Der Brief ist eine Erzählung von Wolfgang Hilbig, die 1981 entstand und 1985 im zweiten Prosaband des Autors in Frankfurt am Main erschien.Verwendete Ausgabe, S. 763 und 765

Anfang der 1950er Jahre: Ein verbitterter Wolfgang Hilbig – sich hinter seinem Ich-Erzähler versteckend – stellt einige der Missstände in der jungen DDR an den Pranger. Sein Ich-Erzähler, sich selbst auf der SpurSteiner, S. 169, 6. Z.v.u., fühlt sich ein Vierteljahrhundert später im Ostberlin des Jahres 1978 beobachtet. Stevensons Schauergeschichte vom seltsamen Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde wird als Vorbild für den vielschichtigen Text angesehen.Genia Schulz, S. 144, 12. Z.v.o.

Inhalt Nach dem ersten oberflächlichen Durchlesen des Textes bleiben der kriminalistische und der gesellschaftskritische Aspekt in Erinnerung.

Kriminalfall Eine bequeme Lesart des Textes wäre: Der Ich-Erzähler, ein „Arbeiterschriftsteller“Verwendete Ausgabe, S. 197, 6. Z.v.u. und übler Totschläger, hat allen Grund, dem Leser seinen Namen zu verheimlichen. Denn er hat die zierliche, völlig unschuldige Briefträgerin Kora Lippold erschlagen.

Dieser Schriftsteller wohnt um das Jahr 1978Dahlke, S. 140, Eintrag anno 1978 sowie Steiner, S. 170, 17. Z.v.o. im vierten Stock eines Ostberliner Hauses mit einer immer einmal eifersüchtigen Frau zusammen. Einer Verletzung wegen – er hat sich den Dorn einer Gürtelschnalle in den Ballen der rechten Hand gestoßen – bittet er die Frau um Mitarbeit. Gefällig tippt sie Teile seines unfertigen Manuskripts in die Maschine. Darauf kommt es zum Zerwürfnis zwischen den beiden. Der Schriftsteller zieht ins Parterre des Hauses. Die Verletzung hat er sich bei der Tat zugezogen, als er die Briefträgerin am Lederband ihrer Posttasche ins Innere seiner Parterrewohnung gezogen und mit einer Flasche erschlagen hatte.

Der Täter muss über seine Tat reden. So schiebt er diese einem imaginären Doppelgänger C. Lippold in die Schuhe. C. Lippold ist ebenfalls Schriftsteller und stammt, ebenso wie der Ich-Erzähler, aus M. Beide Herren sind „proletarische Typen“ und restaurieren unabhängig voneinander jeweils einen alten Kachelofen. C. Lippold hatte, ebenso wie der Ich-Erzähler, den Titel gebenden Brief irrsinnigen Inhalts an sich selbst geschrieben und die Post um persönliche Übergabe ersucht. Denn Original wie Double waren in die schöne Briefträgerin Kora Lippold verliebt gewesen. Die ehemalige Lebenspartnerin des Ich-Erzählers, jene anonyme Frau aus dem vierten Stock, war also zu Recht auf die Postbotin zu deren Lebzeiten eifersüchtig gewesen. Die schöne Postbotin hatte den Brief nicht ausgetragen. Dafür war sie vom Ich-Erzähler, der seine Überwacher überall vermutet – auch bei der Post – erschlagen worden.Genia Schulz, S. 149, 9. Z.v.o.

Wolfgang Hilbig lässt seinen Ich-Erzähler schreiben: „Zur Aufbesserung aller möglichen Ungereimtheiten habe ich...“Verwendete Ausgabe, S. 256, 14. Z.v.o.. Der Ungereimtheiten sind einige. Zum Beispiel stimmt der Tathergang, rein chronologisch gesehen, nicht: Dem Leser wird erzählt, nachdem die eifersüchtige Frau aus dem vierten Stock das Manuskript getippt hat, zieht der Schriftsteller ins Parterre. Sie hatte getippt, weil er seiner Hand wegen schlecht tippen konnte. Aber die Hand hatte er sich doch erst nach dem Auszug ins Parterre verletzt. Fürwahr, eine Kriminalerzählung ist der Text nicht. Die „Kriminalhandlung“ ist weiter nichts als ein Gag; ein Spaß. Ernst macht Wolfgang Hilbig im Text, wenn er weniger erzählt, sondern vielmehr ergrimmt gegen die Machtverhältnisse in der DDR polemisiert:

Gesellschaftskritik Um 1978 in Ostberlin: Der „kleine literarische Briefverkehr“ des Ich-Erzählers wird anscheinend überwacht. Dieser Skribent äußert: „...ein Polizeibeamter, der unlängst meine Person observierte, ohne mein Wissen auftragsgemäß die Bewohner des Hauses über mich ausfragte,...“Verwendete Ausgabe, S. 197, 4. Z.v.u. Dies bleibt im Zusammenhang mit einer Einladung zu einer Arbeiterschriftstellerkonfernz im Auslande eine Episode. Apropos Überwachung: C. Lippold fürchtet „die Aufmerksamkeit der Behörden“ und hat deshalb seinen Namen gewechselt; versteckt sich hinter dem „jüdischen Geld-Lippold“, der seit Jahrhunderten nicht mehr dort wohnt.

Eindringlicher werden die Zustände im geteilten Deutschland, insbesondere in der DDR zu Anfang der 1950er Jahre, am Beispiel der Kleinstadt M. als inakzeptabel gebrandmarkt. Der Ich-Erzähler, seinerzeit zehnjährig, vermutet, er sei kein Wunschkind gewesen, sorgt sich aber rührend um seine alleinerziehende Mutter. Mehr aus blindem Gehorsam als aus innerer Einsicht ist die Frau der Partei beigetreten und hat sich von letzterer als Verkaufstellenleiterin in einen elenden Dorfkonsum delegieren lassen. Der Junge muss die Mutter aus dem reichlich drei Kilometer von M. entfernten Dorf H. in der finsteren Jahreszeit im Dunkeln abholen. Angst vor den „Sprungfedermännern“ (eine RIAS-Ente aus dem Kalten Krieg) grassiert. Diese drahtigen, versprengten SS-Überbleibsel sollen tags in den Braunkohlenschächten unter Tage um M. herum hausen, im Finstern aus ihren Löchern kriechen, bis zu zwei Meter hoch sowie ziemlich weit springen und besonders junge Frauen aufschlitzen. Der Zehnjährige kennt die Gerüchteküche, holt die Mutter immer brav ab, schenkt der arglosen Frau aber besser keinen reinen Wein ein. Der mürrische Großvater mütterlicherseits daheim in M. kann kein Verständnis für das „unterwürfige Taumeln“ seiner Tochter aufbringen. Er stellte sich nicht den ganzen Tag winters in einen nicht heizbaren Dorfkonsum. Überhaupt sind die spätabendlichen Fahrten des Jungen mit dem Fahrrad von M. nach H. kreuzgefährlich. Ersatzteile für die ausfallende Fahrradbeleuchtung gibt es nicht zu kaufen und die übenden Panzerbesatzungen der Russen kommen mitunter näher an die verlassene Nebenstraße heran. Der Finger wird auf die Wunden gelegt. Die Baracken um M. kommen zur Sprache. Darin waren zur NS-Zeit die Gefangenen (Arbeiter in M.) und danach die „Umsiedler aus den Ostgebieten“ eingepfercht.

Es geht nicht nur um die Mutter in M. und um die gesamtdeutschen Kriegswunden. Der Ich-Erzähler wälzt daneben weitreichende kulturpolitische Probleme; geißelt neue Formen des alten Proletkults und kann das Herumreiten der Oberen auf einer ihrer Grundfragen zur Menschenbeurteilung nur schwer verstehen: Gehört die fragliche Person der Arbeiterklasse an? Der Erzähler rechnet sich einfach dazu, obwohl er die damals gerade für jene Kategorisierung sehr maßgebliche soziale Herkunft des Vaters verschweigt. Immerhin stand der Ich-Erzähler nach seiner Lehre als Heizer in der Maschinenfabrik M. „im Drei-Schicht-System an der Maschine“Verwendete Ausgabe, S. 228, 11. Z.v.o.. Allerdings war er sodann inhaftiert gewesen. Die näheren Umstände werden verschwiegen.

Form Der Ich-Erzähler spricht den Leser an: „Sie ahnen wohl spätestens jetzt,...“Verwendete Ausgabe, S. 199, 16. Z.v.u. In einigen Erzählmomenten fällt Wolfgang Hilbig mit seinen langen Sätzen auch noch in einen pathetischen Ton.siehe zum Beispiel der Satz aus 135 Wörtern auf S. 200, 18. Z.v.o. Zur Passage – oben mit RIAS-Ente umschrieben: Der Arbeiterschriftsteller erzählt nicht objektiv, sondern wurde entweder von den damals in den Medien omnipräsenten DDR-Ideologen sprachlich infiltriert oder es ist seine Art feinen Spotts, wenn er jene Ente „die Greuelmärchen des amerikanischen Lügensenders RIAS“Verwendete Ausgabe, S. 201, 15. Z.v.o. nennt. In den soeben aufgemachten Topf gehören auch solche nicht zutreffenden Werturteile wie die „stinkreiche Neubauern­bevölkerung“Verwendete Ausgabe, S. 204, 4. Z.v.o.. Mancher anno 1981 hingeschriebene Satz befremdet im 21. Jahrhundert: „Es gab verhältnismäßig viele Undeutsche... in unserer Straße, Tschechen, Polen, Kroaten...“Verwendete Ausgabe, S. 207, 12. Z.v.u.

Der Ich-Erzähler studiert Kafkas Kinder auf der LandstraßeVerwendete Ausgabe, S. 219 Mitte (siehe auch Heising, S. 81 oben), philosophiert über Edgar Allan Poe­s Ligeia, Eleonora sowie Annabel LeeVerwendete Ausgabe, S. 219, 221 und S. 222, siehe auch Eckart, S. 170, Stevenson­s Der Pavillon auf den DünenVerwendete Ausgabe, S. 194 Mitte (siehe auch Heising, S. 95 Mitte) und ausgewählte Originalskripte Byron­s. Ein bekannter Autor ist der plebejische Ich-Erzähler, der weitgehend wirkungslose Texte, seinem Idol Edgar Allan PoeSteiner, S. 163, 21. Z.v.o. nacheifernd, verfasst hat, jedenfalls nicht.

Der aufmerkende Leser ist bei dem streckenweise sperrigen Text jederzeit gefragt. Sobald der Erzähler von der Ich- in die Er-Form wechselt, wird von seinem Double C. Lippold erzählt. Und die wörtliche Rede wird nicht durch übliche Anführungszeichen markiert. Glücklicherweise kündigt der Gedankenstrich bei der Wechselrede den anderen Dialogpartner an.

Der normale Leser muss den Ich-Erzähler als nicht ganz bei Sinnen einstufen. Eines seiner Denkresultate lautet nämlich: Vermutlich heißen fast alle in Berlin Lippold.

Überhaupt durchzieht hintergründiger Humor den Text: Der Ich-Erzähler, der sich des Totschlags wegen als C. Lippold ausgeben möchte, nivelliert auch die Stilunterschiede seiner Texte mit denen C. Lippolds. Das geht ganz leicht bei dem „Einheitsstil aller zeitgenössischer Prosa“. Selbst in diesem humorigen Sinne entzieht sich die Erzählung jeglicher Einordnung in irgendeines der gebräuchlichen literarischen Schubfächer. Dazu passt der unterschwellig Heiterkeit erregende „selbstreferentielle Zirkel“; das Alter Ego C. Lippold distanziert sich mitunter pikiert von den Selbsterlebensbeschreibungen seines Ich-Erzählers.Steiner, S. 165, 3. Z.v.o.

Jedenfalls sollte jeder Leser für sich entscheiden, inwieweit er dem Ich-Erzähler Glauben schenken darf.Loescher, S. 34, 7. Z.v.u. In der unten aufgeführten Erstausgabe folgt Der Brief auf Beschreibung II. Der Schlusssatz im letztgenannten Text kündigt den folgenden Brief an, den „der Wahnsinn... aus dem Zwielicht schreibt“Verwendete Ausgabe, S. 190, 2. Z.v.u.. Darauf könnte Martin Lüdke angespielt haben, als er am 8. Juli 1985 seine Rezension (siehe unten unter Rezeption) im Spiegel publizierte.

Rezeption Äußerungen nach dem Erscheinen 27. April 1985, Jörg Bernhard Bilke im Rheinischen Merkur: Gesellschaft bietet nur der eigene Schatten.Jan Strümpel bei Arnold, S. 95, rechte Spalte, 2. Eintrag 8. Juli 1985, Martin Lüdke im Spiegel: Aus dem Bewußtsein meiner Magengrube.Martin Lüdke 8. November 1985, Wolfgang Hegewald in der Zeit: Die Verschwörung namens Wirklichkeit. Wolfgang Hilbig: „Der Brief“Wolfgang Hegewald

Andere Äußerungen

Der tiefer schürfende Leser entdeckt freilich mehr als oben unter Inhalt skizzierte zwei Aspekte: Phantastik Bordaux geht auf das Phantastische im Text ein, wie es in Gestalt der Sprungfedermänner, dieser Ausgeburt der „Kollektivphantasie“Bordaux, S. 240, 15. Z.v.o., als Angst vor einer automatisierten Welt, als Gefühl der Ohnmacht vor der Weltgeschichte und als Angst vor dem Alleinsein offenbar wird.Bordaux, S. 241, 1. Z.v.o. Literarizität Der schriftstellernde Ich-Erzähler wolle, in der beabsichtigten Näherung an die Wahrheit, letztere nicht platt widerspiegeln.Bordaux, S. 253, 8. Z.v.o. Das Schreiben sei auch der Versuch des Schriftstellers, sein Scheitern auszuhalten.Bordaux, S. 260, 15. Z.v.o. Sauerland kommentiert die beiden Kachelofen-Passagen: Die oben erwähnte Überwachung des Schriftstellers durch den Staat könne den Schreibprozess zum Erliegen bringen.Sauerland, S. 49, 18. Z.v.u. Erfolgloses Schreiben könne durch Umsatteln auf andere Steckenpferde bewältigt werden – zum Beispiel durch die Restauration eines alten Kachelofens.Sauerland, S. 48, 4. Z.v.o. Wolfgang Hilbig ziele ins „Zentrum der [DDR-]Staatsdoktrin“, wenn er konstatiere, Arbeiter und Schriftsteller hätten „etwas miteinander Unvereinbares“.Dahlke, S. 64, 6. Z.v.u.