mini|MAN-Stahlhaus Sebastianstraße 29d in Augsburg
Das MAN-Stahlhaus ist ein Fertighaustyp mit Stahlwänden der MAN (Maschinenfabrik Augsburg-Nürnberg) aus den Jahren 1948 bis 1953, von dem etwa 400 Stück gebaut wurden.So lebt es sich im Haus aus U-Boot-Stahl. In: Augsburger Allgemeine, erschienen am 9. Juni 2023, Seite 33.
Geschichte mini|Robert-Koch-Straße 23, Gustavsburg Das MAN-Werk in Ginsheim-Gustavsburg baute in der Nachkriegszeit auf der Suche nach neuen Absatzmärkten für Stahlkonstruktionen ab 1948 Stahlhäuser in Fertigbauweise, basierend auf einem Konzept aus den 1920er Jahren. Das MAN-Stahlhaus wurde auf Anregung des Ingenieurs Heinz Bauer im Stammwerk Augsburg entwickelt und im Werk Mainz-Gustavsburg in Serie produziert.Enrico Santifaller: Highlights – Mittelrhein. (PDF; 2,7 MB)
MAN baute eine Musterhaussiedlung, in der einst die höheren Angestellten wohnten, in der Nähe der Cramer-Klett-Siedlung von Gustavsburg, die im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts im Stil einer Gartenstadt mit historisierenden Elementen errichtet worden war. Zwei verschiedene Varianten wurden dort vorgestellt und sollten in Großserie weltweit exportiert werden. Die Musterhaussiedlung zeigte den Grundtyp mit einer Grundfläche von 8 m × 8 m. Die Produktion wurde nach der Herstellung von rund 400 Häusern 1953 eingestellt.
Baugestaltung mini|Detailaufnahme des Dachgiebels mini|hochkant=0.8|Fenster in Bad Windsheim mini|Bad in Bad Windsheim
Die im MAN-Werk vorgefertigten Wandelemente wurden auf ein gemauertes Fundament gesetzt und mit einer Stahlrahmenkonstruktion verschraubt. Zwischen den äußeren Stahlblechen und den Hartfaserplatten im Inneren befindet sich eine Dämmung mit Glasfasermatten, deren Isolierwert einer 80 cm dicken Ziegelwand gleichgekommen sei, wie es in damaligen Werbebroschüren hieß. Die gegen Korrosion geschützten Stahlwände erhielten auf der Außenseite einen Ölfarbanstrich.
Die architektonische Gestaltung ähnelte äußerlich konventionellen Steingebäuden: Die Lochfassaden mit Satteldächern und die Sprossenfenster mit Klappläden waren „ganz schlicht, aber anheimelnd und bei aller Sachlichkeit etwas für das deutsche Gemüt“, wie es der Architekt Hans Schneider in einer gutachterlichen Stellungnahme im Auftrag der MAN 1949 gefordert hatte.Johannes Kottjé: (PDF; 14,6 MB) Deutsche Verlags-Anstalt München, ISBN 978-3-421-03453-3. Seite 12 der Online-Leseprobe. Der Grundtyp konnte laut Katalog mit unterschiedlichen Dachneigungen bestellt werden. Die Version mit dem steileren Dach bot Raum für ein bewohnbares Dachgeschoss. Da die Dachlast von den Außenwänden getragen wurde, konnten die Innenwände individuell errichtet werden.Ulrich von Mengden: Main-Spitze vom 22. Dezember 2011.
Es gab vier Grundrisstypen: 8 m × 8 m, 8 m × 10 m, 8 m × 13 m und 8 m × 16 m. Die einzelnen Module der Stahlhäuser wurden auf der Baustelle zusammengesetzt. Die rechteckigen Außenwandplatten bestanden aus 1 mm starkem Stahlblech mit einer Größe von 1 m × 2,51 m und wurden hochkant nebeneinandergestellt. Die Innenwände aus Hartfaser- oder Sperrholzplatten waren durch Glasfasermatten von den äußeren Stahlblechen isoliert. Die Dachkonstruktion wurde aus standardisierten Fachwerkträgern mit 8 m Länge gebildet. Der ebenfalls mit Glasfasermatten gedämmte Fußboden bestand aus Nut- und Federbohlen, die auf der modularen Stahlrahmenkonstruktion montiert wurden.Nina Schoel:
Die Fenster waren mit Gegengewichten und herausziehbaren Fliegengittern versehen und konnten zum Öffnen wie in einem Eisenbahnwagen nach unten versenkt werden. Werksmäßig war eine stählerne Installationswand, in der Brauch- und Abwasserleitungen verlaufen, zwischen Küche und Bad eingebaut, mit der Besonderheit, dass die Badewanne des schmalen Badezimmers platzsparend durch die Wand in den Unterschrank der Spüle hineinragte. Wandschränke bildeten die übrigen Innenwände.Rudolf Maria Bergmann: Privates Glück in Serie: Ein Fertighaus der Nachkriegszeit im Fränkischen Freilandmuseum Bad Windsheim. Bayrische Staatszeitung vom 27. April 2012. Die MAN-Stahlhäuser erwiesen sich aus damaliger Perspektive als qualitativ hochwertig: Aufgrund der guten Wärmedämmung, der feuerverzinkten Bauteile und der eingebrannten Anstriche kam es kaum zu Korrosions- und Kondensationsproblemen.Matthias Ludwig: Mobile Architektur. Stuttgart, Deutsche Verlags-Anstalt, 1998. S. 71.
Kosten Ein Haus mit einfacher Ausstattung kostete etwa 17.400 bis 18.800 DM, was nach heutiger Währung inflationsbereinigt zwischen und Euro entspräche. Das war im Vergleich zu anderen Fertighäusern, die schon ab 3.500 DM ( Euro) angeboten wurden, vergleichsweise teuer. Inklusive Sonderausstattungen wie Einbauküche, Badezimmereinrichtung und Warmwasser-Zentralheizung kostete das MAN-Stahlhaus schlüsselfertig schnell rund 30.000 DM ( Euro).
Erhaltene Gebäude In Deutschland gibt es noch etwa 40 MAN-Stahlhäuser, deren Außenwände wegen der Korrosion gelegentlich sandgestrahlt und neu lackiert werden müssen.Achim Bergmann: Wer im Stahlhaus sitzt, hat’s gemütlich: Zu Besuch bei einer Nürnberger Familie – Museum hat nun ein MAN-Gebäude. 21. September 2011.
In Ginsheim-Gustavsburg befindet sich in der Robert-Koch-Straße 17, 19, 21 und 23, Nürnberger Straße 20 und 22 sowie Müngstener Straße 4, 6, 8 und 10 ein bauhistorisch bedeutsames Ensemble mit zehn denkmalgeschützten, heute noch bewohnten MAN-Stahlhäusern, inklusive zwei Doppelhaushälften. Die zwei kleinsten haben jeweils eine Grundfläche von 64 m², die anderen sind größer. Alle dürfen laut einem Konzept der Denkmalbehörde, im Einklang mit dem hessischen Denkmalschutzgesetz, mit modernen Erweiterungsbauten versehen werden. Die historische Bausubstanz und zeitgenössische Architektur müssen dabei erkennbar nebeneinandergestellt werden. Die zehn Häuser sind Bestandteil der Route der Industriekultur Rhein-Main Mainspitze.
Vier Häuser sind in Augsburg-Oberhausen erhalten. Sie befinden sich in der Sebastianstraße 29d, e, f und i unweit der MAN-Werksgelände im Stadtbezirk Rechts der Wertach. Ein weiteres MAN-Stahlhaus steht in der Bergstraße 9 von Stadtbergen-Leitershofen.
Ein MAN-Stahlhaus von 1948 wurde 2011 vom mittelfränkischen Wendelstein-Nerreth bei Nürnberg in das Fränkische Freilandmuseum Bad Windsheim transloziert.Michael Scheffold: Ein Stahlhaus im Museum. In: Stahlmarkt Nr. 12 2008. Düsseldorf 2008, S. 63f. Es zählt zu den 100 Heimatschätzen Bayerns.
In Nürnberg-Laufamholz sind drei Häuser des Baujahres 1951 erhalten, die als Baudenkmäler in der Bayerischen Denkmalliste ausgewiesen sind. Sie befinden sich in der Laufamholzstraße 197, 199 und 201, zwei ähnliche Häuser aus dem Jahr 1952, ebenfalls Baudenkmäler, stehen in der Bothmerstraße 43 und 45 in Nürnberg-Mögeldorf. Ein weiteres denkmalgeschütztes Haus des Baujahres 1951 steht nicht weit entfernt, am Tannenweg 28 in Schwaig bei Nürnberg. Ein Stahlhaus steht noch in Düsseldorf-Kaiserswerth.
Ein Stahlhaus steht in Bergisch Gladbach-Frankenforst und wurde 2019 unter Denkmalschutz gestellt.
In der Mainzer Oberstadt gab es vier MAN-Stahlhäuser, wovon noch drei An der Goldgrube 33, 35 und 43 erhalten sind (Stand: 2013). Ein MAN-Stahlhaus mit niedrigem Dach steht in der Liebermannstraße 12 in Köln-Müngersdorf. Ein weiteres denkmalgeschütztes Haus befindet sich in der Friedrich-Ebert-Straße 75 in Oppenheim. Ebenso in Undenheim steht ein unter Denkmalschutz stehendes MAN-Stahlhaus.
Zwei denkmalgeschützte und bewohnte MAN-Stahlhäuser aus dem Jahr 1951 befinden sich in Karlsruhe an der Langen Straße 169 und Edelsheimstraße 7a.
In Stuttgart-Sillenbuch stand in der Oberwiesenstraße 8 ein bis Mitte 2016 vom Abriss bedrohtes Man-Stahlhaus (Grundrisstyp: 8 m × 16 m) , dessen Kulturdenkmal-Eigenschaft erst geprüft und festgestellt wurde, als der Verkauf des Grundstücks, die Neubauplanung und die Finanzierung bereits in die Wege geleitet waren. Mit Unterstützung des Landes Baden-Württemberg konnte dennoch eine Lösung zur Erhaltung des Kulturdenkmales und seiner öffentlichen Nutzung gefunden werden: Nach einer Translozierung auf das Gelände des Hohenloher Freilandmuseums in Schwäbisch Hall-Wackershofen 2017 und damit einhergehend einer Sanierung, Restaurierung und Konservierung aller Gebäudeteile präsentiert es seit 2019 als öffentlich zugängliches Museumsgebäude den „Traum vom Wohnen 1952“.Bauforschung Baden-Württemberg: Stuttgart, Oberwiesenstraße 8Eveline Blohmer: Bauvorhaben in Sillenbuch: Kritik an Neubau von zwei Seiten. Stuttgarter Nachrichten, 7. April 2016.
In Hannover stehen das MAN-Stahlhaus in Groß Buchholz und das MAN-Stahlhaus in Kirchrode. Ein Prototyp des MAN-Stahlhauses wurde 1948 auf der Hannover-Messe vorgestellt.Gabi Stief: Am Groß-Buchholzer Kirchweg: Wie wohnt es sich in einem Haus aus Stahl? in Hannoversche Allgemeine Zeitung vom 20. Oktober 2024
In Hamburg-Volksdorf steht im Waldredder 1 ein denkmalgeschütztes MAN-Stahlhaus aus dem Jahr 1951.Exposé auf der Website von Engel & Völkers Hamburg, abgerufen am 2. Juni 2026
Siehe auch Stahlhaus (Dessau) Düsseldorfer Stahlhaus-Siedlungen Hoesch-Bungalow Kupferhaus Centre Le Corbusier
Literatur Michael Bermeitinger: Ein Abenteuer aus Stahl – Ende der 40er produzierte das Werk Gustavsburg Fertighäuser in Allgemeine Zeitung Mainz, S. 14 vom 25. Juli 2018
Weblinks
Webseite eines MAN-Stahlhaus-Besitzers in Mainz (Goldgrube 43)
Einzelnachweise
Kategorie:Stahl Kategorie:Bauwerk aus Metall Kategorie:MAN Kategorie:Typenbau