mini|Hochbunker der ehemaligen Seilbahnstation zur Braunkohleversorgung Die Sprengstofffabrik Hessisch Lichtenau war eine in der Zeit des Nationalsozialismus ab 1936 nördlich der Kleinstadt Hessisch Lichtenau in der damaligen preußischen Provinz Hessen-Nassau errichtete Sprengstofffabrik. Errichtet wurde sie im Auftrag und auf Rechnung der deutschen Wehrmacht über ein getarntes staatliches Finanzierungs- und Verwaltungssystem (Montan-Schema), während der eigentliche Betrieb in den Händen der Gesellschaft m.b.H. zur Verwertung chemischer Erzeugnisse (Verwertchemie) als Tochterfirma der Dynamit AG (DAG) lag.
Der Tarnname des Sprengstoffwerkes lautete Friedland. Aus den im Zweiten Weltkrieg nicht zerstörten Anlagen und Gebäuden der Fabrik entwickelte sich nach 1945 das heutige Industriegebiet Hirschhagen der Stadt Hessisch Lichtenau.
Vorgeschichte und Standortwahl mini|Das bis zum 29. März 1945 als Pförtnerhaus und Wache genutzte Gebäude 551. Das Satteldach wurde in der Nachkriegszeit ergänzt. Ursprünglich hatte das Gebäude ein Flachdach. Es wird heute als Ausgangspunkt für Führungen über das ehemalige Werksgelände genutzt (Stand August 2025).
Die Sprengstofffabrik wurde vor dem Hintergrund der 1935 begonnenen Aufrüstung der Wehrmacht infolge der Machtergreifung der Nationalsozialisten vom 30. Januar 1933 errichtet. Um im Kriegsfall den massiven Munitionsbedarf der Wehrmacht decken zu können, sahen diese es als erforderlich an, die durch den Friedensvertrag von Versailles eingeschränkten Produktionskapazitäten im Pulver- und Sprengstoffbereich deutlich auszuweiten. In Absprache zwischen dem Heereswaffenamt und den privaten Sprengstoffherstellern begann daher die Errichtung einer Reihe von getarnten „Schattenwerken“, die erst im Mobilmachungs- oder Kriegsfall die Produktion aufnehmen sollten. Gemeinsam waren all diesen Werken die abgelegene Lage im ländlichen Raum, die aufgelockerte und teilweise verbunkerte Bauweise und Tarnmaßnahmen.
Die Mitte der 1930er Jahre rund 3.000 Einwohner zählende Kleinstadt Hessisch Lichtenau lag in einer ursprünglich landwirtschaftlich geprägten Region und wies bis dahin nur zwei größere Industriebetriebe auf, eine Weberei und eine Zigarrenfabrik. Die Eigentümer dieser beiden Betriebe waren im Übrigen jüdischen Glaubens, weshalb sie 1938 Opfer der sogenannten Arisierung wurden.
1935 wurden im gesamten Deutschen Reich Standorte für neu zu errichtende Sprengstofffabriken festgelegt. Die Auswahl des Standortes Hessisch Lichtenau erfolgte unter der Einflussnahme von Julius Goebel, NSDAP-Kreisleiter im Landkreis Witzenhausen und seit der nationalsozialistischen Gleichschaltung Bürgermeister von Hessisch Lichtenau. Goebel erhoffte sich durch den Bau des Werkes neue Arbeits- und Verdienstmöglichkeiten für die Einwohner der Stadt und ihrer Umgebung. Nach eigenen Aussagen hatte er sich bereits kurz nach der Wiedereinführung der Wehrpflicht am 16. März 1935 an militärische Dienststellen gewandt, um die Verlegung einer Formation der neuen Wehrmacht in die hiesige Stadt zu erreichen.
Das ausgewählte Gelände befand sich im Staatsforst Hessisch Lichtenau, rund drei Kilometer nördlich der Stadt. Es gehörte zu den Gemarkungen von Hessisch Lichtenau, Fürstenhagen und Friedrichsbrück. Nach dem Bau der Sprengstofffabrik wurden die Gemeindegrenzen neu festgelegt und das ganze Areal der Stadt Hessisch Lichtenau zugeschlagen, um ein kommunalrechtlich einheitliches Gebiet zu erhalten. Der Standort bot aus Sicht der Planer mehrere Vorteile wie die Tarnmöglichkeiten gegen Fliegersicht durch die Lage in einem Mischwaldgebiet, die Nähe zu Braunkohlebergwerken zur Energieversorgung und das Arbeitskräftereservoir im ländlichen Raum. Im Herbst 1935 waren die Planungen abgeschlossen.
Aufbau und Infrastruktur mini|Seilbahnstation mit Blick auf den ehemaligen Braunkohletagebau Der Bau der Sprengstofffabrik Hessisch Lichtenau begann im Jahr 1936 durch die Dynamit-Aktien-Gesellschaft, vormals Alfred Nobel & Co. (kurz: DAG) aus Troisdorf im Auftrag des Oberkommandos des Heeres (OKH). Gemäß dem Montan-Schema fungierte die im Besitz des Heereswaffenamtes befindliche Verwertungsgesellschaft für Montanindustrie GmbH (kurz: Montan) offiziell als Eigentümer, welche den Standort an die Gesellschaft m.b.H. zur Verwertung chemischer Erzeugnisse (kurz: Verwertchemie) als eine 100%ige Tochterfirma der DAG verpachtete. Mit dem Bau des Werkes wurde 1936 begonnen. Am 1. Juni 1938 wurde es als zweite Sprengstofffabrik der Verwertchemie in Betrieb genommen. Im geheimen Lageplan des Reichsamtes für Wirtschaftsausbau wurde die Fabrik unter dem Tarnnamen Friedland als eine von 87 zu Jahresbeginn 1939 bestehenden Produktionsstätten für Sprengstoffe, Kampfstoffe und Pulver verzeichnet. In einem Werksplan aus der Zeit sind detailliert die Einrichtungen auf dem Gelände dargestellt.
Die Sprengstofffabrik Hessisch Lichtenau umfasste eine mit Stacheldraht umzäunte Gesamtfläche von 233 ha und 399 Werksgebäude. Zur Erschließung des Werkes existierte ein umfangreiches, befestigtes Straßen- und Wegenetz sowie eine Anschlussbahn, welche als Ringbahn das im Wald getarnte Werksgelände erschloss (siehe Bahnstrecke Steinholz–Hirschhagen). Die Bauform der Gebäude berücksichtigte die Möglichkeit von Explosionsunglücken wie auch feindliche Luftaufklärung und kann als typisch für die in der NS-Zeit errichteten Sprengstofffabriken gelten. Die Werksanlagen wurden nach standardisierten Plänen als Stahlbetonbauten oder in Stahlbetonrahmenbauweise errichtet und waren teilweise mit bis zum Dachfirst reichenden Erdwällen umgeben. Die Verbindungsgänge zwischen den einzelnen Gebäuden erhielten ebenfalls eine Erdabdeckung. Die Flachdächer wurden bepflanzt. Auf diese Weise stellte sich der teilweise bis heute verbreitete Eindruck einer unterirdischen Anlage ein. Tatsächlich handelte es sich jedoch um oberirdische Bauten, während nur die Leitungsnetze (Strom, Wasser, Kanal) unter der Erde verlegt waren.
Für die Stromversorgung wurden drei Braunkohlekraftwerke mit einer installierten Leistung von 4.400, 3.000 und 1.200 Kilowatt errichtet, die aus einem Hochbunker versorgt wurden, welcher wiederum über eine Materialseilbahn direkt mit der Zeche Hirschberg verbunden war. Der erzeugte Strom wurde über 20 Transformatorenstationen umgewandelt und verteilt. Daneben waren Notstromaggregate für die Hauptgebäude des Werkes vorhanden.
Um den für die Sprengstoffproduktion notwendigen hohen Wasserbedarf sicherzustellen, wurden fünf Tiefbrunnen im Tal der Losse gebohrt, ein Kühlteich und zwei Hochbehälter angelegt sowie zwei Pumpstationen errichtet. Die Fabrik verfügte über ein Trinkwasser- und zwei Brauchwasserleitungsnetze. Fünf getrennte Kanalisationsnetze leiteten die sauren Abwässer bis 1941 ungeklärt in die Losse, ehe die Neutralisationsanlage (Kläranlage) fertiggestellt wurde. Zur Herstellung beziehungsweise Rückgewinnung der bei der Produktion benötigten Chemikalien dienten die Denitrierungs- und Konzentrationsanlage für Schwefelsäure und die Säurespaltanlage für Oleum.
Den Kern des Werkes stellten die Produktionsgruppen für die Sprengstoffe Trinitrotoluol (TNT) und Pikrinsäure (TNP) dar. Die TNT-Produktionsgruppe bestand aus 13 Gebäuden (Toluol-Lager, Säuremischanlage, Mononitrieranlage, Mono-Lager, Binitrierung, Bi-Lager, Waschhaus I und II, Trocknung, Granulierung, Lager mit Versand, Tri-Zwischenlager). Die beiden Pikrinsäure-Produktionsgruppen bestanden jeweils aus einem Nitrierhaus, Waschhaus, je zwei Trockenhäusern, Siebhaus und Säurelager. In 19 über das Werksgelände verteilten Pressengebäuden wurde dieser Sprengstoff anschließend in Hülsen abgefüllt und verdichtet. Ursprünglich war eine dritte Produktionsgruppe für den Sprengstoff Nitropenta (PETN) geplant und bereits mit Bauarbeiten begonnen worden. Sämtliche Arbeiten an den Produktionsgebäuden für Nitropenta wurden 1940 auf Weisung des Heereswaffenamtes eingestellt. Von anderen Werken geliefertes Nitropenta wurde jedoch in Hessisch Lichtenau weiterverarbeitet.
Das im Werk produzierte TNT wurde zum Teil noch vor Ort in angelieferte Fliegerbomben, Granathülsen und Landminen verfüllt. Hierzu dienten die Füllstation Ost und die Füllstelle West, die baulich identisch aufgebaut waren: Je zwei Hüllenlager, je ein Vorbereitungsgebäude, Gießhaus, Kühlkanal und Fertigungsgebäude. Granathülsen wurden dabei auch von kleineren Firmen wie Klein & Stiefel aus Fulda geliefert.Georg Klein: Klein & Stiefel – Ein Familienunternehmen im Lichte der Fuldaer Industriegeschichte. In: Georg Klein, Thomas Heiler: Maschinenbau in Fulda – Klein & Stiefel (1905–1979) (Begleitbuch zur Ausstellung im Vonderau Museum Fulda, 20. Januar – 2. April 2006). Imhof Verlag, Petersberg 2006, ISBN 3-86568-067-4, S. 17–42, hier S. 28.
Außerhalb des eigentlichen Werksgeländes wurden 1942 die beschlagnahmten Gebäude der Hansa Schwerweberei in Eschenstruth für die Produktion und Reparatur von Spezialwerkzeugen der Verwertchemie eingerichtet.
Produktion In der Sprengstofffabrik Hessisch Lichtenau wurden die beiden Sprengstoffe TNT (ab 1938) und Pikrinsäure (ab 1939) bis Ende März 1945 produziert, wohingegen es zu der ursprünglich geplanten Produktion von Nitropenta nicht gekommen ist. Der höchste Produktionsausstoß an TNT wurde im Geschäftsjahr 1942/43 mit 29.170 t erreicht. Insgesamt wurden im Werk Hessisch Lichtenau 118.691 t TNT und 5.608 t Pikrinsäure produziert. Der Standort Hessisch Lichtenau erreichte damit den zweithöchsten TNT-Gesamtausstoß aller Werke der Verwertchemie, hinter der Fabrik Allendorf (125.131 t), aber vor der Fabrik Clausthal-Zellerfeld (105.357 t). Noch höhere TNT-Produktionsziffern erreichten in Deutschland nur das WASAG-Werk bei Elsnig (142.750 t) und die Dynamitfabrik Krümmel (157.044 t). Bei der Produktion von Pikrinsäure wurde Hessisch Lichtenau nur von dem ebenfalls von der Verwertchemie betriebenen Werk Dömitz (8.923 t) übertroffen.
Arbeitskräfte und Lager Zahl und Herkunft der Arbeitskräfte Beim Aufbau des Sprengstoffwerkes in den Jahren 1936 bis 1938 waren nach zeitgenössischen Angaben etwa 3.800 Arbeiter beschäftigt. Diese stammten nicht nur aus der näheren und weiteren Umgebung, sondern zum Teil aus dem gesamten Deutschen Reich. Untergebracht waren sie zum kleineren Teil (700 bis 800) in Privatquartieren, zum größten Teil aber in eigens errichteten Barackenlagern.
Die Belegschaftsstärke der Sprengstofffabrik Hessisch Lichtenau während des eigentlichen Betriebes umfasste am 31. Dezember 1944 insgesamt 4.472 Personen, davon 2.446 Frauen. Von den Arbeitskräften waren 46,13 % Deutsche, jedoch 53,87 % Ausländer, die fast ausschließlich gegen ihren Willen im Werk arbeiten mussten und gemäß den rassistischen Kriterien der NS-Ideologie sehr unterschiedlich behandelt wurden. 739 ausländische Arbeitskräfte wurden als Ostarbeiter eingestuft. Zu den übrigen Ausländern, die in der Fabrik arbeiten mussten, zählten 790 bis 1.000 weibliche und hauptsächlich jüdische KZ-Häftlinge aus Ungarn.
Lebens- und Arbeitsbedingungen