mini|İznik-Teller im Saz- und Rosetten-Stil, 1540–1550, British Museum İznik-Keramik ist die Bezeichnung für die zwischen dem 15. und 17. Jahrhundert in der westanatolischen Stadt İznik hergestellte glasierte Töpferware. Durch erhebliche Förderung durch den osmanischen Hof und die Inspiration durch chinesisches Porzellan im Blau-Weiß-Stil, das in großen Mengen eingeführt wurde, wurde sie bald im gesamten Osmanischen Reich und darüber hinaus bekannt und geschätzt.
Im 16. Jahrhundert wurde die Farbpalette der zunächst monochrom gehaltenen Keramik um ein blasses Violett, Türkis und Salbeigrün, später durch das charakteristische Bolus-Rot und ein smaragdfarbenes Grün ergänzt. Als Baudekor wurden İznik-Fliesen nun in zahlreichen Gebäuden zur Verkleidung der Wände eingesetzt, darunter in über vierzig Moscheen allein in Istanbul, etwa in der Rüstem-Pascha- und in der Sultan-Ahmed-Moschee, zur Außenverkleidung des unter Süleyman I. restaurierten Felsendoms in Jerusalem, aber auch in Palästen und Mausoleen, vor allem im Beschneidungssalon des Topkapi-Serails. Bedingt durch den Vorbildcharakter der osmanischen Baukunst wurden mit Fliesen verkleidete Innenräume auch auf dem Balkan, in Ägypten und im Maghreb ausgesprochen populär.
Im 17. Jahrhundert setzte bedingt durch gestiegenen Preisdruck, mangelnde Förderung seitens des Herrscherhauses und das Ausbleiben neuer Bauaufträge der Niedergang der Produktion ein. Die östlich von İznik gelegene Stadt Kütahya wurde daraufhin zum neuen Zentrum der Keramikherstellung in Kleinasien.
Geschichte der İznik-Keramik Seldschukische Töpferware und chinesischer Einfluss
Die İznik-Keramik folgte im frühen 14. Jahrhundert zunächst seldschukischen Vorbildern. Anschließend setzte eine Phase der Imitation chinesischen Porzellans ein, das bei den osmanischen Sultanen hochangesehen war. Die Herstellung echten Porzellans gelang den Keramikern jedoch nicht, da weder qualitativ hinreichendes Ausgangsmaterial vorhanden war noch die zum Brennen von Porzellan notwendige Temperatur erreicht wurde; stattdessen handelt es sich bei den Gefäßen um Frittenware, hauptsächlich bestehend aus Quarz und Glas. Spätestens in der Mitte des 16. Jahrhunderts entwickelte sich jedoch ein typischer İznik-Stil, der sich von den früheren Vorbildern deutlich abgrenzte, neue Formen und Motive entwickelte und die symmetrische Gestaltung zugunsten freierer und lebhafterer Bildkompositionen aufgab.
Dieser Entwicklungsprozess lässt sich in verschiedene Phasen differenzieren; die darin produzierten Waren erhielten zumeist den oft irreführenden Namen der Stadt, in der europäische Sammler die ersten Exemplare entdeckten oder erwarben. Die Chronologisierung der Keramik geht federführend auf Arthur Lane zurück, der basierend auf vorausgegangenen Studien etwa von Gaston Migeon, Robert Lockhart Hobson und Katharina Otto-Dorn aufzeigte, dass die an so verschiedenen Orten gefundenen Waren fast allesamt ursprünglich in İznik hergestellt worden sind.Arthur Lane: The Ottoman Pottery of Isnik. In: Ars Orientalis 2, 1957, S. 247–281.
Milet-Ware (15. Jahrhundert) mini|hochkant|Fragmentarisch erhaltene Schale aus blau-weißer Milet-Ware, Çinili Köşk des Archäologischen Museums Istanbul Die früheste Form osmanischer Keramik erhielt ihren Namen nach einem Scherbenfund in Milet, der von Friedrich Sarre in den frühen 1930er Jahren während seiner Ausgrabungen entdeckt wurde. Grabungen von Oktay Aslanapa in İznik zeigten in den 1960er Jahren, dass die Stadt bereits vor der Herstellung der blau-weißen Frittenware ein Produktionszentrum für Keramik war und die von Sarre in Milet entdeckten Fragmente offenbar ursprünglich dort hergestellt worden sind.Oktay Aslanapa: Pottery and Kilns from the Iznik Excavations. In: Forschungen zur Kunst Asiens in Memoriam Kurt Erdmann, Istanbul, 1969, S. 140–46. Weitere Herstellungsstätten dieses in ganz Kleinasien verbreiteten Typs waren Kütahya, Akçaalan und offenbar auch die Stadt Pergamon, deren Waren noch deutlich den Einfluss byzantinischer Sgraffito-Keramik zeigen.Ulrich Mania: Eine neue Werkstatt früher türkischer Keramik. Miletware aus Pergamon. In: Istanbuler Mitteilungen 56, 2006, S. 475–501. Die Milet-Ware basiert auf rotem Scherben mit weißer Schlickerengobe, die mit vegetabilischen oder geometrischenEin Beispiel für ein Objekt mit geometrischem Dekor ist ein in die erste Hälfte des 15. Jahrhunderts zu datierender Teller im Museum für Islamische Kunst, Berlin. Verglichen mit floralen Motiven und Rankenmustern sind solche eckigen Flechtbänder eher selten und in der späteren İznik-Keramik so gut wie überhaupt nicht mehr anzutreffen. Motiven in Kobaltblau, manchmal auch in Schwarz, Türkis, Purpur oder Grün bedeckt waren.
Frittenware mini|hochkant|Großer Teller mit rankenverziertem Rand, um 1490, Çinili Köşk des Archäologischen Museums Istanbul Im späten 15. Jahrhundert wurde der rote Tonkörper durch einen dichten und harten Frittenkörper ersetzt. Der Herstellungsprozess, in dem erstmals in der Geschichte der islamischen Keramik die Produktion eines Körpers mit rein weißer Oberfläche gelang, und auch die Motive unterscheiden sich deutlich von der früheren Milet-Ware. Das Verhältnis zwischen Quarz, fein gemahlenen Glasfritten und Ton kommt den Angaben des persischen Töpfers Abū'l-Qāsim über die in Kaschan verwendete Mischung recht nahe und betrug etwa 10:1:1; insgesamt jedoch war der Glasanteil in den İznik-Keramiken etwas höher.S. Paynter, F. Okyar, S. Wolf, M. S. Tite: The Production Technology of Iznik Pottery. A Reassessment. In: Archaeometry 46/3, 2004, S. 421–437. Darüber hinaus enthielt der Werkstoff auch geringe Mengen Bleioxid. Die Keramikgefäße wurden selten aus einem Stück gefertigt, sondern in der Regel aus mehreren Einzelteilen zusammengesetzt.
Der Tonkörper wurde mit einer weißen Engobe begossen, die ähnlich zusammengesetzt war wie der Körper selbst, jedoch sorgfältiger gereinigt und feiner gemahlen war, um farbliche Verunreinigungen zu vermeiden. Vermutlich wurden auch organische Bindemittel wie Traganth eingesetzt. Die Farbpigmente wurden mit Glasfritten vermischt und dann entweder frei oder mithilfe von Schablonen auf die Objekte aufgebracht. In den frühen Phasen der İznik-Keramik wurde hierfür ausschließlich Kobaltblau verwendet, das vermutlich aus Qamsar eingeführt wurde. Ab 1520 findet sich neben Blau vereinzelt auch Türkis aus Kupferoxid in der Farbpalette, kurz darauf Purpur aus Manganoxid sowie Seladongrün, Grau und Schwarz. Das für die İznik-Ware typische leuchtende Bolus-Rot schließlich wurde 1560 eingeführt. Diese Innovationskraft lässt sich einerseits auf den Einfluss führender Künstler des Nakkaşhane, des osmanischen Hofateliers, zurückführen, insbesondere Şahkulu und Kara Memi, andererseits aber auch auf die neuen Anforderungen durch großflächige Fliesenensembles, die andere Formen und Farben verlangten als kleinformatige Gefäße.Martina Müller-Wiener: Die Kunst der islamischen Welt. Reclam, Stuttgart, 2012, S. 281.
Die auf die Farben aufgetragene Glasur bestand zu 25 bis 30 Prozent aus Bleioxid, zu 45 bis 55 Prozent aus Quarz, zu 8 bis 14 Prozent aus Natriumoxid und zu 4 bis 7 Prozent aus Zinnoxid, das offenbar nicht, wie zuvor üblich, in gemahlener, sondern in gelöster Form beigemischt wurde. Der Brenngrad der Keramik betrug bis zu 900 °C.Julian Henderson: İznik pottery. A Technical Examination. In: Nurhan Atasoy, Julian Raby: Iznik. The Pottery of Ottoman Turkey. Alexandra Press, London 1989, S. 67.
Blau-Weiß-Ware (1480–1520) mini|hochkant|Moscheeampel mit Lotusblüten, um 1510, British Museum In den letzten Dekaden des 15. Jahrhunderts begannen die Töpfer in İznik mit der Produktion von blau-weißer Frittenware. Die Motive dieser Objekte richteten sich nach Vorlagen aus den Hofateliers in Istanbul und entsprachen dem Geschmack der herrschenden Elite, die die Keramikgefäße zu Hunderten etwa zum Gebrauch für diplomatische Empfänge bestellten, wodurch sie sehr bald auch bei auswärtigen Händlern und Diplomaten beliebt wurden. Anfang des sechzehnten Jahrhunderts begann auch die Produktion keramischer Moscheeampeln, die erstmals anstelle der zuvor fast ausschließlich verwendeten Lampen aus Metall und Glas eingesetzt wurden. Die ersten urkundlichen Erwähnungen der Gebrauchskeramik aus İznik waren die Bestellung von 97 Gefäßen für die höfische Küche im Topkapı-Palast 1489–1490Nurhan Atasoy, Julian Raby: Iznik. The Pottery of Ottoman Turkey, S. 30. und die Erwähnung zweier Objekte im Inventar der Schatzkammer von 1496.Ibolya Gerelyes: “Ceramics”. In: Gábor Ágoston, Bruce Masters: Encyclopaedia of the Ottoman Empire, Facts of File, New York, 2009, S. 132–134. Die frühesten erhaltenen und datierbaren Blau-Weiß-Keramiken sind Wandfliesen im Mausoleum von Şehzade Mahmud, einem der Söhne von Bayezid II., der 1506–7 starb.John Carswell: Iznik Pottery, S. 38.
Zur Bezeichnung der frühen blau-weißen İznik-Keramik wird oft der Begriff Abraham-von-Kütahya-Ware verwendet, nach dem gleichnamigen ins Jahr 1510 datierten Krug. Die Kanne ist jedoch stilistisch eher untypisch, so dass alternativ auch der Begriff Baba-Nakkaş-Ware, benannt nach dem führenden osmanischen Hofkünstler, vorgeschlagen worden ist.Nurhan Atasoy, Julian Raby: Iznik. The Pottery of Ottoman Turkey, S. 76 ff. Auch dieser Begriff ist jedoch irreführend.“Ceramics”. In: Jonathan M. Bloom, Sheila Blair, The Grove Encyclopedia of Islamic Art and Architecture. Band 1, S. 440–479, Oxford University Press, Oxford, 2009, S. 468.
Die Gefäße weisen ein dichtes Dekor in Weiß auf kobaltblauem Grund auf, in denen teilweise auf byzantinische Vorbilder zurückgehende osmanische Arabesken mit chinesischen Blütenkompositionen kombiniert werden, bekannt als Rumi-Hatayi-Stil.Arthur Lane: The Ottoman Pottery of Isnik, S. 262. Bloße Kopien chinesischer Vorbilder sind jedoch selten. Wesentlicher Vorgänger des İznik-Stils war auch die timuridische Kunst, die türkische und iranische Elemente enthielt.Gülru Necipoğlu: From International Timurid to Ottoman. A Change of Taste in Sixteenth-Century Ceramic Tiles. In: Muqarnas 7, 1990, S. 136–170. Vielfach wurden stilistische Änderungen in der Keramik durch die Metallkunst vorbereitet. In den ersten beiden Dekaden des 16. Jahrhunderts setzte ein gestalterischer Wandel ein: Ein helleres Blau eingeführt, Weißflächen wurden großzügiger eingesetzt und florale Motive ersetzten zunehmend die Rankenmuster älterer Gefäße. Beispiele dafür sind die keramischen Moscheeampeln im 1512 errichteten Mausoleum Bayezids II., die sich in ihrer Form an mamlukische Glaslampen anlehnen und weniger der Beleuchtung als der Dekoration dienten.Nurhan Atasoy, Julian Raby: Iznik. The Pottery of Ottoman Turkey, S. 41, 94.
Patronage durch den osmanischen Hof: Süleyman der Prächtige mini|hochkant|Obstverkäufer mit Keramikkrügen in einer osmanischen Miniatur, um 1582, Archäologisches Museum Istanbul mini|hochkant|İznik-Fliese mit polychromer Unterglasurmalerei, Freer Gallery of Art mini|hochkant|Filigraner Keramikkrug aus İznik mit floralem Dekor, um 1560–1570, Louvre Nach der Eroberung Konstantinopels 1453 begannen die osmanischen Sultane zahlreiche monumentale Bauvorhaben. Vor allem in den von Süleyman dem Prächtigen, seiner Lieblingsgemahlin Hürrem und seinem Großwesir Rüstem Pascha in Auftrag gegebenen Gebäuden wurden große Mengen von Keramikfliesen verbaut. Allein in der Sultan-Ahmed-Moschee in Istanbul wurden zur Verkleidung der Mauern und Tribünen über 20.000 einzelne Fliesen eingesetzt. Auch in zahlreichen weiteren Moscheen und im Topkapı-Palast wurden die Wände keramisch gefliest. Infolgedessen dominierte die Herstellung von Fliesen von nun an den Produktionsertrag der Töpfereien in İznik.