mini|Oberhalb der Alten Brücke befand sich der Sage nach die Furt, die erstmals Gunther Ligurinus literarisch beschreibt. Der Main ist in vielen Frankfurt-Romanen Handlungsort oder atmosphärische Kulisse: Der in der Schlacht bei Aschaffenburg schwer verwundete Graf Ludwig-Karl von Freyberg wird nachts mit einem Kahn zur Stadt transportiert. Nach seinem Tod ertränkt sich seine Frau Helene im Fluss (Dumas: La Terreur Prussienne). Kätchen befürchtet, dass man die Leiche ihres Vaters „naß aus dem Main ins Haus“ bringt (Raabe: Eulenpfingsten). Ein solches Unglück trifft eine Mutter am westlichen Stadtrand des Gallus-Viertels, deren kleiner Junge bei der Froschjagd ertrunken ist (Altenburg: Landschaft mit Wölfen). Alfred Labonté (Mosebach: Westend) hat nach seiner gescheiterten Kanufahrt ein traumatisches Unterwasser-Erlebnis. Von der väterlichen Seidenhandlung am Mainkai aus kann Wilhelm König im November die Nebel den Main herunterziehen sehen „wie Gespensterschiffe mit wallenden Segeln“ (Geißler: Der letzte Biedermeier). Von der Alten Brücke wird die Leiche Emilies in den Fluss geworfen (Hahn: Die Detektivin), Stadtwanderer flanieren am Nordufer (Hetmann: Mit Haut und Haar, Demski: Scheintod). Vanilla Campus und ihr Mann befahren den Fluss mit ihrer Yacht Vanilla’s Affair (Kirchhoff: Schundroman). Bennie flieht vor einem Räuber von der Nizza-Anlage durch den Main zum Sachsenhäuser Ufer (Zwerenz: Die Erde ist unbewohnbar wie der Mond), Baldus Korbes schwimmt manchmal von der Alten Brücke zum Eisernen Steg (Piwitt: Rothschilds). mini|Auf dem Eisernen Steg erfährt Valentin Senger vom Brand der Synagogen. Hier erörtert der Detektiv Feuerbach mit seiner Chefin Helen ihre Recherchen (Kirchhoff: Schundroman), die Schriftstellerin (Demski: Scheintod) wirft Munition in den Fluss und in Fausers Gangsterroman Der SchneemannJörg Fauser: Der Schneemann. München 1981. verkauft Siegfried Blum einem Drogenhändler seinen in einem Schließfach an der Hauptwache deponierten Kokainkoffer. Der „Gast“ (Zimmermann: Frankfurter Gesänge) sinnt am Eisernen Steg über die Stadt nach und auf dem Brückenrahmen balanciert im Traum des Erzählers (Mosebach: Eine lange Nacht) Bellas Mann Fidi bis zur Spitze. mini|Der Mainufer-Park Nizza: Treffpunkt der Stadtwanderer in den Romanen von Hetmann (Mit Haut und Haar), Demski (Scheintod), Hahn (Die Farbe von Kristall).
Die Stadt Frankfurt am Main ist, vor allem seit der Zeit der Weimarer Republik, Handlungsort vieler biographischer Zeugnisse bzw. literarischer Rezeptionen in Form von Gedichten, Erzählungen und Romanen. In ihnen spielt, zumindest für den ortskundigen Leser, die Stadt als Kulisse mit. Das heißt, die sprachlichen Bilder werden durch die erinnerten Visualisierungen der Straßen und Plätze mit ihren Bauwerken ergänzt und evozieren zusätzlich die Atmosphäre.Dieser Aspekt ist, neben der Verortung des jeweiligen gesellschaftspolitischen Hintergrundes, das Hauptkriterium der vorliegenden Auswahl. Dabei ist die Grenzziehung zwischen autobiographischen Romanen (Dichtung und Wahrheit) und Autobiographien bzw. Lebenserinnerungen in Berichtform fließend. Der Schwerpunkt liegt dabei auf literarischen Werken der Autoren, die zumindest zeitweise in der Stadt wohnten.
Gründungssage und Preislied Den ersten in Hexametern verfassten lateinischen Text über den Namen der Stadt schrieb 1187 der Zisterziensermönch Gunther von Pairis, auch Ligurinus genannt, in seinem Epos (Abschnitt Primus) über die norditalienischen Kämpfe Friedrich Barbarossas:Ligurini de gestis Imp. Caesaris Friderici primi augusti libri decem. Augsburg 1507. Faksimile cur. F. P. Knapp, Der Ligurinus des Gunther von Pairis, Göppingen 1982, Guntherus Parisiensis> / Celtis, Konrad: Ligurini de gestis Imp. Caesaris Friderici primi augusti libri decem, carmine heroico conscripti, Augustae Vindel., 1507, - digital München BSB. (Digitalisat) Sed rude nomen habet:ná Teuton9incola dixit Franconefurt:nobis liceat sermone latino Francorum dixisse uadum quia Carolus illic Saxonas indomita nimium feritate revelles Oppugnas:rapidi latissima flumina Mogi […].Zu den Abkürzungen im Text: Deutsche Übersetzung: Gunther Ligurinus: Franconefurt 1187. In: Frankfurt in alten und neuen Reisebeschreibungen (= Droste-Bibliothek der Städte und Landschaften). Ausgewählt von Hans-Erich Korenke. Droste Verlag, Düsseldorf 1990, ISBN 3-7700-0887-1, S. 13–16. […] Doch gar kunstlosen Namens: es nennt sie der deutsche Bewohner Franconeforte. Mir sei erlaubt mit latei- nischen Lauten „Francoforum vadum“ sie zu nennen, da Carol der Kaiser Einst beim Kampf mit dem ungebändigten Volke der Sachsen Dort die breit sich ergießende Flut des reißenden Mainstroms Ohne Kenntnis der Furt überwunden und mitten durchs Flussbett Seine Scharen geführet, da keine Brücke vorhanden: […]
Das älteste Spruchgedicht Eyn Spruchgedicht zu lob und eer der Statt Franckfortt von Johann Steinwert von SoestWalther Karl Zülch: Johann Steinwert von Soest. Der Sänger und Arzt (1448–1506). Frankfurt am Main 1920. Darin: Eyn Spruchgedicht zu lob und eer der Statt Franckfortt. S. 11 ff.Frankfurtisches Archiv für Altere Deutsche Litteratur und Geschichte. Band 1. Hrsg. von J. C. v. Fichard, genannt Baur von Eyseneck. In Kommission bei Gebhard und Körber, Frankfurt am Main 1811, S. 77 ff. (). ist aus dem Jahr 1501 nachgewiesen. Der 1500 als Stadtarzt angestellte Dichter lobt in seinem Preislied u. a. die soziale Brotgesetzgebung und den als Rechenmeister für die Finanzpolitik verantwortlichen Patrizier Daniel Bromm:
Franckfortt, du edle Statt gezyrt, Myt tugend off das hogst probyrt, Dyn fruntlich, gutt und erbar art Zwingt mich, das ich moß ongespart Dyn lob usspriesen mancherley, […] Und durch den wysen ratt gefonden, Das iglicher zu allen stonden Gutt brott mag essen umb syn gelt, Gebacken wol dyr numer felt, Auch swer genug an synem gewicht, Das ich hy billich meld und dicht, Dan ny keyn fur von disser zit Gefunden ist, also geschytt, Der das durch rechnung dar zu brecht, Das brott gemeynlich wer offrecht; Da wydder dan eyn erbar rott Eyn ertzeny gefunden hott, Darzu Daniel Bromm myt flyß Gehulffen hott in hohem pryß. Er ist da hyn, Gott trost dy sel Und gyb ym ruh behend und snel. Er ist gewesen from und wyß, Den gmeynen nutz meynt er myt flyß. Als ander auch don in dem rott, Dar off eyn gmeyner nutz dan stott. Wol dem, der gmeynen nutz an sicht Myt flyß vil me dann alle pflicht. Got lybt eyn solchen ussermossen Und wort yn entlich numer lossen. […] So ich in leben numer byn, Sprich myner armen sel zu trost: Nu trost dich gott, Johan von Sost
Historische Romane über das 15. und 16. Jh. Die Autoren Historischer Romane stehen vor der Herausforderung, ihren Lesern eine vergangene Epoche in unterhaltsamer Form nahezubringen. Dafür recherchieren sie in ihren Bemühungen um Authentizität Dokumente und wissenschaftliche Untersuchungen, projizieren aber oft unbewusst oder bewusst (z. B. Thorn) in ihre Rekonstruktionen Themen ihrer eigenen Zeit wie gesellschaftliche Integration oder Emanzipationsprobleme und legen sie ihren erfundenen Figuren in den Mund. So entsteht ein über- bzw. neuzeitliches Gedankenbild in einer geschichtlichen Kulisse.
Die jüdische Diaspora im 15. Jahrhundert Seit der Aufklärung erhielten die Juden nach jahrhundertelanger Ausgrenzung zunehmend die gleichen Bürgerrechte und emanzipierten sich in die deutsche Gesellschaft (siehe Geschichte der Juden (Neuzeit)). Dies führte Autoren literarischer Rezeptionen einerseits zu einem Rückblick auf die Ghettoisierung (Motto des Spindler-Romans: „Gespenst der Vorwelt: Warum rufst Du mich herauf aus meinem dunkeln Grabe? Zauberer. […] daß Du Zeugniß gebest von einer dunkeln Zeit.“) und zweitens im Zusammenhang mit der Integration und Assimilation zu Reflexionen über die jüdische Identität. Heine und Spindler gestalten diese Thematik auf der Grundlage historischer Recherchen (siehe Geschichte der Juden in Deutschland, Frankfurter Judengasse) am Beispiel der Frankfurter Juden des 15. Jahrhunderts.
Karl Spindler: Der Jude Karl Spindlers dreibändiger Roman Der Jude (1827)Karl Spindler: Der Jude. Deutsches Sittengemälde aus der ersten Hälfte des fünfzehnten Jahrhunderts . Edition Holzinger. Berliner Ausgabe, 2013. Erstdruck: Stuttgart (Franckh) 1827. entfaltet ein opulentes Bild der Frankfurter Bürgerschaft und ihrer Auseinandersetzungen mit kriminellen Feudalherren des nördlichen Umlandes vor dem Hintergrund des Konzils von Konstanz. Verknüpft werden die beziehungsreichen Ereignisse und die verschiedenen außerhalb der Mainstadt gelegenen Handlungsorte Worms, Costnitz (= Konstanz) und die Ritterburgen in der Wetterau durch zwei Familiengeschichten im religiös-sozialen Spannungsfeld und die Liebe zweier ihrer Mitglieder: Dagobert und Esther.
Die meisten Handlungen in Frankfurt spielen am Sitz der Patrizierfamilie Frosch auf dem Liebfrauenberg. Der Altbürger und Schöffe Diether hat nach dem Tod seiner Frau die vierzig Jahre jüngere Margarethe aus der verarmten Adelsfamilie Leuenberg in Gelnhausen geheiratet. Dadurch entstanden Spannungen zu seinen Kindern aus erster Ehe. Seine Tochter Wallrade erhielt von ihrem Onkel das Gut Baldergrün und hatte dort eine Beziehung zu Rudolph Bilger von der Rhön (Buch II, Kap. 11), die von dessen Vater nicht akzeptiert wurde. Nachdem der Liebhaber sie und ihren Jungen Hans verließ und Katharina heiratete, verstieß sie ihr Kind und gab es aus Rache in fremde Hände. Ihr Bruder Dagobert soll nach dem Gelübde seiner Mutter Mönch werden und reist zu Beginn der Romanhandlung zu seinem Onkel, dem Prälaten Hieronymus Frosch, nach Konstanz, wo er sich während des Konzils (I, Kap. 2, 5–8, 11–16) allerdings mehr für das weltliche Leben interessiert als für seine geistliche Ausbildung. Die zweite Ehe des Vaters wird durch den großen Altersunterschied belastet. Für Margarethe ist es eine Geldheirat und sie verliebt sich in Dagobert, der jedoch auf ihre Zuneigung aus Pflichtgefühl den Eltern gegenüber nicht eingeht.
Auf diesen Beziehungskonflikten baut die durch vielerlei Vernetzungen sehr komplexe und erst gegen Ende überschaubare abenteuerliche Romanhandlung auf, die zwischen der Kaufmannsstadt und den Raubritterburgen der Wetterau hin- und herwechselt. Johannes, der kränkliche und dahinsiechende Sohn Diethers und Margarethes, wird während eines ländlichen Kuraufenthalts bei der Bäuerin Willhild von Bettlern als mitleiderregendes Kind für ihre Geschäfte geraubt. Aus Angst vor Bestrafung lügt die Pflegerin der Mutter vor, ihr Sohn sei gestorben(I, Kap. 4). Diese fürchtet um den Bestand ihrer Ehe und gibt dem Juden David den Auftrag, auf seinen Handelsreisen ein ähnlich aussehendes fünfjähriges Findelkind zu kaufen, was in Worms (I, Kap. 1) gelingt. Es ist, wie im Lauf der Romanhandlung immer deutlicher wird (z. B. II, Kap. 1), Wallrades Sohn, für den der Beauftragte Gerhard von Hülshofen Pflegeeltern sucht. Nun wird Hans zu Diethers und Margarethes und am Ende des Romans, als der echte Erbe zurückgebracht wird, zu Dagoberts und Reginas Kind. Bereits nach der Geburt des ersten Johannes war das Gerücht entstanden, Dagobert sei der Vater und die in ihrer Ehe unglückliche Frau suche Abenteuer. So sieht auch der Schultheiß (II, Kap. 2, 5), jedoch erfolglos, eine Chance für eine Affäre und Margarethes Bruder Veit, der mit anderen Raubrittern Kaufleute überfällt und von seiner Schwester mit seiner Meinung nach zu geringen Zahlungen unterstützt wird, will die Situation finanziell nutzen und droht mit Enthüllungen (I, Kap. 9).