panja Mücke (Hrsg.): Händels Opern – Das Handbuch. Teilband II. Laaber, (o. O.) 2009, ISBN 3-89007-686-6, S. 373 und 375 (Fußnote 28).

Historischer und literarischer Hintergrund mini|hochkant=1.2|Chosrau (Ormisda) und Schirin (Palmira) auf einem Fest mit Musikern. Persische Miniatur, 16. Jhd.

Nach Arthur Ludwig Stiefel ist Zenos Libretto „eine Verschmelzung von Jean Rotrous Cosroès (1649) und Pierre Corneilles Nicomède (1650). … Während er Rotrou mehr die Fabel verdankt, schließt er sich in der Behandlung derselben, namentlich in dem versöhnenden Ausgang, entschieden Corneille an, der mit der melodramatischen Färbung seines Nicomède stark für eine Oper vorgearbeitet hatte“.Arthur Ludwig Stiefel: Jean Rotrous ‚Cosroès‘ und seine Quellen. In: Dietrich Behrens (Hrsg.): Zeitschrift für französische Sprache und Litteratur. Band 23. Verlag Wilhelm Gronau, Berlin 1901, S. 173. Im „Argomento“ zu Ormisda nannte Zeno die beiden französischen Dichter jedoch nicht, sondern ließ „vielmehr durchblicken, dass er aus den Quellen selbst geschöpft habe“.Arthur Ludwig Stiefel: Jean Rotrous ‚Cosroès‘ und seine Quellen. In: Dietrich Behrens (Hrsg.): Zeitschrift für französische Sprache und Litteratur. Band 23. Verlag Wilhelm Gronau, Berlin 1901, S. 173–174.

Die Handlung der Oper basiert auf Begebenheiten um den persischen Großkönig Chosrau II. (590 bis 628), seine Frau Schirin und deren Sohn Mardanschah. In verschiedenen historischen Quellen wie dem Chronicon Paschale aus dem 7. Jahrhundert wird berichtet, dass Chosrau seinen erstgeborenen Sohn Kavadh II. Siroe aus einer früheren Ehe übergehen und stattdessen Mardanschah zu seinem Nachfolger machen wollte, und deshalb von Siroe abgesetzt wurde. Die Liebesgeschichte von Chosrau und Schirin wurde auch literarisch verarbeitet, u. a. in dem Epos Chosrau und Schirin des persischen Dichters Nezāmi und in den Märchen aus Tausendundeiner Nacht.Silke Leopold: Händel. Die Opern. Bärenreiter-Verlag, Kassel 2009, ISBN 978-3-7618-1991-3, S. 289.

Zeno hat die bereits in beiden französischen Vorlagen nicht übereinstimmenden Namen der Personen verändert, was „zu einiger Verwirrung beim Vergleich der Handlungsabläufe mit der Historie“Arthur Ludwig Stiefel: Jean Rotrous ‚Cosroès‘ und seine Quellen. In: Dietrich Behrens (Hrsg.): Zeitschrift für französische Sprache und Litteratur. Band 23. Verlag Wilhelm Gronau, Berlin 1901, S. 173. führen kann. Die Figuren in Rotrous Cosroès (links) und historischen Personen (in Klammern) entsprechen folgenden Figuren in Zenos Libretto (rechts): Cosroe (Chosrau II.) = Ormisda (= Hormizd, was aber der Name von Cosroes Vaters Hormizd IV. war). Syra (Schirin) = Palmira; Mardesanes (Mardanschah) = Arsace; Syroäs (Siroe, Hauptperson von Händels Oper Siroe, 1728) = Cosroe; Palmyras = Mitrane; Hormisdate = Erismeno.

Handlung Erster Akt