Die Gambierinseln (anderer Name Mangarevainseln, ) sind ein 43 Inseln umfassender Archipel östlich des 140. Längengrades im Südpazifik, etwa 1800 Kilometer südöstlich von Tahiti. Geographisch gehören die Gambierinseln zum Tuamotu-Archipel, politisch zu Französisch-Polynesien.
Geographie
Obwohl geographisch zum Tuamotu-Archipel gehörend, zeigen die Gambierinseln ein völlig anderes Landschaftsbild. Im Gegensatz zu den flachen Korallen-Atollen der anderen Tuamotus bestehen die Mangarevainseln aus vulkanischen Gesteinen. Es sind die Überreste des einstigen, inmitten einer mehr als 25 km durchmessenden Lagune gelegenen Zentralvulkans, der von einem Saumriff umgeben ist, aus dem sich zahlreiche flache Motus erheben.
Mangarevainseln
Die im Zentrum der Gruppe gelegene, acht Kilometer lange und im Durchschnitt eineinhalb Kilometer breite Hauptinsel Mangareva ist vulkanischen Ursprungs. Die höchste Erhebung ist der Mont Duff mit 440 Metern im Süden der Insel. Flüsse und Bäche gibt es nicht, zur Wasserversorgung dient in Zisternen gesammeltes Regenwasser.
Von den insgesamt 450 km² Gesamtfläche des Atolls sind nur 31 km² Land. Davon entfallen 18 km² auf die Hauptinsel Mangareva.
Vier Inseln sind bewohnt (Volkszählung 2012): Mangareva (1239, Hauptort Rikitea, weitere Distrikte Kirimiro, Gatavake, Atituiti, Akaputu, Taku) Aukena (40, historischer Ort Purirau, aktuelle Siedlung nicht an gleicher Stelle) Akamaru (22, historischer Ort Tokani, aktuelle Siedlung nicht an gleicher Stelle) Taravai (9, historischer Ort Agonoko)
Weitere vulkanische Inseln innerhalb des Riffes sind: Agakauitai Kamaka (zur Volkszählung 2002 noch vier Einwohner) Makaroa Mekiro Manui Makapu
Weitere Inseln innerhalb des Riffes sind: Atumata Manui Motu-o-ari Motu Teiku Rumarei Teohootepohatu Tepu-Nui
Zahlreiche weitere Motus liegen – wie bei Atollen üblich – auf dem Riff, besonders im Norden und Osten, darunter die langgestreckte Insel Totegegie mit dem Flughafen. An der westlichen Ecke des Saumriffes liegt die winzige Tokorua-Gruppe.
Größte Ansiedlung ist das Dorf Rikitea im Südosten der Hauptinsel Mangareva mit 511 Einwohnern, mehrheitlich polynesischen Ursprungs. Haupteinnahmequelle ist heute die Zucht der schwarzlippigen Perlmuschel (Pinctada margaritifera cumingi) zur Gewinnung schwarzer Perlen. Der Handel mit schwarzen Perlen wird überwiegend von Hongkong-Chinesen kontrolliert. Als Folge der Perlenzucht haben sich Chinesen, Europäer und Japaner auf den Inseln angesiedelt.
Weitere Inseln Geographisch gehört zu den Gambierinseln auch das unbewohnte Atoll Temoe etwa 50 km südöstlich von Mangareva.
Noch weiter östlich befinden sich zwei untermeerische Korallenriffe: Die Portland-Bank liegt 27 km südöstlich von Temoe. Sie erstreckt sich über eine Fläche von 8 km² und hat eine geringste Tiefe von 8,8 Metern. Das Minerve-Riff (auch: Ebril-Riff) liegt 137 km nordöstlich von Mangareva. Es erstreckt sich über eine Fläche von rund 240 km² und weist eine geringste Tiefe von 14 Metern auf.
Geologie Die Gambierinseln sind aus einem Hot Spot unter der Pazifischen Platte entstanden, die sich mit einer Geschwindigkeit von 12,5 cm pro Jahr in Richtung Nordwesten bewegt.National Geographic Map: The earth’s fractured surface, Washington, D.C., Beilage zum April-Heft 1995 Sie sind Bestandteil eines Atolls, das vor 5,6 bis 5,7 Mill. Jahren entstanden ist.V. Cloutard & A. Bonneville: Ages of seamounts, islands and plateaus on the Pacific plate, Paris 2004 Die Zentralinsel ist bereits teilweise versunken, sodass die ehemaligen Teile des Kraterrandes noch als Inseln aus magmatischen Gesteinen aus dem Wasser ragen. An der Lage der Inseln in der Lagune lässt sich die längst versunkene Caldera noch erahnen. Die gesamte Gruppe sitzt einer untermeerischen Erhebung auf, die im Süden und Osten relativ schnell versinkt, sodass das 65 km lange Saumriff nur noch an drei Seiten über die Wasseroberfläche ragt. Daraus erheben sich zahlreiche niedrige Motus, die aus Korallensand und -trümmern bestehen, nur wenig über die Meeresoberfläche.
Klima Die Temperatur beträgt im Jahresmittel 23 °C, wobei sich die Monate nur unwesentlich unterscheiden. Im Jahr fallen durchschnittlich 1700 mm Regen (zum Vergleich: Köln 700 mm). Die regenreichsten Monate sind Oktober und November. Es gibt keine ausgeprägten Jahreszeiten.
Flora und Fauna Die Vulkaninseln sind mit einer üppigen, tropischen Vegetation bedeckt. Die windabgewandte Seite des Mt. Duff ist trockenes Grasland.
Die Koralleninseln des Saumriffes sind wegen des wenig fruchtbaren Bodens artenarm. Hier gedeihen überwiegend Kokospalmen, die wirtschaftlich für eine kleine Kopra-Produktion genutzt werden.
Die artenarme Fauna der Koralleninseln beschränkt sich auf Vögel, Insekten und Eidechsen. Umso artenreicher ist die Tierwelt unter Wasser. Alle Arten von Korallenfischen machen die Lagune zu einem Taucherparadies.
Geschichte Der Ethnologe Kenneth P. Emory vom Bishop-Museum in Honolulu nahm an, dass die Gambierinseln, ebenso wie die anderen ostpolynesischen Inseln, von den Marquesas aus besiedelt wurden.K.P. Emory, Y.H. Sinoto: Preliminary Report on the Archaeological Investigations in Polynesia. Honolulu 1965 Inzwischen wird aber eher eine von den Gesellschaftsinseln ausgehende Besiedlung, etwa um 1000 n. Chr., angenommen.Patrick Vinton Kirch: On the Road of the Winds – An Archaeological History of the Pacific Islands before European Contact. University of California Press, Berkeley/Los Angeles/London 2000.
Es liegen archäologische Befunde dafür vor, dass die Inseln Mangareva, Taravai, Agakauitai, Akamaru, Aukena und Kamaka in protohistorischer Zeit von Polynesiern besiedelt waren.M. I. Weisler: An Archaeological Survey of Mangareva: Implications for Regional Settlement Models and Interaction Studies. In: Man and Culture in Oceania 12 (1996), S. 61–85. Die Gesellschaftsform war eine streng stratifizierte Stammesgesellschaft, die sich in ständigen Kriegen der Clans untereinander aufrieb, in der zeitweilige Nahrungsknappheit bestand und in der Kannibalismus nicht unbekannt war.Te Rangi Hiroa: Ethnology of Mangareva. Bernice P. Bishop Museum Bulletin Nr. 157, Honolulu 1938. Es gibt Hinweise, dass kurz vor der europäischen Einflussnahme ein Umbruch im Gange war, der zu Aufruhr und Bürgerkrieg zwischen den Gesellschaftsschichten führte.Patrick Vinton Kirch: On the Road of the Winds – An Archaeological History of the Pacific Islands before European Contact. University of California Press, Berkeley/Los Angeles/London 2000, S. 267. Diese Konflikte dürften die Eroberung der Inselgruppe durch König Pomaré II. von Tahiti zu Beginn des 19. Jahrhunderts wesentlich erleichtert haben. Bis zur zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts blieb der Archipel im Einflussbereich der Königs-Dynastie Pomaré von Tahiti.
Für Europa entdeckt hat die Gambierinseln 1797 James Wilson, Kapitän des Schiffes Duff der London Missionary Society, das von Großbritannien aus zur Missionierung auf Tahiti, Tonga und den Marquesas aufgebrochen war. Er benannte die Inseln nach seinem Vorbild, dem Hugenotten James Gambier, der die Expedition finanziell unterstützt hatte.
1825 erreichte der Brite Frederick William Beechey mit seinem Schiff HMS Blossom die Gambierinseln während einer ausgedehnten Forschungsreise in den Pazifik und das arktische Nordamerika. Er schildert die Einwohner als sehr freundlich, jedoch diebisch veranlagt und beschreibt sie wie folgt:
mini|Die „Südseekathedrale“ auf Mangareva, eines der Bauprojekte von Pater Laval Mit der Ausweitung des französischen Einflussbereiches im Südpazifik begann auch die katholische Missionierung in Polynesien. Die Gambierinseln gehörten zu den wenigen Inseln, deren Bewohner nicht bereits von der Londoner Missionsgesellschaft (London Missionary Society) bekehrt worden waren. 1834 kamen die Patres Honoré Laval und François d’Assise Caret des erst 1800 gegründeten Ordens „Pères et religieuses des Sacrés-Cœurs de Picpus“ (kurz: Picpusiens) mit dem Schiff Peruviana auf der Insel Akamaru an. Zunächst leistete König Maputeoa, der letzte König von Mangareva, Widerstand, aber nachdem er die Genesung von einer schweren Krankheit dem neuen Gott zuschrieb, geriet er mehr und mehr unter den Einfluss der christlichen Missionare und ließ sich 1836 taufen. Zuerst mit Duldung und später mit aktiver Unterstützung des Herrschers entfalteten die Picpusiens ein umfangreiches Entwicklungsprogramm für die Inseln. Dazu gehörten eine umfangreiche Bautätigkeit mit zahlreichen Kirchen- und anderen öffentlichen Bauten auf allen Inseln, der Anbau und die Verarbeitung von Baumwolle, die Perlen- und Perlmuttfischerei (die dem Orden beträchtlichen Wohlstand bescherte) sowie die Anlage von Plantagen und Nutzgärten. Zahlreiche Arbeitskräfte wurden von Mangreva nach Tahiti verschifft, um 1856 die Kathedrale von Papeete zu errichten.
Die zwangsweise Verpflichtung der Arbeitskräfte für die Großprojekte entvölkerte die kleineren Gambierinseln und führte zu Hungersnöten, da die tägliche Nahrungsbeschaffung vernachlässigt wurde. Dies und die Verbreitung von bisher unbekannten Infektionskrankheiten hatte Verelendung und einen drastischen Bevölkerungsrückgang zur Folge. Andererseits unterdrückten die Missionare die ständigen Stammeskriege sowie die Menschenopfer und bekämpften den Kannibalismus.
Der französische Gouverneur von Tahiti sah dem Treiben des Paters Laval lange Jahre tatenlos zu. Erst als sich Beschwerden von Geschäftsleuten und Handelsschiffern häuften, schritt er ein. Père Laval musste auf Geheiß des Bischofs von Tahiti, Florentin Etienne „Tepano“ Jaussen, 1871 Mangareva verlassen. Er starb arm und verbittert am 1. November 1880 und wurde auf Tahiti begraben.
1881 übernahm Frankreich die Verwaltung der Inseln. Heute sind sie Teil des Überseeterritoriums Französisch-Polynesien.
mini|„Bunker“-Anlage auf Mangareva Die Stationierung des Militärpersonals auf den Gambierinseln für die französischen Kernwaffenversuche auf dem etwa 400 km entfernten Mururoa-Atoll führte in den 1960er bis 1980er Jahren zu einem vorübergehenden wirtschaftlichen Aufschwung. Die 2000 Meter messende, heute zivil genutzte Landebahn auf dem Motu Totegegie vor Mangareva (ICAO ID: NTGY; ebenso lang wie die des Flughafens Dortmund) wurde 1967/68 von der französischen Luftwaffe gebaut.
Die Versuche hatten vermutlich auch unangenehme Begleiterscheinungen. Der radioaktive Fallout führte wahrscheinlich zu einer erhöhten Krebsrate bei den Bewohnern der Gambierinseln. Daten dazu wurden zwar erhoben, blieben aber bisher unter Verschluss. Auf Mangareva baute das französische Militär einen bunkerähnlichen Unterstand, in dem sich die Einwohner bei den Kernwaffenversuchen in Sicherheit bringen sollten. Der Bunker steht noch heute. Bis zum Ende der 1980er Jahre konnten die Gambierinseln nur mit einer Sondergenehmigung der französischen Militärbehörde besucht werden.
Kunst und Kultur mini|hochkant|Statue des Gottes Rogo im Metropolitan Museum New York Über Kunst und Kultur der Gambierinseln vor der Einflussnahme durch die Europäer ist nur wenig bekannt. Ethnologische Untersuchungen auf wissenschaftlicher Basis konnten nicht stattfinden, da die Kunstwerke von den Missionaren in kürzester Zeit nahezu vollständig vernichtet wurden. Pater Laval rühmte sich, an einem einzigen Tag 40 hölzerne Idole verbrannt zu haben. Die spärlichen Informationen, die von der Religion und dem Kult der Gambierinseln überliefert sind, stammen überwiegend aus Briefen der Missionare an ihre Ordensoberen. Ob sie objektiv sind, mag bezweifelt werden.
Leutnant Belcher von der Beechey-Expedition hatte noch Gelegenheit, eine Kultstätte auf der Insel Mangareva zu besuchen. Er beschreibt sie als: