mini|hochkant|Mayer Levis Grabstein mit den Lebensdaten 14. Mai 1814 bis 7. Dezember 1874 Mayer Levi (* 14. Mai 1814 in Rottweil; † 7. Dezember 1874) war ein deutscher Chasan aus der ersten Kantorengeneration, die in Süddeutschland auch am Lehrerseminar ausgebildet wurde. Er hinterließ umfangreiche Aufzeichnungen zur geistlichen jüdischen Musik seiner Zeit und eine Dokumentation des alten jüdischen Friedhofs in Esslingen am Neckar.
Leben Mayer Levi verlor schon als Kleinkind seinen Vater und zog mit seiner Mutter im Jahr 1816 nach Esslingen. Dort wurde er zunächst im Cheder unterrichtet. Ab 1824 besuchte er die staatlich beaufsichtigte Jüdische Schule in Esslingen. 1828 erhielt er seine Zulassung zum örtlichen Lehrerseminar, an dem er 1831 seinen Abschluss erreichte.
Am Lehrerseminar war Leopold Liebmann sein Chasanut-Lehrer. Da für das Kantorsstudium am Seminar aber nur wenige Stunden angesetzt waren, vervollständigten Levi und andere angehende Kantoren ihre diesbezügliche Ausbildung außerhalb des Seminars bei Kantoren der alten Schule, darunter bei Samuel und Nathan Ederheimer. Der Einfluss dieser beiden Chasanim lässt sich in seinen späteren Aufzeichnungen nachweisen. Beide stammten aus Ederheim bei Nördlingen, das nicht weit von Oberdorf, dem Geburtsort von Löw Sänger, lag. Sänger war der erste Kantor der neu gegründeten jüdischen Gemeinde in München; seine Melodien wurden von Samuel Naumbourg aufgezeichnet und 1932 von Abraham Idelsohn veröffentlicht. Ihre Spuren finden sich bei Mayer Levi wieder. Auch sein Stiefvater Alexander Mai, der an Feiertagen als Laienkantor auftrat, dürfte Levi beeinflusst haben. mini|hochkant|Im Heppächer 3, Esslingen (Synagoge) Mayer Levi wurde nach Abschluss seiner Studien zunächst 1832 Chasan und Lehrer in Eschenau. 1836 wechselte er nach Mergentheim und noch im selben Jahr begann er in Aldingen zu arbeiten, wo er bis 1843 tätig war. Nach einer kurzen Arbeitsphase in seiner Geburtsstadt wurde er am 29. August 1844 Kantor in Esslingen, denn nachdem 1842 das jüdische Waisenhaus in der Entengrabenstraße eröffnet worden war, war ein zweiter Lehrer und Kantor nötig geworden. Er bezog in Esslingen eine Wohnung im Heppächer in dem Haus, in dem auch die Synagoge untergebracht war. Zwar plante er in den 1840er Jahren die Auswanderung in die Vereinigten Staaten, doch verzichtete er 1849 auf die Ausführung dieses Plans und blieb bis zu seinem Tod in Esslingen. Er war der erste Tote, der auf dem israelitischen Teil des Ebershaldenfriedhofs bestattet wurde; sein Grabmal ist dort erhalten geblieben.
Levi arbeitete nicht nur als Chasan und damit als Vorbeter in der Synagoge und Religionslehrer, sondern er erhielt auch eine Sondergenehmigung zur Ausübung der Tätigkeit eines Schächters, die damals eigentlich schon nicht mehr der Amtswürde eines Chasan entsprach und entsprechend mit einem Verbot belegt worden war.Geoffrey Goldberg, Mayer Levi (1814-1874): Ein Esslinger Chasan (Kantor) und sein Kompendium von Synagogengesängen für Kantoren, in: Esslinger Studien 47, 2009/10, S. 111–148, hier S. 115 Er gründete einen Synagogenchor, der allerdings schon vor 1860 wieder aufgelöst wurde, und war ab 1845 Lehrer für Chasanut und liturgische Texte am Esslinger Lehrerseminar.Geoffrey Goldberg, Mayer Levi (1814-1874): Ein Esslinger Chasan (Kantor) und sein Kompendium von Synagogengesängen für Kantoren, in: Esslinger Studien 47, 2009/10, S. 111–148, hier S. 117–120
Geoffrey Goldberg, der sich in mehreren Arbeiten mit Mayer Levi und dessen Nachlass beschäftigt hat, stellt fest, dass weder dieser Lebenslauf noch Levis musikalisches Ingenium spektakulär war, betont aber andererseits: „Und doch war Mayer Levi kein gewöhnlicher Kleinstadt-Chasan. Denn für eine ganze Generation württembergischer Kantoren war er auch der Lehrer der Chasanut - der heiligen Gesänge der Synagoge. In dieser Funktion sah er die Notwendigkeit, [...] eine Sammlung zu erstellen, in die er die liturgischen Gesänge und Melodien im Einklang mit den traditionellen Formen der süddeutschen Juden übertrug [...] So können wir heute zu Recht Mayer Levis Sammlung als eines der wichtigsten Dokumente der aschkenasischen Chasanut aus der Zeit der europäischen Emanzipation des Judentums betrachten [...]“Geoffrey Goldberg, Mayer Levi (1814-1874): Ein Esslinger Chasan (Kantor) und sein Kompendium von Synagogengesängen für Kantoren, in: Esslinger Studien 47, 2009/10, S. 111–148, hier S. 117
Tradition und Wandel der Kantorenausbildung zu Levis Zeit Das Amt eines Chasans war durch die Ausschmückung der Liturgie notwendig geworden, die für aschkenasische Synagogen typisch ist und insbesondere in Süddeutschland Tradition hatte. Hier war der Chasan auch, anders als in osteuropäischen Synagogen, die eigens einen Tora-Leser beschäftigten, mit dem Amt betraut, öffentlich aus der Tora vorzulesen bzw. aus dem hebräischen Text des Alten Testaments vorzusingen. Je mehr Gewicht die musikalische Ausgestaltung der Gottesdienste – parallel zur Ausgrenzung der Juden aus dem kulturellen und musikalischen Leben der christlichen Kreise – gewann, desto wichtiger wurde das Amt des Chasan. So entwickelte es sich nach und nach zu einem vollwertigen Beruf.
Dieser wurde traditionellerweise durch mündliche Überlieferung erlernt, d. h., der Lehrling hörte und wiederholte das Repertoire seines Lehrherrn, eines erfahrenen Kantors. Bis ins späte 18. Jahrhundert wurde fast nichts davon schriftlich niedergelegt, und nur in Deutschland entwickelte sich um die Mitte des 19. Jahrhunderts der Brauch, durch musikalische Notation die Tradition auch schriftlich zu gewährleisten. Mayer Levis Aufschriebe sind ein Zeugnis dieser Entwicklung. Diese wurde in Württemberg durch den Übergang vom Schutzjudentum zur Anerkennung der allgemeinen jüdischen Religionsgemeinschaft unterstützt, der 1828 erfolgte. Im Zuge dieser Entwicklung wurde das alte System der oft aus Osteuropa eingewanderten und weiterhin ein Wanderleben führenden Gesangslehrer zurückgedrängt. In Levis frühen Schriftzeugnissen finden sich noch Spuren dieses alten Meshorerstils: Der Chasan wurde meist von zwei Lehrlingen („Meshorerim“), einem Knabensopran („Singerl“) und einem Bass, begleitet, die ihm assistierten. In Württemberg wurden die Meshorerim bis 1838 allmählich ausgeschlossen, womit das Lehrlingssystem hier sein Ende fand; zugleich wurde die Ausbildung der Chasanim erstmals offiziell geregelt: Ab 1828 musste eine mehrteilige Prüfung am Lehrerseminar abgelegt werden, um die Qualifikation eines Lehrer-Kantors zu erhalten. Über ein Drittel der Kantoren alten Schlags fühlten sich diesen Anforderungen nicht gewachsen und mussten sich nach anderen Verdienstquellen umsehen.Geoffrey Goldberg, Mayer Levi (1814-1874): Ein Esslinger Chasan (Kantor) und sein Kompendium von Synagogengesängen für Kantoren, in: Esslinger Studien 47, 2009/10, S. 111–148, hier S. 116 mini|Eingangsschmuck des einstigen Lehrerseminars in Esslingen 1831 wurde ein Gesetz erlassen, in dem die Personalunion von Kantor und Religionslehrer in Württemberg endgültig offiziell bestätigt wurde; in Baden war diese Vereinigung schon 1824, in Bayern 1828 geschehen, weitere Länder folgten alsbald. Der Kantor war auch verpflichtet, zu predigen und andere pastorale Tätigkeiten auszuführen, wenn in einer Gemeinde kein Rabbi vorhanden war. In Württemberg wurden die Aufgaben der Chasanim ab 1831 durch die Königlich Israelitische Oberkirchenbehörde detailliert festgelegt: 1838 wurde eine Gottesdienst-Ordnung erlassen, 1841 die Amts-Instruction für die Vorsänger veröffentlicht. Mayer Levi gehörte zur ersten Generation der jungen Kantoren, die mit diesen Vorschriften vertraut waren und sich wohl auch in allen Einzelheiten an sie hielten. Sie waren es auch, die schriftliche Kompendien zur Unterstützung der Studenten und der unerfahrenen Chasanim zusammenstellten und damit zur Dokumentation einer heute untergegangenen Tradition beitrugen.
Mayer Levis musikalisches Kompendium Die vierzehn erhaltenen und bekannten Bände des Levischen Kompendiums tragen folgende Titel: Zusätzliche Andacht („musaf“) zu Rosch Hashanah (Serie A) Nachmittagsandacht („minchah“): Sabbat, Feiertage, hohe Festtage (Serie A) Abendandacht („ma'ariv“) zu Rosch Hashanah und Jom Kippur (Serie A) Buch Esther („megillat Ester“) (Serie A) Fasten zu Av („tisha B'Av“) (Serie A) Morgenandacht („shacharit“) zu Rosch Hashanah (Serie B) Morgenandacht („shacharit“) zu Jom Kippur (Serie B) Zusätzliche Andacht („musaf“) zu Rosch Hashanah (Serie B) Der Abend des Jom Kippur („kol nidrei“) (Serie B) Morgenandacht („shacharit“) zu Rosch Hashanah (Serie C) Abschlussandacht („ne'ilah“) zu Jom Kippur (Serie C) Morgenandacht („shacharit“) zu Jom Kippur (Serie D) Zusätzliche Andacht („musaf“) zu Jom Kippur (Serie D) Pilgerfest („shalosh regalim“) (Serie D)Geoffrey Goldberg, Mayer Levi (1814-1874): Ein Esslinger Chasan (Kantor) und sein Kompendium von Synagogengesängen für Kantoren, in: Esslinger Studien 47, 2009/10, S. 111–148, hier S. 125
Mayer Levis erhaltenes Werk umfasst mindestens die genannten 14 Bände, von denen sich zwölf heute in den USA befinden: Acht werden signaturlos im Gratz College in Philadelphia aufbewahrt (Serie A und D), vier im Hebrew Union College – Jewish Institute of Religion in Cincinnati (Serie B). Diese sind unter Birnbaum Collection, Mus. Add. 26, Bd. 1–4 zu finden. Die beiden in Deutschland vorhandenen Bände befinden sich in der Stadt- und Universitätsbibliothek Frankfurt am Main (Serie C). Sie tragen die Signaturen Mus. hs. 2780 und Ms. hebr. oct. 272 und sind beide auch digital verfügbar. Diese in Deutschland befindlichen Bände wurden früher Abraham Baer zugeschrieben;So geschieht es auch nach wie vor auf den entsprechenden Internetseiten der Bibliothek; Mus. hs. 2780 trägt außerdem auf dem ersten Blatt den Namenszug Baers. Goldberg konnte aber nachweisen, dass sie von Mayer Levi stammen.
Wie und wann die verschiedenen Teile des Levischen Werks an diese Standorte gelangten, ist nicht ganz geklärt. Abraham Zevi Idelsohn, der am Hebrew Union College lehrte und einen Thesaurus der traditionellen Gesänge der süddeutschen Juden zusammengestellt hat, kannte die Handschriften, die sich heute dort befinden, offensichtlich nicht. Er ist 1938 verstorben, was vielleicht als terminus post quem für die Ankunft der Bände in Cincinnati angenommen werden kann. Die heute in Philadelphia befindlichen Bände stammen aus der Privatsammlung von Professor Eric Mandell, der einst in Bochum als Erich Mendel Kantor gewesen war. Mandell hat mindestens einen der Bände 1947 bei einem Buchhändler in New York gekauft. Laut Aussage des Verkäufers war dieser Band, vermutlich der erste der Sammlung, ein Jahrhundert zuvor in Heilbronn in Gebrauch gewesen. Mandell, der bis 1988 lebte, vermutete bereits einen Zusammenhang zwischen den Schriften in seiner Sammlung und denen in Cincinnati. mini|S. 13 aus Ms hebr oct 272 in Frankfurt mini|S. 26 aus Mus. hs. 2780 in Frankfurt Professor Israel Adler wurde im Jahr 2000 von der Bibliothek in Frankfurt gebeten, die Zuweisung eines der dortigen Bände zu Baer zu verifizieren. Adler machte das fotokopierte Manuskript Geoffrey Goldberg zugänglich, dem dann der Nachweis gelang, dass die Schrift von Mayer Levi stammte. Ein Jahrzehnt später gelang ihm auch die Zuweisung des zweiten Frankfurter Manuskripts zu Levi. Dass noch weitere, heute verschollene Bände existiert haben müssen, geht aus verschiedenen Hinweisen Levis hervor.