mini|Bernard Malamud, Porträt um 1979 Angel Levine (dt. Ein Engel namens Levine, 1962 aus dem Amerikanischen übertragen von Annemarie Böll) ist eine Kurzgeschichte von Bernard Malamud, die erstmals 1958 in der Sammlung The Magic Barrel (dt. Das Zauberfaß und andere Erzählungen, 1968) veröffentlicht wurde. In dieser allegorischen Parabel thematisiert Malamud in einer Neugestaltung der biblischen Hiobsgeschichte die Glaubenskrise und schließliche Erlösung des jüdischen Protagonisten sowie dessen Beziehung zu konvertierten schwarzen Juden im New York der 1950er Jahre.Vgl. Willi Real: Angel Levine. In: Willi Real: Idiots First and other stories by Bernard Malamud · Interpretations and Suggestions for Teaching. Schöningh Verlag, Paderborn 1981, ISBN 3-506-43026-2, S. 47 und 66, sowie Peter Freese: Bernard Malamud. In: Peter Freese: Die amerikanische Kurzgeschichte nach 1945. Athenäum Verlag 1974, ISBN 3-7610-1816-9, S. 206 und 209f.
Inhalt Der ältliche, jüdisch-amerikanische Schneider Manischevitz, einst ein wohlhabender Mann (vgl. S. 22),Zitiert nach der dtsch. Übertragung in Das Zauberfaß und andere Erzählungen, Fischer Verlag, Frankfurt a. M. und Hamburg 1968. verliert über Nacht bei einem Brand sein Geschäft sowie seinen gesamten Besitz und damit die Existenzgrundlage. Sein Sohn ist im Krieg gefallen, seine Tochter ist mit einem Abenteurer und Taugenichts durchgebrannt. Er selbst wird von quälenden Rückenschmerzen geplagt, die es ihm nicht möglich machen, eine lohnende neue Arbeit auszuüben. Seine Frau Fanny wird todkrank und bettlägerig; das zuvor gutsituierte Ehepaar muss in eine ärmliche Wohnung ziehen und um Fürsorgeunterstützung nachsuchen.
Obwohl Manischevitz gläubiger Jude ist und diese Kette von Schicksalsschlägen nicht als sinnlose Zufälle, sondern als „Prüfungen“ (S. 23) ansieht, wird sein Glaube an einen gütigen und gnädigen Gott stark erschüttert. Von Kindheit an war er „ein frommer Mann“, hat „in der Synagoge gelebt“ und war immer „um das Wort Gottes bemüht gewesen“ (vgl. S. 23 und 25); sein Leiden ist daher für ihn unverständlich („Mein lieber Gott, mein Geliebter, habe ich verdient, daß dies mir widerfährt?“, S. 23).Willi Real sieht in seiner Deutung der Erzählung diese Frage Manischvitz‘ als Zeichen seiner anfänglichen Hybris gegenüber Gott. Vgl. Willi Real: Angel Levine. In: Willi Real: Idiots First and other stories by Bernard Malamud · Interpretations and Suggestions for Teaching. Schöningh Verlag, Paderborn 1981, ISBN 3-506-43026-2, S. 48. Er stellt sich die Frage nach dem Sinn des Lebens in religiösen Dimensionen (vgl. S. 26f.), bittet jedoch zunächst Gott weiterhin um Unterstützung (S. 23). Seine zunehmende Glaubenskrise und darauffolgende Auseinandersetzung mit Gott verläuft wie bei Hiob in drei Stufen, die sich in Malamuds Erzählung in der Wahl der Verben widerspiegeln. So heißt es anfangs: Er „betete demütig um Beistand“ (S. 23), dann: Er „hatte nach dem Sinn dieses Schmerzes gefragt, sich gegen ihn aufgelehnt und, wenn auch liebevoll, mit Gott gegrollt“ (S. 26) und schließlich nach dem erneuten Besuch einer Synagoge: „Er klagte Gott an“ (S. 29) Der Zweifel am Sinn seines Leidens wächst; aus der Nähe zu Gott im Gebet um Hilfe wird das Gefühl der Verzweiflung eines an Selbstmord denkenden Gottverlassenen: „Gott hatte sich zurückgezogen […] – kann man einen Felsen lieben, einen Busch, eine Leere?“ (S. 29)Vgl. zu der Entwicklung der Glaubenskrise und den Parallelen mit der biblischen Hiobsgeschichte auch Peter Freese: Bernard Malamud. In: Peter Freese: Die amerikanische Kurzgeschichte nach 1945. Athenäum Verlag 1974, ISBN 3-7610-1816-9, S. 206f.
Die letzte und ausschlaggebende Prüfung liegt jedoch nicht in den Schicksalsschlägen und dem damit verbundenen Leiden; sie tritt Manischevitz in der Gestalt eines Schwarzen gegenüber, der eines Tages in seiner Wohnung auftaucht und sich mit dem jüdischen Namen Alexander Levine vorstellt (vgl. S. 24). Levine gibt sich als von Gott gesandter Engel aus („Ich bin kürzlich in einen Engel verwandelt worden. Als solcher biete ich Ihnen meine bescheidenen Dienste an, soweit dieses Angebot innerhalb meines Wesens und meiner Fähigkeiten – im besten Sinne – liegt“, S. 25).
Manischevitz muss diesen Engel als von Gott geschickten Boten anerkennen, um sein durch alles Leid gebrochenes Gottvertrauen wieder unter Beweis zu stellen, was ihm aber zunächst nicht gelingt. Einerseits verwirrt ihn die Hautfarbe Levines: „Der Schneider zögerte. Er hatte von schwarzen Juden gehört, war aber niemals einem begegnet“ (S. 25), andererseits fehlen ihm die sichtbaren Anzeichen des Engel-Seins, da Levine keine Flügel hat: „Manischevitz war ganz verstört. […] Um Levine zu prüfen, sagte er: ‚Wo sind denn Ihre Flügel?‘“ (S. 25)
Als Levine ihm erklärt, er sei noch ein Engel auf Bewährung „ohne Vorrechte und charakteristische Eigenschaften“, und ihn wissen lässt, dass er ihm nur helfen könne, wenn Manischevitz umgekehrt bereit sei, an ihn zu glauben (vgl. S. 25f.), ist es dem Schneider nicht möglich, Levine als gottgesandten Engel anzuerkennen: „‚Ich glaube, Sie sind ein Schwindler.‘“ (S. 26) mini|Mosaik 116. Straße in Harlem, New York Daraufhin empfiehlt sich Levine mit dem Hinweis, er sei in Harlem in der 116. Straße zu finden. Als Fannys Zustand sich erneut verschlechtert, sie dem Tode nahe ist und auch seine Schmerzen nach nur vorübergehender Linderung wieder stark zunehmen, begibt sich Manischevitz auf den Weg in die „dunkle Welt“ nach Harlem, um Levine aufzusuchen (S. 26f.) Er findet den angeblichen Engel in Bellas Bar, einer heruntergekommenen Spelunke, wo dieser mit der korpulenten, schwerbrüstigen schwarzen Barbesitzerin einen obszönen Tango tanzt: „Als Bella mit ihren Verrenkungen fortfuhr, stand Levine auf, seine Augen blitzten vor Erregung. Sie umarmte ihn mit Kraft, seine beiden Hände schlossen sich um ihr breites wackelndes Hinterteil, und sie glitten in einem Tango über den Boden, laut beklatscht von den lärmenden Gästen.“ (S. 28)
Manischevitz ist bei diesem Anblick „zu starr, um sich zu rühren“; „tief enttäuscht“ zweifelt er ein weiteres Mal an der Identität des vermeintlichen Engels; die von ihm verlangte Selbstverleugnung ist zu groß; er kehrt ergebnislos heim und seine Entfremdung von Gott erreicht ihren Höhepunkt (S. 28f.)Vgl. hierzu auch Peter Freese: Bernard Malamud. In: Peter Freese: Die amerikanische Kurzgeschichte nach 1945. Athenäum Verlag 1974, ISBN 3-7610-1816-9, S. 208. Der Arzt gibt seiner Frau nur noch wenige Tage zu leben (S. 28f.); Manischevitz kündigt Gott seinen Glauben auf und verflucht ihn, weil er an ihn geglaubt hat (S. 29). Gequält von seiner übergroßen Glaubenskrise schläft er ein und träumt von Levine in der Gestalt eines Engels, der vor einem blinden Spiegel steht und „kleine, zerzauste opalisierende Flügel“ putzt (S. 29).
Der unklare Offenbarungstraum treibt ihn erneut nach Harlem. An dem Platz, an dem die Bar stand, findet er nun aber eine Synagoge. Er lauscht vier schwarzen Juden, die Auslegungsfragen des Talmud erörtern. Schließlich findet er in einem Nachtclub Levine, der jedoch äußerlich wie auch moralisch noch weiter heruntergekommen ist als bei der ersten Begegnung in Bellas Bar. Trotzdem gelingt es Manischevitz nach einigem Zögern und Zweifeln vor allen Gästen seinen Glauben zu bekennen und dem schwarzen Engel die Anerkennung auszusprechen (S. 32).
Levine begleitet Manischevitz nach Hause, steigt auf das Dach und der Schneider glaubt, eine Gestalt mit schwarzen Flügeln davonfliegen zu sehen (S. 32). Der Traum erfüllt sich; Manischevitz findet seine eben noch todkranke Frau nun gesund vor und sagt zu ihr: „Es ist wunderbar, Fanny, […] glaub mir, Juden gibt es überall.“ (S. 32). Der Schneider zeigt damit, wie Freese schreibt, dass er die Bedeutungslosigkeit von Rasse und Hautfarbe eingesehen und „das Göttliche im Mitmenschen“ und somit die Ubiquität Gottes erkannt hat.Vgl. dazu Peter Freese: Bernard Malamud. In: Peter Freese: Die amerikanische Kurzgeschichte nach 1945. Athenäum Verlag 1974, ISBN 3-7610-1816-9, S. 208f. Siehe auch Willi Real: Angel Levine. In: Willi Real: Idiots First and other stories by Bernard Malamud · Interpretations and Suggestions for Teaching. Schöningh Verlag, Paderborn 1981, ISBN 3-506-43026-2, S. 52–54.
Ethnische Toleranz und Menschlichkeit Ein erster bedeutsamer Themenbereich, der in Ein Engel namens Levine im Vordergrund steht, ist das Verhältnis der beiden großen ethnischen Minoritäten der Juden und der Schwarzen in den Vereinigten Staaten. Während der großen Einwanderungswellen aus Osteuropa in den USA zwischen 1880 und 1920 verdingten sich die osteuropäischen jüdischen Immigranten vor allem als Arbeiter oder Handwerker; auch der Name Manischevitz lässt auf eine osteuropäische Herkunft schließen.Frank Eric Pointner: Bernard Malamud: Angel Levine. In: Michael Hanke (Hrsg.): Interpretationen · Amerikanische Short Stories des 20. Jahrhunderts. Reclam jun. Verlag, Stuttgart 1998, ISBN 3-15-017506-2, S. 105f. Der zweiten Generation der eingewanderten Juden gelang in vielen Fällen der soziale Aufstieg in die urbane Mittelschicht; ein nicht unerheblicher Teil der wirtschaftlichen Schlüsselpositionen in den USA wird seitdem von Juden besetzt. Schwarze Amerikaner gehörten demgegenüber vor allem in fünfziger Jahren,Zur Datierung der Handlung im New York der 1950er Jahre vgl. ausführlich die Darlegungen bei Willi Real: Angel Levine. In: Willi Real: Idiots First and other stories by Bernard Malamud · Interpretations and Suggestions for Teaching. Schöningh Verlag, Paderborn 1981, ISBN 3-506-43026-2, S. 47. aber teilweise bis in die heutige Zeit, zu den sozial weniger privilegierten Schichten. Den Juden, die sich äußerlich zudem in der Regel nicht von dem amerikanischen Establishment unterscheiden, fiel die Assimilation in die amerikanische Gesellschaft im Vergleich zu den schwarzen Amerikanern wesentlich leichter. Auf dem Hintergrund des angestrebten sozialen Aufstiegs versuchten jüdische Immigranten, wie Pointner darlegt, sich vor allem von der schwarzen Minorität abzugrenzen und standen dieser häufig noch herablassender gegenüber als die etablierte Oberschicht, was wiederum zu einer feindseligen Einstellung auf Seiten der schwarzen Minderheit gegenüber den Juden führte.Vgl. dazu detailliert die Ausführungen von Frank Eric Pointner: Bernard Malamud: Angel Levine. In: Michael Hanke (Hrsg.): Interpretationen · Amerikanische Short Stories des 20. Jahrhunderts. Reclam jun. Verlag, Stuttgart 1998, ISBN 3-15-017506-2, S. 106f. Ähnlich die Interpretation von Willi Real: Angel Levine. In: Willi Real: Idiots First and other stories by Bernard Malamud · Interpretations and Suggestions for Teaching. Schöningh Verlag, Paderborn 1981, ISBN 3-506-43026-2, S. 66f. Zur Geschichte der jüdischen Einwanderung und der jüdisch-amerikanischen Literatur vgl. auch Hubert Zapf: Amerikanische Literaturgeschichte. Metzler Verlag, 2. akt. Auflage, Stuttgart u. Weimar, ISBN 3-476-02036-3, S. 440–453.