John William Burgon (* 21. August 1813 in Smyrna; † 4. August 1888 in Chichester), häufig als Dean Burgon, in älterer deutscher Literatur auch als Canon Burgon bezeichnet, war ein englischer anglikanischer Geistlicher und Dean von Chichester. Er wurde besonders bekannt für sein wörtliches Bibelverständnis und seine radikalen Angriffe gegen Neuerungen in der Theologie. Er gilt als Verteidiger der King-James-Bibel und des byzantinischen Bibeltexts gegenüber der griechischen Textausgabe von Westcott und Hort. Er leistete wertvolle Beiträge zur Textkritik des Neuen Testaments. mini|hochkant|John William Burgon. Titelblatt aus Lives of twelve good men

Elternhaus und Geschwister John William Burgon war der Sohn des Kaufmanns Thomas Burgon (* 1. August 1787; † 28. August 1858),Edward Meyrick Goulburn (1818–1897): John William Burgon, late Dean of Chichester. A biography, with extracts from his letters and early journals. 2 Bände, J. Murray, London 1892, Band I, S. 8. Die übrigen Referenzen zu diesem Werk sind im Fließtext mit Band und Seitenzahl. der in der Türkei als sogenannter Turkey Merchant für die Levant Company tätig war und 1814 nach Brunswick Square in London zog. Thomas Burgon war Experte für Antike Münzen und Kunst und war 1813 bei der Ausgrabung der nach ihm benannten Burgon-Vase in Athen beteiligt. Ab 1841 war er in der Münzabteilung des Britischen Museums beschäftigt. John Williams Mutter Catharine Marguerite de Cramer (* 7. August 1790; † 7. September 1854) war eine Tochter von Ambroise Hermann de Cramer (* 10. Februar 1757 in Köln; † 9. November 1809 in Smyrna), dem österreichischen Konsul in Smyrna. Sie wurde in Smyrna geboren und wuchs wie eine Griechin auf, war jedoch von Abstammung und Nationalität keine Griechin, wie fälschlicherweise in manchen Quellen geschrieben wurde (I, 9).Vgl. Artikel in Encyclopædia Britannica. Der Ehe entsprangen die Söhne John William und Thomas Charles und vier Töchter. Johns jüngste Schwester Katherine Margret, zu der er ein besonders enges Verhältnis hatte, starb in jungen Jahren 1836 (I, 54), Sarah Caroline heiratete Henry John Rose und Emily Mary heiratete Charles Longuet Higgins, die vierte hieß Helen Eliza. Seine Eltern und Geschwister wurden begraben in einer Familiengruft auf dem Holywell Cemetery in Oxford, in der er selber beigesetzt wurde.

Die frühen Jahre mini|Royal Exchange. Das ursprüngliche Gebäude wurde von Sir Thomas Gresham gebaut. Der Nachfolgebau brannte 1838 ab. Der heutige dritte Bau wurde 1844 wiedereröffnet. mini|links|All Saints’ Church, Gresham. Zeichnung von J. W. B. in Life and Times of Sir Thomas Gresham. John William Burgon besuchte von 1829 bis 1830 die Universität in London, danach das University College. Er wollte eigentlich eine kirchliche Karriere verfolgen, aber stattdessen blieb er im Kontor seines Vaters, eine Arbeit, die ihn mit zunehmender Dauer immer mehr belastete. Von seinem Vater bekam er andererseits das Interesse für Archäologie und Kunst vermittelt. Er zeichnete, malte, beschäftigte sich mit ShakespeareErhalten ist ein Memorandum zu Shakespeare (II, 379, abgedruckt in Appendix A) und schrieb Lieder und Gedichte. 1837 gewann er einen Preis für ein Lied beim Melodist’s Club und 1845 einen Preis für das Gedicht Petra, aber er schrieb auch über den Umgang mit Kunst in Some remarks on art.

1833 lobte der Lord Mayor von London William Taylor Copeland (1797–1868) einen Preis aus für den besten Essay über Sir Thomas Gresham. Burgon gewann den Preis 1836 mit Life and Times of Sir Thomas Gresham. Seine ersten Fassungen wurden 1838 nach dem Brand der Royal Exchange in London erweitert zu einem umfangreichen zweibändigen Werk mit vielen Belegen und eigenen Zeichnungen. Aus seiner Suche nach Informationen über Gresham machte er 1838 die Bekanntschaft mit Dawson Turner, einem Mann mit großem Kunstverstand, der sowohl eine große Kunstsammlung, wie eine enorme Bibliothek hatte und durch das Bankgewerbe auch ein enormes Vermögen (I, 67 ff). Eine besondere Freundschaft hatte er zu Patrick Fraser Tytler (* 30. August 1791; † 14. Dezember 1849), einem schottischen Historiker. Seit 1839 verfasste er Beiträge für das New General Biographical Dictionary, das von seinem Schwager Henry John Rose herausgegeben wurde (I, 71 f).

Burgon wird Geistlicher mini|Oriel College. Aufnahme aus dem Innenhof Bereits 1826 verlor die Levant Company durch ein Gesetz die Monopolstellung und wurde aufgelöst, der Handel seines Vaters mit Antiquitäten ging aber weiter bis zum geschäftlichen Zusammenbruch 1841. Die Familie zog danach in das Pfarrhaus in Houghton Conquest in Bedfordshire, wo Burgons Schwager, der Pfarrer Henry John Rose lebte (I, 91). Die ganzen Kunstschätze der Familie wurden in der Folge an das Britische Museum verkauft. Es gab Zeichnungen aller dieser Objekte von Burgon. Burgon war damit von den Verpflichtungen im Geschäft seines Vaters frei und konnte mit der finanziellen Hilfe seines Freundes Dawson Turner einen Weg zum Kirchenmann einschlagen. Er immatrikulierte noch im selben Jahr im Oktober am Worcester College in Oxford. Er machte 1845 seinen B.A. mit der zweitbesten Note in klassischer Literatur. 1847 gewann er den Ellerton Theological Preis, 1851 den Denyer Theological Preis. Er wurde 1846 zu einem Mitglied des Oriel College in Oxford gewählt, graduierte zu einem M.A. 1848. Burgon war ein Freund John Henry Newmans und befand sich genau in der Zeit seiner Konversion zum Katholizismus im Brennpunkt der Kontroversen der Oxford-Bewegung. Burgon war tief erschüttert und brach in Tränen aus, als er es erfuhr. Er blieb aber auch danach weiterhin freundschaftlich mit Newmann verbunden (I, 134).

Er wurde zum Diakon geweiht am 24. Dezember 1848 und zum Priester am 23. Dezember 1849. Ab 1849 war er nacheinander Kurat in West Ilsley, Berkshire sowie in Worton und in Finmere in Oxfordshire. Sein Biograph und Kollege Edward Meyrick Goulburn beschreibt Burgon als warmherzigen Geistlichen, der sich mit rührender Sorgfalt um das Wohlergehen seiner Gemeindeglieder kümmerte in einem Maße, das über seine Pflichterfüllung hinausging. Auch nach seinem Weggang an den verschiedenen Wirkungsstätten blieb er in freundschaftlichem Kontakt mit seinen Gemeindegliedern. Insbesondere seine Liebe zu Kindern, zu Kranken und sozial Schwachen wird verschiedentlich geschildert. In seinen Jahren als Kurat hielt er sich meistens die halbe Woche in Oxford auf, um seine Studien fortzusetzen, über die Wochenenden und am Montag jeweils in den Gemeinden um Gottesdienste zu halten und Gemeindeglieder zu unterrichten und Hausbesuche zu machen. Burgon ließ in dieser Zeit eine Reihe von Ausgaben mit Abbildungen bekannter Kunstwerke drucken, teils farbig, die zur Erbauung der ländlichen Bevölkerung gedacht waren, darunter war ein illustriertes Prayerbook.

Seine frühen Arbeiten als Autor Burgon schrieb fast während seines ganzen Lebens an einer Evangelienharmonie, die nie fertig wurde und die er mit der Bemerkung hinterließ, dass sie nicht genügend ausgereift sei, um sie zu veröffentlichen (I, 90). Als Nebenprodukt der Arbeit kam sein Kommentar der Evangelien heraus (I, 172-173). Die erste Auflage erschien 1854 ohne Namensnennung, die zweite Auflage 1864 nennt den Verfasser. Dieses Werk war konzipiert, um es im Familienkreis vorzulesen und hat einen erbaulichen Charakter. Es verzichtet auf die Diskussion von Meinungen aus der Gelehrtenwelt (I, 220f). Kritisiert wurde an dem Werk, dass er häufig Meinungen der Kirchenväter referiert, ohne das anzugeben. 1854 mischte sich Burgon in den Streit, den die Reform der Universität Oxford auslöste. 1855 erschien Ninety short sermons for family reading, eine Sammlung kurzer Predigten in der Ordnung nach dem Kirchenjahr. 1859 veröffentlicht er die Biographie seines Freundes: The portrait of a Christian gentleman; A memoir of Patrick Fraser Tytler.

Romreise und Beförderung zum Prediger an der Universität mini|hochkant|St. Mary the Virgin, die Universitätskirche 1860 war Burgon für drei Monate in Rom, um die englische Kongregation zu betreuen. So konnte er die offiziellen und inoffiziellen Formen des katholischen Glaubens im Detail studieren und verglich sie mit den anglikanischen Formen. Ein Nebenprodukt davon war Letters from Rome to friends in England 1862. Darin gibt er einen Bericht über Codex Vaticanus (Codex B) und einen Bericht über die Veröffentlichungen von Kardinal Angelo Mai und Carlo Vercellone. Er anerkennt das hohe Alter des Manuskripts aus dem vierten Jahrhundert, aber sein Urteil über den Text ist vernichtend: „The text of Codex B is one of the most vicious extant“, also einer der verdorbensten Texte überhaupt. Burgon hatte dabei die seltene Möglichkeit, den Codex und einige weitere wertvolle Manuskripte mit eigenen Augen zu sehen (I, 257-258). Nach seiner Rückkehr 1860 wurde er zum Hilfsprediger an der Universität Oxford berufen. In diesem Jahr erschien Essays and Reviews, ein Aufsatzband, der sieben Aufsätze bekannter und einflussreicher rationalistischer Wissenschaftler und Geistlicher enthielt und der seinerzeit heftige Debatten auslöste. Die Autoren waren Frederick Temple, Rowland Williams, Harry Baden Powell (1796–1860), Henry Bristow Wilson, Charles Wycliffe Goodwin, Mark Pattison und Benjamin Jowett., Longman, Green, Longman, and Roberts, London 1861. Mehr dazu im Artikel Essays and reviews der englischen Wikipedia. Insbesondere von der jungen Generation der Studenten wurde der Aufsatzband gefeiert, während er von den Bischöfen und Kirchenleuten fast geschlossen abgelehnt wurde. Einer der Aufsätze handelte von der Darwin’schen Evolutionstheorie. Burgon hielt sieben Predigten gegen die darin vertretenen Ansichten und diese wurden 1861 in Inspiration and Interpretation veröffentlicht. Der Band wurde eine Kampfschrift gegen den Rationalismus und Liberalismus.

Reise nach Ägypten, zum Sinai und nach Palästina Während seines Aufenthalts in Rom lernte er eine Miss Webb kennen, die ihn einlud, an einer Expedition in den Nahen Osten teilzunehmen. Die Reise fand von September 1861 bis Juli 1862 statt. Die Reise ging von Konstanz über die Alpen nach Mailand, Venedig, Triest, Alexandria, Kairo und den Nil hinauf bis zum zweiten Katarakt (I, 294). Von dort ging es zurück nach Kairo, Sinai, Petra, Hebron und Jerusalem. Auf der ganzen Reise machte Burgon Skizzen und Zeichnungen der Reisestationen. Am Sinai hatte er Gelegenheit, im Katharinenkloster in einige Bibelhandschriften Einsicht zu nehmen. In Jerusalem wurde er so krank, so dass die Expedition ohne ihn ihre Reise fortsetzen musste. Burgon kehrte nach einmonatigem Aufenthalt in Beirut immer noch krank nach England zurück. Er selbst sah seine Krankheit als Strafe Gottes, weil er während der Reise seine Gemeinde St. Mary’s im Stich gelassen hatte (I, 338). Zeitweise sah es aus, als ob er nicht überleben würde. Er erholte sich nur langsam und konnte erst im Oktober 1863 sein Amt wieder aufnehmen, diesmal als Vikar an St. Marys in Oxford (I, 344).

Vikar an St. Mary in Oxford mini|hochkant|links|Büste von Sir Thomas Gresham Zum ersten Mal war er in vollem Umfang für eine gesamte Kirchengemeinde verantwortlich. Im Dezember 1863 bekam er einen Kurat für seine Gemeinde. 1864 erschien A treatise on the pastoral office addressed chiefly to candidates for Holy Orders, or to those who have recently undertaken the cure of souls. Die Schrift beschäftigt sich mit den Pflichten des Gemeindepfarrers und wurde allgemein positiv aufgenommen. Burgon bekam ein Angebot als Prinzipal am Theologischen College in Exeter, lehnte aber ab (II, 13–14). In Oxford wurde er zum unermüdlichen Kämpfer der verlorenen Fälle.„Indefatigable champion of lost causes and impossible beliefs“ Oxford Dictionary of National Biography, Bd. 8, S. 805.