mini|Marmorbüste der Kleopatra II. (oder III.) im Louvre Kleopatra II. (; * um 185 v. Chr.; † 116 oder 115 v. Chr.) war eine ägyptische Königin aus der Dynastie der Ptolemäer. In ihrer Jugend erlebte sie den erst auf römische Intervention beendeten Einfall des seleukidischen Königs Antiochos IV. in Ägypten. Von 163 bis 145 v. Chr. regierte sie gemeinsam mit ihrem Brudergemahl Ptolemaios VI. bis zu dessen Tod. Danach heiratete sie ihren zweiten Bruder Ptolemaios VIII., der 141 v. Chr. auch ihre Tochter Kleopatra III. zur Gattin nahm und neben ihr zur zweiten Königin erhob. 132 v. Chr. zettelte sie einen Aufstand gegen ihren Bruder an, unterlag aber und musste etwa 128 v. Chr. nach Syrien flüchten. Nach einer Aussöhnung herrschte sie seit 124 v. Chr. wieder zusammen mit ihrem Bruder und ihrer Tochter über Ägypten. Nach dem Tod Ptolemaios’ VIII. (116 v. Chr.) übernahm sie mit Kleopatra III. und deren Sohn Ptolemaios IX. die Regierung, starb aber bald darauf.
Geschwisterheirat mit Ptolemaios VI. und Rolle im Sechsten Syrischen Krieg Kleopatra II. war die Tochter des Ptolemaios V. und seiner Gattin Kleopatra I. Nach dem Tod Ptolemaios’ V. (180 v. Chr.) übernahm die Königinwitwe Kleopatra I. die Vormundschaftsregierung für ihren ältesten Sohn Ptolemaios VI. Als sie wohl Anfang 176 v. Chr. starb, führten zwei Höflinge, der ehemalige syrische Sklave Lenaios und der Eunuch Eulaios, die Regentschaft für den unmündigen Ptolemaios VI. Bald wurde Kleopatra II. als basílissa („Königin“) bezeichnet und wohl noch vor dem 15. April 175 v. Chr. mit Ptolemaios VI. in Geschwisterehe vermählt, da für dieses Datum erstmals ihre Einbeziehung in den dynastischen Kult ihres Bruders bezeugt ist. Ihr gemeinsamer Kulttitel lautete theoí Philomḗtōres („mutterliebende Götter“).Huß, 2001, S. 540f.; Hölbl, 1994, S. 128f.
Ohne ausreichende militärische Vorbereitung entwarfen Lenaios und Eulaios den Plan einer Wiedereroberung Koilesyriens, so dass sich seit Ende der 170er Jahre v. Chr. der Ausbruch des Sechsten Syrischen Kriegs zwischen Ägypten und dem Seleukidenreich abzeichnete. Vielleicht zur propagandistischen Unterstützung ihres Vorhabens oder als Zugeständnis an einen rivalisierenden Machtblock bei Hof ließen die beiden Reichsverweser auch Ptolemaios VIII. 170 v. Chr. an der Regierung seiner Geschwister teilnehmen. Nun waren Kleopatra II. und ihre beiden Brüder nominell gleichberechtigte Herrscher und alle drei zusammen in den Kult der theoí Philomḗtōres eingeschlossen. Das erste Jahr ihrer neuen Samtherrschaft wurde – wie aus Datierungen von Papyri ersichtlich ist – im Oktober oder November 170 v. Chr. mit dem 12. Regierungsjahr von Ptolemaios VI. gleichgesetzt. Aber bereits etwa Anfang 169 v. Chr. erfolgte die Mündigkeitserklärung Ptolemaios’ VI., der ab nun im Gegensatz zu seinen Geschwistern zumindest formell selbständig regieren konnte.Huß, 2001, S. 545f.; Hölbl, 1994, S. 130.
169 v. Chr. drang der Seleukidenkönig Antiochos IV. siegreich in Ägypten ein. Dieser militärische Fehlschlag für die Ptolemäer führte zum Sturz von Lenaios und Eulaios. Neue führende Persönlichkeiten wurden Komanos und Kineas, die nun Ptolemaios VI. maßgeblich berieten. Letzterer reiste nach Friedensvermittlungen zu seinem Onkel Antiochos IV. und handelte mit ihm einen Vertrag bislang unbekannten Inhalts aus. Die Alexandriner akzeptierten diese Abmachung nicht und erhoben in einem Staatsstreich Ptolemaios VIII. zum (Gegen-)König, wobei die in Alexandria verbliebene Kleopatra II. ihre Stellung als Königin behielt. Nach einem erfolglosen Angriff auf Alexandria kehrte der Seleukidenherrscher im Herbst 169 v. Chr. nach Syrien zurück, woraufhin Ptolemaios VI. sich mit Unterstützung seiner Schwestergemahlin Kleopatra II. mit seinem jüngeren Bruder (bzw. mit der hinter Ptolemaios VIII. stehenden Fraktion) aussöhnte. Damit begann erneut die Dreierregierung. Im nächsten Jahr rückte Antiochos IV. wieder gegen Alexandria vor, als sich die aufstrebende Weltmacht Rom, die gerade den Dritten Makedonisch-Römischen Krieg gewonnen hatte, in den Konflikt einschaltete. Auf das Ultimatum des Gaius Popillius Laenas musste der Seleukidenkönig im Juli 168 v. Chr. aus Ägypten abziehen.Huß, 2001, S. 547–559; Hölbl, 1994, S. 130–134.
Herrschaft mit Ptolemaios VI. Die Dreierherrschaft von Kleopatra II. und ihren beiden Brüdern bestand bis zum Herbst 164 v. Chr., als es zu Streitigkeiten zwischen Ptolemaios VI. und seinem jüngeren Bruder kam. Schließlich musste Ptolemaios VI. flüchten und ging nach Rom, wo er sich Unterstützung erhoffte, und anschließend nach Zypern. Auf diese Insel begab sich vielleicht auch Kleopatra II., da Zypern wohl weiterhin unter der Kontrolle Ptolemaios’ VI. stand und Ptolemaios VIII. 164/163 v. Chr. in Alexandria nach Ausweis der Papyri eine Alleinregierung ohne seine Schwester führte. Nachdem Ptolemaios VI. im Juli oder August 163 v. Chr. wieder die Herrschaft über Ägypten übernehmen konnte, überließ er seinem jüngeren Bruder Kyrene und regierte ab nun bis zu seinem Tod (145 v. Chr.) zusammen mit Kleopatra II. über das restliche Reich. Dies war die erste offizielle Gemeinschaftsregierung eines ptolemäischen Königspaares. Zur Feier des Neujahrsfestes begleitete Kleopatra II. ihren Brudergemahl anscheinend im Oktober 163 v. Chr. nach Memphis.Huß, 2001, S. 567ff.; Hölbl, 1994, S. 159f.
Gemeinsam mit ihrem Gatten begünstigte Kleopatra II. Ende der 160er Jahre v. Chr. die Ansiedlung des vertriebenen jüdischen Hohepriestersohns Onias IV. und seiner zahlreichen Anhänger in Leontopolis, wo sie auch einen Jahwe-Tempel erbauen durften.Flavius Josephus, Jüdische Altertümer 12,387f.; 13,63f.; 13,69f.; 20,236 Indessen blieben Spannungen zwischen Ptolemaios VI. und seinem jüngeren Bruder nicht aus, doch konnte Ptolemaios VIII. auch nach mehreren Versuchen Zypern nicht erobern.
Kleopatra II. gebar ihrem Brudergemahl Ptolemaios VI. wenigstens vier Kinder: Ptolemaios Eupator (* um 166 v. Chr., † 152 v. Chr.), kurzzeitig Mitregent seines Vaters Ptolemaios VI. Kleopatra Thea (* um 165 v. Chr., † 121 v. Chr.), heiratete zuerst Alexander I. Balas, dann den Seleukiden Demetrios II. Nikator und schließlich dessen Bruder Antiochos VII. Sidetes Kleopatra III. (* um 160/155 v. Chr., † 101 v. Chr.), Gattin ihres Onkels Ptolemaios VIII. Ptolemaios VII. (vor 152 v. Chr.; † vermutlich 143/142 oder 130 v. Chr.), wurde von seinem Onkel Ptolemaios VIII. beseitigt.
Machtergreifung durch Ptolemaios VIII. Die im 20. Jahrhundert häufig vertretene Theorie, dass Kleopatra II. nach dem Tod ihres Ehemanns (etwa Anfang Juli 145 v. Chr.) kurzzeitig als Regentin für ihren Sohn Ptolemaios VII. bis zur Machtergreifung ihres Bruders Ptolemaios VIII. fungiert habe, wird von der Forschung seit Anfang der 1990er Jahre mehrheitlich für falsch gehalten. Zwar gilt es nach der Veröffentlichung eines neuen Papyrus (1997)B. Kramer u. a. (Hrsg.): Kölner Papyri. VIII 350. und dessen Interpretation durch M. Chauveau (2000) als einigermaßen gesichert, dass Ptolemaios VI. bei seinem Tod – wie von mehreren antiken Autoren berichtetDiodor 33,20; Josephus, Contra Apionem 2,5,51; Iustinus, Historiarum Philippicarum libri XLIV 38,8,3f.; Orosius, Historiae adversum Paganos 5,10,7 – einen lebenden jüngeren Sohn hinterließ, doch war dessen Einreihung als Ptolemaios VII. unter die Pharaonen aufgrund der ihm zugeschriebenen kurzen Mitregentschaft 145/144 v. Chr. wohl unrichtig.Hölbl, 1994, S. 169.
Laut dem Historiker Iustinus riefen alexandrinische Gesandte nach dem Tod Ptolemaios’ VI. dessen jüngeren Bruder aus Kyrene herbei und boten ihm die Krone Ägyptens und die Hand seiner Schwester an.Iustinus, Historiarum Philippicarum libri XLIV 38,8,2 Die anscheinend von einflussreichen Hofleuten gestützte Kleopatra II. war darüber offenbar wenig erfreut. Der jüdische Geschichtsschreiber Flavius Josephus berichtet, dass die Alexandriner Krieg gegen Kleopatra II. geführt hätten, der durch die Vermittlung der jüdischen Feldherren Onias und Dositheos habe beigelegt werden können; ferner, dass Ptolemaios VIII. nach dem Tod seines älteren Bruders von Kyrene gekommen sei und Kleopatra II. und deren Söhne habe vertreiben wollen, weshalb er von dem für Kleopatra II. eintretenden Onias und dessen Truppen bekriegt worden sei. Zu diesem Zeitpunkt habe sich der römische Gesandte Lucius Minucius Thermus in Alexandria aufgehalten.Josephus, Contra Apionem 2,5,49–53 (englische Übersetzung) Der Bericht des IustinusIustinus, Historiarum Philippicarum libri XLIV 38,8,3 widerspricht der Behauptung, dass im Zuge des Machtwechsels in Ägypten größere Kampfhandlungen ausbrachen; und nach papyrologischen Zeugnissen übernahm Ptolemaios VIII. sehr rasch, nur wenige Wochen nach dem Tod seines Bruders, in Alexandria die Herrschaft. Möglicherweise hat Josephus Ereignisse, die sich während der Machtergreifung Ptolemaios’ VIII. 145 v. Chr. abspielten, mit solchen während der Eroberung Alexandrias durch Ptolemaios VIII. 127/126 v. Chr. vermischt.
Jedenfalls kam es bald nach dem Machtwechsel zwischen den Konfliktparteien zu der Einigung, dass Ptolemaios VIII. seine Schwester Kleopatra II. ehelichte und zur offiziellen Mitherrscherin nahm (145/144 v. Chr.). Er schloss sie wohl zu dem Zeitpunkt, als er sie heiratete, auch in seinen Kult der theoí Euergétai („wohltätige Götter“) ein. In Tempelreliefs wurde sie als gleichberechtigte Herrscherin neben dem König dargestellt.Huß, 2001, S. 600 mit Anmerkung 22.; Hölbl, 1994, S. 172.
Nach Iustinus hätte Ptolemaios VIII. am Hochzeitstag mit Kleopatra II. seinen Neffen Ptolemaios VII. in den Armen von dessen Mutter umgebracht, wie er schon vorher erbarmungslos gegen dessen Unterstützer vorgegangen sei.Iustinus, Historiarum Philippicarum libri XLIV 38,8,3f.; vgl. Orosius, Historiae adversum Paganos 5,10,6f. und Josephus, Contra Apionem 2,5,51 Das oben erwähnte neu veröffentlichte Papyrus scheint aber zu belegen, dass Ptolemaios VIII. seinen Neffen anfangs als Thronerben anerkannte und frühestens 143/142 v. Chr. ermorden ließ.
Erste Regierung mit Ptolemaios VIII. und Kleopatra III. 144 oder 143 v. Chr. gebar Kleopatra II. ihrem Brudergemahl zur Zeit von dessen Krönung in Memphis einen Sohn, der nach seinem Geburtsort Ptolemaios Memphites genannt wurde.Diodor, Bibliothḗkē historikḗ 33,13 In der zweiten Jahreshälfte 142 v. Chr. reiste das Königspaar vermutlich gemeinsam durch Oberägypten und wohnte u. a. der Gründung des Hathor-Tempels von Dendera und der Einweihung des Horus-Tempels von Edfu bei.Huß, 2001, S. 605.
Zwischen Mai 141 und Jänner 140 v. Chr. nahm Ptolemaios VIII. die jüngere Tochter seiner Schwester aus deren erster Ehe, Kleopatra III., zur weiteren Gemahlin und machte sie neben ihrer Mutter zur zweiten Königin.Iustinus, Historiarum Philippicarum libri XLIV 38,8,5; Valerius Maximus, Factorum et dictorum memorabilium libri IX 9,1, ext. 5; Livius, periochae 59; Orosius, Historiae adversum Paganos 5,10,6 Möglicherweise spielte bei diesem – seine Schwester sicher verletzenden – Schritt Liebe, vielleicht aber auch die Erwägung eine Rolle, dass Kleopatra II. sich bald jenseits des gebärfähigen Alters befand und daher nicht mehr für weiteren Nachwuchs zwecks besserer Sicherung der Thronfolge sorgen konnte.Huß, 2001, S. 606. Vielfach wird eine Doppelehe Ptolemaios’ VIII. mit Kleopatra II. und deren Tochter angenommen,So etwa Huß, 2001, S. 606; Hölbl, 1994, S. 173. doch manche Forscher (etwa Christopher Bennett) glauben, dass der König sich vor seiner Hochzeit mit Kleopatra III. von seiner Schwester scheiden ließ. In der nunmehrigen Dreierregierung, in der Spannungen zwischen Mutter und Tochter vorhersehbar waren, erhielt Kleopatra II. in Papyrusurkunden den Beinamen adelphḗ („Schwester“), Kleopatra III. den Beinamen gynḗ („Gattin“).