mini|hochkant|Junge mit Steckenpferd. Holzschnitt in Johann Dryander: Der gantzen Artzeney gemeiner Inhalt... von 1542. Das Steckenpferd ist zum einen ein Kinderspielzeug, das aus einem Stecken (Stiel) und einem Pferdekopf, einem mit einer Decke belegten Holzgestell in Pferdegestalt oder aus einer sonstigen Konstruktion besteht. Zum anderen gehören Steckenpferde in vielen Regionen zu kultischen Prozessionen und Zeremonialtänzen. In der Antike werden sie als Spielzeug erwähnt und im europäischen Mittelalter versuchte die christliche Kirche, die bei heidnischen Bräuchen verwendeten Steckenpferde zu verbieten.

In übertragenem Sinne bedeutet das Wort Steckenpferd so viel wie Liebhaberei. Im Englischen wird es als hobby horse oder kurz hobby bezeichnet, woher sich das deutsche „Hobby“ in der entsprechenden Bedeutung herleitet. Hobby geht auf das mittelenglische Wort hobi zurück und bezeichnete ein kleines Pferd (Pony) seit seiner ersten bekannten Erwähnung im Jahr 1298. Hobi ist eine Verkleinerungsform von Robin oder Hobbe, was möglicherweise der Name eines Pferdes war.Hobby horses: In: Rodney P. Carlisle (Hrsg.): Encyclopedia of Play in Today's Society. Sage Publishing, New York 2009, S. 299 In der Literatur und bildenden Kunst versinnbildlicht das Steckenpferd ein breites Bedeutungsspektrum: Kindheit, einen dummen oder albernen Menschen, Wildheit, Bäuerlichkeit und es dient zur Karikierung des Rittertums.Katja Gvozdeva: Hobbyhorse Performances: A Ritual Attribute of Carnivalesque Traditions and its Literary Appropriations in Sottie Theatre. In: Eyolf Østrem, Mette Birkedal Bruun, Nils Holger Petersen, Jens Fischer (Hrsg.): Genre and Ritual: The Cultural Heritage of Medieval Rituals. Museum Tusculanum Press, University of Copenhagen, Kopenhagen 2005, S. 65–86, hier S. 65

Formen mini|Typ „Stecken mit Sieb“. Böhmen, 1910 Für Don Quijote gab sein dürrer Klepper Rosinante die Illusion eines stolzen Rosses. In Nachahmungsspielen von Kindern kann in der einfachsten Form ein Holzstecken zwischen den Beinen zum Pferd werden. In der Kuku-Sprache der Thadou, einer kleinen Ethnie im nordostindischen Bundesstaat Assam, heißt dieser Stock zum Herumhüpfen sakol-chunga-tou („Pferd darauf sitzen“).Hans Eberhard Kauffmann: Die Spiele der Thadou-Kuki in Assam. In: Zeitschrift für Ethnologie, 73. Jahrgang, Heft 1/3, 1941, S. 40–71, hier S. 54

Die hauptsächlichen zeremoniellen Steckenpferdformen in Europa sind der Holzstab mit einem hölzernen oder aus weichem Material geformten Pferdekopf an der Spitze, der mit beiden Händen schräg nach oben gerichtet zwischen den Beinen gehalten wird. Bei der walisischen Neujahrsfeier Mari Lwyd sind der Stecken und die Person mit einem weißen Tuch verhüllt, aus dem ein (echter oder gelegentlich nachgebildeter) Pferdeschädel herausragt. Bei der zweiten traditionellen Form „Stecken mit Sieb“ wird der Stab in derselben Position gehalten, wobei an seinem unteren Ende der kreisrunde Holzrahmen eines Siebes befestigt ist. Die dritte Variante ist ein hölzerner Rahmen mit übergelegter Decke, der an der Hüfte festgebunden das Vorderteil eines Pferdes abgibt. Er kann um ein entsprechendes Pferdehinterteil erweitert sein. In Großbritannien ist der einfache Stabtyp am weitesten verbreitet, während in New Mexico ausschließlich der Rahmentyp vorkommt.

Das zeremonielle Steckenpferd in der südfranzösischen Region Languedoc besteht aus einer leichten Konstruktion aus Holzstäben in naturalistischer Pferdegestalt, in die der Träger von oben hineinsteigt, sodass sie seine Hüften umgibt. Der Stoffumhang des Pferdes hängt bis über die Knie herunter und bietet noch soviel Beinfreiheit, um damit zu tanzen. Männer mit Glöckchen an den Füßen begleiten den Pferdetänzer.Violet Alford: Ceremonial Animals of Languedoc and the Sinibelet. In: Folklore, Band 59, Nr. 4, Dezember 1948, S. 184–187, hier S. 184 Diese Form ist in Nürnberger Schembartbüchern aus dem 15. Jahrhundert abgebildet und kommt bei Fastnachtsumzügen in Deutschland vor.

Geschichte und Verbreitung Europa mini|Naturalistische Form. Narrensprung bei der Schwäbisch-alemannischen Fastnacht, Lindau 2016 Steckenpferde dienten im antiken Griechenland der lustigen Freizeitunterhaltung. Über einige berühmte Männer wird berichtet, dass sie zum eigenen und zum Vergnügen ihrer Kinder auf hölzernen Stecken herumhopsten. General Agesilaos aus Sparta ritt, persischen Botschaftern zufolge, im 4. Jahrhundert v. Chr. mit seinen Kindern auf Steckenpferden; dasselbe erzählt der Staatsmann Alkibiades über seinen Lehrer Sokrates und dessen Sohn Lamprokles in der zweiten Hälfte des 5. Jahrhunderts v. Chr.Edward Marwick Plummer: Athletics and games of the ancient Greeks. Lombard & Caustic, Cambridge (Mass.) 1898, S. 52 Das antike Steckenpferd war offensichtlich ein Spielzeug ohne religiöse Bedeutung,Brian W. Rose: A Note on the Hobby-Horse. In: Folklore, Band 66, Nr. 3, September 1955, S. 363 während zur selben Zeit dem Pferd eine magische Bedeutung zugesprochen wurde. Tacitus berichtet über die Verwendung des Pferdes bei Weissagungen, ebenso hatte das hölzerne Trojanische Pferd eher eine magische als strategische Bedeutung bei der Eroberung der Stadt Troja. Der Fruchtbarkeitsaspekt des Pferdes lässt sich bis zur griechischen Muttergöttin Demeter zurückführen, die für die Fruchtbarkeit der Getreidefelder sorgt und mit einem schwarzen Pferdekopf dargestellt wird.

Zum Beleg für das hohe Alter und den magischen Ursprung des europäischen Mummenschanzes wird das in diesem Ritual eine Rolle spielende Steckenpferd hergenommen. Gegen die Veranstaltung des Mummenschanzes richteten sich Augustinus von Hippo im Jahr 395 n. Chr. und der Bischof Caesarius von Arles um 500. Der heilige Pirminius erließ Mitte des 8. Jahrhunderts ein Dekret, das die Prozession mit Steckenpferden verbot. Dennoch wurde das Steckenpferd weiterhin bei heidnischen Bräuchen, auf die das Volk nicht verzichten wollte, verwendet. Im europäischen Mittelalter gehörte das Steckenpferd zu Maskeraden und ekstatischen Tänzen. Curt Sachs stellt ekstatische Tänze mit Steckenpferden, die in Mallorca, im Baskenland, in Rumänien und Bulgarien überlebt haben, mit den Reitertänzen des alten China in einen weiten Zusammenhang.Curt Sachs: World History of the Dance. Norton, New York 1937, S. 338 Weniger alte Traditionen wie der Krakauer Lajkonik berufen sich auf ein markantes geschichtliches Ereignis.

mini|Abbots Bromley Horn Dance um 1900 Die kornische Stadt Padstow im südwestlichen Großbritannien ist für ihr Frühlingsfest mit Steckenpferden am 1. Mai bekannt, das nach dem lokalen Dialekt ’Obby ’Oss festival heißt. Schwarz gewandete und furchtsam maskierte Männer reiten den Tag über mit Steckenpferden durch die Straßen, mit Keulen vorwärtsgetrieben von Teasers („Reizern“), bis sie abends am zentralen Platz mit dem Maibaum ankommen. Anschließend kehren sie zurück, von wo sie gekommen sind. Symbolisch werden sie zu Grabe getragen, bis sie ein Jahr später wiederauferstehen. Der Kopfputz über der schwarzen Maske erinnert an einen Grenadier des 17./18. Jahrhunderts. Weil Padstow an der Küste liegt, wird von manchen Einwohnern für möglich gehalten, dass sich das Fest auf den Landungsversuch eines französischen Schiffes in napoleonischer Zeit beziehen könnte. Steckenpferde, die auch andernorts in England auftauchen, lassen vermuten, dass die Tradition wesentlich älter ist.M. Macleod Banks: The Padstow May Festival. In: Folklore, Band 49, Nr. 4, Dezember 1938, S. 391–394 Andere Prozessionen mit Steckenpferden finden beim Golowan Festival im Juni in ganz Cornwall und beim Montol Festival am 21. Dezember in Penzance statt. Die älteste Beschreibung von Fest in Minehead stammt aus dem Jahr 1830.The Minehead Hobby Horse. An old tradition of Minehead. minehead-online.co.uk

Zum Abbots Bromley Horn Dance im gleichnamigen Dorf in der mittelenglischen Grafschaft Staffordshire gehören zwölf Tänzer, von denen sechs Rentiergeweihe tragen, einer ein Steckenpferd reitet und einer den Narren gibt. Der älteste schriftliche Nachweis zu diesem Fest stammt von 1686. Ein Dokument aus Abbots Bromley aus der Zeit Heinrichs VIII., das Steckenpferde erwähnt, wird auf 1532 datiert. Die ältesten schriftlichen Quellen in Großbritannien, die auf Steckenpferde hinweisen, stammen aus London (1460 und 1529), Wales (14. und 15. Jahrhundert) und Cornwall (Anfang 16. Jahrhundert).Michael Heaney: New Evidence for the Abbots Bromley Hobby-Horse. In: Folk Music Journal, Band 5, Nr. 3, 1987, S. 359f Die englischen Frühlingsfeste gehören zum Traditionsumfeld der spätmittelalterlichen Moriskentänze, die in Westeuropa weit verbreitet waren und unter verschiedenen Namen bis heute aufgeführt werden.

In der französischen bürgerlichen Gesellschaft des 15. und 16. Jahrhunderts wurden Sottie, Narrenspiele mit derben Späßen, aufgeführt. Die männlichen Mitglieder von Spaßvereinen (sociétés joyeuses) pflegten in einem prunkvollen Rahmen Tanzveranstaltungen mit Steckenpferden in der Karnevalszeit, bei denen auch literarische Texte vorgetragen wurden. Dass bei diesen Zusammenkünften eben erwachsen gewordene Männer sich eines Kinderspielzeugs bedienten, hängt mit der Umkehr der gesellschaftlichen Strukturen beim Karneval zusammen. Für eine gewisse Zeit war und ist im Karneval die Welt symbolisch in Unordnung und steht auf dem Kopf. Entsprechend parodierten die jungen, unverheirateten Männer auf eine anarchische Weise ein gesellschaftliches Rollenverhalten, in das sie dabei waren, sich zu integrieren. Manche Steckenpferd-Tänzer trugen überdimensionale Hörner auf dem Kopf, was als phallisches Symbol, also als eine Vorführung von Männlichkeit, interpretiert wird. Die Aufführungen waren satirisch-politisch, einige Elemente hatten einen obszönen Charakter.Katja Gvozdeva: Hobbyhorse Performances: A Ritual Attribute of Carnivalesque Traditions and its Literary Appropriations in Sottie Theatre, 2005, S. 70–75 Ende des 16. Jahrhunderts verbot die französische Obrigkeit die Aufführungen.

mini|Steckenreiter der Reichsstadt Nürnberg von 1650 auf den Westfälischen Frieden Eine besondere Darstellung eines Steckenreiters, der zugleich der Name einer Klippe ist, befindet sich im Prägebild der silbernen und goldenen Klippe von Nürnberg. Es handelt sich um die volkstümliche Bezeichnung für ein Gepräge von 1650, das auf den abgeschlossenen Friedenshauptrezess geprägt wurde, mit dem die Ausführungsbestimmungen des 1648 beendeten Dreißigjährigen Kriegs festgelegt wurden. Die Klippe zeigt einen kleinen Jungen mit Steckenpferd und auf der Gegenseite einen Reichsadler mit Nürnberger Brustschild über fünf Zeilen Schrift. Das lustig erscheinende Münzbild bezieht sich auf eine ungewöhnliche Münzgeschichte in der über tausend Nürnberger Kinder mit Steckenpferden vor der Wohnung des Herzogs von Amalfi erscheinen.Helmut Kahnt: Das große Münzlexikon von A bis Z. (2005), S. 461: Steckenreiter

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