Der Artikel Sport im antiken Griechenland befasst sich mit der Geschichte des Sports im antiken Griechenland (1600 v. Chr. bis etwa 600 n. Chr.). Der Begriff Sport wird in diesem Artikel im Sinne des modernen Sprachgebrauchs benutzt, auch wenn diese Terminologie zu früherer Zeit nicht verwendet wurde. Eine wichtige Rolle im antiken griechischen Sport spielten organisierte Wettkämpfe, die gleichzeitig öffentliche Festveranstaltungen waren, die sogenannten Agone.

Kretisch-mykenisches Zeitalter (1600 bis 1200 v. Chr.)

Erst wenn sich Sport als gesellschaftliches Phänomen äußert, kann er zum Gegenstand der Geschichtswissenschaften werden. Sport als gesellschaftliches Phänomen tritt in Europa erstmals um 1600 v. Chr. auf, als sich im östlichen Mittelmeerraum eine Hochkultur entwickelt, deren Zentrum die Stadt Mykene im heutigen Griechenland bildete. Trotz der dürftigen Quellenlage, die sich auf archäologische Funde begrenzt, ist es möglich, einen relativ genauen Eindruck von den gesellschaftlichen Verhältnissen und dem Sport dieser Zeit zu bekommen.Hierzu und zum Folgenden Julius Bohus: Sportgeschichte – Gesellschaft und Sport von Mykene bis heute. BLV Verlagsgesellschaft, München/Wien/Zürich 1986, S. 8–14. Ging man früher davon aus, dass die Griechen mykenischer Zeit das erste Volk waren, das sportliche Wettkämpfe austrug, beweisen archäologische Funde, dass die Sporttradition der alten Ägypter bereits auf das 3. Jahrtausend v. Chr. zurückgeht.Martin Stadler: Sport im alten Ägypten. In: Ulrich Sinn (Hrsg.): Sport in der Antike – Wettkampf, Spiel und Erziehung im Altertum. Ergon Verlag, Würzburg 1996, S. 138.

Sport in der mykenischen Kultur war ausschließlich der aristokratischen Gesellschaftsschicht vorbehalten. Das innerhalb des mykenischen Adels herrschende ausgeprägte Konkurrenzverhalten manifestierte sich unter anderem in verschiedenen sportlichen Wettkämpfen. Diese Wettkämpfe fanden vor allem zu festlichen Ereignissen wie beispielsweise Begräbnissen oder Hochzeiten statt. Doch gibt es Hinweise, dass einige Wettkämpfe lediglich dem Zeitvertreib dienten. Den Teilnehmern dieser Wettkämpfe ging es in erster Linie um Ruhm und Ehre, die ein erfolgreich abgeschlossener Wettkampf mit sich brachten. Unabhängig von den verschiedenen Wettkämpfen genoss körperliche Leistung und physische Überlegenheit aufgrund der zahlreichen militärischen Konflikte einen sehr hohen Stellenwert, denn eine der Voraussetzungen für den militärischen Erfolg war eine gekonnte Handhabung der verschiedenen Waffen. Sport hatte dementsprechend eine sehr enge Bindung an militärische Bedürfnisse, was dazu führte, dass Frauen hiervon ausgeschlossen wurden.

mini|hochkant|Athleten beim Faustkampf (1500 v. Chr.)

Überlieferte Wettkampfarten dieser Zeit sind verschiedene Wettläufe und Wagenrennen, Bogenschießen, Faust- und Ringkämpfe sowie Zweikämpfe mit Waffen. Zudem existieren zahlreiche Darstellungen akrobatischer Akte auf Stieren. Durch den zunehmenden Einfluss Kretas auf die mykenische Kultur gewann ab dem 16. Jahrhundert v. Chr. auch der Tanz an Bedeutung, der die wichtigste Erscheinung der kretischen Leibeskultur bildete.

Aufgrund von archäologischen Funden in Olympia wird davon ausgegangen, dass bereits zu dieser Zeit sportliche Wettkämpfe dort durchgeführt wurden. Die Ursprünge der Olympischen Spiele der Antike reichen also bis in die mykenische Zeit zurück. Da Olympia eine Kultstätte war, wurden sportliche Wettkämpfe dort als rituelle Handlungen durchgeführt, um verschiedene Götter oder Heroen zu ehren. Diese Wettkämpfe waren damals zwar lediglich eine Randerscheinung im Kultgeschehen Olympias, dennoch wird der hohe Stellenwert der körperlichen Leistung durch diese Verbindung von Sport und Kult deutlich.Ulrich Sinn: Kult, Sport und Fest in der Antike (= Beck’sche Reihe 2039). C. H. Beck, München 1996, S. 15 und 34.Maria Xagorari–Gleißner: Sport im frühen Griechenland. In: Ulrich Sinn (Hrsg.): Sport in der Antike – Wettkampf, Spiel und Erziehung im Altertum. Ergon Verlag, Würzburg 1996, S. 142–143.

Archaisches Zeitalter (800 bis 500 v. Chr.) Für die vier Jahrhunderte zwischen dem Niedergang der mykenischen und dem Beginn der archaischen Epoche lassen sich nur sehr wenige Quellen und archäologische Funde ausfindig machen. Diese sogenannten Dunklen Jahrhunderte gehen laut Julius Bohus (1986) einher mit einem allgemeinen kulturellen Niedergang der frühgriechischen Kultur zu dieser Zeit.Julius Bohus: Sportgeschichte – Gesellschaft und Sport von Mykene bis heute. BLV Verlagsgesellschaft, München/Wien/Zürich 1986, S. 16. Erst ab dem 8. Jahrhundert v. Chr. bessert sich die Quellenlage deutlich. Vor allem die homerischen Epen Ilias und Odyssee sind von fundamentaler Bedeutung für die Weiterentwicklung und Vereinheitlichung der griechischen antiken Gesellschaft und bilden die wichtigsten literarischen Quellen für die archaische Zeit und deren Sportgeschichte.Hierzu und zum Folgenden: Julius Bohus: Sportgeschichte – Gesellschaft und Sport von Mykene bis heute. BLV Verlagsgesellschaft, München/Wien/Zürich 1986, S. 16–24.

mini|Abbildung des Zeustempels in Olympia

Die archaische Gesellschaft entwickelte sich als Ergebnis der Einwanderung von Dorern und Nordwestgriechen in das Gebiet des heutigen Griechenlands. Mit dem Ende dieser gewichtigen Bevölkerungsverschiebungen um 800 v. Chr. lässt sich beobachten, dass sich dank gemeinsamer Sprache, Schrift und Religion eine gemeinsame kulturelle Einheit in der Region bildete, die trotz politischer Aufspaltungen von einem gemeinsamen adligen Herrschaftssystem geprägt war. Wie bereits in mykenischer Zeit war der Sport an den Adel gebunden, zumeist Männern vorbehalten und genoss einen hohen Stellenwert. Zudem gab es erstmals eine spezielle Bezeichnung für die Wettkämpfer, die athletaí (von griech. athleuein = „um einen Preis kämpfen“) genannt wurden. Auch im archaischen Zeitalter wurden Wettkämpfe hauptsächlich zu Festen veranstaltet, allerdings gewannen zu dieser Zeit vor allem die kultischen Feste und deren Wettkämpfe immens an Bedeutung, ebenso wie die sportlichen Wettkämpfe innerhalb dieser religiösen kultischen Feste. In dieser Zeit entstanden mit den Panhellenischen Spielen die wichtigsten heiligen Wettkämpfe der Griechen: die Olympien in Olympia, die Pythien in Delphi, die Isthmien bei Korinth und die Nemeen bei Nemea. Jede dieser Veranstaltungen diente der Ehrung eines bestimmten Gottes. Während die Olympien und Nemeen Zeus gewidmet waren, wurde bei den Pythien Apollon und bei den Isthmien Poseidon geehrt. Durch den religiösen Charakter der Spiele wurden die Athleten im Siegesfall göttergleich verehrt, da der Sieg als göttliches Geschenk verstanden wurde. Im weiteren Verlauf erfuhren vor allem die Olympien einen Aufstieg und wurden zu den größten und bedeutsamsten Spielen. Es wurde während der Durchführung der Olympien gar zwischen sich bekriegenden Städten ein sogenannter Gottesfriede ausgerufen, der eine Waffenruhe für die Dauer der Durchführung der Spiele garantierte. Das früheste nachweisbare Stadion wurde bei Ausgrabungen in Olympia entdeckt, wo um 700 v. Chr. das olympische Gelände um eine mehrspurige Laufbahn erweitert wurde.Ulrich Sinn: Kult, Sport und Fest in der Antike (= Beck’sche Reihe 2039). C. H. Beck, München 1996, S. 33.

Die ersten schriftlichen Aufzeichnungen zu sportlichen Wettkämpfen stammen von Hippias von Elis aus dem 5. Jahrhundert v. Chr. Hippias spricht von der Veranstaltung der ersten offiziellen olympischen Spiele im Jahre 776 v. Chr. Seine Aufzeichnungen sind allerdings mit Vorsicht zu genießen, da bereits in der Antike die Richtigkeit dieser Angaben angezweifelt wurde. Hippias verfasste seine Chronik der Spiele von Olympia im Auftrag der Eleer (Bewohner der Stadt Elis und die damaligen Ausrichter der Spiele). Seine Schrift sollte den Anspruch der Eleer auf die Leitung und Organisation der Spiele beweisen, da sie diese schon seit Beginn der Olympiaden organisiert hätten. Infolgedessen wurden vor allem seine Aufzeichnungen über die ersten Spiele oftmals als Fälschungen bezeichnet.Hermann Bengtson: Die Olympischen Spiele der Antike. In: Klaus Bartels (Hrsg.): Lebendige Antike. Artemis Verlag, Zürich/München 1983, S. 13.Ulrich Sinn: Kult, Sport und Fest in der Antike (= Beck’sche Reihe 2039). C. H. Beck, München 1996, S. 12–13.

Laut den Schriften von Hippias wurden ab 776 v. Chr. alle vier Jahre Olympien durchgeführt. Während der ersten vierzehn Olympischen Spiele kam der Stadionlauf als einzige Disziplin zur Austragung. Im weiteren Verlauf des archaischen Zeitalters rückten dann nach und nach Disziplinen wie der Doppellauf (doppelter Stadionlauf), Langlauf (dolichos), Fünfkampf (Weitsprung, Stadionlauf, Ringen, Diskus- und Speerwurf), Ringkampf, Faustkampf, Wagenrennen, Reiten, Pankration (Allkampf), Waffenlauf und verschiedene Wettkämpfe für Jugendliche in das Programm der Spiele. Das Spektrum der verschiedenen Sportarten war zu dieser Zeit also schon sehr groß.Hermann Bengtson: Die Olympischen Spiele der Antike. In: Klaus Bartels (Hrsg.): Lebendige Antike. Artemis Verlag, Zürich/München 1983, S. 35. Neben den Wettkämpfen für Männer wurden in Olympia seit dem 6. Jahrhundert v. Chr. alle vier Jahre anlässlich der Heraia auch Laufwettkämpfe für Frauen ausgetragen.

mini|Athleten beim Waffenlauf auf einer attisch-schwarzfigurigen Amphora der Gruppe E (um 550 v. Chr.).

Bereits um 700 bis 600 v. Chr. bildeten sich aufgrund der gestiegenen Wichtigkeit der kultischen Feste Gruppen von Athleten, die ihr Leben ausschließlich den Wettkämpfen und deren Vorbereitung widmeten und nicht am Alltagsleben in ihren Heimatorten teilnahmen. Aus dieser Zeit tauchen auch erste Namen von siegreichen Athleten auf, die besondere Leistungen während der Wettkämpfe vollführt haben sollen. Einige davon sind die Läufer Chionis von Sparta und Kylon von Athen oder der Pankratiast Phrynon von Athen.Hermann Bengtson: Die Olympischen Spiele der Antike. In: Klaus Bartels (Hrsg.): Lebendige Antike. Artemis Verlag, Zürich/München 1983, S. 57–59.Ulrich Sinn: Kult, Sport und Fest in der Antike (= Beck’sche Reihe 2039). C. H. Beck, München 1996, S. 34.

Zum Ende der archaischen Epoche begannen sich die gesellschaftlichen Verhältnisse zu verändern. Neue Wirtschaftsverhältnisse veränderten die Herrschaftsstruktur und eine finanzstarke Mittelschicht erhob Führungsansprüche. Philosophie gewann an Wichtigkeit und der Wert der körperlichen Leistung ließ nach.

Klassisches Zeitalter (500 bis 300 v. Chr.) Mit dem Beginn des Klassischen Zeitalters veränderte sich die Herrschaftslage im antiken Griechenland weiter. Die Demokratisierung schritt voran, die politischen und wirtschaftlichen Machtverhältnisse verschoben sich zunehmend. Mit der Einrichtung eines demokratischen Staatswesens in Athen um 507 v. Chr. konnte jeder Bürger Athens aktiv ins politische Geschehen eingreifen. Für viele andere griechische Stadtstaaten galt diese Athener Demokratie als Vorbild.Julius Bohus: Sportgeschichte – Gesellschaft und Sport von Mykene bis heute. BLV Verlagsgesellschaft, München/Wien/Zürich 1986, S. 25–32. Durch die abgewehrten Angriffe des persischen Reichs und die Siege gegen die Karthager zu Beginn des 5. Jahrhunderts v. Chr. gewannen die Griechen zudem zunehmend an Selbstvertrauen. Neue, imposante Bauten entstanden in vielen Städten und Disziplinen wie Dichtung, Bildende Kunst und Philosophie erfreuten sich einer noch nie gekannten Wertschätzung. Bengtson (1983) spricht vom Beginn einer Blütezeit.Hermann Bengtson: Die Olympischen Spiele der Antike. In: Klaus Bartels (Hrsg.): Lebendige Antike. Artemis Verlag, Zürich/München 1983, S. 69.Ulrich Sinn: Kult, Sport und Fest in der Antike (= Beck’sche Reihe 2039). C. H. Beck, München 1996, S. 41–42.