mini|hochkant=1.3|Der Dom von Osten mit dem Lutherbrunnen (li.) und dem Eingang zum Schloss Wurzen (re.) (2009) Der Dom St. Marien zu Wurzen ist eine evangelisch-lutherische Kirche in der Großen Kreisstadt Wurzen in Sachsen. Als Stiftskirche des Wurzener Kollegiatstiftes erbaut, wurde sie seit Ende des 15. Jahrhunderts, als die Meißner Bischöfe im Wurzener Schloss ihre Residenz errichteten, als Dom bezeichnet.
Seit 1542 dient die Kirche dem evangelischen Gottesdienst. Sie wird auch wegen ihrer guten Akustik zu kirchenmusikalischen Konzerten genutzt. Eine Besonderheit ist die einheitliche Ausstattung der Kirche mit Architekturplastiken des Bildhauers Georg Wrba.
Der Wurzener Dom prägt mit seinen beiden jeweils 42 Meter hohen Türmen markant das Stadtbild mit. Er ist ein bedeutendes Baudenkmal des als Wurzener Land bezeichneten Territoriums. Im Jahr 2014 bestand er seit 900 Jahren.
Lage und Gestalt Der Dom liegt im südwestlichen Teil der Altstadt von Wurzen auf einem Hügel, der sich etwa zehn Meter über die sich nach Westen erstreckende Muldenaue erhebt. Nördlich des Doms steht am Schlosshof das Schloss Wurzen, das über die „Alte Kustodie“ eine bauliche Verbindung zum Dom besitzt. Südlich liegt der Domplatz.
Der Dom ist ein sich in Ost-West-Richtung erstreckendes, in seinen Hauptteilen gotisches Bauwerk von 60 Metern Länge und am Mittelschiff 21 Metern Breite. Das über drei Joche reichende Mittelschiff besitzt zwei Seitenschiffe unterschiedlicher Höhe. Nach Osten schließt sich ein vierjochiger Chor an, der im Altarraum, einer Apsis mit 5/8-Schluss, endet. Auch nach Westen folgt auf das Mittelschiff ein Chor. Während die übrigen Bereiche der Kirche ein einfaches Kreuzrippengewölbe aufweisen, besitzt der Altarraum ein Sterngewölbe und der Westchor ein aufwändiges und farbig gefasstes Zellengewölbe.
An der Ostseite der Seitenschiffe steht jeweils ein Turm. Damit befinden sich die Türme nahezu in der Mitte des Kirchengebäudes. Sie besitzen barocke Hauben und Laternen und sind unterschiedlich gestaltet. Der etwas höhere Südturm, durch den auch der Zugang in die Kirche erfolgt, ist in seinem oberen Teil stärker gegliedert. An den Südturm schließt sich im Bereich des Ostchors ein Anbau an, der die sonst sichtbaren gotischen Strebepfeiler und Fenster verdeckt.
Geschichte Die erste Kirche, den Vorgängerbau des heutigen Domes, weihte am 16. August 1114http://www.domkantorei-wurzen.de/html/termine.html der Meißner Bischof Herwig († 1119) zu Ehren der Jungfrau Maria. Sie war die Stiftskirche für das von ihm im gleichen Jahr gegründete Kollegiatstift Wurzen. Es handelte sich um eine flach gedeckte romanische Pfeilerbasilika, die in ihrer Größe etwa dem heutigen Mittelschiff entsprach.
Die erste größere Erweiterung war um 1260 bis 1290 der Anbau der vier Joche des Ostchores. In der Mitte des 14. Jahrhunderts erfolgten die Einwölbung des Mittelschiffs und der Ausbau des südlichen Seitenschiffs zur Halle, bevor im Jahre 1470 ein Brand große Teile der Kirche zerstörte. Nach dem Wiederaufbau erfolgten die nächsten Erweiterungen nach 1500 unter Bischof Johann VI. von Saalhausen (1444–1518). Er ließ 1503 den Westchor errichten, den er als seine Begräbnisstätte vorsah, und 1508 zwei Joche an den Ostchor anfügen, den heutigen Altarraum. Von 1491 bis 1497 hatte er das benachbarte Schloss Wurzen als Bischofsresidenz erbauen lassen, sodass die Kirche nun zum Dom wurde. Das Kollegiatstift wurde zum Domkapitel.
Obwohl bereits 1542 im Dom evangelische Gottesdienste stattfanden, bewohnten die katholischen Bischöfe noch das Schloss. Der letzte Bischof Johann IX. von Haugwitz (1524–1595) löste mit der Übergabe an das nunmehr evangelische Domkapitel das Bistum Meißen auf. Neuer Stiftsherr in Wurzen wurde der sächsische Kurfürst August (1526–1586). mini|Neugotische Ausstattung um 1900, Chorgestühl vom Altar aus gesehen Zur Erweiterung des Platzangebots wurden 1555 im nördlichen Seitenschiff und 1593 im südlichen Seitenschiff Emporen eingebaut.
Bis auf kleinere Umbauten und Reparaturen blieb der Dom dann bis 1817 unverändert. In diesem und im folgenden Jahr erfolgt eine umfassende Umgestaltung im Stil der Neugotik. Die führenden Bauherren waren dabei der Wurzener Dompropst und Bauforscher Christian Ludwig Stieglitz (1756–1836) und der Dechant des Kapitels Immanuel Christian Leberecht von Ampach (1772–1831). Die vorhandenen Einbauten einschließlich der Emporen wurden beseitigt. Durch einen hellen Anstrich der Wände und durch den Einbau neuer Fenster wurde der Dom insgesamt viel heller gestaltet. Ein neuer Altar mit gotischem Schnitzwerk und einem großen Altarbild „Christi Taufe im Jordan“ von Friedrich Matthäi (1777–1845) sowie ein gotisches Chorgestühl wurden eingebaut. Die Orgel wurde erneuert und Fußboden und Bänke wurden ausgetauscht.
Die letzte Umgestaltung des Innenraumes erfolgte in den Jahren 1931 bis 1932. Sie ist vor allem von der radikalen Beseitigung der neugotischen Teile und der Einfügung zahlreicher expressionistischer Bildwerke des Bildhauers Georg Wrba sowie vom Einbau der Jehmlich-Orgel gekennzeichnet.
Im Februar 1943 wurde die große Bronzeglocke aus dem Jahr 1521 zum Einschmelzen für Kriegszwecke aus dem Glockenturm herabgelassen und auf einen Glockenfriedhof nach Hamburg verbracht.Hansrainer Baum, Jürgen Schmidt: Von Schmidt zu Schmidt – Über Wurzener Bürgermeister 1832–2008. Wurzen 2011, ohne ISBN, S. 79. Sie entging der Zerstörung und Einschmelzung und konnte im Mai 1950 nach Wurzen zurückgeholt werden – sie hängt seitdem wieder am angestammten Platz im Nordturm.Aus den Akten des Domarchivs Wurzen
1986 übernahm Eberhard Burger als Domherr im Domkapitel des Domes zu Wurzen eine neue Aufgabe: Unter seiner Leitung wurde der Wurzener Dom, der sich seinerzeit in einem desolaten Zustand befand, zuerst von außen und danach innen komplett renoviert. Die Arbeiten wurden 2004 unter seiner Leitung abgeschlossen.
Domkapitel Seit der Reformation wird der Dom von seinem Domkapitel verwaltet, dem kirchliche und weltliche Repräsentanten ehrenamtlich angehören. Es besteht aus dem Dompropst, dem Dechanten und weiteren Mitgliedern – den Domherren und Domherrinnen –, die vom Stiftsherren, dem Landesbischof, berufen worden sind.
Bekannte Angehörige des Domkapitels waren beispielsweise Immanuel Christian Leberecht von Ampach, Paul Herfurth, Friedrich Krug von Nidda und von Falkenstein, Hermann Ilgen, Johann Georg Keil, Börries Freiherr von Münchhausen, Günther Ramin, Christian Ludwig Stieglitz, Horst Schulze und Eberhard Burger.
Mit Stand November 2023 gehören zum Domkapitel mehrere Domherren, eine Domherrin sowie einige Altdomherren.https://dom-zu-wurzen.de/domkapitel/, abgerufen am 20. November 2023 Stiftsherr ist traditionsgemäß qua Amt der jeweilige Landesbischof.
Gegenwart Der Dom hat keine eigene Kirchgemeinde, die für die Erhaltung zuständig wäre. Spenden und Fördermittel sind für seinen Erhalt erforderlich. Jedes Jahr von Frühjahr bis Herbst dient der Dom der Evangelisch-Lutherischen Kirchgemeinde Wurzen, deren Stammkirche die Stadtkirche St. Wenceslai ist, als Ort für ihre Gottesdienste.
Der Dom ist regelmäßig Aufführungsstätte für Konzerte mit der Domkantorei St. MarienWebsite der Domkantorei und der Jugendkantorei des Wurzener Domes,Website der Jugendkantorei die vom Domkantor bis Juni 2019 geleitet wurden.
Umgestaltungen und Ausstattungen Historische Ausstattung mini|hochkant=0.7|Otto I. an der Nordwand des Mittelschiffs Von der Ausstattung des Doms vor der Reformation, der zu dieser Zeit allein sieben Altäre aufwies, ist wenig erhalten. Die wichtigsten Kunstwerke sind drei vollplastische Steinfiguren aus der Zeit vor 1503. Sie waren zunächst im Westchor aufgestellt und befinden sich jetzt mit Sockel und Baldachin an der Nordwand des Mittelschiffes. Ihr Schöpfer ist unbekannt. Sie stellen Bischof Donatus von Arezzo († um 362), Kaiser Otto I. (912–973) und den Evangelisten Johannes dar. Otto I. war der Gründer des Bistums Meißen, Donatus und Johannes waren die Schutzpatrone des Bistums.
An den Bischof Johann VI. von Saalhausen erinnern ein Sandsteinrelief mit seinem Wappen an der Nordwand des Ostchores und eine Bronzetafel an der Südwand des südlichen Seitenschiffes, die früher die Lage seines Grabes im Dom markierte. An der Nordwand des Altarraumes (siehe Bild Lesepult) befindet sich der Grabstein der in Flachrelief dargestellten Witwe Brunos von der Pforte (Sterbejahr 1503). Bruno von der Pforte war von 1465 bis 1480 mit Schloss, Pflege und Amt Königsstein belehnt.Karl Gautsch: Älteste Geschichte der Sächsischen Schweiz nebst den frühesten topographischen Nachrichten. Original 1880, S. 39, Nachdruck Salzwasser-Verlag, 2013. (digitalisiert)
An einen Ururenkel Martin Luthers, Johan Martin Luther (1619–1669), Eigentümer des Rittergutes im benachbarten Hohburg und von 1649 bis zu seinem Tod 1669 Stiftsherr im Wurzener Dom, erinnert im Ostchor eine schwarz-weiß gefasste marmorne Gedenktafel. Von seiner ersten Frau Regine, geborene Leyser († 1653), existiert eine gut erhaltene Grabplatte im Eingangsbereich des Domes.
Das ehemalige Altarbild aus dem Jahr 1817 hängt seit der Umgestaltung des Doms 1932 an der Westwand des südlichen Seitenschiffes.
Umgestaltung und Wrba-Ausstattung 1931–1932 Die jüngsten Erneuerungen 1931/1932 wurden nötig, „weil die alten Holzeinbauten nicht mehr zu erhalten waren“ (Fritz Fichtner). Chorgestühl, Kanzel, Altar, die Betstuben im Mittelschiff und die baufälligen Holzemporen im Süd- und Nordschiff wurden beseitigt. Der Nord- und der Süd-Eingang wurden aus raumkünstlerischen und technischen Gründen (Windfang) in die Mitte des Bauwerks verlegt. An der Nordseite des Westchores, also im Schlosshof, wurde ein Treppenhaus gebaut, das den Zugang zur Nordempore ermöglicht, und im Erdgeschoss WC-Möglichkeiten geschaffen. Die großen Südfenster des Kirchenschiffes erhielten ein neues, historisch orientiertes Maßwerk. Auch wurden eine neue Heizung, Lichtausstattung, Orgelempore und Sängerbühne samt neuer Orgel eingebaut. Die Innenausstattung – Altar mit Kreuzigungsgruppe, Domherrenstühle, Kanzel, Orgelbrüstung, Widmungstafeln, Taufbecken aus Bronze – wurden neu geschaffen. Die bauliche und denkmalpflegerische Oberleitung hatten die Architekten Emil Högg und Friedrich Rötschke.Fritz Fichtner: Der Dom zu Wurzen und seine Erneuerung. Sonderdruck aus: Sächsische Bau- und Kunstdenkmäler. Herausgegeben vom Landesverein Sächsischer Heimatschutz. Dresden 1933, S. 13–14.
Die tiefgreifende Umgestaltung des Domes war damals Anlass für eine leidenschaftliche Diskussion in und um Wurzen, wie das folgende Zitat nahelegt:
Wo Kanzel und Orgel sich etwa aus architektonischen Gründen – wie im Dom zu Wurzen – nicht übereinander anordnen lassen, erlebt das Publikum in den Kirchenbänken die Orgel- und Chormusik meist von hinten, mit dem Rücken zum Instrument und zum Chor – es fehlt der Blickkontakt. Doch bei der Umgestaltung des Wurzner Doms im Jahr 1932 ersannen findige Handwerker für dieses Problem die bis heute praktizierte Lösung, um die Gemeinde „um 180 Grad zu drehen“ und zur Musik blicken zu lassen: Für jede Kirchenbank wird die Pultleiste für die Gesangbücher dank Längs-Drehung um die eigene Achse per Armkraft binnen Sekunden zur Rückenlehne der nächsten Kirchenbank. So wandelt sich – sozusagen im Pultumdrehen – die Predigtkirche mit Blickrichtung Osten zu Altar und Kanzel zum Oratoriensaal mit Blickrichtung Westen zu Chor und Orgel.Fritz Fichtner: Der Dom zu Wurzen und seine Erneuerung. Sonderdruck aus: Sächsische Bau- und Kunstdenkmäler. Herausgegeben vom Landesverein Sächsischer Heimatschutz, Dresden 1933, S. 23. Das Mittelschiff bietet 374 Sitzplätze, zusammen mit den beiden Seitenschiffen sind es 516.Kai-Uwe Brandt: Wurzener Kirchenmusik: „The Black of Gospel“ sorgen für stimmgewaltigen Auftakt im Dom St. Marien. In: Leipziger Volkszeitung online, 20. Januar 2018, sowie tagesgleich in der LVZ-Regionalausgabe Muldental, S. 30.