miniatur|Lage des Kastells am Donau-Iller-Rhein-Limes (Rheinlinie) mini|Solidus Valentinian I. miniatur|Der Münsterberg vom NO aus gesehen miniatur|Befunde der spätrömischen Festung auf dem Münsterberg mini|Befunde des Praetoriums unter dem Münster St. Stephan mini|Befundskizze Ostturm nach Gerhard Fingerlin, 1969
Mons Brisiacus ist ein ehemaliges spätrömisches Kastell auf dem Gebiet der Stadt Breisach am Rhein im Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald in Baden-Württemberg.
Das Lager war Teil der Kastellkette des Donau-Iller-Rhein-Limes im Abschnitt der römischen Provinz Maxima Sequanorum und vom 3. bis 4. Jahrhundert n. Chr. mit römischen Truppen belegt, die für die Überwachung der Reichsgrenze bzw. Straßenverbindungen zuständig waren. Es befand sich auf dem Plateau des Münsterberges und verfügte über ein repräsentatives Praetorium. In der zweiten Hälfte des 4. Jahrhunderts koordinierte Kaiser Valentinian I. von hier aus die Baumaßnahmen zur Verstärkung des Rheinlimes (ripa). Das Kastell wurde möglicherweise noch bis ins frühe Mittelalter als Fluchtburg genutzt.
Lage Der Breisgau befindet sich zwischen Oberrhein und Schwarzwald. Breisach selbst liegt vier Kilometer südwestlich des Kaiserstuhls, eines heute erloschenen Vulkans. Der Münsterberg ist geologisch der südöstliche Ausläufer des Kaiserstuhls. Er befindet sich am östlichen Ufer des Rheins, direkt an der deutsch-französischen Grenze, auf halbem Weg zwischen Colmar und Freiburg im Breisgau (ca. 20 Kilometer) und jeweils etwa 60 Kilometer nördlich von Basel und südlich von Straßburg. Die antike Topographie ist durch die mehrmalige Zerstörung der Stadt, der modernen Überbauung und der Anlage von Weingärten stark verändert worden.
Die natürlichen Gegebenheiten vor Ort sind hervorragend zur Anlage einer Höhenfestung geeignet. Der ca. 45 m hohe Münsterberg, auf dem das spätantike Kastell stand, ist ein über zwei Kilometer langer, an der West-, Ost- und Südseite steil aufragender Basaltfelsen. Lediglich die Nordseite fällt sanft zur Rheinebene ab und bot die einzige Zugangsmöglichkeit zu seinem Plateau. In der Antike wurde er noch an allen Seiten von zwei Rheinarmen umflossen. Liutprand von Pavia berichtet, dass der Münsterberg auch im 10. Jahrhundert noch wie eine Insel im Rhein lag. Der weitverzweigte Fluss bot zusätzlichen Schutz, da sich sein Verlauf nach jedem größeren Sommerhochwasser änderte. Dies fand erst ein Ende, als Johann Gottfried Tulla im frühen 19. Jahrhundert die Regulierung des Rheins in Angriff nahm.Mundt 2008, S. 319; Zagermann 2009, S. ?.
Name Der antike Name von Breisach dürfte sich aus dem keltischen Personennamen *Brîsios mit Suffix -āko (> -acum) entwickelt haben.Albrecht Greule: Keltische Ortsnamen in Baden-Württemberg. In: Imperium Romanum. Roms Provinzen an Neckar, Rhein und Donau. Stuttgart 2005, S. 82; Pierre-Yves Lambert, La langue gauloise, éditions errance 1994. Nach Albert Dauzat, Charles Rostaing, in Dictionnaire étymologique des noms de lieux en France. Larousse, Paris 1968, und François de Beaurepaire in Les noms des communes et anciennes paroisses de l'Eure. Picard, Paris 1981 haben Brizay (Département Indre-et-Loire, Brisiacum 1050); Brézay und Brézé denselben Ursprung. Mons Brisacus könnte sich auch auf die damalige Insellage des Münsterberges beziehen, bris = brechen bzw. brisinac „Wasserbrecher“ oder „der Felsenberg, an dem sich das Wasser bricht“.
In den antiken Quellen wird der Mons Brisiacus im Itinerarium Antonini (3. Jahrhundert) an drei Stellen erwähnt (Monte Brisiaco), im Codex Theodosianus, Erlass Valentinians I. von 369Codex Theodosianus 6, 35, 8; Reskript vom 30. August 369 . und beim Geographen von Ravenna, der den Ort im 8. Jahrhundert als Brezecha bezeichnet.4, 26 (p. 231, 9 ed. Pinder/Parthey) .
Funktion Nördlich des Mons Brisiacus befand sich in der Spätantike die Grenze zwischen den Provinzen Germania I und Maxima Sequanorum. Entlang dieser Grenze verlief eine wichtige Ost-West-Fernstraße, die aus Richtung Metz kommend die Vogesen überquerte und über Horburg und Argentovaria hier das Rheinufer erreichte. Diese Straße kreuzte sich mit der am linken Rheinufer angelegten, von Nord nach Süd verlaufenden Limesstraße. Zusammen mit den Besatzungen in Argentovaria, Horbourg und der des Kastells auf dem Sponeck sollte die Breisacher Garnison in erster Linie diese Straßen überwachen und instand halten. Zusätzlich spielte der Rhein zur damaligen Zeit als Verkehrsweg eine große Rolle. Aufgrund seiner herausgehobenen Lage direkt am Strom kontrollierte die Kastellbesatzung wohl auch den Schiffsverkehr. Vermutlich existierte bei Breisach auch eine Rheinbrücke.Zagermann 2008, S. 165–183.
Forschungsgeschichte Gut erforscht ist nur das Areal zwischen dem Münster und dem Rathaus, das sind etwa 15 % des Münsterbergplateaus. Zahlreiche Kleinfunde zeugen von einem teilweise wohl luxuriösen Lebensstil seiner Bewohner. Die ersten bekannt gewordenen Bodenfunde kamen vor 200 Jahren ans Tageslicht. In der Nähe des Radbrunnens kam 1891 ein Hortfund aus römischen Kupfermünzen zum Vorschein. Im frühen 20. Jahrhundert erforschte der Prähistoriker Karl Gutmann die römischen Straßen rund um Breisach. 1914 kamen zwischen Amtsgericht und Pfarrhof römische Gefäßscherben ans Tageslicht, die aber – ohne sie vorher gründlich untersucht zu haben – mit dem Bauschutt kurzerhand wieder entsorgt wurden. Als einer der wenigen früheisenzeitlichen „Fürstensitze“ nördlich der Alpen wurde das Plateau ab den 1930er Jahren punktuell ergraben und erbrachte eine Vielzahl an Besiedlungsbefunden. Zwischen 1937 und 1938 suchte Rolf Nierhaus erstmals systematisch und nach wissenschaftlichen Methoden nach dem Kastell. In den Jahren 1969 und 1975 untersuchten Gerhard Fingerlin (Landesdenkmalamt) und Hans Bender den Fundplatz. Die zwei bisher größten Grabungskampagnen fanden zwischen 1980 und 1986 im Bereich der Kapuzinergasse und bei Bauarbeiten zur Erweiterung des Rathauses statt. Dabei konnten eine Vielzahl an späthallstatt- bzw. frühlatènezeitlichen und römischen Funden dokumentiert und ausgewertet werden. Von den etwa 1000 kg Fundmaterial aus insgesamt 127 Gruben und weiteren sonstigen Siedlungsstrukturen hatten die Keramikartefakte den größten Anteil. Bei den römerzeitlichen Funden handelt es sich vor allem um Importe aus den Provinzen des Mittelmeerraumes. 2005 bis 2007 gruben Hans Ulrich Nuber und Marcus Zagermann (Abteilung Provinzialrömische Archäologie der Universität Freiburg) auf dem Münsterberg.Haselier 1969, S. 24–40.
Entwicklung Breisach kann auf eine sehr lange Siedlungsgeschichte zurückblicken. Die ersten menschlichen Spuren auf dem Plateau des Münsterberges reichen über 3000 Jahre bis in die Jungsteinzeit zurück. Für die Zeit um 1200 v. Chr. konnte eine größere Siedlung und Keramikfragmente der Urnenfelderkultur nachgewiesen werden. Während der keltischen Herrschaft über dieses Gebiet befand sich dort ein Fürstensitz der Sequaner, dessen Handelskontakte bis in den Mittelmeerraum reichten.
Zeitenwende bis 3. Jahrhundert Die Region um Breisach zählte wahrscheinlich schon seit 58 v. Chr. zum römischen Einflussgebiet, als Gaius Iulius Caesar die Germanen unter Ariovist bei Mühlhausen vernichtend schlug und sie aus dem Elsass vertrieb. Ab 15 v. Chr. wurden Rhein und Donau nach dem Alpenfeldzug des Augustus zur neuen Reichsgrenze.
Nach Aufgabe des obergermanisch-rätischen Limes zogen sich die Römer wieder hinter ihre alten Grenzen an Rhein und Donau zurück. Die Ufer des Oberrheins waren zur damaligen Zeit von dichten Auwäldern bedeckt und der Strom selbst verzweigte sich in mehrere, ständig ihren Lauf ändernden Nebenarme. Um die neue alte Grenze wirksam zu sichern, musste hier wieder eine Vielzahl an militärischen Einrichtungen und der dazugehörigen Infrastruktur aufgebaut werden. Eines davon war das Kastell auf dem Münsterberg. Bis dahin hatte der Mons Brisiacus bei der Grenzverteidigung noch keine nennenswerte Rolle gespielt. Spuren einer zivilen Besiedlung während der frühen oder mittleren Kaiserzeit konnten ebenfalls nicht gefunden werden. Falls es in der Umgebung des Münsterberges eine derartige Siedlung gegeben hat, kann sie nur regional von Bedeutung gewesen sein. Nach den ersten großen Alamanneneinfällen um 260, errichteten die Römer auf dem leicht zu verteidigenden Plateau zunächst nur eine provisorische Befestigung.
4. bis 5. Jahrhundert Unter Konstantin I. wurde sie in der ersten Hälfte des 4. Jahrhunderts zu einem größeren Kastell ausgebaut. In der Mitte des 4. Jahrhunderts brannten es die Alamannen nieder, es wurde danach aber rasch wieder instand gesetzt. Im späten 4. Jahrhundert war eine umfassende Reorganisation und Verstärkung der Grenzverteidigung notwendig geworden, da die Alamannen unter ihrem Heerführer Rando 368 sogar die Provinzhauptstadt der Germania I, Mogontiacum, überfallen und ausgeplündert hatten.
Dies erfolgte durch den Neubau und der Verstärkung von Wachtürmen (am Hochrhein), kleinen burgi und Kastellen unter Kaiser Valentinian I. (364–375 n. Chr.) Auch der Umbau des konstantinischen Kastells, von wo aus der Herrscher des westlichen Reichsteiles im Jahr 369 vermutlich persönlich die Baumaßnahmen an diesem Limesabschnitt organisierte, erfolgte zu dieser Zeit. Um 370 wurden nachgewiesenermaßen in der Provinz Maxima Sequanorum einige Neubauten für den Donau-Iller-Rhein-Limes in Angriff genommen, so z. B. in Koblenz und Etzgen im Aargau (zwei Wachtürme mit Bauinschriften, und .) Aegerten-Isel und Aegerten-Bürglein (AG). Aus dem Geschichtswerk des Ammianus Marcellinus geht hervor, dass Valentinian mit großen persönlichen Einsatz die Baumaßnahmen am Rheinlimes überwachte.Ammianus Marcellinus 28, 2, 1-4. Infolgedessen kann Breisach als einziger Römerort in Baden-Württemberg einen sicher belegten Aufenthalt eines der bedeutendsten Kaiser der Spätantike für sich in Anspruch nehmen. Als Valentinian für wenige Tage am Mons Brisiacus sein Hauptquartier aufschlug, avancierte das Kastell zum Residenz und Verwaltungssitz und somit zum Mittelpunkt des weströmischen Reiches. Von hier aus erließ Valentinian am 30. August 369 ein an den Prätorianerpräfekt Sextus Petronius Probus gerichtetes Reskript (Rückantwort), in dem er seinen Hofbeamten (palatini) ihre Ruhestandsbezüge in vollem Umfang bestätigte.Codex Theodosianus 6, 35, 8: Ad Probum p(raefectum) p(raetorio): Circa palatinos nostros quies illibata permaneat quo intellegant cuncti nec officia impunitum habere nec iudices si inquietentur hi quibus post documenta fidelis obsequii subnostris acta tranquillitas. Brisaci III Kalendas Septembris cosulibus Valentiniano nobillissimo puero et Victore. Übersetzung: „Was unsere Hofbeamten anbetrifft, soll ihnen der Ruhestand ungeschmälert erhalten bleiben; es möge daraus jedermann ersehen, dass weder Behörden noch Richter es ungestraft angehen lassen werden, wenn diejenigen behelligt werden, denen unserer Ansicht nach erbrachten Beweisen treuen Gehorsams, die Ruhe in vollem Maß zuteil werden muss. Gegeben zu Breisach, an den III. Kalenden des September, als die Edlen Valentinian und Victor Konsuln waren.“ Offenbar verfügte das Kastell über die nötige Infrastruktur, um einen ganzen Hofstaat versorgen und beherbergen zu können. Heute besteht in der Fachwelt kein Zweifel mehr daran, dass der Kaiser und sein engeres Gefolge (comitatus) im Praetorium untergebracht waren.Zagermann 2008, S. 165–183.
Nach Abzug der römischen Armee und anschließender Besetzung durch die Alamannen in der Zeit nach 400 wurde das Kastell teilweise zerstört. Möglicherweise war es auch Schauplatz einer Episode der Hamelungen- oder Nibelungensage. Zur Zeit Attilas herrschte angeblich ein König namens Amelung von der „Fritaliburg“ aus über die Rheinebene. Um die Mitte des 5. Jahrhunderts gelangte das Kastell vermutlich in den Besitz eines fränkischen Königs.
Nachrömische Zeit