Die De Havilland DH.82B Queen Bee (englisch für Bienenkönigin) ist ein Flugzeugtyp des Herstellers De Havilland Aircraft Company, mit dem hauptsächlich die britische Luftwaffe ab Mitte der 1930er Jahre erstmals in größerem Rahmen funkgesteuerte unbemannte Flugzeuge (Drohnen) zu Übungszwecken einsetzte.

Geschichte Anfang der 1920er Jahre begann das Royal Aircraft Establishment (RAE), die Forschungs- und Entwicklungsinstitution der britischen Streitkräfte für Luftfahrzeuge, sich mit eigenständig fliegenden Flugobjekten zu beschäftigen. Dies umfasste sowohl Systeme, die eine bestimmte Strecke mittels Autopilot zurücklegten, ehe sie ein vorher bestimmtes Ziel erreichten, wie beispielsweise die RAE Larynx, als auch solche, die mittels Funkfernsteuerung gelenkt werden konnten. In den ersten Jahren waren diese Versuche wenig erfolgreich. Ab 1931 wurde dann mit drei auf Fernsteuerung über Funk umgerüsteten Fairey-III-Maschinen des Flugzeugbauers Fairey Aviation Company experimentiert. Diese sollten für Zielübungen der Flugabwehr eingesetzt werden. Während zwei dieser als Fairey Queen bezeichneten Maschinen, gestartet im Januar und April 1932, unmittelbar nach dem Start im Meer versanken, erwies sich die dritte als erstaunlich langlebig und überstand im Januar 1933 einen zweistündigen Beschuss.Kenneth P. Werrell: The evolution of the cruise missile. Air University Press, Maxwell Air Force Base 1985, S. 20. Nach Abschluss dieser Tests erteilte das britische Luftfahrtministerium dem Flugzeugbauer De Havilland den Auftrag, ein kostengünstig zu produzierendes Flugzeug zu entwickeln, basierend einerseits auf der erfolgreich erprobten Fernsteuertechnik und andererseits auf den existierenden De-Havilland-Maschinen, deren Flugeigenschaften man als stabiler und zuverlässiger einstufte als die der Faireys. Insgesamt wurden etwa 400 Maschinen des Typs, der die Baureihenbezeichnung DH.82B erhielt, produziert, die meisten davon zwischen 1935 und 1937 im Stammwerk in Hatfield. Anfang der 1940er Jahre wurden in Lizenz durch Scottish Aviation weitere gebaut, die Produktion dort endete 1944.

Konstruktion De Havilland griff bei der Konstruktion der Maschinen auf Teile aus bereits bestehenden Baureihen zurück. Von der Tiger Moth stammten Fahrwerk, Höhenleitwerk und Flügel, der aus Fichtenholz und Sperrholz aufgebaute Rumpf hingegen von der Moth Major. Neben der leichteren Beschaffbarkeit des Materials spielte eine Rolle, dass die Reste einer im Wasser abgestürzten Maschine aufgrund des Auftriebes nicht so leicht versanken und somit eher geborgen werden konnten. Angetrieben wurde die Maschine durch einen Motor vom Typ Gipsy Major, dessen Vergaser in umgedrehter Richtung montiert wurde, damit er mit der hohen Beschleunigung beim Katapultstart besser zurechtkam.

Der vordere Pilotensitz war mit den regulären Steuerungsgerätschaften ausgerichtet; somit konnte die Maschine für Test- und Überführungszwecke regulär geflogen werden. Der hintere Pilotensitz war abgedeckt, hier befand sich das Empfangsgerät für die Funksteuerung. Die Weitergabe der eingehenden Funkimpulse in Form eines Morsecodes erfolgte als elektrisches Signal an ein Relais, das einen Druckluftstoß freigab, der auf ein Gyroskop wirkte. Die Veränderung der Präzession öffnete ein Ventil zu einem pneumatischen Servomotor, dessen Kolben über eine mechanische Verbindung das jeweilige Ruder bewegte. Den benötigten Luftdruck lieferte ein am Rumpf der Maschine angebrachtes Windrad.

mini|Die Airspeed Queen Wasp Die Steuerung vom Boden beziehungsweise vom Schiff aus erfolgte über eine Schalttafel mit sieben Druckschaltern für sieben unterschiedliche Befehle. Zusätzlich konnten mit einem Kippschalter die Navigationslichter an- oder ausgeschaltet werden. Als Backup, im Falle eines Versagens der Drucktasten, konnten alle Steuerbefehle auch über eine Wählscheibe an die Maschine gesendet werden.Briefing File – DH Queen Bee. In: Aeroplane Monthly. November 2017, S. 88 f. Die Queen Bee besaß auch eine automatische Notsteuerung für den Fall, dass der Funkkontakt verloren ging.

Von einem Nachfolgemodell namens Airspeed Queen Wasp (englisch für Wespenkönigin) wurden 1939 fünf Prototypen gebaut und auch getestet. Zur Serienfertigung kam es infolge des Beginns des Zweiten Weltkrieges nicht mehr.Watchet and the Military auf der Website des Watchet Museums, abgerufen am 19. Dezember 2024 (englisch).

Einsatz miniatur|Premier Churchill und Verteidigungsminister Margesson bei Startvorbereitungen, Juni 1941 Der Jungfernflug einer Queen Bee, allerdings noch von einem Piloten geflogen, fand am 5. Januar 1935 statt; die ersten ferngesteuerten Flugversuche erfolgten im Juni 1935 von Bord des Kriegsschiffes HMS Orion.Gary Coleman: Drone Development. The British got There First. In: Friends Journal, Summer 2011, S. 18–21 (Beitrag in der Zeitschrift des Fördervereins des National Museum of the United States Air Force; online verfügbar als Flash-Datei). Der Abschnitt zur Queen Bee findet sich auch als Textbeitrag hier in einem Beitrag in einem Fliegerforum vom 11. Juni 2012, abgerufen am 9. März 2014 (englisch). Am 26. Juni 1935 fand mit der siebten Serienmaschine (RAF-Seriennummer K4227) eine Demonstration der unbemannten Flugmanöver in Farnborough statt.A. J. Jackson: De Havilland Aircraft since 1909. 3. Auflage, Putnam, London 1978, ISBN 0-87021-896-4, S. 318.

Während ein kleinerer Teil der Flugzeuge der britischen Marine zugeteilt wurde, verblieb der Rest bei der Luftwaffe. Diese stationierte sie an einem zentralen Stützpunkt, wo sie auch in der Winterzeit verblieben. In der übrigen Jahreszeit wurden kleinere Gruppen zu verschiedenen Flugplätzen in England verbracht, beispielsweise nach Cleave, Henlow, Hawkinge and Weyborne oder Doniford, von wo aus sie zur Abhaltung von Schießübungen für benachbarte Flugabwehreinheiten starteten. Die Einheiten erhielten Buchstabenbezeichnungen, die Stationierungen wurden als „Summer Camps“ bezeichnet. Organisatorisch firmierte die Truppe von April 1938 bis 1942 als No 1 Anti-Aircraft Co-operation Unit, mit Hauptstandort am Militärflugplatz Farnborough, ab da bis zu ihrer Auflösung im März 1946 als Pilotless Aircraft Unit am Militärflugplatz von Manorbier in Pembrokeshire an der Südwestküste von Wales.

Verbleib mini|Die G-BLUZ von hinten Bei Kriegsende war die Mehrzahl der Maschinen, bedingt durch ihren Einsatzzweck als Zielobjekt bei Schießübungen, zerstört. Dies galt insbesondere für die von de Havilland direkt gefertigte Originalserie. Von diesen Maschinen waren zu Jahresbeginn 1945 sechs Stück übrig, von denen vier in der Folge noch verkauft werden konnten; die beiden anderen wurden abgewrackt. Besser sah es bei den Lizenzbauten aus, die erst wesentlich später zum Einsatz gekommen waren. Hier hatten zum genannten Zeitpunkt erst deren fünf aus den Listen gestrichen werden müssen, von den restlichen konnte der weit überwiegende Teil noch verkauft werden.

Drei Exemplare existieren heute noch, zumindest in Teilen. Die einzige noch flugfähig vorhandene Maschine des Typs entstammt der schottischen Lizenzserie. Gebaut wurde sie 1944 bei H. Morris & Co in Glasgow, einem holzverarbeitenden Betrieb, der für das Militär unter anderem Munitionskisten und Gewehrschäfte herstellte. Bei Kriegsende war sie in Manorbier stationiert und kam in der Folgezeit in privaten Besitz. Seit 1995 gehört sie einer fünfköpfigen Gruppe von Fliegern, welche unter dem Namen The Beekepers firmieren. Sie ist heute auf dem Flughafen Henlow in Bedfordshire beheimatet. Gebaut unter der Produktionsnummer LF858, trägt sie heute das Luftfahrzeugkennzeichen G-BLUZ.

mini|Der Rumpf der Maschine im De Havilland Aircraft Museum Im privaten De Havilland Aircraft Museum in London Colney südöstlich von St Albans ist der Rumpf einer zweiten Maschine ausgestellt, ebenfalls in Schottland gebaut und mit der Produktionsnummer LF789. Dort ist auch ein Exemplar der Schalttafel ausgestellt, mit der vom Boden aus gesendet wurde. Das dritte Exemplar befindet sich im Luftfahrtmuseum von Port Townsend. Es diente nach dem Krieg als fliegende Kameraplattform, unter anderem für Wochenschauaufnahmen von Pathé News sowie für Spielfilme, darunter The Spirit of St. Louis, und soll wieder in einen flugfähigen Zustand versetzt werden.Informationen über das Flugzeug auf der Website des Port Townsend Aero Museums, abgerufen am 10. November 2016 (englisch).

mini|Zwei Abschussrondelle auf dem Weybourne Airfield, Norfolkshire Auf einer Reihe der Militärflugplätze, von denen aus die Queen Bee gestartet wurde und die mangels Bedarf bald nach Kriegsende aufgelassen wurden, sind heute noch die runden Betonplatten, auf denen die Katapulte montiert waren, vorhanden.

Weblinks

Dave O’Malley: The Mother of All Drones. Informationen über die Queen Bee und ihre Vorgänger und Nachfolger auf der Website von Vintage Wings of Canada (englisch) Die Queen Bee auf der Website der Kunstflugstaffel Captain Neville’s Flying Circus

Kurzfilm zur Queen Bee auf dem YouTube-Kanal des De Havilland Aircraft Museums Produktionslisten mit Verbleib der Maschinen auf einer Website zur Geschichte der frühen Luftfahrt in Großbritannien Filmaufnahme von Schießübungen, British Pathé News 1939

Literatur Robin Braithwaite: The Queen of Bees. In: Light Aviation. Juni 2012, S. 50–53 (PDF-Datei, 3,5 MB). A. J. Jackson: De Havilland Aircraft since 1909. 3. Auflage, Putnam, London 1978, ISBN 0-87021-896-4, S. 318–321. Kenneth P. Werrell: The evolution of the cruise missile. Air University Press, Maxwell Air Force Base 1985 (PDF). Richard K. Barnhart, Stephen B. Hottman, Douglas M. Marshall, Eric Shappee (Hrsg.): Introduction to unmanned aircraft systems. CRC Press, Boca Raton/London/New York 2012, ISBN 978-1-4398-3520-3.

Einzelnachweise

Kategorie:De Havilland Kategorie:Einmotoriges Flugzeug mit Kolbenmotor Kategorie:Flugzeugtyp des Zweiten Weltkrieges (Vereinigtes Königreich) Kategorie:Zieldarstellungsdrohne Kategorie:Erstflug 1935