Der feurige Engel (russisch: Огненный ангел, Ognenny angel) ist eine Oper in fünf Akten und sieben Bildern von Sergei Prokofjew. Das russische Libretto verfasste Prokofjew selbst. Literarische Grundlage ist der gleichnamige Roman Der feurige Engel (1908) von Waleri Jakowlewitsch Brjussow. Am 14. Juni 1928 wurden Teile des zweiten Akts in der Salle Pleyel in Paris gespielt. Das gesamte Werk wurde erst postum konzertant am 25. November 1954 in französischer Sprache unter dem Titel L’ange de feu im Théâtre des Champs-Élysées (Paris) aufgeführt. Die szenische Uraufführung fand am 14. September 1955 in italienischer Sprache unter dem Titel L’angelo di fuoco im Teatro La Fenice in Venedig statt.

Handlung

Kurzfassung

In einem Gasthaus trifft der Ritter Ruprecht eine junge Frau, Renata. Diese erzählt, wie sie in ihrer Kindheit einen feurigen Engel namens Madiel liebte. Mit 16 Jahren begehrte sie nach körperlicher und geistiger Vereinigung, woraufhin er sie verließ. Nachdem Renata erwachsen geworden war, glaubt sie den Engel als menschliche Reinkarnation in der Gestalt des Grafen Heinrich wiedergefunden zu haben. Dieser verlässt sie jedoch nach einem Jahr der Liebe und des Glücks für Renata, woraufhin sie von Albträumen gepeinigt wird. Der in Renata verliebte Ruprecht erklärt sich bereit, ihr bei der Suche nach Heinrich zu helfen. Eine Wahrsagerin wird gerufen, doch sie hat keinen Erfolg. Dann wendet sich Ruprecht an den Philosophen und Magier Agrippa. Heinrich erscheint tatsächlich, verschmäht aber Renata wiederum. Daraufhin verlangt Renata von Ruprecht, Heinrich zum Duell zu fordern. Beim Anblick von Heinrich glaubt sie jedoch den feurigen Engel wieder zu erblicken. Im Duell wird Ruprecht verwundet, und Renata gesteht in einer Art Wahn nun ihre Liebe zu Ruprecht, verstößt ihn jedoch bald wieder. Faust und Mephisto, die Zeugen dieses Konfliktes wurden, bieten Ruprecht an, sich ihnen anzuschließen. (Diese Szene mit Faust und Mephisto wird in einigen Inszenierungen gestrichen.) Renata hat sich inzwischen in ein Kloster zurückgezogen, wo man ihr dämonische Besessenheit vorwirft, weil im Kloster nach ihrer Ankunft merkwürdige Dinge geschahen. Mit exorzistischen Handlungen soll sie geheilt werden. Sie selbst und die Nonnen werden jedoch von einer zügellosen Ekstase ergriffen, woraufhin der Inquisitor Renata zum Tode auf dem Scheiterhaufen verurteilt.

Erster Akt

Heruntergekommenes Mansardenzimmer in einer Herberge

Eine Treppe führt vom unteren Stockwerk ins Zimmer. Ihr gegenüber eine vernagelte Tür. Nacht.

Nach seiner Rückkehr aus Amerika lässt sich Ritter Ruprecht von der Wirtin sein Zimmer zeigen. Obwohl es angeblich das beste in der Herberge ist, scheint es ihm schlechter als alles, was er zuvor in Amerika oder Italien kennengelernt hatte. Plötzlich hört er im Nebenzimmer eine Frau schreien, die sich von jemandem verfolgt zu fühlen scheint. Ruprecht bricht die Tür auf und trifft auf die halbbekleidete Renata, die sich in furchtbarer Angst auf ihn stürzt, sich an ihn drückt und gleichzeitig schreckenerregende Visionen abzuwehren versucht. Erst als Ruprecht ein lateinisches Gebet spricht, beruhigt sich Renata. Er trägt sie zum Bett und deckt sie zu. Erstaunlicherweise kennt sie bereits seinen Namen. Sie erzählt ihm ihre Geschichte: Im Alter von acht Jahren wurde sie von einem feurigen Engel namens Madiel besucht, der mit ihr spielte und täglich in unterschiedlichen Gestalten zu ihr kam. Jahre später teilte Madiel ihr mit, dass sie ein asketisches Leben führen müsse, da sie zur Heiligen bestimmt sei. Sie hungerte, ging barfuß, geißelte sich und heilte Kranke. Als sie sich im Alter von 16 Jahren jedoch nach körperlicher Liebe sehnte, verschwand Madiel zornig in Gestalt einer Feuersäule. In ihrer Einsamkeit wünschte sich Renata selbst den Tod. Da erschien ihr Madiel im Traum und versprach, als Mensch wieder zu ihr zurückzukehren. Sie erkannte ihn im Grafen Heinrich, der sie auf ihr Schloss führte und eine Zeitlang glücklich mit ihr lebte. Doch gab er nie zu, Madiel zu sein. Er wurde schwermütig und verließ das Schloss nach einem Jahr. Nach mehreren Monaten gab sie das Warten auf und ging ebenfalls. Seitdem plagen sie nächtliche Visionen.

Die von dem Lärm aufgeschreckte Wirtin kehrt mit einem Knecht zurück, um nach dem Rechten zu sehen. Seit sie Renata, die sie inzwischen für eine Ketzerin und Hure hält, bei sich aufgenommen hat, geschehen merkwürdige Unglücke. Deshalb darf Renata keinen Tag länger hierbleiben. Nachdem Wirtin und Knecht gegangen sind, beschließt Ruprecht, die hübsche Frau für eine Weile auszuhalten, um sich mit ihr zu vergnügen. Renata schwärmt immer noch von Heinrich und bittet Ruprecht, dessen Haltung und Worte nachzuahmen. Ruprecht versucht, sich ihr unsittlich zu nähern, entschuldigt sich aber, als sie sich heftig wehrt. Renata erklärt, dass sie für Menschen keine Leidenschaft mehr empfinden könne, sondern ihrem „göttlichen Freund“ bereits alles gegeben habe. Sie bittet Ruprecht, ihr als Beschützer zu helfen, Heinrich wiederzufinden.

Erneut erscheint die Wirtin mit dem Knecht. Bei ihr befindet sich eine Wahrsagerin mit einem Kater, einem Käfig mit einer Kröte und weiteren Utensilien. Andere Gäste kommen hinzu. Nachdem Renata sich vergewissert hat, dass die Wahrsagerin sich mit „Chiromantie“, „Kristallomantik“ und weiteren Künsten auskennt, will sie sich die Zukunft vorhersagen lassen. Da Renata ihm vom Feilschen abrät, akzeptiert Ruprecht den geforderten Preis. Nach einigen Sprüchen und Ritualen behauptet die Wahrsagerin, auf Renatas Jacke Blut zu sehen. Sie kratzt an Renatas Kleid und stürzt sich auf sie. Ruprecht greift zu seinem Degen und führt Renata aus dem Zimmer. Die Wirtin wirft die Wahrsagerin hinaus. Der Knecht und einer der Gäste lachen.

Zweiter Akt

Erstes Bild: Gut eingerichtetes Zimmer

Die Bewohner wohnen offensichtlich schon eine Weile hier: Krimskrams und Bücher liegen verstreut herum. Durch das Fenster sieht man die Stadt Köln mit der Silhouette des noch nicht vollendeten Doms. Der Tag neigt sich dem Ende zu.

Renata liest in einem großen Buch mit Ledereinband magische Formeln. Ruprecht betritt den Raum und beobachtet sie. Die beiden sind bereits seit einer Woche in Köln vergeblich auf der Suche nach Heinrich. Renata will auf keinen Fall aufgeben und sich auch der Hilfe des Teufels bedienen. Da sie aus Liebe handelt, glaubt sie, nach dem Tod mit einer vorübergehenden Strafe im Fegefeuer statt der ewigen Hölle davonzukommen. Der Buchhändler Jakob Glock bringt zwei weitere Manuskripte mit magischen Texten und verspricht für den Abend ein seltenes Buch über die Kabbalistik, warnt aber vor den Spionen der Inquisition. Ruprecht, der sich inzwischen ernsthaft in Renata verliebt hat, versucht, seine Eifersucht zu verdrängen. Für Renata kann er sich aber keineswegs mit ihrem Feuerengel messen. Enttäuscht setzt er sich auf eine Bank, während Renata Zaubermittel herstellt.

Am Abend klopft es mehrfach an der Wand. Renata erklärt Ruprecht, dass es sich um kleine Dämonen handle und nichts zu bedeuten habe. Ruprecht spricht sie an und erhält durch Klopfzeichen eine Antwort. Aufgeregt versucht Renata, den Klopfenden zu Aussagen über Heinrich zu bewegen. Tatsächlich erhält sie auf all ihre Fragen Antworten, kann sie aber nicht richtig deuten. Sie glaubt, Heinrich stehe bereits vor der Tür. Doch es war eine Täuschung. Unterdessen ist Glock eingetroffen. Er hat das Buch über die Kabbalistik zwar noch nicht auftreiben können, will die beiden aber zum großen Magier und dreifachen Doktor Agrippa von Nettesheim bringen.

Zweites Bild: Unbestimmter, phantastischer Ort

Agrippa von Nettesheim steht auf einer Erhebung. Er trägt einen Mantel und eine karmesinroten Mütze und ist von drei schwarzen zottigen Hunden umgeben. Ruprecht befindet sich etwas tiefer ihm gegenüber. Überall dicke Bücher, Folianten, physikalische Apparate sowie zwei ausgestopfte Vögel. Oben drei menschliche Skelette, die für Agrippa sichtbar sind, aber nicht für Ruprecht.

Als Ruprecht Agrippa um Rat bittet, leugnet dieser, sich mit Magie zu beschäftigen und warnt Ruprecht vor derartigem Blendwerk. Wahre Magier seien in Wirklichkeit Weise, Priester oder Propheten. Auch seine Hunde halte er lediglich als Freund von Rassehunden, nicht zur Beschwörung von Dämonen. Obwohl die Skelette mit den Knochen rasseln und ihn der Lüge bezichtigen, beharrt Agrippa auf der Wissenschaft als Erklärung aller Geheimnisse.

Dritter Akt

Erstes Bild: Straße vor Heinrichs Haus; in der Ferne der unvollendete Kölner Dom

Renata hat Heinrich gefunden. Doch dieser hat sie als Hexe beschimpft und abgewiesen. Vor seiner Haustür trifft sie auf Ruprecht und klagt diesem verzweifelt ihr Leid. Ruprecht fordert sie auf, die Vergangenheit zu vergessen und nun ihm selbst Treue zu schwören. Doch Renata verlangt nach Rache. Sie verspricht Ruprecht, die Seine zu werden, wenn er Heinrich töte. Ruprecht klopft an Heinrichs Tür. Ein Diener lässt ihn ein. Renata bleibt draußen und bittet still Madiel um Vergebung dafür, sich in dem Verführer Heinrich getäuscht zu haben. Sie fleht ihn an, sich ihr noch einmal so zu zeigen wie in ihrer Kindheit. Da wird das Fenster im ersten Stock aufgerissen. Heinrich erscheint darin, ähnlich einem Feuerengel. Er ist innerlich aufgewühlt von der wütenden Rede Ruprechts, der ihn als heimtückischen Verführer beschimpft und ihm den Fehdehandschuh hinwirft. Renata dagegen glaubt, dass Madiel auf ihr Gebet hin zurückgekehrt sei. Sie bereut nun, sich von ihm losgesagt zu haben. Als Ruprecht aus dem Haus kommt und ihr vom bevorstehenden Duell erzählt, befiehlt sie ihm, Heinrich kein Haar zu krümmen, sondern eher selbst zu sterben.

Zweites Bild: Steiles Ufer am Rhein

Ruprecht wurde im Duell schwer verletzt und ist ohne Bewusstsein. Sein Freund Matthäus Wissmann kümmert sich um ihn. Heinrich und sein Sekundant stehen in Mäntel gehüllt etwas abseits. Von der anderen Seite beobachtet Renata das Geschehen aufmerksam, ohne Heinrich zu sehen. Dieser und der Sekundant verschwinden unbemerkt, während Matthäus Renata bittet, bei Ruprecht zu bleiben. Er selbst will unterdessen einen Arzt holen. Renata leidet unter schweren Gewissensbissen. Als Ruprecht für einen kurzen Moment zur Besinnung kommt und klagt, dass sie ihn in den sicheren Tod geschickt habe, versichert sie ihm ihre Liebe. Ein nachäffender Frauenchor lacht darüber. Ruprecht fühlt sich im Fieberwahn von rothäutigen Dämonen verfolgt. Matthäus kehrt mit einem Arzt zurück, der sich im Vertrauen auf die fortschrittliche Medizin des 16. Jahrhunderts um Ruprecht kümmert.

Vierter Akt

Stiller Platz in Köln

Auf der rechten Seite eine Taverne mit kleinem Garten, Tischen und Bänken; links das Wohnhaus von Ruprecht und Renata. Renata eilt aus dem Wohnhaus, gefolgt von dem noch nicht vollständig wiederhergestellten Ruprecht, der sich auf einen Stock stützt.

Renata will nicht länger mit Ruprecht zusammenleben. Sie hat nach seiner Heilung ihre Liebe ausreichend bewiesen und sieht nun in ihrem Verhältnis eine Todsünde. Jetzt will sie ihr restliches Leben im Kloster verbringen. Ruprecht fleht sie an, ihn zu heiraten, und schwört ihr seine Liebe. Renata wirft ihm vor, dass er lüge. In ihm stecke „der Teufel“. Bei diesem Stichwort erscheinen Faust und Mephisto und setzen sich an einen der Tische. Um ihre Position zu untermauern, verletzt sich Renata mit einem Messer selbst an der Schulter und wirft es nach Ruprecht, der gerade noch ausweichen kann. Sie läuft davon. Ruprecht eilt ihr nach.