Die Massachusett-Sprache ist eine Algonkin-Sprache, die bis ins 19. Jahrhundert von mehreren Ethnien im Südosten des heutigen USA-Bundesstaats Massachusetts einschließlich Cape Cod und der vorgelagerten Inseln gesprochen wurde. Auf Grund einer vollständigen Bibelübersetzung von John Eliot aus dem 17. Jahrhundert ist sie die mit Abstand am besten dokumentierte indigene Sprache Neuenglands. Sie ist nach ihren regionalen Varianten auch unter den Namen Natick, Wôpanâak (Wômpanâak, Wampanoag) und Pokanoket bekannt. Auf Grund eines seit 2000 laufenden Wiederbelebungsprojekts bei den Wampanoag-Indianern wird sie wieder von einer Handvoll Menschen fließend gesprochen.
Historisches Sprachgebiet mini|300px|Siedlungsgebiete der Ethnien mit Südlichen Neuengland-Algonkinsprachen Anfang des 17. Jahrhunderts Die Massachusett-Sprache wurde zu Beginn der Kolonialzeit um 1620 an der Atlantikküste und in den nachgelagerten Gebieten in Massachusetts zwischen dem heutigen Boston, Cape Cod und Mount Hope im äußersten Osten von Rhode Island von den Ethnien der Massachusett, Wampanoag, Naumkeag, Nauset und Cowesit gesprochen.
Abgrenzung von anderen Algonkin-Sprachen Massachusett gehört innerhalb der östlichen Algonkin-Sprachen zu den Südlichen Neuengland-Algonkinsprachen (Southern New England Algonquian, SNEA). Eng verwandt waren die Narragansett-Sprache im Gebiet von Rhode Island und das Pequot-Mohegan im östlichen Connecticut, ebenso die Sprache der nordwestlich im Binnenland lebenden Nipmuck. Von diesen Sprachen unterscheidet es sich als „N-Dialekt“, der angenommenes Ur-Ost-Algonkin *r als n realisiert, während das Munsee der Lenape ein „R-Dialekt“, Nipmuck ein „L-Dialekt“ und Narragansett wie Pequot-Mohegan ein „Y-Dialekt“ ist. So ist das Wort für „Hund“ (Ur-Ost-Algonkin *arum) auf Massachusett annúm, auf Nipmuck alùm, auf Mohegan ayum und auf Narragansett ayim. Von den genannten Sprachen hat nur das Massachusett den mittleren Vokal bestimmter Wörter erhalten (keine Synkope, „Feuerwaffe“ auf Montauk boshkeag, Pequot poshkeege, Massachusett paskehheg ; „Mir ist kalt“ auf Pequot nuxquatch, Massachusett nukquosquatch ). Weitere Besonderheiten sind unter anderem neu gebildete Nasale wie statt und die Verkürzung der Verb-Endung *-eyəw auf -ai („Es ist weiß“, Ur-Ost-Algonkin *wapeyəw, Massachusett wompi , Munsee wápew, Mahican wapayo; vgl. aus derselben Wurzel das Ethnonym Wampanoag, „Menschen des Morgengrauens/Ostens“: Ur-Algonkin *wapan, Massachusett wampan – „Morgengrauen“, -ow- „Person von“, *-aki Mehrzahl).D. J. Costa (2007), S. 84–106.
Glottonym Je nach Ethnie nannten die englischen Siedler die Sprache nach den Ethnonymen Massachusett, Natick, Pokanoket oder Wampanoag (in neuer Schreibweise Wôpanâak), meist aber einfach „Indian language“. Unter diesem Einfluss nannten die Indianer der Gebetsstädte ihre eigene Sprache Indianne unnontꝏwaonk („Sprache der Indianer“) und andere ihnen verständliche Dialekte hettuog oder unnnontꝏwaonk, ihnen unverständliche Sprachen dagegen penꝏwantꝏwaonk.James Hammond Trumbull: Natick dictionary (XXV. Ausgabe). Government Printing Press, Washington DC 1903 (online auf archive.org). S. 27, 173, 285.
Geschichte Sprecher der Massachusett-Sprache kamen im 16. Jahrhundert erstmals mit englischen und französischen Händlern und Fischern in Kontakt. Zu dieser Zeit war das Sprachgebiet nach Berichten dicht besiedelt. Von den Europäern eingeschleppte Pocken, möglicherweise auch Leptospirose, führten in den Jahren von 1616 bis 1619 bei den Massachusett, Wampanoag und ihren Nachbarn an der Atlantikküste zu einer Epidemie, durch die ein Großteil der massachusettsprachigen Bevölkerung starb.E. H. Christianson: Early American Medicine. In: J. W. Leavitt & R. L. Numbers (Hrsg.): Sickness and Health in America. Readings in the History of Medicine and Public Health, S. 53–54. University of Wisconsin Press, Madison 1997.cdc.gov J. S. Marr, J. T. Cathey: New hypothesis for cause of an epidemic among Native Americans, New England, 1616–1619. In: Emerging Infectious Disease. Centers for Disease Control, Februar 2010. Von der Epidemie waren insbesondere die Gruppen betroffen, die mit den Franzosen Handel betrieben hatten. Nach Einschätzung des Medizinhistorikers Alfred Crosby lag die Todesrate bei den Massachusett und den Pokanoket des Festlands bei etwa 90 %.Neal Salisbury: Manitou and Providence. Oxford University Press, 1982, S. 105. So stießen die Siedler auf ein nur noch dünn besiedeltes Gebiet. Die Ethnien der Wampanoag und Massachusett – Sprecher dieser Sprache – kamen als erste mit den Siedlern der englischen Kolonien von Plymouth (Pilgerväter ab 1620) und Massachusetts Bay (Puritaner ab 1629) in Kontakt.Massachusetts - history and heritage. In: Smithsonian Magazine. (Smithsonian.com), (Travel), 6. November 2007, S. 1. Einige Siedler lernten die Sprache, um mit den Indianern Handel betreiben zu können.I. Goddard (2000), S. 71–73. Mit der Zunahme der englischen Bevölkerung gab es ein steigendes Interesse, die zu einer Minderheit gewordenen Indigenen zu integrieren. Die englischen Missionare John Eliot, Thomas Mayhew und Roger Williams lernten die indigene Sprache, um den Indianern das Evangelium zu predigen.J. E. Monaghan (2007), S. 66–79. John Eliot hielt am 18. Oktober 1646 seine erste Predigt in Nonantum im Gebiet der Nipmuck (heute Teil von Newton in Massachusetts), woraufhin sich die ersten Indigenen zum Christentum bekehrten. Ab 1651 wurden die christianisierten Indianer (Praying Indians) in Gebetsstädten angesiedelt, wo sie die europäische Lebensweise lernten und der kolonialen Rechtsprechung unterstanden.D. A. Connole: Indians of the Nipmuck Country in Southern New England 1630–1750: An Historical Geography. McFarland & Co, Jefferson, NC 2007, S. 41, 90–120.
Verschriftlichung mini|Die „indianische Bibel“ im Massachusett-Dialekt von Natick war 200 Jahre lang die einzige Bibel in einer indigenen Sprache des amerikanischen Doppelkontinents. Gemeinsam mit seinem Lehrer der Massachusett-Sprache, Job Nesutan, dem Drucker James Wowaus (genannt James Printer) aus der Ethnie der Nipmuck, dem Montaukett Cockenoe (kakan-o, „der Dolmetscher“)Scott Withrow: Carolina Genesis: Beyond the Color Line. 2010, S. 78. aus Long Island und dem Wampanoag-Indianer John Sassamon übersetzte Eliot die Bibel in den Massachusett-Dialekt von Natick, wofür er eine Orthographie auf Grundlage der lateinischen Schrift schuf.Frank Waabu O’Brien, Aquidneck Indian Council: Bringing Back Our Lost Language.
Diese indianische Bibel wurde 1663 unter dem Titel Mamusse Wunneetupanatamwe Up-Biblum God, naneeswe Nukkone Testament kah wonk Wusku Testament („The Holy Bible containing the Old Testament and the New, translated into the Indian language“)Mamusse Wunneetupanatamwe Up-Biblum God, naneeswe Nukkone Testament kah wonk Wusku Testament. „The Holy Bible containing the Old Testament and the New, translated into the Indian language.“ Cambridge (Massachusetts) 1661–1663; 2. Auflage. 1685. Übersetzer: John Eliot (1. Auflage 1663, 2. Auflage 1685 online auf archive.org). mit finanzieller Unterstützung der 1649 in London gegründeten „Gesellschaft zur Förderung der Bibel“ (Society for the Propagation of the Bible) in England als erste Bibel und eines der ersten Bücher Nordamerikas überhaupt am Harvard College in Cambridge (Massachusetts) in einer Auflage von 1000 Stück gedruckt.
Eliot begann, Indianern das Lesen und Schreiben beizubringen. An der Harvard University gab es von 1655 bis 1698 ein „Indian College“.Peabody Museum of Archaeology and Ethnology at Harvard University (2013): . In Natick setzte er als Schulmeister den dort einheimischen Monequassun ein. Thomas Mayhew begann 1651, bei den Wampanoag zu alphabetisieren und missionieren. Diese Aktivitäten setzten seine Kinder fort, darunter Experience Mayhew.J. E. Monaghan (2007), S. 50–52.
1674 konnten unter den Indianern der Gebetsstädte im Gebiet der Plymouth Colony laut einer von Daniel Gookin durchgeführten Untersuchung 29 % in der Massachusett-Sprache lesen und 17 % schreiben, während 2 % Englisch lesen und 0 % schreiben konnten. Am höchsten war der Anteil der lesekundigen (59 %) und schreibkundigen (31 %) Indianer in den Dörfern Codtanmut, Ashimuit und Weesquobs im Gebiet des heutigen Mashpee (Massachusetts).R. Bourne (1674): A report on literacy rates among Massachusetts Indians. In: J. Lepore: Literacy and Reading in Puritan New England. In: S. E. Casper, J. D. Chaison, J. D. Groves (Hrsg.): Perspectives on American Book History: Artifacts and Commentary. University of Massachusetts Press, Amherst 2002, S. 23–24.
Durch die Missionstätigkeit mit der Eliot-Bibel von Natick wurde die Massachusett-Sprache auch bei den Nipmuck und Pennacook verbreitet.D. A. Connole (2007). Indians of the Nipmuck Country in Southern New England 1630–1750: An Historical Geography. McFarland & Co, Jefferson, NC, S. 41, 90–120.T. J. Shannon: Retrieved from 2005. Dialektunterschiede wurden durch die Verwendung des Dialekts von Natick ausgeglichen, sodass 1722 John Mayhew, Missionar bei den Wampanoag auf der Insel Martha’s Vineyard, hierzu zufrieden feststellte: „Die meisten der kleinen Unterschiede unter ihnen sind glücklicherweise verloren gegangen, und unsere Indianer [Wampanoag von Martha's Vineyard] sprechen und insbesondere schreiben so, wie die von Natick es tun“.D. R. Mandell: Behind the Frontier: Indians in Eighteenth-Century Eastern Massachusetts. University of Nebraska Press, Lincoln (Nebraska) 2000, S. 59.
Auch Roger Williams, der als Verfechter der Gläubigentaufe und der Religionsfreiheit Massentaufen ablehnte und deshalb 1636 aus Massachusetts ausgewiesen wurde, benutzte die Eliot-Bibel bei seinen Lesungen unter den Narragansett in Rhode Island. Sein persönliches Exemplar der Eliot-Bibel, das im Roger Williams National Memorial in Providence (Rhode Island) aufbewahrt wird, weist handschriftliche Anpassungen des Massachusett-Bibeltexts an die von ihm erlernte Narragansett-Sprache auf.Roger Williams National Memorial (2006): Center Profile
Bedeutung der Bibelübersetzung für die Sprache Die Eliot-Bibel sollte zwei Jahrhunderte lang die einzige vollständige Bibelübersetzung in eine indigene Sprache des amerikanischen Doppelkontinents bleiben – bis zur Fertigstellung der Bibelübersetzungen ins Cree 1862 (in Silbenschrift)Kanachi | kichi masinaikan, | kayasi testement | mina | oski testement | ketipeyichikeminow mina kipimachiyiweminow | Chisas Knist. | Emiskochiitasinahat neiyawewinik isei | William Mason | ayamiewikimaw. Old Testament 1861, New Testament 1862. Printed for the British and Foreign Bible Society, London. Bible in Cree syllabics. und in die Dakota-Sprache der Santee 1879.Dakota Wowapi Wakan. The Holy Bible in the language of the Dakotas. American Bible Society, 1879. 1304 Seiten. Zu dieser Zeit war die Massachusett-Sprache bereits ausgestorben. In Süd- und Mesoamerika sollte es erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts komplette Bibelübersetzungen geben, obwohl dort viele indigene Sprachen weitaus mehr Sprecher haben, als es die Massachusett-Sprache je hatte. So ist für diese ein vergleichsweise umfangreiches Textcorpus erhalten, was deutlich günstigere Voraussetzungen für eine nahezu vollständige Rekonstruktion bietet, als dies bei allen anderen ausgestorbenen Sprachen der nordamerikanischen Atlantikküste der Fall ist.
Heute sind von den einst 1000 Eliot-Bibeln der ersten Auflage von 1663 nur 37 bekanntermaßen erhalten; von der zweiten Auflage von 1685 sind es 53.Jeffrey Mifflin: Saving a Language, Technology Review, 22. April 2008.
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