mini|Mignonette, Skizze von Tom Dudley

Das Strafverfahren R v Dudley and Stephens von 1884, Aktenzeichen 14 QBD 273 DC, gilt als einer der herausragenden britischen Kriminalfälle. Durch die Urteilsbegründung wurde ein Präzedenzfall geschaffen, der sich auf die weltweite Rechtsprechung auswirkte. Im Kern wurde festgestellt, dass zur Verteidigung eines Mordes nicht das Vorliegen eines Notstandes geltend gemacht werden kann.

Der Fall betraf die Überlebenssicherung durch Kannibalismus nach einem Schiffbruch und die Rechtfertigung dieses Verhaltens auf der Grundlage der sogenannten „Customs of the Sea“, der „Gebräuche der See“. Hierbei handelte es sich um einen auf Gewohnheitsrecht basierenden angeblichen Verhaltenskodex im britischen Sprachraum, der allerdings nicht schriftlich fixiert war.Walker, Andrew: Is Eating People Wrong?: Great Legal Cases and How they Shaped the World. Cambridge University Press, New York, 2011, ISBN 978-1-107-00037-7, S. 22 Die Verhandlungen und das Urteil bezeichneten den Höhepunkt einer langen Geschichte von juristischen Versuchen, diesem angeblichen Recht jedwede legale Grundlage zu entziehen. Eine solche Regeländerung stellte sich zuvor auch deswegen als schwierig dar, da Schiffbrüchige in der öffentlichen Meinung großen Zuspruch erhielten. Der Fall kann als eine „cause célèbre“ des viktorianischen Großbritanniens gelten.

Bekannte Fakten Der australische Rechtsanwalt John Henry Want kaufte im Jahr 1883 die Yacht Mignonette, einen 1867 gebauten 52-Fuß-Segelkreuzer (ca. 16 m) mit 19,43 t Nettotonnage.Simpson: Cannibalism and the Common Law: … 1984, S. 18. Aufgrund ihrer Größe war die einzige Möglichkeit, sie ihrem neuen Eigner zuzuführen, ein sogenannter „Verholtörn“, in diesem Fall also eine Segelreise über mehrere Ozeane über rund . Der Versuch, eine entsprechend ausgebildete Mannschaft anzuheuern, gestaltete sich offensichtlich schwierig; erst am 19. Mai 1884 verließ das Schiff mit der nachfolgenden Besatzung Southampton: Kapitän Tom Dudley sowie seine Mannschaft bestehend aus Edwin Stephens, Edmund Brooks und dem Kabinenjungen Richard Parker. Parker war 17 Jahre alt und ein unerfahrener Seemann.Simpson: Cannibalism and the Common Law: … 1984, S. 37–40.

Am 5. Juli geriet die Yacht circa nordwestlich des Kap der Guten Hoffnung in eine Starkwindzone. In dieser Situation gab Dudley den Befehl beizudrehen, sodass die Mannschaft in der Nacht schlafen konnte. Mit Beendigung des Manövers wurde Parker unter Deck geschickt, um Tee zu machen. In diesem Moment riss eine Welle das gesamte in Lee liegende Schanzkleid weg. Dudley stellte sofort fest, dass das Schiff damit dem Untergang geweiht war und befahl, das einzige an Bord befindliche Rettungsboot zu Wasser zu lassen. Das rund 4 m lange Rettungsboot war sehr leicht gebaut, die Planken von 16 mm schlugen in der Eile des Einsatzes Leck. Die Mignonette versank innerhalb von fünf Minuten nach der Havarie. Die Mannschaft konnte sich in das Boot retten, wobei es ihr allerdings nur gelang, nautische Instrumente und zwei Dosen Rüben mitzunehmen. Süßwasser war nicht vorhanden.Simpson: Cannibalism and the Common Law: … 1984, S. 50–53.

mini|250px|Richard Parkers Grabstein

Dudley konnte einen Treibanker improvisieren, der dem Boot in den Wellen Stabilität gab. Parallel zu dieser Arbeit musste die Mannschaft einen Hai mit ihren Rudern abwehren. Dudley öffnete die erste Dose Rüben am 7. Juli, die fünf Stücke wurden so unter den Männern geteilt, dass sie zwei Tage hielten. Etwa am 9. Juli entdeckte Brooks eine Schildkröte, die Stephens an Bord zog. In der gesamten Zeit vermied die Mannschaft strikt den Konsum von Meerwasser, da damals allgemein angenommen wurde, dass dieser tödlich sei. Obwohl sie die Schildkröte verzehrten, verzichteten sie darauf, ihr Blut zu trinken, weil die Angst bestand, dass es mit Seewasser verschmutzt sein könne. Die Schildkröte bot jeder der Personen etwa drei Pfund Fleisch. Diese Nahrung reichte zusammen mit den ebenfalls verzehrten Knochen und der zweiten Dose Rüben bis zum 15. oder 17. Juli. Da es den Schiffbrüchigen nicht gelang, Regenwasser einzufangen, begannen sie am 13. Juli ihren eigenen Urin zu trinken. Vermutlich am 20. Juli wurde Parker durch Seewasserkonsum krank. Stephens war ebenfalls unwohl, möglicherweise nachdem er ebenfalls mit Seewasser experimentiert hatte.Simpson: Cannibalism and the Common Law: … 1984, S. 57–60.

Wahrscheinlich wurde erstmals am 16. oder 17. Juli darüber gesprochen, ob man Lose ziehen solle, um eine Person zu bestimmen, die sterben müsse, um den übrigen als Nahrung zu dienen. Die Debatte scheint sich dann am 21. Juli intensiviert zu haben, ohne dass allerdings ein Beschluss getroffen wurde. Am 23. oder 24. Juli, Parker war zu diesem Zeitpunkt vermutlich schon bewusstlos, äußerte Dudley gegenüber den anderen, dass es besser sei, dass nur einer von ihnen stürbe und so die anderen überleben könnten. Er schlug vor, dass sie Lose ziehen sollten. Brooks lehnte ab. In der folgenden Nacht sprach Dudley die Angelegenheit erneut bei Stephens an. In diesem Gespräch wies er darauf hin, dass er und Stephens Ehefrauen und Familien hätten und auch, dass Parker wahrscheinlich sterben werde. Sie kamen überein, die Angelegenheit bis zum Morgen ruhen zu lassen. Am folgenden Tag, weiterhin ohne Aussicht auf Rettung, signalisierten Dudley und Stephens sich, dass Parker getötet werden sollte. Hierbei gingen die Täter davon aus, dass Parkers Blut genießbarer sei, wenn dieser nicht eines natürlichen Todes stürbe, sondern getötet werde. Brooks, der nicht an der früheren Diskussion beteiligt gewesen war, gab später an, weder Zustimmung noch Protest signalisiert zu haben. Dudley hingegen bestand immer darauf, dass Brooks zugestimmt habe. Nach der Entscheidung sprach Dudley ein Gebet und stach mit seinem Taschenmesser in Parkers Halsvene, was diesen tötete. Stephens stand bereit, die Beine des Jungen zu fixieren, falls dieser sich wehren sollte.

In einigen späteren Berichten über den Vorgang der Tötung wird kolportiert, dass Parker: „Was, ich?“ gemurmelt haben soll, als er ermordet wurde.Simpson: Cannibalism and the Common Law: … 1984, S. 67. Die drei verbliebenen Schiffbrüchigen ernährten sich von Parkers Körper, wobei Dudley und Brooks am meisten konsumierten, Stephens dagegen sehr wenig. Zu dieser Zeit gelang es der restlichen Mannschaft schließlich, etwas Regenwasser einzufangen. Dudley beschrieb die Szene später:

Rettung und Anklage mini|290px|Photographie des Rettungsbootes, 1884 in Falmouth ausgestellt

Am 29. Juli sichteten die Überlebenden die SegelSimpson: Cannibalism and the Common Law: … 1984, S. 69. der deutschen Bark Montezuma, die sich auf ihrer Rückreise nach Hamburg befand. Dudley, Stephens und Brooks wurden an Bord genommen und man setzte sie am Samstag, 6. September in Falmouth (Cornwall) ab, da dieser Hafen auf der Route lag.Simpson: Cannibalism and the Common Law: … 1984, S. 69–70. Die Überlebenden suchten umgehend das örtliche Zollhaus auf, wo Dudley und Stephens die gesetzlich vorgeschriebenen Angaben nach den „Merchant Shipping Acts“ machten, die im Fall eines Schiffsverlustes erforderlich waren. Alle drei waren in ihrer Aussagebereitschaft offen, da sich Dudley und Stephens durch die „Gebräuche der See“ geschützt glaubten. Der sich in der Nähe befindliche Zollbeamte und Sergeant der Hafenpolizei James Laverty befragte in der Folge Dudley über die Gegenstände, mit denen er Parker getötet habe. Hierbei nahm er das Tatmesser in Verwahrung, wobei er versprach, dieses zurückzugeben. Die so erlangten Erkenntnisse wurden telegraphisch sowohl an das Handelsministerium als auch an das schifffahrtliche Zentralregister in der Bassinghall Street in London gesendet. Während die Schiffbrüchigen versuchten, zu ihren Familien zurückzukehren, riet „Bassinghall Street“ dazu, die Männer in Falmouth festzusetzen. Das Handelsministerium riet dagegen, keine Maßnahmen zu ergreifen, versuchte jedoch das am Wochenende geschlossene Innenministerium zu informieren. Der Beamte Laverty selbst hingegen ersuchte um Haftbefehle gegen die Männer aufgrund Mordes auf hoher See. Diese erhielt er noch am selben Tag von dem Bürgermeister von Falmouth, Henry Liddicoat.Simpson: Cannibalism and the Common Law: … 1984, S. 3–11.

Die drei Männer wurden hierauf festgenommen und zunächst in der städtischen Polizeistation inhaftiert, um dann Montag, dem 8. September, dem Richter vorgeführt zu werden. Dudley soll hierbei zuversichtlich gewesen sein, dass das Gericht die Anklage fallen lassen werde. Auch erschien Bürgermeister Liddicoat vor Ort, um sich bei den Inhaftierten für ihre Unannehmlichkeiten zu entschuldigen. Tatsächlich waren jedoch alle Amtsrichter der britischen Krone kurz vor diesem Fall angewiesen worden, in allen Tötungsfällen den Rat des Treasury Solicitors, des Vorsitzenden des Schatzamtes, welches auch umfassende Rechtsberatung zu seinen Aufgaben zählt, einzuholen. Aus diesem Grunde soll Laverty durch den beisitzenden Schreiber aufgefordert worden sein, die Männer zunächst in Untersuchungshaft zu nehmen, sodass die Sitzung bis zum Eintreffen der Anweisungen vertagt werden könne. Der ebenfalls anwesende örtliche Rechtsanwalt Harry Tilly setzte sich hingegen für die Männer ein und verlangte, diese zu entlassen. Nachdem jedoch das Gericht, inklusive Liddicoat, beraten hatte, blieben die Männer inhaftiert.Simpson: Cannibalism and the Common Law: … 1984, S. 73–76.

Am folgenden Mittwoch erhielt Innenminister Sir William Harcourt erstmals Kenntnis von dem Vorgang. Harcourt beriet sich noch am selben Tag mit dem Generalstaatsanwalt Sir Henry James und dem Generalanwalt für England und Wales Sir Farrer Herschell. Harcourt traf hiernach die Entscheidung, den Fall verfolgen zu lassen. Hierbei soll der Fall James Archer aus dem Jahr 1874 eine Rolle gespielt haben, bei dem es aufgrund Zuständigkeitsstreitereien nicht zu einer Verhandlung gekommen war und somit die Chance auf juristische Aufarbeitung vertan wurde.Simpson: Cannibalism and the Common Law: … 1984, S. 77.

Die Öffentlichkeit stand nach dem Auftritt der Beschuldigten vor dem Magistrat am 11. September voll hinter diesen. Besonderen Eindruck hatte wohl auch das Erscheinen von Parkers Bruder Daniel gemacht, der, ebenfalls Seemann, die Hände der Drei schüttelte. Der Fall selbst wurde auf den 18. September vertagt, allerdings konnte Rechtsanwalt Tilly eine Entlassung auf Kaution erreichen, nachdem durch das Innenministerium angedeutet wurde, dass ein solches Vorgehen angemessen sei.Simpson: Cannibalism and the Common Law: … 1984, S. 78–80. Hierauf kehrten die drei Männer zunächst an ihre Wohnorte zurück.

In der Zwischenzeit begann der Fall weltweit bekannt zu werden. Es wurde schnell deutlich, dass die gesamte Öffentlichkeit auf Seiten der Beschuldigten stand.Simpson: Cannibalism and the Common Law: … 1984, S. 81–83. Harcourt selbst zeigte sich empört über diese Stimmung und die Absicht, an der Auffassung der „Gebräuche der See“ festzuhalten.Simpson: Cannibalism and the Common Law: … 1984, S. 89.

Der Anwalt William Otto Adolph Julius Danckwerts erhielt den Auftrag der Staatsanwaltschaft, die Anklage auszuarbeiten. Obwohl er erst seit sechs Jahren als Anwalt zugelassen war, wurde er unter anderem deshalb ausgewählt, weil er bereits erhebliche Erfahrungen mit Ermittlungen im Bereich des Schiffbruches vorweisen konnte. Während der Ausarbeitung erkannte er früh, dass sowohl die Öffentliche Meinung als auch die Beweisarmut erhebliche Schwierigkeiten darstellten. Die einzigen Zeugen waren die Beschuldigten selbst, die damit das Aussageverweigerungsrecht hatten. Zusätzlich war ein Geständnis nur gegen die Person verwendbar, die dieses abgelegt hatte, nicht jedoch gegen die Mitangeklagten. Weiter wird angenommen, dass die Aussagen der Angeklagten selbst auch nicht ausreichten, um einen Schuldspruch zu erwirken.