Die Ilsenhöhle liegt unterhalb der Burg Ranis in der gleichnamigen thüringischen Stadt. Von 1932 bis 1938 und erneut von 2016 bis 2022 fanden archäologische Ausgrabungen statt.

mini|Areal der Vorhalle rechts: Ansatzbereich der eingestürzten Überwölbung (2012) mini|Südhöhle (2012)

Fundstelle Die Ilsenhöhle befindet sich im Oberen Orlatal. Vor der Höhle liegt eine flache Landschaft. Riffe flankieren die südöstliche Seite des Tales, das zwischen Zechsteinausstrich und Buntsandstein in südwestlicher Richtung zum Saaletal nach Saalfeld/Saale verläuft. Das Tal stellt offenbar einen alten Saalelauf dar, der von Saalfeld aus bis Pößneck und von hier in nordwestlicher Richtung durch die Buntsandsteinlandschaft bis zum heutigen Saaletal bei Orlamünde führte. Das letzte Talstück nutzt heute die Orla.

Das Riff trägt die Burg Ranis (erstmals 1084 erwähnt). Neben dem Burggraben, der das Riff durchquert, öffnet sich die Höhle an der Südostflanke, mit einem terrassenartig vorspringenden, von Absturzblöcken gesäumten 20 mal 30 m großen Vorplatz, etwa 40 m über der Umgebung. Das Riff erreicht eine Höhe von etwa 400 m NN und ragt um mehr als 60 m über die Umgebung.

Die Höhle besteht aus einer etwa 10 bis 15 m breiten, mindestens 8 bis 10 m hohen Vorhalle, deren abriartige Überwölbung durch Einsturz zurückgesetzt ist. Die Höhle setzt sich im Riffdolomit in zwei kluftartige Hohlräume von jeweils mehr als 10 m Länge fort (Nord- und Südhöhle). Beide beginnen mit etwa 3 m Breite, verjüngen sich jedoch schnell auf weniger als 1 m Breite.

Nach Voruntersuchungen in den Jahren 1926–1931 fanden von 1932 bis 1938 archäologische Ausgrabungen statt. Dabei wurden Teile des Vorplatzes, die Vorhalle und die Spalten untersucht. Auf dem äußeren Teil des Vorplatzes wurden drei Sondagen von je 4 mal 4 m Größe ausgeführt. Insgesamt wurden – ohne die Sondagen – 250 m² der Höhle und des Vorplatzes ausgegraben. Die Voruntersuchungen wurden von Dietrich von Breitenbuch aus Ranis, die anschließenden Grabungen von der damaligen Landesanstalt für Vorgeschichte Halle durchgeführt.

Geologie Wie zahlreiche andere Höhlen in den Bryozoenriffen des Zechsteinausstrichs, geht auch die Ilsenhöhle primär auf Kavernen im Riffdolomit zurück, die mit locker verbackenen Riffsanden gefüllt waren und durch Verwitterungs- und Abtragungsvorgänge geleert wurden. Zusätzliche Verwitterung des Dolomits führte zur Erweiterung der Hohlräume, wobei auch die Bildung senkrechter Klüfte eine Rolle gespielt hat. Im Laufe der letzten 120.000 Jahre wurden die Hohlräume der Ilsenhöhle mit Sedimenten und Frostbruch bzw. Frostverwitterungsschutt gefüllt. Die mächtige Sedimentfüllung zeigt laut Befunden aus den 1930er-Jahren folgenden Aufbau: Schicht XI. Auf verwittertem Dolomit lagert die untere braune, bis 1 m mächtige Schicht. Sie besteht aus einem tonig-sandigen Lehm und enthält nur wenige Schuttbrocken, nur gelegentlich abgestürzte Blöcke. Die sandigen Anteile gehen auf Dolomitsande des Riffs oder den Zerfall des Riffdolomits zurück. Schicht X. Darüber lagert die so genannte graue Schicht (bis 0,3 m mächtig), ein durch Humusanteile grau gefärbter stark sandiger Lehm bis lehmiger Sand, der kaum Gesteinsschutt enthält. Sie ist teilweise mit Knochenasche durchsetzt. Schicht IX. Es folgt die mittlere braune Schicht, ebenfalls durchschnittlich 0,3 m mächtig. Sie besteht aus sandigem Lehm, der durch eine schwache Verlehmung (Verwitterung, Bodenbildung) schokoladenbraun verfärbt ist. Er enthält gelegentlich einzelne Schuttbrocken und kleinere Blöcke. Schicht VIII. Die schwarze Schicht (0,1 – 0,3 m mächtig), besteht aus einem sandigen, schwach humosen, mit Knochenasche und Knochenkohlen stark durchsetzten, dunkelgraubraun, dunkelgrau bis schwarz gefärbtem Lehm, der frei von Gesteinsschutt ist. Schicht VII. Die obere braune Schicht (1,5 bis 2,0 m mächtig). Es ist ein sandiger skelettreicher Lehm. Außer Verwitterungsschutt enthält er die Versturzblöcke des Abri. Schicht VI. Die gelbe Schicht. Sie wird bis 3 m mächtig und stellt einen eingewehten Schluff dar. Er ist mit feinstückigem Frostverwitterungsschutt und nach oben zunehmend weiteren Versturzblöcken angereichert. Schicht V. So genannte „Nagetierschicht“. Diese 0,2 bis 1,0 m mächtige Schicht lagert sich wie eine Decke über alle älteren Teile. In Vertiefungen oder auf geneigten Fläche hat sie größere Mächtigkeit. Sie besteht aus gelbbraunem Schluff, der die Matrix für ein Skelett aus feinstückigem Gesteinsschutt und zahllosen Skelettresten bildet. Letztere stammen von kleinen bis mittelgroßen Säugern, vor allem von Kleinsäugern, Fledermäusen und anderen Kleinvertebraten. Sie gehen vor allem auf Gewölle von Greifvögeln (Eulen) zurück, während die Fledermausreste überwiegend von Höhlenbewohnern stammen. Größere Skelettreste sind verbissen und liegen als Splitter vor. Der obere Teil der Nagetierschicht wird zunehmend humos und ist darum grau gefärbt (Va). Schicht IV. Schwarzgraue Schicht (0,1 – 0,5 m mächtig). Schicht III. Graubraune Schicht (0,2 – 0,4 m mächtig) stellen einen humosen, aus schluffiger Matrix und feinstückigem Skelett bestehenden Oberflächenhorizont dar. Schicht II. Auf Schluff, der an Feinschutt reich ist, entstand ein weiterer humoser Oberflächenhorizont (insgesamt 0,5 m mächtig). Schicht I. Darüber lagerte bis 20 cm mächtiger mittelalterlicher Schutt (Pederzani et al. 2024).

Offenbar umfasst die Schicht XI den unteren/älteren Teil des Weichselfrühglazials (im Sinne der Zyklen Ia2 bis IIb vom Ascherslebener See). Größere Sedimentationslücken kennzeichnen den Horizont; so fehlt jeder Hinweis auf das besonders kalte Stadial um 55 000 bis 65 000. Schicht XI enthält das Inventar Ranis 1. Die Schichten X, IX und VIII enthalten die Inventare Ranis 2 und 3. Da Ranis 2 nach Parallelbefunden in der Nietoperzowa-Höhle bei Kraków (Horizont 6) deren 14C-Alter haben soll, muss es auf etwa 38.000 vor heute datiert werden. Somit könnten allein auf Grund dieses Vergleichs die Schichten VIII bis X in die Zeit des beginnenden Mittelweichsels bzw. den zweiten Abschnitt des Weichselfrühglazials (im Sinne der Zyklen III, IVa, IVb, V vom Ascherslebener See) eingestuft werden. Die Bodenbildung in Schicht IX entspräche einem der Interstadiale (Moershoofd, Hengelo ?). Der braune Lehmhorizont mit den Blöcken des großen Deckeneinsturzes gehört ebenfalls in diese Zeit, denn der Löss VI mit seinem Frostschutt und Versturzmaterial kann dem Hauptlöss des Weichselhochglazials, zwischen 22.000 und 15.000 vor heute zugewiesen werden. Die Nagetierschicht V gehört in das Spätglazial und zeigt Übergänge zum Holozän (Va), dem alle weiteren Schichten zuzuweisen sind.

Vielleicht stammt der große Deckeneinsturz aber nicht aus der Zeit des Mittelweichsels, sondern repräsentiert wirklich das besondere frühglaziale Ereignis des sehr kalten, relativ feuchten 5. Stadials zwischen 55.000 und 65.000 v. h. Dann müssten die unter dem Versturz liegenden Inventare der Horizonte Ranis 2 und 3 wesentlich älter als 38.000 vor heute sein und dem ausgehenden klassischen Frühweichsel (l. Abschnitt des Frühweichsels nach der Interpretation des A-scherslebener See-Profils) zugeordnet werden! Die jüngeren Inventare sind wie folgt mit den Schichten verbunden: Ranis 4 mit VI, Ranis 5 mit V. Die Pollenanalysen der Horizonte VI bis IX sprechen für offene Steppenlandschaften mit vereinzelten Gehölzstandorten, die bezüglich Horizont VI ausschließlich aus Birken und untergeordnet Kiefern bestanden. In den Horizonten VII und VIII erscheinen neben diesen Gehölzarten auch einige wärmeliebende Arten: Hasel, Eiche und Linde. Das ist ungewöhnlich, zumindest für das Mittelweichsel im nördlichen Mittelgebirgsraum, aber nicht für die Interstadiale des ersten frühglazialen Abschnitts vor 65.000 Jahren. Im Nachhinein lassen sich leider keine eindeutigen Anhaltspunkte mehr für eine genaue Einstufung der Fundhorizonte finden. Abgesehen von der Einstufung der Fundhorizonte Ranis 2 und 3 auf Grund typologischer Vergleiche von Steinartefakten in die Zeit um 40.000 vor heute würde man nach geologischen Überlegungen und der intimen Kenntnis der frühweichselzeitlichen Klimaentwicklung und den davon gesteuerten geologischen Phänomenen im Elbe-Saalegebiet die Horizonte VII bis XI insgesamt in die Zeit vor 55.000 v. h. stellen:

VII als dolomitsandigen wahrscheinlich lösshaltigen Lehm mit dem großen Deckenversturz in das besonders intensive 5. Stadial, den Humushorizont X und die darüber folgende durch Verlehmung überprägte Schicht IX sowie die Schwarze Schicht VIII als Ausdruck frühweichselzeitlicher Interstadiale in das dritte und vierte Interstadial, den untersten Horizont XI in den unmittelbar diesen Interstadialen vorangehenden Zeitabschnitt. Eine graue humose Bodenbildung wie jene der Schicht X wurde im Ablauf der Weichselzeit bisher nicht mehr nach dem Stadial zwischen 55.000 und 65.000 beobachtet, was dem letztmaligen Auftreten wärmeliebender Gehölze entspricht. Sollte die vermutete Zuordnung stimmen, dann müssten die Inventare Ranis 2 und 3 etwas älter als 65.000 vor heute sein.

Archäologische Funde der Grabungen in den 1930er-Jahren Zuunterst liegt der Fundhorizont Ranis 1 (Schicht XI), ihm folgen Ranis 2 (Schicht X und unterste Partien von IX), Ranis 3 (Schicht VIII und unterste Partien von VII). Ranis 1 und 2 sind spätmittelpaläolithische Inventare, Ranis 3 steht am Übergang zum Jungpaläolithikum. Jungpaläolithisch sind Ranis 4 (Schicht VI), das offensichtlich zum Gravettien zu stellen ist und Ranis 5 (Schicht V), ein Magdalénien.

Ranis 1 Die Schicht Ranis 1 lieferte nur wenige Artefakte: 6 Artefakte aus Silex, 10 Artefakte aus gelblichem Quarzit. Sie wurden sehr verstreut in Schicht XI angetroffen (Ranis la, 1b, Ic) und sollen einem Inventar angehören. Das trifft aber kaum zu. Ein Siedlungshorizont wurde nicht beobachtet. Auffällig sind zwei bifazial zugerichtete Blattspitzen. Eine besitzt eine quer verlaufende verdünnte Basis. Sie besteht aus Plattenfeuerstein, wie er in Süddeutschland vorkommt, und ist nur partiell flächig von den Kanten her retuschiert. Dorsal wie ventral besitzt sie noch große Teile der Naturfläche (Rinde). Sie wird als „Faustkeilblatt“ (Hülle 1977) bezeichnet, doch ist ihr Blattspitzencharakter unverkennbar. Die andere Blattspitze wurde wie die anderen Silexgeräte aus baltischem Feuerstein hergestellt. Sie ist auch an der Basis zugespitzt, ganzflächig retuschiert, aber nur dorsal an beiden Längskanten fein nachretuschiert. Ferner kommen vier Feuersteinabschläge vor: Ein klingenförmiger Abschlag bildet ein Messer mit natürlichem Rücken und mit Gebrauchsretusche an der Schneide. Fragment einer weiteren Klinge mit Gebrauchsretuschen, ein dünner Abschlag, ein breiter flacher Diskuskernabschlag. Unter den weniger typischen Artefakten aus Quarzit – meist Trümmerstücke und gröbere Abschläge –, fallen einige Formen auf. Eine faustkeilartig grob flächig retuschierte Spitze, ein Messer mit natürlichem Rücken und retuschierter Schneide, ein Diskuskernabschlag mit facettierter Basis, das Reststadium eines strunkförmigen Kernsteins mit präparierter Schlagfläche und einer Abbaufläche. Die Quarzit- und Silexartefakte von Ranis 1 sind typologisch als allgemein mittelpaläolithisch zu bewerten. Sie wurden von Toepfer (Mania und Toepfer 1973) als mousteroide Artefakte eingestuft. Mit ihnen sind die beiden Blattspitzen schlecht zu verbinden. Sie nähern sich mehr Ranis 2. Offenbar liegen mit Ranis 1 doch spärliche Reste kulturell und zeitlich verschiedener Inventare vor, die auch mehrfache Begehungen der Ilsenhöhle zu Beginn des Weichselglazials anzeigen.

Ranis 2