Das Ostseestudio Rostock war das erste und mit etwa 150 Mitarbeitern das größte Außenstudio des Deutschen Fernsehfunks/Fernsehens der DDR.Margot Zielinski: „Hafenbar wird Hafenkneipe (Gespräch mit Hans Höschel, Direktor des Ostseestudios Rostock)“ in Wochenpost 28/86 Berliner Verlag Berlin (DDR) 1986

Vorgeschichte

Das Fernsehen in der DDR nahm als Teil des Rundfunks nach einer Phase von Testsendungen unter der Bezeichnung Fernsehzentrum Berlin am 21. Dezember 1952 seinen regulären Sendebetrieb mit einem Versuchsprogramm auf, firmierte ab dem 3. Januar 1956 als Deutscher Fernsehfunk (DFF) und strahlte zunächst nur ein Programm, ab dem 3. Oktober 1969 zwei Programme von Berlin-Adlershof aus. 1968 wurde das Fernsehen aus dem Staatlichen Rundfunkkomitee herausgelöst und arbeitete fortan offiziell als Staatliches Komitee für Fernsehen beim Ministerrat der Deutschen Demokratischen Republik, behielt aber die Kurzbezeichnung Deutscher Fernsehfunk bei."DDR-Rundfunk- und Fernsehkomitee - Aufgabe und Geschichte", in: "TELE-VISIONEN - Fernsehgeschichte in Ost und West", © Bundeszentrale für politische Bildung Von Januar 1972 bis Februar 1990 nannte sich die Anstalt Fernsehen der DDR.LIA-Archiv Wegner, ebenda

Ab 1955 gab es beim damaligen Fernsehzentrum Berlin Ideen einer Dezentralisierung und Regionalisierung in der Programmherstellung, um die „politische, künstlerische und technische Kapazität der Republik“ für das Fernsehen nutzen zu können. Die realen wirtschaftlichen und technischen Gegebenheiten setzten diesen Plänen aber Grenzen, so dass die meisten Betriebsstätten außerhalb Berlins im Entwicklungsstadium stecken blieben.Peter Hoff: „Das Projekt eines Fernseh- und Rundfunkstudios in Leipzig als erster Versuch einer Dezentralisierung der Fernseharbeit“ in „Kulturatorium – Online Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik“ Nr. 16 • 2013 • Jg. 36 ,

1958 erwarb die Deutsche Post in Rostock den Sportpalast in der Tiergartenallee von Familie Hagemeister.Jens Andrasch: Die Trotzenburg - Vom Forsthaus zum Brauhaus; Verlag Redieck & Schade, Rostock 2009, Seite 125 ff Dort richtete das Staatliche Rundfunkkomitee im großen Festsaal einen Stützpunkt für die Radio- und Fernsehberichterstattung zur Ostseewoche ein.Horst Zänger: Geschichten aus 50 Jahren Rundfunk – Chronik des Landesrundfunks Mecklenburg-Vorpommern (S. 45), Verlag Reinhard Thon 1995 Das Radiostudio Rostock war inzwischen zum Funkhaus avanciert und von einer kleinen Villa in der Graf-Schack-Straße in ein größeres Gebäude in der Richard-Wagner-Straße umgezogen.Eberhard Fensch: So und nur noch besser Das Neue Berlin Verlags GmbH 2003Horst Zänger: ebenda S. 45 ff Daher hatte der Sender Rostock ab 1959 keinen Nutzungsbedarf mehr für den Stützpunkt in der Tiergartenallee.LIA-Archiv Wegner, ebenda Der Deutsche Fernsehfunk richtete dort eine Produktionsstätte für Fernsehspiele mit einer Dekorationswerkstatt und -malerei sowie einer Kostümschneiderei ein. Als Studio diente der Festsaal des ehemaligen Sportpalastes – zunächst noch ohne eigene Regie, weshalb man sich anfangs mit einem auf dem Hof stehenden Übertragungswagen aushalf. 1959 sendete der DFF aus diesem Studio live das erste Fernsehspiel, Die Marseillaise. Fernsehspiele mussten zu dieser Zeit noch live gefahren werden, da es an geeigneten Aufzeichnungsmöglichkeiten fehlte. Die Fernsehdramatik aus Berlin-Adlershof produzierte bis zum Sommer 1964 Fernsehspiele in Rostock, also auch noch als das Ostseestudio bereits seine Arbeit aufgenommen und das Studio sogar eine eigene Fernsehdramatik hatte.Hans-Helmut Pentzien: Ostseestudio Rostock 1962 – 1991 (S. 12, 17 ff, 23, 27, 31, 35, 36, 41 u. 43) Verlag Redieck & Schade GmbH Rostock 2012LIA-Archiv Wegner, ebenda

Ostseestudio Rostock Im Juni 1962 nahm das neu gegründete Ostseestudio Rostock seine Arbeit auf und sendete ab Oktober desselben Jahres. Es war das erste Außenstudio des Deutschen Fernsehfunks mit eigenen Redaktionen und eigener Studio- und Übertragungstechnik.

Wie alle anderen Betriebsstätten außerhalb Berlins war auch das Ostseestudio bis 1990 kein Regionalstudio. Das Studio sendete seine Produktionen selbst oder überspielte sie zur Sendezentrale nach Berlin-Adlershof. Die Ausstrahlung erfolgte in beiden Fällen in einem der beiden zentralen Programme des DDR-Fernsehens.Peter Schön: Rostock sendet in FF-Dabei 41/62, Berliner Verlag Berlin (DDR) 1962Hans-Helmut Pentzien: ebenda, S. 21LIA-Wegner, ebendaMargot Zielinski: ebenda

Die technischen Anfänge in den 1960er Jahren Der Rostocker Produktionsstandort hatte zwei verhältnismäßig modern ausgestattete Studios – das Studio I für Fernsehspiele und Unterhaltungssendungen sowie das Studio II für Magazinsendungen. Dekorationswerkstatt, Tischlerei, Malerei und Kostümschneiderei waren zuvor bereits in das im Januar 1962 übernommene ehemalige Waldrestaurant in der Satower Straße 163 umgezogen.Jens Andrasch: Ein Schuster aus Biestow erobert die Rostocker Gastronomie in: Südstern, Stadtteilzeitung Südstadt/Biestow, Ausgabe 15/2015, Seite 22 ff 1965 wurde das Studio I abgerissen und neu aufgebaut, da es nicht mehr den Erfordernissen effizienter Fernsehproduktionen entsprach. Das Studio II erhielt eine eigene Regie. Produktionsvorhaben mussten sich nun den Gegebenheiten des kleineren und niedrigeren Studios II anpassen, viele Produktionen wurden deshalb außerhalb des Ostseestudios realisiert – z. B. Aufzeichnungen in Theatern, Fernsehspielproduktionen im Großen Sendesaal des Funkhauses Schwerin, Unterhaltungssendungen in Gaststätten, Klubhäusern usw.Hans-Helmut Pentzien: ebenda, S. 22, 44 Durch den Ankauf eines Filmentwicklers für 16-mm-Filme verbesserten sich 1965 die Arbeitsbedingungen deutlich.Hans-Helmut Pentzien: ebenda, S. 47 Seit Anfang 1967 besaß das Studio einen eigenen Übertragungswagen, so dass für Außenproduktionen kein Ü-Wagen mehr extra aus Berlin-Adlershof angefordert werden musste.Hans-Helmut Pentzien: ebenda, S. 53 Nach Abschluss der Bauarbeiten stand den Mitarbeitern ab 1967 ein modernes Studio zur Verfügung – u. a. mit einer programmgesteuerten Beleuchtungsanlage – und bot ihnen deutlich verbesserte Arbeitsbedingungen. Die Produktion von Fernsehspielen und Unterhaltungssendungen konnte jetzt wieder vorrangig im Studio I realisiert werden.Ilse Jung: Vom Ostseestrand fürs Binnenland II, in FF-Dabei 31/67, Berliner Verlag Berlin (DDR) 1967

Bis Mitte der 1960er Jahre wurden Fernsehspiele und Theateraufführungen aufgrund von fehlenden Aufzeichnungsmöglichkeiten live gesendet. Zum Teil wurden Sendungen auch live aufgenommen und direkt zur Sendezentrale nach Berlin-Adlershof überspielt, wo die MAZ-Aufzeichnung und der Schnitt erfolgte. Dem Ostseestudio stand zunächst noch keine Magnetband-Aufzeichnungsanlage (MAZ) zur Verfügung, zeitweise musste auf die oft schlechtere Qualität der Filmaufzeichnung zurückgegriffen werden.Hans-Helmut Pentzien: ebenda, S. 14, 41 u. 51Peter Bause: Man stirbt doch nicht im dritten Akt! Verlag Das Neue Berlin, Berlin 2011

Mit der Einführung des Farbfernsehens im neuen 2. Programm des DDR-Fernsehens produzierte und sendete das Studio Ende 1969 erste Beiträge in Farbe. Als 1973 das 1. Programm ebenfalls in Farbe zu senden begann, wurden Studiosendungen auch in Rostock mehr und mehr in Farbe produziert und ausgestrahlt.LIA-Archiv Wegner, ebenda

Produktionsprofil in den 1960er Jahren Am 3. Oktober 1962 ging das Ostseestudio Rostock mit dem Filmfeuilleton Am Meer entlang und der Fernseherzählung Helling, Kabelkran und Kai auf Sendung.Programmteil in FF-Dabei 40/62 ( S. 17), Berliner Verlag Berlin (DDR) 1962 Hans-Helmut Pentzien: ebenda, S. 21.Margot Zielinski: ebendaHans-Helmut Pentzien: ebenda, S. 23, 27, 31, 35, 36, 41, 42, 48 - 51, 53, 59 - 64, 72, 75, 76, 88 - 94, 98 - 103, 105, 106, 108 - 110, 114, 115, 119 - 123, 125, 127 - 129, 135 - 138, 141 - 147, 149 - 158, 161 - 163, 165, 167, 176 - 178, 180, 181, 188, 194, 195, 202, 208 - 201 u. 221 - 222LIA-Archiv Wegner, ebenda Die 1960er waren zunächst Jahre des Experimentierens, bis sich ein fester Stamm von Sendungen beim Publikum durchsetzen konnte. Die Fernsehdramatik hatte von Anfang an einen festen Platz in der Produktionspalette. Bereits am 22. November 1962 sendete das Ostseestudio in Koproduktion mit dem Volkstheater Rostock live das erste Fernsehspiel Konzert der Marionette. 1965 produzierte das Ostseestudio die erste Sendung der Reihe Weidmannsheil – eine Langzeitreihe, die sich bis zu ihrer Einstellung 1990 großer Beliebtheit erfreute.Hans-Helmut Pentzien: ebenda, S. 47 1966 ging die erste Sendung Klock acht, achtern Strom (unter dem Arbeitstitel Hafenbar) auf Sendung. Sie sollte zu einer der beliebtesten Sonnabendabend-Unterhaltungssendungen werden. Aber auch die Hafenkonzerte, später Musik und Snacks vorm Hafen, hatten eine beachtliche Zuschauerresonanz.Hans-Helmut Pentzien: ebenda, S. 46, 52, 65, 66, 73, 77, 86, 95 - 97, 113, 166, 172 u. 179 1967 übernahm das Ostseestudio vom Sendezentrum in Berlin-Adlershof die Ratgeberreihe Der Fernsehkoch empfiehlt und 1971 das Gesundheitsmagazin Der Nächste bitte!, welches das Ostseestudio als Visite weiterführte.Hans-Helmut Pentzien: ebenda, S. 54 u. 84LIA-Archiv Wegner, ebenda

Die 1970er und 1980er Jahre In den 1970er Jahren hatte sich das Ostseestudio zu einem Markenzeichen des Fernsehens entwickelt. Inzwischen war ein festes Produktionsprofil herausgebildet, das teilweise eine beachtliche Zuschauerresonanz fand.

Technische Ausstattung in den 1970er und 1980er Jahren Das Ostseestudio Rostock produzierte nach einer Phase der Zweigleisigkeit ab Ende der 1970er ausschließlich in Farbe. Die technische Ausstattung bestand zum Teil aus westlichen Importen, in der Regel jedoch aus sozialistischen Ländern, deren Produkte oft sehr störanfällig waren und von den Fernsehtechnikern ständig gewartet und modifiziert werden mussten. Dafür hatte das Studio ein sehr gut ausgebildetes Personal, das oft Pionierarbeit leistete und durch Knobeln und Tüfteln vieles selbst verbesserte.Hans-Helmut Pentzien: ebenda, S. 78, 80, 86, 126, 131 - 133.Margot Zielinski: ebendaHorst Zänger: ebenda, S. 59

Zum Studiokomplex gehörten zwei moderne Studios jeweils mit eigener Regie – das Studio I für Unterhaltungssendungen und Fernsehspiele sowie das Studio II für Magazinsendungen und Tonaufnahmen –, eigene Studio- und Übertragungstechnik der Deutschen Post einschließlich Messdienst und eines Übertragungswagens ÜF 12, drei Schneideräume, ein Filmlabor, Räume für Film- und Diageber sowie Magnetbandmaschinen, das Kameralager, das Zugpult für die Kamerabedienung, die Maske, die Steuerungsanlage für die Beleuchtung und eine Beleuchtungswerkstatt sowie Redaktionen und Verwaltung in Nebenbauten. Das Büro der Aktuelle Kamera hatte seinen Sitz in der Stephanstraße, Requisite, Kostümschneiderei und -fundus, Dekorationstischlerei und -malerei waren in der Außenstelle Satower Straße untergebracht.Hans-Helmut Pentzien: ebenda, S. 238

Produktionspalette der 1970er und 1980er Jahre Das Produktionsprofil umfasste inzwischen vier Bereiche: Fernsehdramatik, Publizistik, Ratgeber und Unterhaltung sowie Zulieferungen zur Nachrichtensendung Aktuelle Kamera und die technische Realisierung von Sportübertragungen. Das jährliche Sendevolumen des Ostseestudios betrug etwa 105 Sendungen mit einer Sendezeit von ungefähr 80 Stunden und circa 135 Beiträge für die Aktuelle Kamera. Das Korrespondentenbüro der Aktuellen Kamera gehörte nur organisatorisch, nicht aber redaktionell zum Ostseestudio Rostock.Margot Zielinski: ebendaLIA-Archiv Wegner, ebendaHelmut Pentzien: ebenda, S. 78