Kaspar Kratzer (* 1545 in Ulm; † nach 26. September 1585) war ein deutscher Jesuit, der später lutherischer Theologe wurde und in Böhmen, Österreich und Oberungarn wirkte.

Leben Kaspar Kratzer wurde in Ulm als Sohn des Arbogast Kratzer geboren. Angeblich hatte er protestantische Eltern und trat in seiner Jugend zum Katholizismus über; ein Standardvorwurf gegen Konvertiten. Kratzer war Schüler von Martin Balticus (* um 1532; † 1601)Vgl. an der Ulmer Lateinschule. Im Alter von 20 Jahren zog er nach Wien und studierte Ende der 1560er Jahre drei Jahre an der Universität Wien. Kratzer hatte einen Freitisch in der Lilienburse, einer Stiftung für bedürftige Studenten aus Schwaben, Württemberg und Ulm.

Jesuit in Wien und Prag Am 16. September 1569 wurde er im Alter von 24 Jahren als Novize (Scholasticus approbatus) in den Jesuitenorden aufgenommen und 1570 aus Wien in das Prager Novizenhaus („Domus Probationis“) geschickt, um an der Prager Universität seine Studien fortzusetzen.Vgl. den Catalogus personarum collegii Pragensis, Einträge vom 1. August 1570 („Casparus Cratenus; Gasparus Craterus“), 20. August 1571 („Casparus Cratzerus svevus pro scholastico admissus“) und 6. Oktober 1572 (Online-Ressource des Instituts für Klassische Altertumswissenschaften (Kabinet pro klasická studia AV ČR) Prag, abgerufen am 28. November 2013). Kratzer wurde Bibliothekar, Lehrer und Regens am Jesuitenkolleg in Prag, legte jedoch kein Ordensgelübde ab. Der Ordensprovinzial Lorenzo Maggio (1531–1605) nannte ihn einen „Bibliophagus“ (Bücherfresser). Im Februar 1578 wurde Kratzer in Wien, wo er zu dieser Zeit als Professor am Jesuitenkolleg lehrte, von Bischof Johann Caspar Neubeck (1545–1594) zum Diakon geweiht.

Am 4. Mai 1578 verließ er heimlich den Konvent. Aus dem Jahre 1578 stammt auch ein Eintrag von Kratzer in das Stammbuch von Wilhelm Friedrich Lutz (1551–1597), der zu dieser Zeit als Pfarrer von Göllersdorf wiederholt heimlich Gottesdienste in adeligen Freihäusern in Wien hielt, wo die evangelische Religionsausübung untersagt war.

Konversion und Wirken in Tübingen Im Oktober 1578 immatrikulierte sich „Casparus Kratzer Vlmensis Jesuita“ in Tübingen. Er erhielt einen Freitisch am Fürstlichen Stipendium Collegium Sanctorum Georgii et Martini und wirkte dort als Ephorus und Inspektor der Augsburger Stipendiaten. Maximilian von Mämming († 1610) zu Kirchberg und Sitzenthal engagierte ihn 1579 als Hauslehrer (Präzeptor) für seine Mündel Hans Ludwig († 1607) und (Hans) Helmhard von Kirchberg († 1593) zu Viehofen und Seisenburg. Sie waren Söhne des Protestantenführers Wilhelm von Kirchberg († 1573) zu Viehofen und Seisenburg und seiner ersten Ehefrau (⚭ 1556) Anastasia von Mämming († 1565). Beide wurden am 28. Mai 1579 in Tübingen immatrikuliert.

In Tübingen wirkte Kratzer mit bei zwei öffentlichen Disputationen „contra Papatus idololatriam“ („gegen den Götzendienst des Papsttums“) über die kontroverstheologische Frage der Bilderverehrung und erwarb vermutlich dadurch den Magistergrad. Er galt als gebildet in den Artes, biblischen Sprachen und Patristik und diskussionserfahren.

Kaspar Kratzer heiratete 1580 in Tübingen Anna Abelin, die Tochter von Matthäus Abelin aus Ulm.Vgl. Siegwalt Schiek, Wilfried Setzler (Hrsg.): Das älteste Tübinger Ehebuch 1553–1614. (Beiträge zur Tübinger Geschichte 11). Theiss, Stuttgart 2000, S. 102. Christoph von Schallenberg (1561–1597), der damals in Tübingen studierte, verfasste zu diesem Anlass ein Hochzeitsgedicht (Epithalamium).In nuptias Caspari Crazeri, theologiae doctoris. In: Hans Hurch (Hrsg.): Christoph von Schallenberg. Ein österreichischer Lyriker des XVI. Jahrhunderts. Litterarischer Verein, Tübingen 1910, Nr. I, S. 6f und 197 (Digitalisat im Internet Archive).Jn nvptias Caspari Crazer[i] Theologiae Doctoris / Auf die Hochzeit des Caspar Krazer Doktors der Theologie. In: Robert Hinterndorfer (Hrsg.): Christoph von Schallenberg: Sämtliche Werke und Briefe, Bd. I. (Wiener Neudrucke). LIT, Wien / Berlin 2008, S. 16–19 (Google-Books); Bd. II. LIT, Wien / Berlin 2008, S. 307 (Google-Books). Kratzer selbst veröffentlichte 1580 zusammen mit Christoph Stammler (1537–1587)Aus Augsburg. eine Festschrift zur Hochzeit von Diakonus Christoph Stähelin (1554–1613)Aus Stuttgart, 1570–1574 Studium in Tübingen, dann Repetent, Diakonus und Professor (1590–1591) in Tübingen, ab 1591 Spezialsuperintendent in Herrenberg. mit Esther Beurlin (1559–1637), der Tochter des verstorbenen Tübinger Kanzlers Jakob Beurlin († 1561). Eine weitere Festschrift zu diesem Anlass war bereits 1579 von Hieronymus Megiser (1554–1618/19) verfasst worden.Hieronymus Megiser: Epithalamium In Nvptias … Christophori Sthelini Stutgardiani, S. S. Theologiae Candidati, [et] Ecclesiae Tubingensis Diaconi, ducentis honestissimam, pudicissimamq[ue] Virginem Estheram, … Iacobi Beurlini … filiam, celebratas 17. Februarij. Anno salutis, 1579. Scriptvm In Gratiam & honorem eorundem, à M. Hieronymo Megisero Iuniore Stutgardiano, Coellegij Martiniani alumno. Alexander Hock, Tübingen 1579.

Missglückte Anstellung an der Landschaftsschule in Graz Im Dezember 1579 war Kratzer von der Universität Tübingen auf Empfehlung von Jacob Heerbrand (1521–1600) den Verordneten der steiermärkischen Landstände als Rektor für die Landschaftsschule im „Eggenberger Stift“ in Graz vorgeschlagen worden. Deren bisheriger Rektor Philipp Marbach war Professor der Theologie in Heidelberg geworden. Im Februar 1580 erhielt Magister Kratzer eine Berufung als Prorektor nach Graz, als Rektor wurde Hieronymus Deubener (Peristerius) († nach 1601)Vgl. berufen. Kratzer nahm die Berufung im April 1580 an und reiste nach seiner Hochzeit aus Tübingen ab.Vgl. Regesten zu Kratzer, u. a. ein Schreiben von Jacob Heerbrand an die Verordneten in Steiermark vom 10. April 1580 u. a.; Johann Loserth (Hrsg.): Die Beziehungen der steiermärkischen Landschaft zu den Universitäten Wittenberg, Rostock, Heidelberg, Tübingen, Strassburg u. a. in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Festschrift der Universität Graz aus Anlaß der Jahresfeier am 15. November 1898. Leuschner & Lubensky, Graz 1898, S. 61–64 (Google-Books; eingeschränkte Vorschau); vgl. S. 13f. Bereits vor Kratzers Dienstantritt kam es zu einer Auseinandersetzung zwischen der protestantisch gesinnten Landschaft und dem katholischen Erzherzog Karl II. von Innerösterreich (1540–1590) über seine Anstellung. Der Landschaftsekretär Kaspar Hirsch (* 1538; † 1612/17) holte Kratzer in Wiener Neustadt ab, um seine Verhaftung zu verhindern.Vgl. Harald Tersch: Österreichische Selbstzeugnisse des Spätmittelalters und der Frühen Neuzeit (1400–1650). Böhlau, Wien / Köln / Weimar 1998, S. 317. Kratzer fand vorübergehend Aufnahme in Schloss Weyer bei Wilhelm von Ratmannsdorf († 1595).

Aus Graz wurde Kratzer noch im Mai desselben Jahres als „abtrünniger Jesuit“, der sein Gelübde gebrochen habe, von Erzherzog Karl ausgewiesen. Landeshauptmann Georg der Breite von Herberstein (1529–1586) übermittelte die Weisung des Erzherzogs an die drei in Graz anwesenden Verordneten Wilhelm von Gera († 1600) zu Arnfels, Landesvizedom Georg Seifried von Trübeneck zu Schwarzenstein und Obristzeugmeister Michael von Rindsmaul († 1591) zu Fraunheim; die Landstände bemühten sich vergeblich um eine Rücknahme der Entscheidung.Vgl. Aquilin Julius Caesar: Beschreibung des Herzogthum Steyermarks, Bd. I. Kaspar Zaunrith, Graz 1786, S. 476–482 (Google-Books). Seyfried von Eggenberg und Herberstein (1526–1594), ehemaliger Bürgermeister von Graz, gewährte Kratzer für einige Tage Unterschlupf in seinem Schloss Eggenberg bei Graz.

Kratzers Tübinger Kollege Magister Christoph Stammler, der mit ihm nach Graz gekommen war und Nachfolger des Lorenz PüchlerAus Enns, auch Laurentius Collinus. als Lehrer an der Stiftsschule wurde, konnte in der Stadt bleiben.Vgl. Johann Loserth: Die protestantischen Schulen der Steiermark im 16. Jahrhundert. Weidmann, Berlin 1916, S. 44, 62 und 72; anders R. Hinterndorfer (Hrsg.): Schallenberg, Bd. II, 2008, S. 307. Er wurde 1587 in der damals evangelischen Grazer Stiftskirche bestattet.Vgl. Karl Amon: Eine Predigt des Pastors Wilhelm Zimmermann zum Februarlandtag 1591. In: Paul Oskar Urban, Berthold Sutter (Hrsg.): Johannes Kepler 1571–1971. Gedenkschrift der Universität Graz. Leykam, Graz 1975, S. 375–399, bes. S. 391.

Flucht aus dem Gefängnis in Wien Nach seiner Rückkehr war Kratzer gezwungen, das Amt in Graz niederzulegen. Die Landschaft entschädigte ihn für die aufgewandten Kosten und als Abfindung für den Verzicht auf die Stelle mit insgesamt 500 Gulden. Anschließend trat Kratzer in den Dienst von Hans Rueber zu Pixendorf (1529–1584), der kaiserlicher Hauptkapitän in Oberungarn war. Auf der Reise dorthin wurde er in Wien auf Veranlassung von Bischof Melchior Khlesl (1552–1630) in Haft genommen, konnte aber aus dem Gefängnis fliehen.Vgl. Brief von Primož Trubar vom 1. September 1580 aus Derendingen an die Verordneten des Krainer Herrenstandes. In: Edvard Vrečko, Fanika Krajnc-Vrečko (Hrsg.): Primož Trubar Pisma. (Zbrana dela Primoža Trubarja 10). National- und Universitätsbibliothek, Ljubljana 2015, S. 304–307: „… wie sie newlich dem m. Casparo Krätzer widerstanden, noth, gefahr, anfechtung vnd verfolgung geht mir zu hertzen.“Vgl. Constant von Wurzbach: Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich, Bd. XIII. Staatsdruckerei, Wien 1865, S. 170.

Zips (Oberungarn) Am 5. September 1580 erreichten Kratzer und seine Frau die Garnisonsstadt Kaschau (Košice) in Oberungarn. Er wurde Hofprediger von General Rueber für die deutsche Gemeinde in Käsmark (Kežmarok) in der Zips; das dortige Schloss besaß Hans Rueber seit 1571.

In einem Streit Kratzers mit seinem Kollegen Liz. Mento Gogreve (* um 1541; † nach 1588), der bis 1582/83 Ruebers Hofprediger in Grafenwörth war, mussten 1582 auf Ersuchen Ruebers die Universitäten Rostock und Tübingen, an denen die beiden Kontrahenten studiert hatten, mit „Consilia“ vermitteln. Die Rostocker Theologische Fakultät ließ ihre Stellungnahme, die Kratzers „Rechtgläubigkeit“ feststellte und beide Seiten zur Versöhnung aufforderte, von Martin Chemnitz (1522–1586) und Tilemann Hesshus (1527–1588) gegenlesen.

Gegen die Auffassung von Valentin Hortensius (Gärtner), Senior (Superintendent) der 24 Zipser Städte seit November 1581, sprach sich Kratzer entschieden für die Annahme der Konkordienformel aus, konnte sich aber auf Konventen der evangelischen Prediger am 29. Januar 1582 in Käsmark (Kežmarok) und am 14. Februar 1582 in Zipser Neuendorf (Spišská Nová Ves) nicht durchsetzen.Vgl. Johannes Borbis: Die evangelisch-lutherische Kirche Ungarns in ihrer geschichtlichen Entwicklung. C. H. Beck, Nördlingen 1861, S. 39.

Am 9. Januar 1583 stellten ihm 12 Beamte der Zipser Kammer in Kaschau ein Zeugnis aus, in dem Kratzer als „theologiae designatus doctor“ bezeichnet wird und ihm untadeliger Lebenswandel und lutherische Rechtgläubigkeit bescheinigt werden.Vgl. Lajos Kemény: A Kassai tanügy történetéhez [= Zur Geschichte des Schulwesens in Kaschau]. In: Történelmi tár 13 (1890), S. 790–794, bes. S. 791f (Google-Books; eingeschränkte Vorschau). Kratzer blieb bis zum 19. November 1583 Prediger in Käsmark. Sein Nachfolger wurde der „Philippist“ Sebastian Ambrosius genannt Lahm (1554–1600).